M. Klarer (Hsrg.): Verschleppt, verkauft, versklavt

Cover
Titel
Verschleppt, Verkauft, Versklavt. Deutschsprachige Sklavenberichte aus Nordafrika (1550–1800)
Weitere Titelangaben
Edition und Kommentar


Herausgeber
Klarer, Mario
Erschienen
Anzahl Seiten
249 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Dorfner, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Die Geschichtswissenschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren intensiv mit mediterraner Piraterie während der Frühen Neuzeit und dem Freikauf von Europäer/innen aus nordafrikanischer Gefangenschaft beschäftigt.[1] Die Forschungsergebnisse konnten zuletzt sogar einer breiten, historisch interessierten Öffentlichkeit vermittelt werden. Ausstellungen[2] und TV-Dokumentationen[3] haben dargelegt, dass es sich bei muslimischer wie christlicher Piraterie im Mittelmeer keineswegs um Randphänomene handelte: Zwischen 1550 und 1850 wurden mehrere hunderttausend Europäer/innen in nordafrikanische Gefangenschaft verschleppt.[4] Die Opfer wurden gegen Lösegeld freigelassen oder auf den Sklavenmärkten von Algier, Tripolis bzw. Tunis verkauft. Wie Mario Klarer eindrucksvoll zeigt, ist das Themenfeld jedoch noch keineswegs erschöpfend behandelt. Der Amerikanist erforscht im Rahmen des FWF-Projekts „European Slaves: Christians in African Pirate Encounters“ (ESCAPE) gedruckte Berichte von ehemaligen Piraterieopfern. Aus Klarers Projekt ist unter anderem ein Sammelband zu Gefangenenberichten sowie die hier zu besprechende Quellenedition zu deutschsprachigen Sklavenberichten hervorgegangen.[5]

Die Edition umfasst sechs deutschsprachige Gefangenenberichte, denen jeweils ein kurzer, drei- bis fünfseitiger Kommentar vorangestellt ist. Klarer fasst den Begriff „deutsch“ bewusst weit, um zwei Berichte aufnehmen zu können, die ursprünglich auf flämisch beziehungsweise dänisch verfasst, jedoch kurz nach ihrer Niederschrift bereits in deutscher Sprache publiziert wurden. Drei Aspekte lenken die Auswahl: Klarer beschränkt sich erstens auf „authentisch erscheinende Sklavenerzählungen“ (S. 44), schließt somit rein literarische Werke aus. In der Konsequenz konnte keiner der im frühen 19. Jahrhundert auf dem Druckmarkt populären Berichte weiblicher Protagonistinnen berücksichtigt werden, da es sich hierbei „in den meisten Fällen um reine Fiktion“ handele (S. 34). Zweitens werden mit den Berichten die drei frühneuzeitlichen Jahrhunderte gut abgedeckt: Der älteste Bericht, verfasst von Balthasar Sturmer, erschien 1558 im Druck, Leonhard Eisenschmieds Werk hingegen wurde 1807 veröffentlicht. Drittens verdeutlichen die Berichte, wie unterschiedlich die Handlungsmöglichkeiten der Gefangenen sowie ihre Wege in die Freiheit waren: Während Hark Olufs (1708–1754) nach seiner Konversion zum Islam bis zum Kavalleriekommandeur des Beys von Constantine aufstieg und für seine militärischen Erfolge die Freiheit erhielt, musste ein Gefangener namens Johann Michael Kühn darauf vertrauen, dass sein Bruder sowie sein Landesherr die Lösegeldsumme aufbringen konnten.

Klarer eröffnet den Band mit einer eingängigen, klug gegliederten Einleitung, die unter anderem die Intentionen der Autoren quellenkritisch beleuchtet: Sie präsentieren sich in ihren Berichten beispielsweise zumeist als glaubensfeste Christen, um Verdächtigungen ihrer Umwelt vorzubeugen, während der Gefangenschaft konvertiert zu sein. Für Historiker/innen aufschlussreich ist vor allem Klarers These einer Wechselwirkung zwischen Sklavenberichten und Romanen. Während Sklavenberichte des 16. Jahrhunderts die Entstehung der frühen Romane beeinflussten, lasse sich für das 18. Jahrhundert zeigen, dass Romane wie Daniel Defoes Robinson Crusoe die Sklavenerzählungen erzähltechnisch und stilistisch beeinflussten. Ende des 18. Jahrhunderts sei geradezu eine „Hybridisierung des literarischen Genres der Robinsonade mit den barbaresken Sklavenberichten“ zu beobachten (S. 212).

Die Edition ist zwischen Lese- und wissenschaftlicher Studienausgabe angesiedelt. Die sechs Gefangenenberichte wurden zeichengetreu transkribiert, Glättung von Zeichensetzung und Orthografie also vermieden. Die Seitenumbrüche und Folionummern der Originalmanuskripte sind in eckigen Klammern vermerkt. Besonderheiten, wie beispielsweise die Verwendung von roter Tinte in Sturmers Bericht, wurden kenntlich gemacht. Außerdem erleichtert ein Index die Suche nach Personen beziehungsweise Orten. Auf einen Anmerkungsapparat wurde hingegen verzichtet, was besonders die Lektüre des 1666 gedruckten Berichts von Emanuel Aranda, eines flämischen Adeligen, für Nichtexpert/innen erschwert. Aranda gebraucht beispielsweise zahlreiche militärische Wendungen, die heute nicht mehr geläufig sind („solche bravade machen“; „zum Succurs kommen“, S. 93, S. 97).

In Hinblick auf einen Einsatz der Edition in der universitären Lehre ist es etwas bedauerlich, dass die biographischen Skizzen in den Kommentaren durchweg zu knapp ausfallen. Im dreiseitigen Kommentar zu Hark Olufs werden beispielsweise dessen Lebensdaten nicht erwähnt, weshalb für eine gründliche Quellenerschließung zusätzlich Martin Rheinheimers Monographie „Der fremde Sohn“ konsultiert werden muss.[6] Auch die Lebensdaten der „bayerischen Wolffgang-Brüder“ (S. 17) sind nicht erwähnt. Wie dieses Beispiel zeigt, fehlen zudem valide Anmerkungen zu den Obrigkeiten der Gefangenen: Die Brüder waren als Bürger der Reichsstadt Augsburg keine Untertanen des bayerischen Kurfürsten. Ausführungen zu den Obrigkeiten wären jedoch nicht zuletzt deshalb wünschenswert gewesen, da diese – wie der Bericht Johann Michael Kühns anschaulich belegt – teilweise maßgeblich am Freikauf beteiligt waren (S. 199).

Die Edition enthält 48 schwarz-weiß-Abbildungen. Die Titelblätter der edierten Berichte sind für deren Erschließung und Interpretation von elementarer Bedeutung. Einige weitere zeitgenössische Stiche, die an anderen Stellen eingearbeitet wurden und zu großen Teilen Dan Pierres „Historie van Barbaryen“ (1684) entnommen sind, haben hingegen eher illustrativen Charakter. Der Böhlau-Verlag hat alle Abbildungen in sehr guter Qualität wiedergegeben, indes bei den Seitenzahlen zu wenig Sorgfalt walten lassen. In der zweiten Hälfte des Buches stimmen die Seitenzahlen nicht mehr mit den im Inhaltsverzeichnis vermerkten Seitenzahlen überein. Beispielsweise beginnt der Kommentar zu Johann Michael Kühn nicht wie im Inhaltsverzeichnis angegeben auf Seite 165, sondern auf Seite 167.

Trotz dieser kleinen Monita wird die Edition in der universitären Lehre zweifelsohne vielfach und mit großem Gewinn eingesetzt werden. Historiker/innen, die zu mediterraner Piraterie forschen, dürfen sich übrigens bereits auf Klarers nächste Quellenedition freuen, die muslimische Wahrnehmungen mediterraner Sklaverei in den Fokus rücken wird.[7]

Anmerkungen:
[1] Siehe exemplarisch Linda Colley, Captives. Britain, Empire and the World, 1600–1850, London 2002.
[2] Die Sonderausstellung „Piraten und Sklaven im Mittelmeer“ auf Schloss Ambras (Innsbruck, 20. Juni – 6.Oktober 2019) besuchten 61.000 Besucher/innen.
[3] Siehe z.B. die arte-Dokumentation „Die Korsaren – Angriff der Menschenhändler“ aus dem Jahr 2015.
[4] Robert C. Davis taxiert die Zahl der europäischen Sklavinnen und Sklaven sogar mit „a million and quite possibly as many as a million and a quarter“. Robert C. Davis, Christian Slaves, Muslim Masters. White Slavery in the Mediterranean, the Barbary Coast, and Italy, 1500–1800, Basingstoke 2003, S. 28.
[5] Mario Klarer (Hrsg), Mediterranean Slavery and World Literature. Captivity Genres from Cervantes to Rousseau, London 2019.
[6] Martin Rheinheimer, Hark Olufs' Wiederkehr aus der Sklaverei, Nordfriesische Quellen und Studien, Band 3, 2. Aufl., Neumünster 2003.
[7] Mario Klarer (Hrsg.), Piracy and Slavery in the Early Modern Mediterranean. A Sourcebook of Arabic and Ottoman Texts [erscheint 2021].

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Veröffentlicht am
22.09.2020
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