Cover
Titel
Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland


Autor(en)
Moller, Sabine
Reihe
Studien zum Nationalsozialismus in der edition diskord 8
Erschienen
Tübingen 2003: edition diskord
Anzahl Seiten
239 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hasko Zimmer, Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Dass das „kulturelle“ Gedächtnis einer Gesellschaft, also die institutionalisierte und quasi offizielle Erinnerung, und das unterhalb dieser Ebene in diversen sozialen Gruppen und Milieus gepflegte „kommunikative“ Gedächtnis differieren, ist ein aus der Alltagserfahrung vertrautes, empirisch häufig belegtes und seit Jahren auch gedächtnistheoretisch intensiv diskutiertes Phänomen. In welchem Maße diese Differenz selbst im Rahmen der in beiden deutschen Nachkriegsstaaten verbindlich gewordenen Erinnerung an die NS-Verbrechen fortbesteht, haben kürzlich die Aufsehen erregenden Ergebnisse des Hannoveraner Forschungsprojekts „Tradierung von Geschichtsbewusstsein“, aus dem auch Sabine Mollers Dissertation hervorgegangen ist, wieder gezeigt.[1] Harald Welzer und seine Mitarbeiterinnen hatten anhand der Erinnerungen an Nationalsozialismus und Holocaust in west- und ostdeutschen Familien eine tiefe Kluft zwischen ‚korrektem’ historischem Wissen („Lexikon“) und privatem Geschichtsbewusstsein („Familienalbum“) festgestellt. Dabei waren sie auf kommunikative Strategien der Kinder- und Enkelgeneration im Umgang mit den großelterlichen Erzählungen über die NS-Zeit gestoßen, mit denen die einstigen Täter und begeisterten Mitläufer der Familie zu oppositionellen ‚Helden’ oder missbrauchten ‚Opfern’ des Systems umgedeutet wurden. Zwar reichte das alarmistische Presseecho über den begrenzten Aussagewert der Projektergebnisse hinaus, doch muss in der Tat erstaunen, dass solche Umdeutungsprozesse auch in ostdeutschen Familien der 1990er-Jahre gebräuchlich zu sein scheinen, die zur Zeit der DDR immerhin von der Erinnerungskultur des offiziellen Antifaschismus geprägt worden sind.

Hier setzt Sabine Mollers vorliegende Untersuchung an. Als Teilprojekt fußt sie auf dem umfangreichen Material der im Rahmen des Hauptprojekts zwischen 1997 und 2000 durchgeführten Interviews mit 30 west- und 10 ostdeutschen Dreigenerationenfamilien, konzentriert sich jedoch auf die intensive Auswertung der mit drei Familien aus der früheren DDR geführten Gespräche. Zudem werden die mit hermeneutischen und inhaltsanalytischen Verfahren erzielten Ergebnisse in einen historisch-gesellschaftlichen Bezugsrahmen gestellt, um der Frage nach Zusammenhängen bzw. Korrespondenzen zwischen ostdeutschen Familienerinnerungen an die NS-Zeit und den jeweils dominanten Erinnerungskulturen während der DDR-Zeit sowie am Ende der 1990er-Jahre nachzugehen. Moller bearbeitet das Thema mit einem im ersten Teil ihrer Untersuchung differenziert entfalteten Konzept, das gedächtnistheoretische Überlegungen (Halbwachs, Assmann) mit der erinnerungskulturellen Entwicklung in West- und Ostdeutschland bis in die 1990er-Jahre und empirischen Befunden zum Geschichtsbewusstsein schlüssig verknüpft. Familienerinnerungen an die NS-Zeit werden so als Formen des kommunikativen Gedächtnisses verstanden, die in einem bestimmten Verhältnis zum offiziellen kulturellen Gedächtnis der jeweiligen Gesellschaft stehen und von dessen historischem Wandel nicht unberührt bleiben. Im Unterschied zum Hauptprojekt werden daher die gegensätzlichen Erinnerungskulturen der beiden deutschen Nachkriegsstaaten sowie die vergangenheitspolitischen Auswirkungen der Vereinigung ausdrücklich als relevante Kontexte und Folien in die Analyse einbezogen.

Dieser anspruchsvolle und viel versprechende Mehrebenenansatz ist durchaus riskant. Denn seine Tragfähigkeit wird daran gemessen werden müssen, ob die aus den Nachwendedebatten über die DDR-Vergangenheit noch hinlänglich bekannten Einseitigkeiten und Pauschalurteile ebenso vermieden werden wie eine unkritische Betrachtung des westdeutschen Umgangs mit der NS-Vergangenheit im Vergleich mit der staatlich normierten Erinnerung in der DDR. Durch eine beeindruckend konzentrierte Aufarbeitung des gegenwärtigen Forschungsstandes umschifft Moller diese Klippen souverän, wobei sie das Phänomen von Verflechtung und Abgrenzung der beiden deutschen Staaten (Christoph Kleßmann), von dem jüngere Vergleichsstudien auch auf dem Feld der Vergangenheitspolitik ausgehen [2], im Auge behält. So gelingt ihr eine kompetente und bemerkenswert kritische Darstellung des öffentlichen Umgangs mit der NS-Vergangenheit in Ost und West, die sowohl die Ähnlichkeiten der geschichtspolitischen Strategien beider Seiten in der Phase des Kalten Krieges als auch die Eigenheiten und Fortschritte der westdeutschen ‚Vergangenheitsbewältigung’ seit den 1960er-Jahren sichtbar macht. Im Falle der DDR steht die Entwicklung des Antifaschismus-Konzepts zu Recht im Vordergrund, kommt diesem für die ostdeutsche NS-Erinnerung doch eine grundlegende Bedeutung zu. Demgegenüber hat sich die Skizze zur konfliktreichen Entwicklung in der Bundesrepublik etwas verselbstständigt; für die spätere Analyse der ostdeutschen Familieninterviews werden die Ergebnisse kaum genutzt. Hier wäre eine integrierte, auf bestimmte Themen oder geschichtspolitische Kontroversen konzentrierte Zusammenfassung wohl ergiebiger gewesen. Die gelungene Darstellung der Nachwendejahre hingegen ist für die Interpretation des untersuchten Materials von zentraler Bedeutung. Prägnant werden die für die ostdeutschen Interviewpartner in diesem Zusammenhang wichtigsten Veränderungen erfasst: die Delegitimierung und Entwertung der antifaschistischen Erinnerung, die hochkontroverse Revision der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR, die schockartig wirkenden Enthüllungen über die in der DDR tabuisierten sowjetischen Speziallager sowie nicht zuletzt die westdeutsche Diskussion über ‚doppelte Vergangenheit’ und ‚zwei Diktaturen’, die nach der ‚Wende’ zeitweilig das SED-Regime an die Seite des NS-Systems rückte.

In diesem Bezugsrahmen werden die im empirischen Teil der Studie ausführlich dargestellten und sensibel herausgearbeiteten Muster der intergenerationellen Kommunikation über die NS-Zeit in ostdeutschen Familien auf ihre zeit- und erinnerungsgeschichtlichen Bezüge untersucht. Dabei stehen drei den familiären Diskurs kennzeichnende Verfahren im Vordergrund: (a) die nachträgliche Legitimierung der von der Großelterngeneration vermittelten NS-Deutung in der Auseinandersetzung mit dem diskreditierten Antifaschismus, (b) die Entlastung der in den Nationalsozialismus involvierten Familienmitglieder im Rahmen des Deutungsmusters „missbrauchter Idealismus“ sowie (c) der Austausch des in der DDR vermittelten Bildes von der heroischen Rolle der sowjetischen Armee durch die anders gearteten, teilweise rassistischen Familienerinnerungen an ‚die Russen’. In allen befragten ostdeutschen Familien ist die Diskrepanz zwischen dem „Lexikon“ des offiziellen Geschichtsbildes und dem „Familienalbum“ ein wichtiges Thema. Im Unterschied zu den befragten westdeutschen Familien sind sie infolge der Vereinigung in der Situation, sich mit zwei Vergangenheiten auseinandersetzen zu müssen, wobei die DDR-Vergangenheit im Zentrum steht. Dabei spielen die Einseitigkeiten und Verzerrungen des dichotomischen SED-Antifaschismus eine ebenso große Rolle wie die ‚weißen Flecken’ im Geschichtsbild der DDR.

Auffallend ist, dass in allen befragten ostdeutschen Familien der Vergleich der DDR mit dem NS-Regime die Folie darstellt, vor der die eigene Stellung zu den beiden Systemen neu justiert wird. In diesem Rahmen erscheinen die geschönten NS-Erinnerungen der Großeltern in einem neuen Licht – und in den Augen ihrer Kinder und besonders der Enkelgeneration glaubwürdiger als zuvor. Im ostdeutschen Familiengedächtnis, so Mollers Resümee, ist der Umbruch von 1989 offenbar „der Punkt, der den Blick auf die Vergangenheit lenkt“ (S. 204). Die Pointe ergibt sich im Blick auf den zeitgenössischen Kontext: Handelt es sich bei dem in den Interviews regelmäßig auftauchenden DDR/NS-Vergleich (‚zwei Diktaturen’) doch um Deutungsmuster und Topoi, die in der geschichtspolitischen Debatte nach der Vereinigung, besonders in den frühen 1990er-Jahren, eine erhebliche Rolle gespielt haben. Offenbar hat diese Debatte nachhaltige Spuren im ostdeutschen Familiengedächtnis hinterlassen, zumal sie an ältere Opfer- und Widerstandserzählungen anknüpfen konnte.

Sabine Moller hat eine ertragreiche, anregende und gut lesbare Studie vorgelegt. Ihr besonderer Wert und ihre Anschlussfähigkeit scheint mir dort zu liegen, wo sie über das genannte Hauptprojekt hinausführt, nämlich in der Kontextualisierung der beobachteten innerfamiliären Vergangenheitsdiskurse und -konstruktionen: Kommunikative Gedächtnisse wie die in Familien tradierten sind in einer historisch geformten Weise und stärker als vielfach angenommen mit der jeweils hegemonialen Erinnerungskultur verschränkt. Zudem heben die Befunde dieser Familienstudie einmal mehr hervor, wie plural und zum Teil irritierend vielgestaltig sich Erinnern in unserer Gesellschaft vollzieht. Was aber ‚beweisen’ diese Erkenntnisse? Welche Bedeutung haben sie für die historisch-politische Bildung und die Erinnerungsarbeit? Diese Fragen, die Sabine Moller offen gelassen hat, regen zu weiteren Diskussionen an.

Anmerkungen:
[1] Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002. Siehe dazu die Rezension von Isabel Heinemann: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-127>.
[2] Vgl. Kleßmann, Christoph u.a. (Hgg.), Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.02.2004
Beiträger
Redaktionell betreut durch