Cover
Titel
Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik


Autor(en)
Schlögel, Karl
Erschienen
München 2003: Carl Hanser Verlag
Anzahl Seiten
464 S., 30 s/w Abb.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Albrecht Weisker, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Herunter vom "Hochsitz der Lektüre"! Raus aus der Bibliothek! Öffnet die Augen! Schärft alle Sinne, um die historische Wahrnehmung endlich wieder um ihre räumliche Dimension zu bereichern! So schallt der Mahnruf von Karl Schlögel aus dem vergangenen Bücherherbst herüber in das Jahr des 45. Deutschen Historikertages, der unter dem Generalmotto "Kommunikation und Raum" steht. Geschichte, so der Autor, gehe weder in theoriegeleiteten Textinterpretationen oder gewundenen Diskursanalysen auf, noch sei sie ortlos. Ganz im Gegenteil. Sie umfasst eine Vielzahl konkreter Räume, realer Landschaften, echter Schauplätze und Tatorte, die es aufzusuchen lohnt. "Stellt Euch dem Reichtum der Wirklichkeit, entdeckt die Fülle des Konkreten", lautet deshalb Schlögels Botschaft an die zuweilen allzu routiniert arbeitenden akademischen Spurensucher der Historikerzunft. Geschichtswissenschaft betrachtet Schlögel als eine Wirklichkeitswissenschaft ersten Ranges. Und als Stoßseufzer fügt er hinzu: "Es fehlt überall an Leuten, die sich auskennen in der heutigen Welt."

History takes place: Schauplätze aufsuchen, Spuren sichern

In dem vorliegenden Buch "Im Raume lesen wir die Zeit" geht es dem an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt an der Oder lehrenden, 1948 geborenen Osteuropahistoriker Karl Schlögel im Kern um einen einzigen Gedanken: Seiner Ansicht nach ist uns der Sinn für den Raum, in dem alle Geschichte spielt, abhanden gekommen. Ein angemessenes Bild von der Welt sei aber nur dann zu gewinnen, "wenn wir beginnen, Raum, Zeit und Handlung wieder zusammenzudenken" (S. 24). Es reiht sich damit ein in eine wachsende Zahl von jüngeren Publikationen, die sich dem Raumthema von unterschiedlicher Seite annähern und es zu enttabuisieren versuchen.[1] Im Zentrum des Buches steht die Generalthese von der "Wiederkehr des Raumes", mit der er vehement allen Mutmaßungen über dessen Verschwinden eine klare Absage erteilt. Entgegen der landläufigen Überzeugung, durch die wachsende Bedeutung der Kommunikations- und Infrastrukturnetze verlören in Zeiten einer globalisierten "runaway world" (Anthony Giddens) Raum und Ortsgebundenheit immer mehr an Relevanz, erkennt Schlögel im Ende des Ost-West-Konfliktes 1989/90 und auch in den Anschlägen von "Nineeleven" 2001 gleichsam intuitiv die Auslöser einer politischen Raumrevolution, deren weitreichende Folgen auch einen veränderten Blick auf die Vergangenheit erfordern. In der Perspektive Schlögels leben wir demnach in einer Phase der Neukonstituierung von Riesenräumen, vielleicht am Beginn einer neuen Ordnung der Welt, für deren Beschreibung uns die Begriffe einstweilen noch fehlen. Sich diesem "spatial turn" zu widmen, sei in erster Linie eine Frage der Wahrnehmung und des geschulten Auges. Wer nur aufmerksam genug seine Mitwelt registriert, für denjenigen sprudeln die Quellen im Übermaß.

Zu welchen Einsichten eine solche Haltung führen kann, demonstriert der Autor exemplarisch anhand eines Kompendiums zahlreicher Einzelstudien auf über 500 Seiten. Im Grunde legt Karl Schlögel hier seine Methode dar, die er bereits in zahlreichen früheren Veröffentlichungen angewandt hatte und mit denen er sich als ebenso kenntnisreicher wie sensibler Beobachter einen Namen erworben hat. Insbesondere den Osten Europas kennt der Autor aus eigener Anschauung wie kaum ein Zweiter.[2] Eine wissenschaftliche Monografie im strengen Sinne des Wortes stellt dieses Werk nicht dar. Dazu ist diese Exkursion entlang der Schauplätze der Weltgeschichte nicht stringent genug erzählt, führen die Gedanken mancherorts auf unebene Pfade. Einmal mehr handelt es sich um einen groß angelegten Essay, den Schlögel vielseitig und kurzweilig präsentiert und der alle Qualitäten eines echten Schmökers in sich vereint. In zahlreichen miniaturhaften Erkundungen, die in ihrem Lehrstückcharakter zuweilen an Alexander Kluge erinnern, entfaltet Karl Schlögel ein beeindruckendes geohistorisches Panorama, dessen Schwerpunkt eindeutig im 20. Jahrhundert zu verorten ist. An Dichte und Überzeugungskraft gewinnt die insgesamt gelungene Darstellung noch hinzu, wenn der Autor sich seinem ureigenen Sujet nähert: der Geschichte und den Schauplätzen des östlichen Europa. Sein ambitioniertes Ziel umschreibt Schlögel mit den Worten, auf der Höhe der Zeit eine Geschichte Europas neu zu denken.

Das ansprechend gestaltete Buch gliedert sich in vier Hauptabschnitte, die mit "Die Wiederkehr des Raumes" (S. 17-78), "Kartenlesen" (S. 79-265), "Augenarbeit" (S. 267-408) und "Europa diaphan" (S. 409-504) überschrieben sind. Keineswegs handelt es sich bei den von der "Schlögel-Expedition" aufgesuchten Gebieten um "terra incognita", um unerforschte weiße Flecken auf der Karte der Historiografie. Schlögel geht es darum, einen verschütteten und lange Zeit kompromittierten Strang der Geschichtswissenschaft freizulegen und zu neuer Bedeutung zu verhelfen. Herodot und Alexander von Humboldt sind die wichtigsten Gewährsleute dieser Form des forschenden Reisens. Walter Benjamin, der Augenmensch, Autor der Städtebilder aus Paris und Moskau sowie des unvollendeten Passagenwerks, ist der heimliche Held, während Marc Bloch, ganz zu unrecht, nirgendwo erwähnt wird.

Das Panorama: Stadt, Land, Fluss

Den Obertitel des Buches hat Schlögel bei dem Anthropogeografhen Friedrich Ratzel entliehen. Seine Anläufe, alte Kartenwerke auf ihre Aussagekraft hin zu befragen und verstaubten Telefonbüchern, Adressverzeichnissen oder Kursbüchern ihre Geheimnisse zu entlocken, zerstreuen rasch jeden Zweifel, den der Begriff "Geopolitik" im Untertitel aufkommen lassen könnte. Schlögel hat keinerlei Sympathie für die deutschnationalen Raumphantasien eines Karl Haushofer oder gar völkisch-rassisch aufgeladene Raumkonzepte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Carl Schmitt, mit seiner "Nomos-Theorie" ebenfalls ein berüchtigter Großraumträumer, findet bei Schlögel nicht einmal Erwähnung. Das wiederum wiegt schwer, weil hier die Chance einer notwendigen Klärung und Abgrenzung von völlig diskreditierten Raumkonzepten vergeben wurde. Man kann sich bei der Lektüre durchaus fragen, ob der Begriff der "Geopolitik" überhaupt adäquat beschreibt, was Schlögel zu zeigen versucht. Denn die alte, "angewandte Geopolitik" war deterministisch angelegt und nur in Verbindung mit politischen Akteuren, Machtstreben, Raum und Zeit zu denken. Schlögels Essays sind jedoch eher im Spektrum der Geohistorie oder Geophilosophie angesiedelt. "Schlögel lehrt", so hat Ulrich Raulff diese spezifische Beschreibungskunst charakterisiert, "mit Walter Benjamin zu reisen, er lehrt nicht, mit Carl Schmitt Land zu nehmen."[3]

Schlögel plädiert für ein offenes, dynamisches Verständnis von Raum und beruft sich neben Herodot und Humboldt vielfach auf dessen Zeitgenossen, den Berliner Geographen Carl Ritter. Wurde die traditionelle Geopolitik bereits im Historismus marginalisiert und durch die nationalistische Vereinnahmung kompromittiert, knüpft Schlögel insbesondere an die jüngeren Forschungen von Edward Soja, auch wenn dies nicht allerorten explizit kenntlich gemacht wird. Sojas Aufforderung, "to spatialize the historical narrative", folgt Schlögel mit bewundernswerter Konsequenz. [4] In thematischen Längsschnitten widmet sich das Buch der Entwicklung der Kartografie ebenso wie der Geschichte des Sichtbarmachens von Orten, der Augenarbeit. Dass von konkreten geografischen Gegebenheiten das Überleben abhängen kann, präsentiert der Autor beispielsweise anhand von Karten des im Bosnienkrieg belagerten Sarajevo, er analysiert den Grundriss des Gettos von Kowno, begleitet den russischen Kosmopoliten Djagilew durch das glanzvolle alte Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs sowie den ungarischen Revolutionär Sándor Radó auf seinen Kundschafterreisen. Als Höhepunkt leistet sich der Autor eine riskante literarische Kapriole und schickt Walter Benjamin nach erfolgreicher Emigration in das Los Angeles der 40er-Jahre und lässt Herodot im Jahr 1937 durch das Moskau des Großen Terrors streifen. Er rehabilitiert damit den leicht verstaubten Typus des urbanen Flaneurs in einer Zeit, in der immer mehr Tempo, Mobilität und das "schnelle Denken" zu zählen scheinen. Für Schlögel dagegen ist das Flanieren nicht nur ein behutsamer Wahrnehmungs-, sondern auch der bevorzugte historische Erkenntnismodus. Sein Plädoyer gilt diesem sanften Tourismus entlang der Schauplätze der Weltgeschichte.

Ohne Frage, der urbane Flaneur, das ist Schlögels Lieblingstypus, ja, es ist wohl der Autor selbst. Zu kurz kommt, wenn man so will, der Wandersmann. Schauplätze sind zumeist die urbanen Zentren als Brennpunkte der Weltgeschichte; Schlögel bezeichnet sie als "Dokumente sui generis". Was aber ist mit der Peripherie, der landschaftlichen Vielfalt, dem "mastering space" des weiten Dazwischen? Dass Raum und Reisen mit Distanzüberwindung zu tun haben und Mobilität mithin immer eine finanzielle und ökologische Kostenseite besitzt, klingt bei Schlögel kaum an. Die sozialen Folgen der Topografie der Globalisierung interessieren ihn weit weniger als die kulturhistorische Perspektive versierter Flaneure.[5] Lokalität kann auch heute noch Schicksal sein, wo man sich befindet, ist keineswegs bedeutungslos. In der Geschichte wie in der Gegenwart trennen Welten die freiwillig von den zwangsweise Mobilen. Hier liegen elementare Probleme jeder Verräumlichung des Sozialen, denen Schlögel nur wenig Aufmerksamkeit widmet: Es kann dazu verleiten, gesellschaftliche Prozesse und Hierarchien abzuflachen und die unterschiedliche Intensität von Beziehungen oder Dichte von Interaktionsräumen zu vernachlässigen.[6] Sein Hauptziel erreicht der Autor dennoch mit Bravour: Unsere Sinne zu schärfen für die räumliche Dimension und den Stellenwert der Schauplätze in der Historie. Zwar verliert durch Schlögels Sucher manches Motiv an Tiefenschärfe, doch präsentiert er das Spektrum möglicher Fragen und Themen in anschaulicher Weitwinkelperspektive. Das ist kein geringes Verdienst.

Also doch "spatial turn"? Schlögel geht es erklärtermaßen nicht darum, ein neues geschichtswissenschaftliches Paradigma auszurufen und mit großem Echo eine neue Theoriediskussion anzufachen. Das ist seine Sache nicht. Mit kaum kaschierter Geringschätzung bekundet er in Richtung theoriegeleiteter Geschichtswissenschaft, 'turns' seien Moden und etwas für Epigonen. Sein Anliegen ist die Erweiterung des geschichtlichen Erkenntnisspektrums um die so wichtige Raumkomponente, mithin eine veränderte Wahrnehmungsweise, die besondere Beschreibungskünste erfordert. Was alles als Quellen zu nutzen ist, dafür gibt es bei Schlögel kaum Grenzen. Ein derart weit gefasster Raum-Begriff birgt allerdings Gefahren. Wenn alles und jedes "Raum" sein kann, wo liegt dann der spezifische Erkenntnisgewinn dieser Kategorie? Wie lassen sich soziale Prozesse und kulturelle Aspekte angemessen in dieser Synopse berücksichtigen? Die essayistische Virtuosität des Wortakrobaten Karl Schlögel vermag derartige Fragen über weite Passagen zu überdecken. Nur schwer gelingt es, sich seinem souveränen Narrativ zu entziehen. Denn insbesondere seine literarischen Darstellungsfähigkeiten sind es, die von diesem Autor jenseits von disziplinimmanenten Theoriediskussionen noch manch spannendes Lektüreerlebnis bei der Fährtenlese im weiten Raum der Historie erwarten lassen. Das Revier jedenfalls ist abgesteckt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu Osterhammel, Jürgen, Die Wiederkehr des Raums: Geographie, Geohistorie und historische Geographie, in: Neue politische Literatur 43 (1998), S. 374-395.
[2] Vgl. u. a. Schlögel, Karl, Moskau lesen, Berlin 1984; Ders., Promenade in Jalta und andere Städtebilder, München 2001; Ders., Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang, München 2002; Ders., Petersburg 1909-1921. Das Laboratorium der Moderne, München 2002.
[3] "Zwischen Raum und Wirklichkeit", Rezension von Ulrich Raulff in der Literaturbeilage der SZ vom 6. Oktober 2003.
[4] Vgl. Soja, Edward W., Postmodern Geographies: The Reassertion of Space in Critical Social Theory, London 1989.
[5] Vgl. Le Monde diplomatique. Atlas der Globalisierung, Berlin 2003.
[6] Vgl. Osterhammel, Jürgen; Petersson, Niels P., Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003, S. 22, 111.