R. Becker u.a. (Hgg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung

Cover
Titel
Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie


Herausgeber
Becker, Ruth; Kortendiek, Beate
Reihe
Geschlecht und Gesellschaft 35
Erschienen
Leverkusen 2004: Leske + Budrich Verlag
Anzahl Seiten
600 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sigrid Nieberle, Institut für Deutsche Philologie, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Das im Oktober 2004 erschienene "Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung" wird derzeit mit zwei Einträgen sowohl im Verzeichnis lieferbarer Bücher als auch auf der Netzseite des Verlags geführt: einmal zum Preis von 34,90 €, einmal zu 49,90 €. Aus dieser Differenz von 15,00 € lassen sich zwei Fragen ableiten: Zum einen, ob das Buch auch den höheren Preis wert wäre, was in jedem Fall zu bejahen ist. Zum anderen, inwiefern sich in diesem Datenbankfehler womöglich eine offensive Preispolitik des Verlags dokumentiert, der mit anderen Nachschlagewerken zur Frauen- und Geschlechterforschung konkurrieren muss. Dies erfordert einen genaueren Blick auf das neue Konzept des Handbuchs im Feld einschlägiger Publikationen. Offensiv ist darüber hinaus der Titel des Handbuchs, der einer zentralen Platzierung des Handbuchs in diesem Segment verhelfen könnte. Allerdings führt er in die Irre. Warum das so ist, wird ebenfalls der Blick auf das Konzept und einige Einzelartikel zeigen.

Als vorgängige Publikationen, die sich um eine derzeit sehr nötige und überaus florierende Bestandsaufnahme der Frauen- und Geschlechterforschung bemühen,[1] wie sie sich in den letzten 30 bis 40 Jahren entwickelt hat, sind vor allem die beiden Bücher des Metzler Verlags zu nennen: das "Metzler Lexikon Gender Studies – Geschlechterforschung", hg. von Renate Kroll (2002), sowie der Sammelband "Gender Studien", hg. Christina von Braun und Inge Stephan (2000). Letztgenannter Band greift das Konzept des älteren "Genus – Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften" auf, hg. von Hadumod Bußmann und Renate Hof (1995), das Ergebnisse und Problemstellungen der Geschlechterforschung in einzelnen Fächerporträts darstellt und 2005 in einer erweiterten Neuauflage erscheinen wird. Das ebenfalls für 2005 angekündigte Handbuch zu Gender-Theorien, "Gender@Wissen", hg. von Christina von Braun und Inge Stephan, strukturiert seinen Gegenstand in "Themenfelder" (u.a. zum Beispiel in Identität, Körper, Reproduktion, Sexualität, Performanz/Repräsentation, Sprache/Semiotik), was eine stärkere interdisziplinäre Aufbereitung und Möglichkeit zu epistemischer Verknüpfung verspricht.

Die beiden Hauptherausgeberinnen des neuen Handbuchs, Ruth Becker und Beate Kortendiek, gehen mit ihren Mitarbeiterinnen den Mittelweg, indem sie den akademischen Fächerkanon zugunsten meist interdisziplinär angelegter Artikel aufweichen und dabei zugleich eine allzu verknappende lexikalische Kurzform des Gender-Wissens vermeiden wollen. Damit schlägt das Handbuch die bisher erschienenen Nachbarpublikationen um Längen, auch in preisstrategischer und quantitativer Hinsicht (736 Seiten, 95 MitarbeiterInnen, 90 Stichwortartikel). Diese Fülle führt jedoch zugleich zur Inkommensurabilität der einzelnen Artikel, die sich in theoretischem Niveau, Aktualität und Komplexität recht stark voneinander unterscheiden.

Die Frauen- und Geschlechterforschung wird pragmatisch in drei große Bereiche eingeteilt: Ein erster Theorie-Teil erläutert zentrale Begriffe sowohl der Geschlechterkonzeptionen (Matriarchat, Patriarchat, Androgynie, Doing Gender etc.) als auch intensiv rezipierter Theorieentwicklungen (Kritische Theorie, Modernisierungstheorien, Systemtheorie, Poststrukturalismus, Postkolonialismus etc). Entsteht zunächst der Eindruck, es handele sich dabei erneut lediglich um eine gender-versierte "Theorie-Apotheke"[2], die um jeden Preis klassifizieren möchte, so überzeugt der größte Teil der Artikel in diesem Teil durch den kompakten Zugriff auf die theoretischen Paradigmen und durch den zuverlässigen Einführungscharakter mit den wichtigsten Literaturangaben. Ein zweiter, weniger umfangreiche Teil übt sich in Methodenkritik bisheriger Forschung insbesondere soziologischer Provenienz und entwirft Zukunftsperspektiven für zum Beispiel die Biografieforschung oder die Oral history oder das ExpertInneninterview oder die teilnehmenden Beobachtung. Hier wird die Beschränkung des Handbuchs auf disziplinäre Ansätze aus der "Soziologie, Pädagogik, Politik-, Kultur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Psychologie, Theologie und Jura" – so der Klappentext – zunächst stark eingeschränkt, um dann im dritten Teil wieder erweitert zu werden. Dieser dritte und umfangreichste Teil des Handbuchs gliedert sich wiederum in fünf "Arbeitsfelder", in denen "Forschungsergebnisse" dargestellt werden sollen: "Lebensphasen und lagen", "Arbeit, Politik und Ökonomie", "Körper und Gesundheit", "Bildung und Kultur", "Frauenbewegung und Gleichstellungspolitiken".

An diesem dritten Abschnitt wird die dominante gesellschaftswissenschaftliche Perspektive des Handbuches evident, was dann auch den Buchtitel nicht mehr gerechtfertigt erscheinen lässt. An kultur- und sprachwissenschaftlichen Beiträgen – wenn nicht alles Soziale irgendwie 'Kultur' sein soll – sind hier lediglich die Beiträge zu "Nation, Kultur und Gender" von Michiko Mae, zum "Raum" von Ruth Becker, zu Religion und Kirchen von Birgit Heller und Ute Gause sowie zur "Sprache" von Senta Troemel-Ploetz zu verzeichnen. Auf Beiträge aus den gesamten Literatur- und Kunstwissenschaften sowie aus der Philosophie wurde in diesem Handbuch verzichtet. Selbst der Artikel zur Medienforschung klammert postfeministische und medienphilosophische Aspekte überwiegend aus und konzentriert sich auf medienpragmatische und rezeptionssoziologische Aspekte. Der Beitrag zur Sprache – basales Instrument des Doing gender und zentrales Problem poststrukturaler Gender-Theorien – ist, gelinde gesagt, eine mittlere Katastrophe. Hier kann es, wie bei einigen anderen Beiträgen auch, nicht darum gehen, die eigenen Pionierleistungen ausgiebig zu würdigen (das übernimmt die jüngere Generation ja gerne), sondern es wäre um einen knappen Überblick über die zahlreichen Publikationen einer prosperierenden feministischen Sprachwissenschaft zu tun gewesen[3]. Ebenso wie auf Kunst, Literatur und Philosophie verzichtet das Handbuch auf Entwicklungen in den Natur- und Technikwissenschaften, obwohl gerade dort in den letzten Jahren die vielleicht interessantesten Prozesse der Frauenförderung und epistemologischen Institutionalisierung stattgefunden haben. Auch die Medizin, insbesondere die Neurologie mit ihren wichtigen Paradigmenwechsel, oder die Psychoanalyse sind Desiderat. Der Wiederabdruck eines Textes von Sandra Harding zur "Wissenschafts- und Technikforschung" skizziert zwar einige Entwicklungen vor dem Hintergrund postkolonialer Debatten für den us-amerikanischen und westeuropäischen Kontext, was aber freilich nicht die Perspektiven der einzelnen gefragten Disziplinen ersetzen kann.

Diese Anmerkungen sollen Leistung und Verdienst dieses Handbuchs nicht schmälern, sondern lediglich auf den allzu generalisierenden Anspruch der Titelgebung aufmerksam machen. Viele aktuelle und vorzügliche Beiträge wiegen die fast schon nostalgischen Rückschauen auf feministische Anfänge in der Wissenschaft von der Sprache, vom Körper, von der Mittäterschaft der Frauen leicht auf. Besonders hervorzuheben ist der gelungene Versuch, gender-theoretische Abrisse (im ersten Teil), wissenschaftshistorische Perspektiven (besonders im zweiten Teil) und gleichstellungspolitische Handlungsoptionen (im letzten Abschnitt) in einem Handbuch zu versammeln und über ein Netz von Querverweisen miteinander zu verbinden. Es ist ein nützliches Handbuch gesellschaftswissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Geschlechterforschung, das aus dem nordrhein-westfälischen Netzwerk Frauenforschung hervorgegangen ist. Ein Link ins Internet bietet eine ständig aktualisierte Bibliografie an, die auf den Einzelbibliografien der Beiträge basiert (www.netzwerk-frauenforschung.de).

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu aktuell Ulla Bock, Überblick und Bestandsaufnahme. Lexika, Glossare und Handbücher zur Frauen- und Geschlechterforschung, in: Querelles-Net 15 (2005), http://www.querelles-net.de/forum/forum15-1.shtml.
[2] Man lese einmal den Abschnitt "Feminismus/Gender Studies" in Jochen Hörisch' polemischer "Theorie-Apotheke" (Frankfurt/M. 2004), um darüber staunen zu können, was von den Gender Studies in der 'Außenperspektive' übrig bleibt: Die Reduktion auf einen Popularfeminismus frei nach Alice Schwarzer und die vermeintlich bedrohte Liebe zwischen den Geschlechtern. Hörisch schließt seine Darstellung wie folgt: "Sollte die Feminisierung der öffentlichen Sphäre paradoxe Folgen haben – alles wird nüchterner, kalkulierter, cooler? Und wie sieht ein emanzipiertes und aufgeklärtes Leben aus, das ohne den Satz auskommen muß: 'Ich liebe dich'?" (S. 121)
[3] Vgl. hierzu etwa den dreibändigen Überblick "Gender across languages", hg. von Marlis Hellinger und Hadumod Bußmann (2001-2003), der in dem Beitrag von Troemel-Ploetz nicht erwähnt wird.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.03.2005
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag