H. Buschke: Deutsche Presse, Rechtsextremismus

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Titel
Deutsche Presse, Rechtsextremismus und nationalsozialistische Vergangenheit in der Ära Adenauer.


Autor(en)
Buschke, Heiko
Reihe
Campus Forschung 866
Erschienen
Frankfurt am Main 2003: Campus Verlag
Anzahl Seiten
404 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christina von Hodenberg, University of California at Berkeley

Im Zentrum dieser Untersuchung über die deutsche Presse und den Rechtsextremismus in den 1950er-Jahren stehen Fragen, die von der neueren Forschung zur Bundesrepublik-Geschichte im allgemeinen und zur „Vergangenheitsbewältigung“ im speziellen angestoßen worden sind. Heiko Buschke ist zum einen am zeitlichen Verlauf des Demokratisierungsprozesses in Westdeutschland interessiert: Begann dieser schon Mitte oder erst Ende der 1950er-Jahre, oder gar erst im Laufe der 1960er-Jahre? Welche Funktion übernahm dabei die mediale Öffentlichkeit? Zum anderen greift Buschke auf Norbert Freis 1996 erschienene Studie zur „Vergangenheitspolitik“ zurück und unternimmt es, eine dort formulierte These empirisch zu untermauern. Buschke möchte prüfen, inwiefern (und bis wann) der von Frei beschriebene politische Konsens der frühen 1950er-Jahre – die weitgehende Integration der Mitläufer, begleitet von der demonstrativen Abgrenzung gegenüber wenigen profilierten NS-Verbrechern und aktiven Rechtsextremisten – von den Massenmedien mitgetragen und mitgestaltet wurde.[1] Am Ende des Buches steht eine umfassende Bekräftigung von Freis Denkfigur, ergänzt durch die These, dass ein grundlegender Wandel in der Berichterstattung bereits 1955 begonnen habe. Seitdem habe die Presse die Demokratisierung der frühen Bundesrepublik mitgetragen, indem sie mit ihrer Kommentierung rechtsextremer Vorfälle die Handlungsweise der Eliten beeinflusst habe (S. 363, S. 379): „Die Presse unterstützte grundsätzlich die Linie der Stigmatisierung und Ausgrenzung innerhalb des vergangenheitspolitischen Konzepts der Adenauer-Regierung. Ebenso befürwortete sie die soziale und politische Integration der Mitläufer und kleinen NS-Täter“, jedoch „setzten um 1955 Veränderungen in ihrer Sichtweise des Rechtsextremismus ein“.

Um diese Ergebnisse bewerten zu können, muss die Anlage dieser – übrigens vorzüglich geschriebenen – Dissertation näher betrachtet werden. Nachgezeichnet wird die Berichterstattung ausgewählter Tages- und Wochenzeitungen über Skandalfälle mit rechtsextremem Hintergrund aus den Jahren 1949 bis 1960. Dabei wird eine weite Definition von „Rechtsextremismus“ zugrunde gelegt, die antidemokratische Bestrebungen, aggressiven Nationalismus und Rassismus in den Mittelpunkt stellt (S. 17). Anders als der Buchtitel suggeriert, wird nicht die gesamte Ära Adenauer abgedeckt, und es geht auch nur indirekt um die NS-Vergangenheit. Der Autor beschränkt sich auf sechs Printmedien („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Die Welt“, „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“ und „Der Spiegel“) und deren Berichte über sieben Skandale. Fünf der ausgewählten Vorfälle ereigneten sich am Anfang des Jahrzehnts: der Fall Hedler 1949 bis 1951, der Aufstieg der Sozialistischen Reichspartei (SRP) bis 1952, der Braunschweiger Prozess gegen Otto Ernst Remer 1952, die Affäre um den Bund Deutscher Jugend 1952/53 und das Vorgehen der Alliierten gegen den Naumann-Kreis 1953. Nur zwei Fälle, der Schlüter-Skandal 1955 und die Welle antisemitischer Schmierereien 1959/60, sind in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre angesiedelt. Insgesamt hat Heiko Buschke etwa 2.300 Presseartikel ausgewertet (S. 35), wobei manche der von ihm betrachteten Debatten äußerst schmal dokumentiert sind. Das gilt etwa für den Remer-Prozess, zu dem nur 34 Artikel aus einigen wenigen Tagen vorlagen.

Buschkes Studie folgt der Chronologie der Skandale, wobei auf jedes Presseorgan stets gesondert eingegangen wird. Dieser Darstellung geht ein über hundertseitiger Vorspann voraus, der die politische Kultur der Ära Adenauer, die Entwicklung des Rechtsextremismus nach 1945 und die Presselandschaft der frühen Bundesrepublik zum Thema hat. Diese Kapitel sind gelungene, lesenswerte Überblicke über den neuesten Forschungsstand – und sind doch entbehrlich, da sie nur selten mit der folgenden Quellenanalyse verknüpft werden.

Die danach auf knapp 250 Seiten vorgestellten Mediendebatten bieten zunächst jeweils einen aus Sekundärliteratur gearbeiteten, informativen Abriss des entsprechenden „Falls“. Darauf folgen ausführliche Analysen der Haltung der einzelnen Medien mit zahlreichen Zitaten aus zeitgenössischen Kommentaren und Berichten. Dabei wird besonders die hervorgehobene Rolle einzelner Journalisten deutlich (wie Paul Sethe, Josef Müller-Marein oder Karl Gerold), aber auch die wechselhafte Linie von „Zeit“, „Spiegel“ und „Welt“ im Verlauf der 1950er-Jahre. Während die „FR“ stets antifaschistische Emphase mit scharfer Regierungskritik verband und die „SZ“ relativ durchgängig als liberale Kritikerin rechtsextremer Bestrebungen fungierte, schwankte die Haltung bei der Konkurrenz teilweise beträchtlich. Buschkes Belege führen vor Augen, wie weit rechts die „Zeit“ bis zur Mitte der 1950er-Jahre stand und wie liberal das Profil der damaligen „Welt“ war. Von Interesse ist auch das Verhalten des „Spiegel“, über dessen Frühgeschichte in den letzten Jahren viel debattiert worden ist.[2] In diesem Zusammenhang betont Buschke (der im Übrigen selbst Dokumentationsjournalist beim „Spiegel“ ist), dass das Nachrichtenmagazin das Thema Rechtsextremismus bis 1959 vernachlässigt und ein „gewisses Desinteresse“ an den Tag gelegt habe (S. 369). Daher sei der „Spiegel“ in den 1950er-Jahren noch nicht als Demokratisierungsinstrument einzuordnen (S. 114, S. 369).

Über diese die einzelnen Medien betreffenden Ergebnisse hinaus versucht Buschke auch, weitergehende Thesen zur bundesdeutschen Öffentlichkeit der 1950er-Jahre und zum Demokratisierungsprozess aufzustellen. Diese Thesen überzeugen nur bedingt. Das liegt erstens an der Auswahl der untersuchten Medien: Die für die 1950er-Jahre außerordentlich wichtigen Illustrierten und Hörfunksender werden nicht einmal am Rande in die Auswertung einbezogen. Auch das Fernsehen, das 1960 eine Reichweite von immerhin 25 Prozent besaß, bleibt bei der Analyse der in den späten 1950er-Jahren angesiedelten Debatten außen vor. Damit stützt sich Buschke auf einen Ausschnitt der massenmedialen Öffentlichkeit, der für diese Zeit nicht mehr als repräsentativ angesehen werden kann.

Zweitens erlaubt die Art und Weise, in der Buschke die verschiedenen Pressedebatten referiert, keine Verknüpfung verschiedener Analyseebenen. Jedes Blatt, jeder Skandal wird separat dargestellt, ohne die wechselseitigen Bezugnahmen der Medien, das Ineinandergreifen der Debatten, den Stellenwert konkurrierender Themen der Berichterstattung oder die Konflikte in den jeweiligen Redaktionen zu betrachten. Deshalb bleibt letztlich unterbelichtet, welches Medium einen Skandal ins Rollen brachte oder zu bremsen trachtete, welche Journalisten im Verlauf der Jahre hervorgehobene Positionen eroberten und wie sich das Medienspektrum generell polarisierte. Blass bleibt auch, welchen Stellenwert die Berichterstattung über die ausgewählten Fälle im Umfeld verwandter Themen hatte. Beispielsweise fragt sich der Autor im Zusammenhang mit dem Remer-Prozess, warum die „Frankfurter Rundschau“ und der „Spiegel“ kaum berichteten; er fragt jedoch nicht danach, welche Haltung diese Blätter bei anderen Gelegenheiten in Bezug auf den 20. Juli und den deutschen Widerstand gegen Hitler einnahmen. Im Kapitel zur antisemitischen Schmierwelle von 1959/60 betont Buschke die unübertroffene Mobilisierung der Printmedien gegen den Rechtsextremismus und den so entstandenen neuen Konsens der Öffentlichkeit. Dabei übergeht er jedoch den konservativen Schwenk der „Welt“ und nimmt wichtige Medien wie die damals weit verbreitete Wochenzeitung „Christ und Welt“ nicht zur Kenntnis. So entgeht ihm, dass sich die Medienlandschaft offensichtlich polarisiert hatte und sich statt eines Konsenses zwei gegenüberstehende Lager gebildet hatten.

Solche Ausblendungen des Zusammenhangs sind häufig anzutreffen. Zum Beispiel wird die Rivalität der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“, die bis zur Lizenzierung durch die Amerikaner zurückreichte, nicht als ein die Berichterstattung prägendes Moment herausgestellt. Es wird auch nicht diskutiert, wo die „Skandalisierung“ von Konfliktfällen typischerweise ihren Anfang nahm und welches die Rolle der Printmedien in diesem Kontext war (vgl. S. 360). Nicht zuletzt ist die These, dass schon 1955 ein wesentlicher Wandel im massenmedialen Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus eingesetzt habe (S. 386), mit der dargelegten Berichterstattung zur Schlüter-Affäre nur unzureichend belegt und hätte durch Seitenblicke auf andere Medien und Debatten zusätzlich überprüft werden müssen.

Das Fazit fällt zwiespältig aus: Einerseits handelt es sich um eine vorzüglich geschriebene, bestens informierte, klar gegliederte Studie, die ein interessantes Quellenkorpus aufarbeitet. Andererseits bedingt die Auswahl der Medien und die unzureichende Verknüpfung der Analyseebenen, dass die Ergebnisse etwas dürftig ausfallen. Einiges von dem Potenzial, das im Untersuchungsthema steckt, wurde so verschenkt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Frei, Norbert, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996.
[2] Vgl. etwa Hachmeister, Lutz, Ein deutsches Nachrichtenmagazin, in: Ders.; Siering, Friedemann (Hgg.), Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, München 2002, S. 87-120.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.03.2004
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