P. Ricoeur: Geschichtsschreibung und Repräsentation

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Titel
Geschichtsschreibung und Repräsentation der Vergangenheit.


Autor(en)
Ricoeur, Paul
Reihe
Konferenzen des Centre Marc Bloch 1
Erschienen
Münster 2003: LIT Verlag
Anzahl Seiten
48 S.
Preis
€ 9,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alessandro Barberi, Fakultät Medien, Bauhaus-Universität Weimar

Die Frage nach der repräsentativen Kraft, ihrer Begriffe und Wissensbestände hat in den unterschiedlichsten Forschungsgebieten seit der Konstitution der modernen Wissenschaften eine maßgebliche Rolle gespielt. Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit[1] durchzieht von der Renaissance bis zur Gegenwart die Archive der Wissenschaftsgeschichte, ohne dass dieses Rätsel der Repräsentation im Idealismus oder Materialismus gelöst werden konnte. Spätestens seit der Bildung des Historismus ist die Frage nach den Bedingungen der historischen Erkenntnis und ihrem Verhältnis zur Vergangenheit von großer Relevanz, wobei die Antworten sich oft mit Realismus und Empirismus verknüpften. Und so wird eine systematische Epistemologie der Historie gern der philosophischen Forschung überlassen, obwohl es gerade historiografische Analysen – wie jene Ernst Cassirers – waren, die das Problem eindringlich vor Augen führen konnten und die Grundlagenforschung der Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen betreffen. Bereits in Temps et Récit[2] hat der französische Philosoph Paul Ricœur einen phänomenologischen Beitrag zu den narrativen Grundlagen der Historiografie geliefert und damit ein hermeneutisches und anthropologisches Erkenntnisinteresse dokumentiert, das sich mit La mémoire, l’histoire, l’oubli[3] fortsetzte. Diese Studien stellen eine Grundlage für die hier vorgestellte Publikation dar, die auf einem Vortrag beruht, der an der École des Hautes Études en Science Sociale gehalten worden war. Es handelt sich dabei um eine gebündelte Hypothesensammlung von Ricœurs Geschichtsphilosophie.

Die Erwägungen zum Verhältnis von Geschichte und Repräsentation setzen bei der Erwartung des Lesers an. Der rezeptionsästhetisch gefasste Wunsch, nicht belogen zu werden, wird zum Kriterium der Unterscheidung zwischen Historiografie und Phantasie. Denn zwischen dem Autor und dem Leser besteht nach Ricœur ein „stillschweigende(r) Pakt“ (S. 7), der das Überschreiten der Trennlinie von Realität und Fiktion gleichsam verbietet und die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge markiert. Repräsentationen werden dabei in ihrer Mehrdeutigkeit sowohl hinsichtlich der Vor- und Darstellungsweisen von Geschichte und Gedächtnis (als Abbildung des Vergangenen) als auch hinsichtlich der juristischen Frage nach den Möglichkeiten politischer Vertretung („Repräsentative Demokratie“) beleuchtet und im Verweis auf Michel de Certeaus L’écriture de l’histoire (S. 22) auf das Schreiben von Geschichte bezogen.

Bereits die erste Hypothese behandelt dabei die Darstellungsweisen des Historischen mit humanwissenschaftlichen Erklärungsmustern. Denn die Abbildung des Vergangenen wird zum psychologischen Phänomen des Gedächtnisses, welches dem historischen Bewusstsein als „Urerfahrung“ (S. 13) vorausgesetzt wird. Das Gedächtnis – so ein Leitmotiv der Ausführungen – bleibt die „Matrix der Geschichtswissenschaft“(S. 47f.), wodurch jede Historisierung des Psychologischen erneut von ihrem Gegenstand eingeholt wird. Wie bereits einleitend der Status historischer Wahrheitsansprüche auf das Verhältnis zwischen Autor und Leser zurückgeführt wurde, erweist sich in der Folge das kollektive („Wir“) respektive individuelle („Ich“) Gedächtnis als allgemeiner Träger jeder Repräsentation. Damit wird Geschichte als Sekundäreffekt einer anthropologischen Geschichtsphilosophie konzipiert, in der die Gedächtniserfahrung „gewissermaßen unterhalb“ (S. 8) der Geschichtswissenschaft liegt. Dieses Gedächtnis ermöglicht nun zweitens eine „Mehrfachzuschreibung der Erinnerung zu einer Vielzahl grammatikalischer Personen“ (S. 17), und drittens wird der Übergang von Gedächtnis zu Geschichte durch eine „Pragmatik der Erinnerung“ (S. 20) gewährleistet. Nach Ricœur existieren verhinderte, manipulierte oder verordnete Erinnerungen (S. 19). In einem weiteren Schritt werden drei Phasen der Arbeit des Historikers unterschieden: Denn die dokumentarische Phase in den Archiven, setzt sich im Erklären und Verstehen fort und schließt mit der „im eigentlichen Sinne literarische[n] oder schriftstellerische[n] Phase“ (S. 23) ab.

Nun werden Quellensuche und Archiv thematisiert, um mit Ginzburgs Indizienparadigma eine „subtile Dialektik zwischen Zeugnis und Dokument“ zu entfalten (S. 25). Dabei wird auf Braudels „Hierarchien der Dauer“ (S. 31) verwiesen, um „die auf der Ebene einer allgemeinen Semiotik der Repräsentation erarbeiteten Unterscheidungen für den Begriff der sozialen Repräsentation fruchtbar zu machen“ (S. 33). Im Verweis auf Hayden Whites Tropologie rekapituliert Ricœur die Frage nach der Fiktionalität der Historiografie anhand des Holocaust, um den „dokumentarischen Beweis“ (S. 43) als unabdingbare Voraussetzung der Historiografie zu markieren. Damit folgt Ricœur einer Tendenz, nach der Hayden Whites Tropologie zwar gekannt, aber nicht „geschichtswissenschaftlich“ anerkannt wird. Ginzburgs Text Just one Witness wird dabei zu einem „bewegenden Aufsatz“ (S. 41). [4] Alles in allem handelt es sich also um einen fragenden Versuch, den „allgemeinen Rahmen einer Phänomenologie des Gedächtnisses“ (S. 12) abzustecken: „Wenn die Erinnerung ein Vorstellungsbild ist, wie soll man sie nicht mit der Phantasie, der Fiktion oder der Halluzination verwechseln?“ (S. 12-13) Zu antworten obliegt dabei nur einer rezeptiv-politischen Instanz: „Einzig der Leser ist befugt, in dieser Debatte zu entscheiden, und im Leser, der Bürger.“ (S. 48)

Um abschließend nur einige Kritikpunkte zu markieren: Es bleiben prinzipiell jene Forschungsergebnisse unberücksichtigt, nach denen die Seelen von Autoren und Lesern eine Geschichte haben und letztere nicht vorausgesetzt sind. Denn sie werden erst in einem historischen Geflecht aus Wissens-, Aufschreibe-, Experimental- und Zeichensystemen [5] hergestellt. Und so wären auch Gedächtnis und Erinnerung als Effekte derartiger Infrastrukturen aufzufassen. Eine Perspektive, die in Ricœurs Argumentation unter den Tisch fällt. Mehr als bemerkenswert ist dahingehend, dass Sozialgeschichte nicht nur als „ein Sektor unter anderen“ gefasst wird, sondern als „Gesichtspunkt, unter dem die Geschichtswissenschaft ihr Lager [sic! A.B.] wählt“ (S. 30). Mag dies auch auf den Mainstream zutreffen, so bleibt darauf zu verweisen, dass diese Ausrichtung der Geschichtswissenschaft jüngst von keineswegs unhistorischen „Lagern“ in Frage gestellt wurde. So bestehen die innovativsten Studien der Wissenschaftsgeschichte nicht zuletzt in einer Historisierung humanwissenschaftlicher Vollzüge [6] und haben Kulturwissenschaftler den sozialwissenschaftlichen Totalitätsanspruch durchkreuzt. [7] Gerade angesichts der Polyvalenz der Repräsentation scheint Ricœur die eingefahrenen Bahnen der geschichtswissenschaftlichen Debatten zu reproduzieren, denn mit einer eingehenden Historisierung und philosophischen Durcharbeitung ihrer Repräsentationsstrategien zu beginnen.

Denn zwischen Individuum und Kollektiv wird die Möglichkeit einer Fragestellung verspielt, die mit der Frage nach den Möglichkeitsbedingungen jeder Repräsentation einhergeht. Daher wird nicht auf Die Kritik der reinen Vernunft[8] verwiesen, welche für das Erkenntnis- und Repräsentationsproblem eine markante Zäsur um 1800 darstellt. Gänzlich verwunderlich ist auch die Abwesenheit von Foucaults Die Ordnung der Dinge[9], welche das Verhältnis von Repräsentation und Geschichte erforscht. Überhaupt scheint die in der Geschichtswissenschaft weit verbreitete Abneigung gegen strukturale Verfahren durch phänomenologische Sekurität unterstützt zu werden: Denn nach Ricœur findet „der Historiker in der Linguistik Saussures, die das Zeichen unter Ausschluss des Referenten auf das Paar Signifikant/Signifikat reduziert [sic! A.B.], nur einen schwachen Rückhalt“ (S. 27). So wird die weit verbreitete Annahme, es gäbe eine klare Transparenz zwischen den (gegenwärtigen) Zeichen und den (vergangenen) Dingen mit philosophischer Dignität abgestützt, wodurch das Repräsentationsproblem eher verstellt denn erhellt wird. Dahingehend kann man nur hoffen, dass die kommende Geschichtswissenschaft sich an jene Analysen halten möge, in denen die Repräsentation nicht zur Vermittlungsinstanz von Begriff und Wirklichkeit wird. [10]

Anmerkungen:
[1] Cassirer, Ernst, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Darmstadt 1994.
[2] Ricœur, Paul, Temps et Récit, 3 Bände, Paris 1983-85.
[3] Ricœur, Paul, La mémoire, l’histoire, l’oubli, Paris 2000.
[4] Ginzburg, Carlo, Just one Witness, in: Friedlander, Saul (Hg.), Probing the Limits of Representation. Nazism and the „Final Solution“, Cambridge 1992 S. 82-96.
[5] Vogl, Joseph, Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, München 2002; Kittler, Friedrich, Aufschreibesysteme 1800 - 1900, Berlin 1985; Rheinberger, Hans-Jörg, Experiment. Differenz. Schrift. Zur Geschichte epistemischer Dinge, Marburg an der Lahn 1992; Siegert, Bernhard, Passage des Digitalen. Zeichenpraktiken der neuzeitlichen Wissenschaft, 2003.
[6] Andriopoulos, Stefan; Dotzler, Bernhard J., 1929. Beiträge zur Archäologie der Medien, Frankfurt am Main 2002.
[7] Reckwitz, Andreas, Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Göttingen 2000.
[8] Kant, Immanuel, Die Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt am Main 1988.
[9] Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1994.
[10] Sarasin, Philipp, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt am Main 2001; Ders., Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2003.

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Veröffentlicht am
26.04.2004
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