J. Hübner: Gemein und ungleich

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Titel
Gemein und ungleich. Ländliches Gemeingut und ständische Gesellschaft in einem frühneuzeitlichen Markenverband. Die Essener Mark bei Osnabrück


Autor(en)
Hübner, Jonas
Reihe
Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 307
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
402 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reiner Prass, Erfurt

Waren Studien zur Nutzung von Gemeingütern in der Frühen Neuzeit und zu ihrer Aufteilung im 18. und 19. Jahrhundert bis in die 1990er-Jahre noch stark vom Modernisierungsparadigma und der allmählichen Abkehr hiervon geprägt gewesen, so erhielten sie durch Elinor Ostrom entscheidende Neuanstöße.[1] Sie verließ die bis dahin dominierenden ökonomischen, an den Prinzipien der kapitalistischen Marktwirtschaft orientierten Denkmuster, und legte dar, unter welchen Bedingungen Gemeingüter nachhaltig und ökonomisch sinnvoll genutzt werden. Diese Neubeurteilung der Gemeingüter bietet heute wichtige Argumente in der Diskussion gegen eine Privatisierung der Nutzungsrechte lebenswichtiger Ressourcen wie zum Beispiel des Wassers. Doch auch die historische Commons-Forschung griff ihre Anregungen auf, vertiefte die von Ostrom genutzten Ansätze der Institutionenökonomie und entwickelte den Property Rights-Ansatz, der auch vormoderne Eigentumsstrukturen berücksichtigt.

Jonas Hübner greift diese institutionengeschichtlichen Ansätze auf und verbindet sie mit einer sozialhistorischen Perspektive. Der Bezugsrahmen der von ihm betrachteten Akteure war die durch soziale Ungleichheit geprägte frühmoderne ländliche Gesellschaft. Durch eine „konsequente Kontextualisierung des vormodernen Eigentums“ will er die „multilaterale[n] Beziehung[en] zwischen Menschen, Institutionen und Gütern, die durch vielfältige Rechte und Pflichten miteinander verbunden sind“, in den Blick nehmen, um die „sozialen Logiken ländlicher Gemeingüterverwaltung“ in einem „mikrohistorische[n] Zuschnitt“ (S. 23) zu verfolgen. Hübner nutzt für seine Untersuchung den von Gabriele Jancke und Daniel Schläppi entwickelten praxeologischen Ansatz einer „Ökonomie sozialer Beziehungen“, um „sowohl das Verhältnis zwischen Akteuren und Ressourcen als auch die sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren“ (S. 30) zu erfassen. Er geht davon aus, dass das Zugriffsrecht auf die Ressourcen der Gemeingüter ausschlaggebend dafür war, wie die Akteure ihre sozialen Beziehungen regelten und ihren gesellschaftlichen Status definierten.

Hübners Untersuchungsfeld ist die Mark Essen in der Nähe von Osnabrück. Es handelt sich um eine der großen nordwestdeutschen Marken, deren ökonomische und soziale Bedeutung sich von den Gemeingütern anderer deutscher Regionen stark unterschied. Hübner beschäftigt sich zunächst mit der Nutzung der Essener Mark im 16. und 17. Jahrhundert (S. 77–191), und in einem zweiten Schritt widmet er sich der Markenteilung im 18. und 19. Jahrhundert (S. 193–332). Ihm folgen ein Vergleich mit zwei Fallstudien aus der Region und ein kurzes Fazit (S. 333–361).

Für die Untersuchung der Ressourcennutzung im 16. und 17. Jahrhundert und die damit verbundenen Konflikte zwischen den Markenberechtigten nutzt Hübner vor allem Holzgerichtsprotokolle. Sie erlauben Einblicke in die Nutzung der Mark, aber keine Aussagen über ihren Zustand. Er kann darlegen, wie adlige Markenberechtigte versuchten, ihre lokale Machtposition auszudehnen. Diese Machtkämpfe spiegelten sich sowohl in Konflikten um Zugriffrechte auf die Mark als auch in Praktiken der Sanktionierung von Übertretungen der Nutzungsregeln. Doch auch bäuerliche Markengenossen nutzten die Möglichkeiten der „Strafverfolgung“, um sich gegen klein- und unterbäuerliche Schichten abzugrenzen.

Hübner ordnet Konflikte und Regelungen zu Markennutzungen in die Entwicklung der Herrschaftspraxis in einem nordwestdeutschen Territorium ein. Ihm gelingt es darzulegen, wie in der Essener Mark adelige Standesherren lokale Konflikte für die Festigung ihrer Standesposition zu nutzen versuchten. Zu den Konflikten zwischen bäuerlichen Berechtigten und unterbäuerlichen Nutzern kann Hübner hingegen nur wenig sagen. Dies ist vor allem auf die von ihm verwendeten Quellen zurückzuführen. Es handelt sich um herrschaftliche Quellen, die er seitenweise zitiert, um möglichst nah an den Geist der Akteure heranzukommen. Diese Texte spiegeln jedoch lediglich die Perspektive ihrer adeligen Autoren bzw. Auftraggeber wider. Bäuerliche und unterbäuerliche Lebenswelten bekommt er auf diesem Weg nur schwer in den Blick. Zudem lehnt er andere methodische Herangehensweisen wie zum Beispiel die Kriminalstatistik ab und er setzt sich auch nicht ernsthaft mit der Möglichkeit auseinander, dass Konflikte gerade bei asymmetrischen Machtverhältnissen durch Praktiken des Aushandelns geregelt werden konnten, wie Jan Peters nachwies.[2]

Die zunehmenden Konflikte um die Mark ließen sich schließlich, so Hübners Ergebnis, nicht mehr durch Regelungen zur Markennutzung lösen. Vor dem Hintergrund des zeitgenössischen ökonomischen Diskurses bot sich vielen Akteuren nur noch ihre Teilung als einziger Ausweg an. Deren Geschichte widmet Hübner das zweite große Kapitel seiner Studie unter dem Titel „Kontinuität und Wandel im 18. und 19. Jahrhundert“ (S. 193–332). Die Teilung der Essener Mark begann bereits im 18. Jahrhundert durch eine „offene Teilung der Gehölze in Berg und Bruch von 1754 bis 1773“ (S. 194). Diese ausschließliche Aufteilung und Privatisierung der Forstnutzung brachte einen im Grunde bereits im Mittelalter einsetzenden Prozess zu seinem Abschluss. Dabei wurden die „Natur und Eigenschaften der Mark“ (S. 204) nicht verändert und die traditionelle Aufsicht über dieselbe blieb erhalten. Die frühe Holzteilung führte zu einer Atomisierung der Forstflächen, und da das Holz zur Ware mutierte, kam es zu einer Übernutzung des Waldes.

Ab 1792 versuchten einzelne Bauern immer wieder, eine vollständige Teilung der Mark in die Wege zu leiten, hatten zunächst aber keinen Erfolg. Der nächste Schritt hin zu einer vollständigen Markenteilung war die zwischen 1817 und 1825 erfolgende Einhegung der Gehölze. Sie beinhaltete eine Aufhebung der Weiderechte, die eine Verbesserung der Holzkultur bewirken sollte. Den letzten Schritt bildete schließlich die vollständige Teilung der Essener Mark, die mit dem Teilungsrezess von 1836 abgeschlossen wurde. Hübner geht den Konflikten um diesen langwierigen Teilungsprozess genau nach, bei denen nun die ländliche Bevölkerung in den Mittelpunkt trat. Hübner weist nach, dass eine Befürwortung oder Ablehnung der Teilung nicht von der sozialen Position abhing, sondern vom spezifischen Nutzungsinteresse der jeweiligen Person an der Essener Mark. Damit bestätigt er bereits vorhandene Forschungsergebnisse, wie auch insgesamt dieser Teil der Untersuchung nur wenige neue inhaltliche Erkenntnisse bringt. Allerdings gelingt es ihm dank seiner institutionengeschichtlichen Perspektive, die Teilung der Essener Mark in die vielfältigen Wandlungsprozesse dieser Zeit, die auch den staats- und privatrechtlichen Handlungsrahmen veränderten, einzubinden.

In einem letzten Abschnitt vergleicht Hübner seine Ergebnisse mit zwei Studien zur frühneuzeitlichen Verwaltung der Lübbecker Mark und zur Teilung der Oldendorfer Mark. Dies bringt zwar interessante Details zu regionalen Unterschieden zum Vorschein, beinhaltet aber keinen wirklichen Erkenntnisgewinn. Interessanter wäre hier ein Vergleich mit Regionen gewesen, in denen die Teilungen unter ganz anderen Rahmenbedingungen durchgeführt wurden. Dies hätte dazu beitragen können, Besonderheiten und Ähnlichkeiten der Teilungen in Nordwestdeutschland und anderen deutschen Ländern stärker herauszuarbeiten.

Auch wenn Hübner dazu neigt, sich in seiner Darstellung in einer Überfülle von Details zu verlieren, und seine substantivierte, von theoretischer Begrifflichkeit geprägte Sprache die Lektüre nicht immer erleichtert, eröffnet er doch neue Perspektiven für eine Einbindung der Geschichte des genossenschaftlichen Besitzes von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert. Er kann insbesondere nachweisen, dass die Marken auch ein Feld allgemeiner gesellschaftlicher Auseinandersetzungen waren, und ihm gelingt eine stärkere Einbettung der Markenteilungen in den allgemeinen Prozess des Wandels staatlicher und rechtlicher Institutionen, welcher die deutschen Gesellschaften vom späten 18. bis ins 19. Jahrhundert prägte.

Anmerkungen:
[1] Elinor Ostrom, Governing the commons. The evolution of institutions for collective action, Cambridge 1990 (dt.: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt, Tübingen 1999).
[2] Jan Peters, Märkische Lebenswelten. Gesellschaftsgeschichte der Herrschaft Plattenburg-Wilsnack, Prignitz 1550–1880, Berlin 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.01.2021
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