L. Scholze-Irrlitz: Paradigma "Ländliche Gesellschaft"

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Titel
Paradigma "Ländliche Gesellschaft". Ethnografische Skizzen zur Wissensgeschichte bis ins 21. Jahrhundert


Autor(en)
Scholze-Irrlitz, Leonore
Erschienen
Münster 2019: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
263 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Meyer-Renschhausen, Freie Universität Berlin

Waren die Dörfer nicht erst kürzlich totgesagt worden und sollten nicht einige von ihnen „leer gezogen“ werden, um Verwaltungskosten zu sparen? In Wirklichkeit aber ist die „Ländliche Gesellschaft“ – nicht nur angesichts der Ereignisse im Jahr 2020 – wieder präsent. Die Aufforderung zum Perspektivwechsel auch in der Forschung liegt uns jetzt in Form eines Buches vor. Ein Band, in dem neben anderem deutlich wird, dass so manche Dörfer zumal in den östlichen Bundesländern – wenn auch ihrer Eigenständigkeit in der Verwaltung beraubt und der Statistik nach durch hohe Arbeitslosigkeit gezeichnet – quicklebendig sind und ihre Wende hin zu einem annehmbaren Leben selbstbewusst gestaltet haben.

Die Autorin, die Berliner Ethnologin und Historikerin, Leonore Scholze-Irrlitz legt mit ihren Beiträgen eine grundsätzliche Einführung in eine spezifische Wissenskultur des ethnologischen Denkens in Deutschland vor. Sie sucht nach neuen Wegen, die „Ländliche Gesellschaft“ wieder ins Zentrum der Forschung zu rücken. Dabei schlägt sie zwei Untersuchungsebenen vor und führt dies näher aus. Im ersten Teil ihrer Arbeit werden verschiedene Herangehensweisen zum Thema angesprochen – entlang konkreter Fragen von der Aufklärung bis in die Gegenwart. Der Abschnitt „Interpretationsprobleme der Disziplin“ geht dabei über die Fachhistorie hinaus, um auf bisher zu wenig beachtete, doch für heutige Forschungen nutzbare Gesichtspunkte zu verweisen. Im zweiten Teil wird dann an Fallbeispielen verdeutlicht, wie sozial begründetes, empirisches Arbeiten zur „Ländlichen Gesellschaft“ aufgefasst werden kann.

Am Beginn steht eine Einführung in die Entstehungsgeschichte des Faches im Rahmen der Aufklärung zur Zeit der Französischen Revolution – samt ihrer zunächst republikanischen wie auch philanthropischen Hinwendung zum „Volk“ als neuem Subjekt der Geschichte. Verschiedene theoretische Grundsatzerörterungen schließen sich an, bevor die Autorin im Kapitel „Von der ‚Ethnographie’ zur Europäischen Ethnologie“ äußerst tiefenscharf und detailliert komplexe Konzepte von „Völkerkunde“ und „Volkskunde“ in der DDR beleuchtet und sie im Sinne von Einheit und Differenz der Disziplin, eines sich zwischen soziologischer Orientierung und enger geführter kulturgeschichtlicher Sicht bewegenden Faches, einordnet. Gerade die Darstellung des Unterschieds zwischen Richard Thurnwalds auf soziologischen Fragestellungen basierender, „funktional orientierter Verbindung von Völker- und Volkskunde“ und Adolf Spamers „historisch-philologischem und mental-folkloristischen Forschungsansatz“ (S. 110) rückt die innere Differenz der Disziplin und spätere organisatorische Konsequenzen in den Blick. Auch alternative Dispositionen werden am Neubeginn des Faches nach der nationalsozialistischen Periode und zugleich unter beginnendem West-Ost-Konflikt materialreich beleuchtet. Die mit der Empirie-Bindung gegebene thematische Offenheit habe die wechselnde politische Inanspruchnahme der deutschen Volkskunde erleichtert (S. 117), so die Autorin. Das impliziert gleichzeitig die generelle Frage nach dem mehr zeitgeschichtlich affirmativen oder in der jeweiligen Epoche kritischen Duktus der Disziplin, wie sie im Kapitel „Universitätsvolkskunde im Nationalsozialismus“ anhand von Belegen aus bisher unveröffentlichten Archiv-Beständen der Humboldt-Universität gestellt wird.

Im ersten Buchteil zeigen wissenshistorische Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts Spezifika der deutschen Geschichte des Faches gegenüber der französischen oder angloamerikanischen Tradition auf. Die thematisch weitläufig angelegten Gedankengänge fügen sich dann allmählich in ein Konzept der Ethnografie, bei dem Vorgänge „in konkreten Räumen“ untersucht werden, um „wesentliche Aspekte des kulturellen Selbstverständnisses von Bevölkerungsgruppen“ aufzuklären und sich originären „Zugang zu lebenspraktischen Themen“ zu verschaffen. „Im Mittelpunkt steht der räumlich verortete Modus des Wissens, der sogenannte Wissensraum, in dem Wissen sowohl produziert wird, als auch seine Geltung behauptet.“ (S. 7f.) Das verklammert die reichhaltigen Darstellungen der weit auseinanderliegenden Wissenschaftsperioden von der Volkskunde in der deutschen Aufklärung bis hin zu Feldforschungen im Brandenburg der 1930er-Jahre.

Im leitenden ersten Abschnitt zum ersten Teil erläutert die Autorin ihre Sicht auf das Konzept der alten Volkskunde bzw. der heutigen Europäischen Ethnologie als einer latent zivilisationskritischen Disziplin. Im Gegensatz zu den nach bloßen Räumen oder Strukturen fragenden Nachbardisziplinen wie Geografie oder Soziologie wenden Volkskunde bzw. Europäische Ethnologie als sozialwissenschaftliche Disziplinen den Blick konsequent hin zur subjektiven Seite des Geschehens und bringen die „Bejahung der Tradition (bzw. das Leiden in ihr) ans Licht“ (S. 45): Wie sind die einzelnen Menschen in konkreten Räumen von den jeweiligen Strukturveränderungen betroffen und welche „Eigenlogiken“ entwickeln sie? Für die heutige Europäische Ethnologie könne es nicht um weitgreifende Generalisierungen, sondern müsste es vielmehr um eine kritische Reflexion bevölkerungspolitischer, ökologischer, medizinischer unter anderem Tendenzen gehen. Kurzum, die Europäische Ethnologie trägt den „zivilisationskritischen Gehalt der alten Volkskunde“ latent in sich (S. 46). Mithin gewinnt die historische Sicht – Leonore Scholze-Irrlitz war vor ihrer Tätigkeit als Hochschuldozentin mehrere Jahre Leiterin eines Museums in Brandenburg und Sprecherin des Brandenburger Museumsverbandes – Kontinuität in der Idee von Volkskunde als einer historiografischen Linie „der kritischen Distanzierung von einem Gesellschaftsbild, das sich ausschließlich durch ökonomische Effizienz auf Basis privatwirtschaftlich bestimmter Industrialisierung definiert“ (S. 45).

Das Buch mit dem fast ablenkenden Titel „Paradigma ‚Ländliche Gesellschaft‘“ enthält zwei gesonderte Abschnitte zu methodischen Grundfragen der Europäischen Ethnologie: „Zwischen Zentrum und Peripherie. Prinzipien der Wissenschaftstheorie“ und „Von der Ethnographie zur Europäischen Ethnologie. Konzepte und Profilierungen“. In ersterem werden drei Entwicklungsstadien der Disziplin unterschieden und mit dem generellen Übergang zum neuzeitlich-linearen Horizont-Verständnis von Zentrum und Peripherie verbunden. Der zweite resümiert vor allem Veränderungen der ostdeutschen Konzepte der Disziplin – in Form auch einer erstaunlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit von ost- und westdeutschen sowie österreichischen Forschern – und zeigt die Tendenz ideologischer Entspannung besonders bei der Hinwendung „Von der Arbeiterkultur- zur Alltagskulturforschung“. Dem schließt sich ein Detailkapitel zu „Studienprofilen und Projektarbeit an der Berliner Humboldt-Universität nach 1960“ an. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang auch Einblicke in oft nur dogmatisch als verschlossen verkannte historiografische Theoriediskussionen in der DDR.

Der interessante Akzent der wissensgeschichtlichen Abschnitte besteht aber in den weiter ausgreifenden Ausführungen zur Logik des ethnologischen Denkens. Hier werden auch Volks- und Völkerkunde in Relation zueinander gesehen und wie bei der Zentrum-Peripherie-Thematik die jeweils gegebenen räumlichen mit den historisch-zeitlichen Konnotationen verbunden. Dazu bringen die Studien ein immanentes, gewissermaßen kulturpathologisches Element historischen Denkens als eine Ebene kultureller Selbstvergewisserung in die Diskussion des Faches ein und berühren damit eine bis weit in die Antike zurückreichende pessimistische Tradition europäisch-historischer Selbstvergewisserung, die allerdings dem Selbstverständnis bestimmter sozialer Schichten zugehört. Denn zur gleichen Zeit formulieren verschiedene Historiker auch ihr sozialhistorisch verankertes, aufrüttelndes Perspektivbewusstsein. Man denke an Justus Mösers zitierte „Patriotische Phantasien“ (1774), die ebenfalls kritische Aussagen wie den Teil „Vom Verfall des Handwerks in kleinen Städten“ enthalten, doch zugleich eine offene Historisierung von Sitten und Gesetzen in „Ueber die Veränderung der Sitten“ bringen. Dem frühen volkskundlichen Denken sind solche Verschiedenheiten als Antwort auf den empfundenen „Ordnungs- und Vertrautheitsschwund“ immanent, wie die vorliegende Studie ausführt.

Der zweite Buchteil mit dem Titel „Empirie: ‚Ländliche Gesellschaft’“ behält den betonten theoriegeschichtlichen Horizont auch in ausgewählten Feldstudien bei. Nach Abschnitten zur Entfaltung des statischen Kulturraumbegriffs der frühen Volkskunde, zur „Ungleichzeitigkeit räumlich parallel existierender zeithistorischer Erinnerungen“ und zu den an der „Annales“-Schule orientierten Auffassungen von Geschichte als eines „tendenziell unabgeschlossenen Dialogs“ folgen Darstellungen zu Sozialformationen ländlicher Räume anhand von zwei Untersuchungen im Land Brandenburg sowie zu nachhaltigen Produktions- und Reproduktionskonzepten. Der Umbruch in den Lebenserfahrungen der ostdeutschen Land-Bevölkerung nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik wird ebenfalls an zwei Beispielen, nämlich dem „Ökodorf Brodowin“ im Barnim und an der Ortschaft Wallmow in der Uckermark paradigmatisch nachgezeichnet. Dabei wird nicht zuletzt die Tätigkeit der Treuhand-Organisation einer kritischen Betrachtung unterzogen, da sie zum Arbeitsplatzmangel ebenso beigetragen hat wie dazu, dass diese Betriebe heute oft in den Händen von landwirtschaftsfremden, zumeist westdeutschen Investor/innen sind, denen Arbeit und Leben in den betroffenen Dörfern unbekannt und einerlei sind. Und nicht zuletzt thematisiert ein interessanter Abschnitt zum größten „Durchgangslager für Zwangs- und Fremdarbeiter“ (1941–1945) in Berlin und Brandenburg die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis, nach der teilweise unbewussten Verdrängung zeitgeschichtlichen Wissens bei der deutschen Bevölkerung gerade auch in unmittelbarer Nachbarschaft eines solchen Lagers. Den unaufhebbaren Konnex zwischen diesen Überlegungen und dem Anspruch an eine angemessene gesellschaftswissenschaftliche Theoriebildung betont die Feststellung: „Im Wissen durch Zeugenschaft ist der humane, der menschlich verpflichtende Sinn unseres kulturellen Gedächtnisses unmittelbar verwirklicht.“ (S. 195)

Das Buch ist mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis nebst Personenregister ausgestattet und zudem sehr ansprechend und gut lesbar gestaltet. Nur eine die Lektüre etwas erschwerende, verlagstechnisch erforderliche moderne Zitierweise verlangt der Leserschaft ab, stets drei Finger im Buch zu haben, um diesen innovativen Band zur zeitgenössischen Ethnologie bewältigen zu können. Er gehört nach Auffassung der Rezensentin in jede Universitäts- und Fachbibliothek.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.01.2021
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