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Titel
Erinnern und Verstehen. Der Völkermord an den Juden im politischen Gedächtnis der Deutschen


Herausgeber
Erler, Hans
Erschienen
Frankfurt am Main 2003: Campus Verlag
Anzahl Seiten
348 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Thünemann, Münster

Auf Initiative Roman Herzogs gibt es seit 1996 den „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Als Datum wurde der 27. Januar festgelegt, der Tag, an dem Auschwitz befreit worden war. Doch gleich im ersten Jahr fand die offizielle Gedenkveranstaltung bereits eine Woche früher statt. Für den 27. Januar war keine Parlamentssitzung anberaumt, aber eine Auslandsreise des Bundespräsidenten. Eine Verschiebung des Termins auf das folgende Jahr kam nicht in Frage, weil Herzog es „nicht für richtig gehalten [hätte], nach den Erinnerungs- und Besinnungstagen des Jahres 1995 eine Zäsur eintreten zu lassen“. Bereits an solchen Details wird deutlich, dass das Gedenken an die NS-Verbrechen starker politischer Prägung unterliegt und dass eine erfolgreiche Institutionalisierung nicht einfach ist. Vor politischen „Alibi-Veranstaltungen“ hat Roman Herzog ausdrücklich gewarnt. Vielmehr wollte er einen Gedenktag, an dem sich die gesamte Gesellschaft sowohl mit der NS-Vergangenheit als auch mit den „Folgerungen, die daraus zu ziehen sind“, intensiv auseinandersetzt.[1]

Nach sieben Jahren nun hat die Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen einer Tagung eine erste Bilanz gezogen. Die Ergebnisse hat Hans Erler um eine gelungene Einleitung erweitert und zusammen mit weiteren Beiträgen herausgegeben. Als „Fortführung des Erbes Konrad Adenauers“, so Erler (S. 348), sei der Stiftung die Suche nach zukunftsfähigen Erinnerungsformen besonders wichtig. Zum Teil wird Adenauer zwar eher kritisch beurteilt (S. 104, 116f., 202). Derartige Widersprüche bleiben aber zum Glück bestehen. So ist insgesamt eine Publikation entstanden, die sich durch eine Vielfalt von Meinungen, Methoden und Perspektiven auszeichnet und zugleich über das Thema „Gedenktag 27. Januar“ weit hinausgeht. Dafür einen angemessenen Buchtitel zu finden, war offenbar problematisch. Denn anders als angekündigt geht es nicht nur um die Verortung des Völkermords „im politischen Gedächtnis der Deutschen“. (Warum eigentlich nicht „kollektives“ bzw. „kulturelles Gedächtnis“?) Insgesamt umfasst der Sammelband 33 Beiträge, die teilweise schon an anderer Stelle publiziert wurden und in Länge und Qualität stark variieren. Die Zuordnung zu sechs Themenblöcken erscheint manchmal etwas willkürlich. Beispielsweise steht ein besonders im Kontext der Berliner Mahnmalkontroverse sehr erhellender Essay von Salomon Korn im ersten Teil des Buches, während sich der thematisch verwandte Beitrag von Sibylle Quack im letzten Teil befindet. Unklar ist auch, was den Aufsatz von Michael Wildt zum „Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes“ mit Beiträgen verbindet, die sich mit Konzepten einer „Erziehung nach Auschwitz“ befassen.

Inzwischen ist kaum mehr bestreitbar, dass die jüdische Perspektive der Holocaust-Erinnerung von Vertretern der deutschen Historikerzunft lange Zeit stark vernachlässigt wurde.[2] Insofern ist positiv, dass zunächst sieben jüdische Stimmen zu Wort kommen. Der im März 2000 verstorbene Alphons Silbermann (es handelt sich um den Wiederabdruck eines Vortrags von 1998) wendet sich gegen ein Gedenken an die Opfer, das „auch die Gewalttätigkeiten der Aktionen zum Schweigen [bringt], die zu ihrem Verlust geführt haben“ (S. 26). Trotz „aller Asymmetrie der Geschichte und des Wahrnehmens“ verpflichtet Ernst Ludwig Ehrlich Juden wie Nichtjuden auf den notwendigen Versuch, „einander besser zu verstehen“ (S. 37). Emil L. Fackenheim (der im September 2003 verstorben ist) plädiert dafür, die Frage, ob „man den Holocaust verstehen“ könne, immer neu zu stellen. Eine Antwort darauf hält er für „lebenswichtig“ (S. 45). In eindringlicher Weise schildern dann Günter B. Ginzel, Lea Fleischmann und Hanna Rheinz – alle Vertreter der ersten „Nach-Auschwitz-Generation“ – ihre persönlichen Erfahrungen mit der Suche nach jüdischer Identität.

Im zweiten Kapitel des Buches wird eine „bisweilen schmerzliche Grenze“ zwischen Juden und Nichtjuden thematisiert. Im Umgang mit dieser Grenze, die beispielsweise in der oft unreflektierten Rede vom „deutsch-jüdischen Verhältnis“ sichtbar wird, sieht Erhard Roy Wiehn „eine der durchaus offenen ,deutschen Fragen’“ (S. 70). Einer Grenzverletzung widmet sich Matthias Heyl. Sein „zweimal[iges] Nachdenken“ über Martin Walsers Friedenspreisrede wirkt ziemlich redundant. Außerdem fehlen wünschenswerte Literaturhinweise.[3] Auf der Basis seiner Forschungen zu NS-Erinnerungen im Familiengedächtnis und mit Blick auf die aktuelle Diskussion über eine angemessene Repräsentation des Vertriebenenschicksals wendet sich Harald Welzer gegen eine „neue deutsche Opferkultur“ (S. 104).

Im dritten Kapitel geht es dann um „Wahrnehmung des Völkermords und politisches Gedächtnis“. Als Auftakt liefert Julia Kölsch eine anspruchsvolle systemtheoretische Analyse des Gedächtnisparadigmas. Hervorzuheben ist auch der Beitrag von Aleida Assmann. Sie befasst sich mit der Diskrepanz zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis und bietet eine interessante Deutung der Grass-Novelle „Im Krebsgang“, die sie als „analytisches Lehrstück über die Probleme der deutschen Erinnerungsdynamik“ charakterisiert (S. 132). Richard Chaim Schneider zieht eine skeptische Bilanz deutscher „Vergangenheitsbewältigungsrituale“. Abschließend setzt sich Julian Voloj mit „Judentum und Schoah im Denken der jüdischen Studenten Europas“ auseinander. Seine an das „nichtjüdische Europa“ gerichtete Forderung, „das Judentum als Teil des eigenen kulturellen Erbes zu verstehen“ (S. 151), haben sich Vertreter des Europaparlaments inzwischen mit Recht zu eigen gemacht.

In der zweiten Hälfte des Sammelbandes geht es vor allem um methodisch-didaktische Aspekte einer Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und um Formen ihrer kulturellen Vergegenwärtigung. Zunächst werden theoretische Konzepte einer „Erziehung nach Auschwitz“ diskutiert (Kap. 4). Die Mehrfachlektüre bekannter Adorno-Zitate wirkt hier streckenweise ermüdend. Interessant ist dagegen der Ansatz von Clemens Albrecht, der Adornos Position mit derjenigen Max Horkheimers kontrastiert. Sein Fazit, dass „konsequente historische Universalisierung (Holocaust als ein Ereignis unter den großen Menschheitsverbrechen)“ und „soziale Individualisierung“ (S. 187) integrale Bestandteile einer zukunftsfähigen „Holocaust-Erziehung“ sein müssen, wird allerdings nicht unwidersprochen bleiben. Lesenswert sind auch die Aufsätze von Stephan Marks, Hanns-Fred Rathenow und Matthias Heyl, der dafür plädiert, eine „vereinfachende Opfer-Täter-Dichotomie“ zugunsten einer „differenzierteren Sicht der Menschen“ zu revidieren (S. 216).

Im fünften Kapitel werden ausgewählte „pädagogische Projekte“ vorgestellt, die zum Teil eine eigene Rezension verdient hätten. Lore Kleiber gibt einen guten Einblick in die hervorragende Seminararbeit des Hauses der Wannsee-Konferenz. Bevor Peter Schwiderowski ein erfolgversprechendes Jugendprojekt der Alten Synagoge Essen zur Diskussion stellt, präsentieren Regina Wyrwoll und Ariane Vorhang zwei interessante Internetprojekte: <http://www.lernen-aus-der-geschichte.de> und den „DenkT@g“ der Konrad-Adenauer-Stiftung. Abschließend werden Initiativen der DaimlerChrysler AG (Lothar Ulsamer), der Volkswagen AG (Manfred Grieger) und der Deutschen Bahn AG (Birgit Gantz-Rathmann) vorgestellt. Hier geht es um eine ökonomische Dimension von Geschichtskultur, die dann ein Glücksfall sein kann, wenn die Suche nach dem besten Gedenkkonzept im Zentrum von Konzerninteressen steht.

Das letzte Kapitel („Gedenken und Erinnern“) ist ziemlich heterogen. Einige Beiträge hätte man besser den pädagogischen Projekten zugeordnet. Cilly Kugelmann beschäftigt sich in manchmal schwer nachvollziehbarer Weise mit dem „didaktische[n] Impetus des Jüdischen Museums Berlin“. Theo Schwedmann untersucht die Funktion der „Schoah-Erinnerung“ für den Staat Israel[4] und Rita Süssmuth zieht eine engagierte Zwischenbilanz für den Gedenktag 27. Januar, der „noch keineswegs im öffentlichen Bewusstsein verankert“ sei (S. 310). Erlers Publikation und die darin vorgestellten Projekte leisten insgesamt einen wichtigen Beitrag, damit dieser Tag in Zukunft „für eine Mehrheit von Deutschen“ zu einem „NACH-DENK-TAG“ wird (Michael Fürst, S. 308).

Anmerkungen:
[1] Herzog, Roman, Ansprache zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag, Bonn, 19.1.1996.
[2] Vgl. Berg, Nicolas, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.
[3] Z.B. Rensmann, Lars, Enthauptung der Medusa. Zur diskurshistorischen Rekonstruktion der Walser-Debatte im Licht politischer Psychologie, in: ders.; Brumlik, Micha; Funke, Hajo (Hgg.), Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik, Berlin 2000, S. 28-126.
[4] Ergänzend vgl. Hass, Matthias, Gestaltetes Gedenken. Yad Vashem, das U.S. Holocaust Memorial Museum und die Stiftung Topographie des Terrors, Frankfurt am Main 2002.

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Veröffentlicht am
12.11.2003
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