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Titel
Olympia 1875-2000. 125 Jahre deutsche Ausgrabungen. Internationales Symposium Berlin, 9.-11. November 2000


Herausgeber
Kyrieleis, Helmut
Erschienen
Anzahl Seiten
376 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Schubert, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Der Sammelband "Olympia 1875-2000. 125 Jahre Deutsche Ausgrabungen" enthält 23 Beiträge, die im Rahmen eines internationalen Symposions in Berlin vom 9. bis 11. November 2000 anlässlich des 125. Jubiläums der deutschen Ausgrabungen in Olympia gehalten wurden. Der Band wurde 2002 von Helmut Kyrieleis herausgegeben und enthält auf 376 Seiten 117 Farb- und 182 Schwarzweißabbildungen sowie einen Faltplan des Ausgrabungsgeländes. Er bietet ein so breites Spektrum von wissenschaftshistorischen, archäologischen und althistorischen Beiträgen, dass eine Einzelbetrachtung angemessen erscheint.

Den wissenschaftshistorischen Teil eröffnet Rüdiger vom Bruch mit seinem Beitrag "Internationale Forschung, Staatsinteresse und Parteipolitik. Die Olympia-Ausgrabungen als frühe Phase deutscher auswärtiger Kulturpolitik". Der Autor beschreibt in seinem Aufsatz die innenpolitischen Überlegungen zur auswärtigen Kulturpolitik der Bismarck-Ära. Dabei geht er u.a. auf die Umwandlung des "Instituts für archäologische Korrespondenz" in Rom in das heutige "Deutsche Archäologische Institut" und auf die 1852 von Ernst Curtius in Berlin gehaltene "Olympia-Rede" ein. Daneben werden Begriffe wie Wissenschaftspflege und Wissenschaftspolitik sowie ihre Bedeutung im 19. und frühen 20. Jahrhundert geklärt. Der Hauptteil der Arbeit befasst sich mit den Anträgen zur Finanzierung der ersten Olympia-Grabungen und den Haltungen Kaiser Wilhelms I. und Otto von Bismarcks gegenüber dem gewaltigen Projekt.

Es folgt Thanassis Kalpaxis mit dem Beitrag "Die Vorgeschichte und die Nachwirkungen des Olympia-Vertrages aus griechischer Sicht". Er zeigt aus griechischer Sicht die Vorverhandlungen, Schwierigkeiten und langen Debatten auf, die zum Olympia-Vertrag führten. Innerhalb dessen beschreibt er die Gründung und Etablierung der lange nahezu bedeutungslosen griechischen "Archäologischen Gesellschaft" und die politischen Unsicherheiten des jungen griechischen Nationalstaates, der zwischen seinen eigenen sowie deutschen und französischen Belangen abwägen musste. Im Schlusswort plädiert der Autor dafür, dass die in den 1870er-Jahren personell fast ausschließlich von Deutschen durchgeführten Grabungen auch in Griechenland gefeiert werden, da sie im Endeffekt ein gemeinsamer Höhepunkt der Archäologie sind. Lutz Klinkhammer ("Großgrabung und große Politik. Der Olympia-Vertrag als Epochenwende") beschäftigt sich ebenfalls mit dem politischen Klima und den strategischen Überlegungen auf deutscher und griechischer Seite, die zum Abschluss des Olympia-Vertrages führten. Dieser wird mit Hilfe anderer Grabungen wie denen Heinrich Schliemanns in Troja und Mykene und jenen Carl Humanns in Pergamon beleuchtet. Anschaulich wird das Profilierungsstreben europäischer Großmächte auf dem Feld der Archäologie beschrieben, welches sich zu einem regelrechten Wettstreit um Grabungslizenzen und Ausfuhrgenehmigungen antiker Kunstwerke steigerte.

Bernd Söseman ("Olympia als publizistisches Nationaldenkmal. Ein Beitrag zur Praxis und Methode der Wissenschaftspopularisierung im Deutschen Kaiserreich") geht in seinem Aufsatz auf die Presseberichterstattung zur kaiserlichen Olympia-Grabung ein, die in Ausmaß und Detailfülle alles bisher da gewesene bei weitem übertraf. Nicht nur Fachzeitschriften sondern auch unzählige populäre Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazine veröffentlichten in mehr oder minder ausführlichen Artikeln die neuesten Grabungsergebnisse. An erster Stelle standen hierbei die von offizieller Seite herausgegebenen Blätter "Deutscher Reichs-Anzeiger" und "Königlich Preußischer Staats-Anzeiger", die das Erstveröffentlichungsrecht der von den Ausgräbern Ernst Curtius, Friedrich Adler, Georg Treu u.a. verfassten Berichte hatten. Sösemann gibt Einblicke in die stilistischen Unterschiede der Artikel und ihre Wirkung auf die verschiedenen Leserkreise sowie auf das Selbstverständnis der deutschen Nation.

Die Bedeutung der Olympia-Forschung für die Archäologie beleuchtet Wolf-Dieter Heilmeyer: "Olympia und die Entdeckung der geometrischen Plastik". Heilmeyer bezieht sich in seinem kurzen Beitrag auf die von Adolf Furtwängler ausgewerteten geometrischen Bronzevotive aus Olympia. Zudem bespricht er weitere Funde aus Bronze und Ton der geometrischen Plastik und setzt sich für eine Neuaufstellung der Werke im Museum von Olympia sowie einer insgesamt intensiveren Auseinandersetzung mit dieser Kunstgattung ein. Es folgt Nikolaus Himmelmann ("Frühe Weihgeschenke in Olympia"), der sich in seinem Beitrag der Art und Deutung früher Weihgeschenke allgemein und besonders in Olympia widmet. Dabei geht er auf die Funde des Artemis-Tempels der Altis und die häufig geborgenen, teilweise extrem großen und kostbaren Bronzedreifüße ein. Daneben widmet er sich den Pferde- und Rinderdarstellungen sowie den behelmten Kriegern im Rescheftypus. Als Abschluss gibt er einen Überblick über den Stand der chronologischen Einordnung der geometrischen Objekte und einen Exkurs zum Gebets- bzw. Heiligungsgestus in der griechischen Kunst.

Klaus Herrmann ("Bauforscher und Bauforschung in Olympia") würdigt in seinem Aufsatz die vielen Bauforscherpersönlichkeiten, die sich entweder an den olympischen Grabungen der 1870er-Jahre oder an den neueren Untersuchungen der Vor- bzw. Nachkriegszeit beteiligten. Besondere Beachtung wird einem der wohl berühmtesten Bauforscher, Wilhelm Dörpfeld, geschenkt. Ebenso werden aber auch Aspekte wie der Museumsbau in Olympia nach einem Entwurf von Friedrich Adler oder die Denkmalpflege und Restaurierung bzw. Wiederaufrichtung der antiken Bausubstanz behandelt. In einem Ausblick stellt der Autor weitere Areale und Gebäude vor, die sich bei einer Erst- oder Neuuntersuchung als lohnend erweisen könnten. Wolf Koenigs ("Der Zeustempel im 19. und 20. Jahrhundert") führt in seinem Beitrag die Geschichte der Bauforschung an dem konkreten Beispiel des olympischen Zeustempels fort. Dabei bespricht er verschiedene Rekonstruktionsversuche dieses Gebäudes, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden und teilweise noch vor der Ergrabung des Bauwerks publiziert wurden. Aber auch moderne Ansätze und Methoden der Bauaufnahme fehlen in dieser Arbeit nicht.

Suzanne Marchand ("Adolf Furtwängler in Olympia. On Excavation, the Antiquarian Tradition, and Philhellenism in Nineteenth-Century Germany") hinterfragt mit einem erfrischenden neuen Ansatz die Motivationen, Erwartungen und Arbeitsweise deutscher Archäologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und beschreibt dabei den Übergang von archäologischen Zufallsfunden zur modernen Feldforschung. Innerhalb dessen beleuchtet sie anhand Adolf Furtwänglers Werdegang eine Generation von Archäologen, die nach antiken Meisterwerken gesucht und durch das Finden sowie Katalogisieren und Systematisieren von Kleinkunst die moderne Archäologie begründet hätten. Adolf H. Borbein ("Olympia als Experimentierfeld archäologischer Methoden") führt den Leser in seinem Beitrag durch knapp 150 Jahre archäologischer Forschung in Olympia, in denen sich sowohl die Methoden als auch die Zielsetzung der Bestandsaufnahme, Restaurierung, Rekonstruktion und Publikation antiker Kunstobjekte und Architekturen immer wieder geändert haben. Am Schluss plädiert der Verfasser für eine wieder stärkere Kontextforschung im Heiligtum, die nicht nur die Details der einzelnen Funde untersucht, sondern diese in ihr historisch-soziales Umfeld einordnet.

Mit der Rolle des Zeus-Heiligtums in Olympia und seiner Stellung im Vergleich zu anderen frühen Zentren beschäftigen sich die folgenden Beiträge: Jörg Rambach ("Olympia. 2500 Jahre Vorgeschichte vor der Gründung des eisenzeitlichen griechischen Heiligtums") stellt die Funde aus Olympia der früh- und mittelhelladischen Zeit vor. Zu diesem Zweck untersucht er im Besonderen vier in der Altis aufgedeckte Apsidenhäuser, in denen sich ritz- und einstichverzierte Keramik fand, die er für die Datierung mit ähnlichen Funden aus Lerna vergleicht. Des Weiteren geht er auf einen unter dem Pelopeion entdeckten Steinkreis ein, den er mangels Gräberfunde als für rituelle Zwecke genutzt sieht. Helmut Kyrieleis ("Zu den Anfängen des Heiligtums von Olympia") geht wie sein Vorredner auf die Problematik der frühesten Befunde aus dem Zeusheiligtum ein und bespricht ebenfalls den unter dem Pelopeion liegenden Steinkreis. Diesen deutet er als einen frühen Kultplatz für die Pelopsverehrung. Zu untersuchen wäre es nach Helmut Kyrieleis, ob man es in Olympia wie in anderen griechischen Heiligtümern mit einem kultischen Neubeginn nach dem Zusammenbruch der mykenischen Welt zu tun hat.

Elizabeth R. Gebhard ("The Beginnings of Panhellenic Games at the Isthmus") geht den Fragen nach, zu welchem Zeitpunkt die Isthmischen Spiele begründet wurden und wann sie den Status panhellenischer Spiele erhielten. Dabei zieht sie sowohl literarische Quellen von Aristoteles bis Eusebius als auch archäologische Befunde zu Rate. Auf ihren Ursprung und ihr "Körnchen Wahrheit" hinterfragt sie die zahlreichen Gründungsmythen, die sich um Isthmia ranken. Insgesamt kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Isthmischen Spiele aus archäologischen Gründen im zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts v.Chr. eine Neu- bzw. Umstrukturierung erlebten. Stephen G. Miller ("The Shrine of Opheltes and the Earliest Stadium of Nemea") widmet sich dem ab 1979 in Nemea ausgegrabenen Ophelteion, dem heiligen Bezirk des Opheltes. Wie die Erforschung des Areals nahe legt, lag das Heiligtum zwischen dem archaischen Stadium im Osten und dem Hippodrom im Westen. Der Autor fand Anhaltspunkte dafür, dass Nemea die topographische Situation in Olympia nachahmte, und vermutet, dass bei weiteren Ausgrabungen dort das lange gesuchte Hippodrom in der Nähe des Pelopeion gefunden werden kann.

Catherine Morgan ("The Origins of the Isthmian Festival. Points of Comparison and Contrast") stellt anhand protogeometrischer und geometrischer Keramik sowie Grabbeigaben aus dem Späthelladikum Sitten und Lebensweisen dieser Zeit im Raum von Isthmia vor. Sie geht u.a. auf die Entstehung des frühen Kultes in dieser Region ein und kontrastiert die Fundzusammenhänge mit denen anderer griechischer Gegenden. Claude Rolley ("Delphes de 1500 à 575 av. J.-C. Nouvelles données sur le problème 'rupture et continuité'") stellt die neuesten Funde aus dem Heiligtum von Delphi des 2. und 1. Jahrtausends v.Chr. vor. Neben Keramik und Bronzen fanden sich auch verschiedene Gebäudereste, darunter drei "schwarz", "gelb" und "rot" genannte Privathäuser aus dem 8. und 7. Jahrhundert v.Chr. Insgesamt lässt sich eine Kultkontinuität seit dem Ende des 9. Jahrhunderts v.Chr. nachweisen; Rolley möchte daher im Vergleich zu anderen Heiligtümern von einer 'génération' derjenigen um oder kurz vor 800 v.Chr. in Delphi, Delos und Kalapodi sprechen.

Ismene Trianti ("Neue technische Beobachtungen an den Skulpturen des Zeustempels von Olympia") beschreibt in ihrem Beitrag die Neuaufstellung der Giebelskulpturen des Zeustempels im Museum von Olympia im Jahre 1974 und die damit verbundene Problematik. Zudem erläutert sie ausführlich die Befestigung der Gliedmaßen sowie die Anbringung der Figuren am Giebel des Tempels. Zum Abschluss verweist sie auf den Tempel von Mazi, bei dessen Skulpturen sie ähnliche Elemente wie bei jenen aus Olympia beobachten konnte. Aliki Moustaka ("Zeus und Hera im Heiligtum von Olympia und die Kulttopographie von Elis und Triphylien") widmet sich der Frage nach dem Alter des Herakultes in Olympia. Innerhalb dessen wird eine alte, in den Hintergrund getretene Theorie wieder aufgegriffen, wonach das Heraion als der ältere Zeustempel anzusehen ist. Neben den Zeuskult trat erst im fortgeschrittenen 5. Jahrhundert v.Chr. die Heraverehrung. Diese späte Datierung der Einführung der Hera versucht Aliki Moustaka durch die fehlenden frühen Votive für die Göttin und einen Vergleich mit den Funden aus ihren Heiligtümern in Argos, Perachora und Samos zu belegen. Allerdings ist sie sich durchaus der Problematik bewusst, dass es für Hera und Zeus ansonsten keine gemeinsamen Tempel gibt (so bereits E. Simon). Xeni Arapojanni ("Neue archäologische Entdeckungen in der weiteren Umgebung von Olympia") beschreibt zwei in der weiteren Umgebung von Olympia ergrabene Tempel: Der eine liegt in Phigalia, dem Ort, zu dem auch das bedeutende Apollonheiligtum von Bassai gehörte, und war Athena und Zeus Soter geweiht. In seiner Nähe wurden reiche prähistorische Funde gemacht. Der andere Tempel wurde an der Grenze zwischen Elis und Messenien in dem kleinen Dorf Prasidaki freigelegt und war ebenfalls der Athena heilig.

Mit der Bedeutung der Spiele im gesellschaftlichen, politischen und sozialen Feld setzen sich die weiteren Beiträge auseinander. Tonio Hölscher ("Rituelle Räume und politische Denkmäler im Heiligtum von Olympia") stellt anhand von Altären, Tempeln, Bildwerken und Prozessionswegen verschiedene Raumkonzepte der griechischen Welt vor, wobei er insbesondere den "kulturellen Raum" als semiotischen Begriff darlegt, der funktionale und symbolische Aspekte umfasst. Dabei stellt er Diskrepanzen zwischen religiösen und rituellen Räumen auf der einen sowie monumentalen, repräsentativen und kompetitiven Räumen auf der anderen Seite fest, die der Ambivalenz griechischer Religion zwischen Verehrung der Götter und menschlicher Selbstbestätigung entsprechen. Nikolaos Yalouris ("Elis, die Wiege der Olympischen Spiele, im Lichte neuer Ausgrabungsergebnisse") präsentiert in einer kurzen Zusammenfassung die größtenteils durch Notgrabungen gewonnenen Erkenntnisse zum Stadtbild und Wohlstand von Elis. Verstärkt setzt er sich dafür ein, das traditionelle Bild von Elis als einer (mit Ausnahme von Olympia) wenig kunstfertigen Region zu überdenken, da die Grabungenfunde der letzten Jahre ein ganz anderes Bild zeichnen.

Peter Siewert ("Die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung der Bronze-Urkunden aus Olympia mit der Erstedition einer frühen Theorodokie-Verleihung als Beispiel") widmet sich in diesem Beitrag den 51 Bronzeurkunden aus dem Heiligtum von Olympia. Diese enthielten u.a. Kultgesetze, Wettkampfregeln und Staatsverträge. In einer Erstveröffentlichung legt er eine Ringscheibe mit der Verleihung des eleischen Bürgerrechts und der Theorodokie aus dem zweiten Drittel des 5. Jahrhundert v.Chr. vor und erläutert sie mit textkritischen und inhaltlichen Bemerkungen, die zeigen, wie hier ein bisher fast unbekanntes panhellenisches 'Zeuskult-Netzwerk' zutage tritt, das aus eleischen Opferdeutern in größerer Zahl als Mitglieder von so genannten Auslandsgemeinden in anderen Poleis bestand. Ulrich Sinn ("Olympias Spätgeschichte im Spiegel des Demeterkults") vertritt in seinem Aufsatz die These, dass nach dem Ende der offiziellen olympischen Spiele das Areal des Zeusheiligtums in einem geordneten Übergang zu einer kleinen "Landstadt" unter der Administration von Elis wurde. Indizien dafür findet er u.a. in dem lange gepflegten Andenken an die Demeterpriesterinnen aus hohen eleischen Familien, deren Statuen und Ehrenplatz im Stadion noch viele Jahre aufrecht stehen blieben.

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01.03.2004
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