A. Eder: Über das Leben von und mit Migranten

Titel
'Wir sind auch da!'. Über das Leben von und mit Migranten in europäischen Großstädten


Autor(en)
Eder, Angelika
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Philipp Sternberg, Berlin

Der Untertitel dieses migrationsgeschichtlichen Sammelbandes ist ein Etikettenschwindel - aber nur ein halber. Und ein glücklicher zudem. Zwar verschleiert die unbestimmte Formulierung „[...] in europäischen Großstädten" die hanseatische Herkunft dieses Werks: Herausgegeben wird er von der von Axel Schildt geleiteten Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Entstanden ist er aus einer Tagung im Hamburger Warburg-Haus im Jahre 2002 unter dem Titel „'Fremde' in Hamburg - fremd sein in europäischen Großstädten". Und präsentiert wurde er im Hamburger „Museum der Arbeit", dessen aktuelle Ausstellung „Geteilte Welten" (bis 18. April 2004) sich ebenfalls mit der Ein- und Auswanderung in die Hansestadt beschäftigt und die konzeptionell wie inhaltlich eng mit dem Band verknüpft ist. Glücklich ist die „Verschleierung" dieses Hamburg-Bezugs in der Titelgebung aber dennoch - aus akademischen Werbezwecken. Denn die 22 Aufsätze haben es in ihrer übergroßen Mehrheit verdient, auch außerhalb regionalgeschichtlicher Zusammenhänge wahrgenommen zu werden. Sie bewegen sich ausnahmslos entlang der Diskussionslinien der aktuellen Migrationsgeschichtsschreibung und sprechen als detailreiche Studien zahlreiche Grundprobleme dieser Subdisziplin an.

Als wohltuend fällt - im Sammelband wie auch in der Ausstellung „Geteilte Welten" - zuerst einmal der breite Fokus auf, der weit über die „Gastarbeiter"-Phase von 1955-1973 hinausgeht. Im Vordergrund stehen bisher eher unterrepräsentierte Migrantengruppen, deren Wanderungswege und -zeiten eher quer zum vorherrschenden Bild liegen sowie der Umgang mit der heutigen Migrationssituation in der Stadt.

Der Band ist in vier Teile (Sektionen) gegliedert, denen jeweils eine Einführung vorangestellt ist. In allen Sektionen überwiegen Hamburger Fallstudien, die Grenzen der Stadt werden jedoch immer in einem oder zwei Aufsätzen überschritten.

Im ersten Teil (Migranten und Einheimische in der Großstadt. Historische Längsschnitte durch das 20. Jahrhundert), der von Karen Schönwälder eingeleitet wird, sind das die Aufsätze von Leo Lucassen und Henk Delger, die die Einwanderung ins niederländische Großstadtgebiet allgemein (Lucassen) und mit dem sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt auf die Mobilität zweier deutscher Einwanderergruppen in der 1870er und 1920er-Jahren (Delger) beleuchten. Dem folgen drei auf Hamburg bezogene Studien von Lars Amenda, Angelika Eder und Elia Morandi, die die Präsenz von Chinesen, Polen und Italienern in der Hansestadt vom Kaiserreich bis heute untersuchen. Alle drei Autoren zeigen hier Migration als Normalfall für Hamburg, den Zeitläuften zwar angepasst und von ihnen unterbrochen, aber immer wieder auf frühere Anwesenheiten aufbauend und sich weiterentwickelnd. Hamburg, der große Auswandererhafen, hat immer auch mit Einwanderern – auf gut hamburgisch „Quiddjes" genannt - gelebt, wenngleich es sich mit ihnen auch immer schwer getan hat und noch tut.

Alle drei Autoren versuchen in ihren Beiträgen aus der Perspektive der Einwanderer zu erzählen - Möglichkeiten und Grenzen dieser Herangehensweise zeigt der Aufsatz Lars Amendas über die bisher kaum bekannten Migration der Chinesen („Fremd-Wahrnehmung und Eigen-Sinn. Das „Chinesenviertel" und chinesische Migration in Hamburg, 1910-1960", S. 73-94) gezeigt werden. 3.000 Chinesen arbeiteten um 1900 auf deutschen Handelsschiffen, zu „ausgesprochenen Niedriglöhnen" (S. 75). Kamen diese Matrosen mit ihren Schiffen nach Hamburg, fanden sie auf ihrem Landgang eine schnell wachsende Präsenz von Landsleuten im nahen St. Pauli - die in der zeitgenössischen Wahrnehmung jedoch stark überschätzt wurde. „Ganze Rudel von Chinesen" würden sich auf St. Pauli aufhalten, schrieb das sozialdemokratische „Hamburger Echo" 1900 (S. 76), polizeilich registriert waren zu der Zeit 43, zehn Jahre später waren es 207. Diese Präsenz verstärkte sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg - stieß aber auch zunehmend auf Misstrauen seitens der Hamburger Polizeibehörde, die das Entstehen eines „Chinesenviertels" auf St. Pauli als „Plage" für die Hafengegend brandmarkte (S. 80). Das Exotische lockte und schreckte zugleich ab: Kurt Tucholsky schrieb 1927 begeisterte Zeilen über einen Besuch in einem der ersten chinesischen Restaurants - zur selben Zeit glaubte manch braver Bürger, angestachelt durch Polizeimeldungen, in jeder chinesischen Wäscherei eine getarnte Opiumhölle oder einen illegalen Spielsalon zu erblicken (S. 82). Nach Kriegsbeginn 1939 geriet auch die chinesische Kolonie ins Visier der Gestapo. Als Alleingang der Hamburger Behörden, ohne reichsweiten Befehl, wurden bei der „Chinesenaktion" am 13. Mai 1944 129 Menschen verhaftet und ins Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg überstellt. (S. 88). Ihre Anträge auf Entschädigung wurden nach dem Krieg nicht anerkannt, ihre Verfolgung wurde schlichtweg nicht wahrgenommen. Ebenso wenig sah dann die bundesrepublikanische Ausländerpolitik überhaupt einen Platz für die chinesischen Migranten vor. Ihrem „Eigen-Sinn" (Alf Lüdtke) folgend blieben sie, blieben zudem „auffallend unauffällig" (S. 94), reduziert auf ihre Rolle in der Gastronomie, argumentiert Amenda. Viel näher an seinen Untersuchungsgegenstand gelangt jedoch auch er mit seiner quellengestützen Analyse nicht.

Angelika Eder nutzt bei ihrer Untersuchung der polnischen Diaspora hingegen Interviews mit Migranten und arbeitet anhand dieser Informationen auch die Organisationsgeschichte der polnischen Vereine in Hamburg zur Zeit des Kalten Krieges auf (S. 95-113). Die Methode der oral history nutzt auch die Mehrzahl der weiteren Beiträger, so Olaf Beuchling und Andrea Klimt im zweiten Teil („Selbst- und Fremdwahrnehmung: Migranten nach 1945"), der von Marita Krauss eingeleitet wird.

Beuchling nimmt sich den vietnamesischen Bootsflüchtlingen der 1980er-Jahre und der Bedeutung ihrer Fluchtgeschichte für das soziale Selbstbild an (S. 189-209). Der Einsatz des Rettungsschiffes „Cap Anamur" einer Hamburg-Itzehoer Reederei ab August 1979 vor der vietnamesischen Küste wurde von der Hamburger Presse und Öffentlichkeit wohlwollend begleitet. 2,4 Millionen DM spendeten die Leser der „Zeit", eine Viertelmillion allein der Industrielle Kurt A. Körber (S. 193). „Die Vietnamesen sind herzlich willkommen!" titelte die Springer-Tageszeitung „Hamburger Abendblatt" bei der Ankunft der ersten Flüchtlinge Anfang August 1979 und bürgerte sie per Schlagzeile sogleich als „250 neue Hamburger" ein. Dass die Südvietnamesen vor der kommunistischen Herrschaft geflohen waren, sorgte zur Zeit der Systemkonfrontation sogleich für eine Hilfsbereitschaft, die bei konservativer Presse und Bürgertum bei heutigen Flüchtlingsgruppen wohl undenkbar wäre. Beuchling erwähnt aber auch den Brandanschlag auf eine Unterkunft der Vietnamesen 1980, bei der zwei Jugendliche starben, und das bereits nach einigen Monaten erlahmende Interesse an deutschen Paten für die Neuankömmlinge (S. 193).

„Transnationale Zugehörigkeit" betitelt Andrea Klimt ihre Studie zu den Hamburger Portugiesen. „Transnationalismus" ist für sie die Doppelidentität zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft, eine im Falle der Portugiesen durch die gemeinsame EU-Mitgliedschaft beider Länder relativ problemlose Möglichkeit individueller Identitäts-Konstruktion. Für Klimt ist dies die Weiterentwicklung der von Sozialwissenschaftlern so bezeichneten „Heimkehrillusion" (S. 211) der ehemaligen „Gastarbeiter". Aufbauend auf drei Feldstudien, 1986, 1992 und 1998, stellt die an der University of Massachusetts lehrende Klimt die Entwicklung der portugiesischen Gemeinde in Hamburg dar. Während 1986 eine mögliche Rückkehr nach Portugal noch als endgültig wahrgenommen und daher um „noch ein paar Jährchen" verschoben wurde, hatten sie bis 1992 ihre Rückkehroption nicht realisiert, betonten vielmehr gegenüber den neuen Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt aus Ostdeutschland und Osteuropa ihre „älteren Rechte" als Arbeitnehmer und Konsumenten im bundesrepublikanischen Kontext (S. 219). Die Stufe der Transnationalität als „Europäer" wurde dann Mitte der 90er-Jahre von der in Hamburg geborenen Generation erreicht, so stellt Klimt es als linearen und stellenweise vereinfachten Prozess dar.

Unklar in dieser zweiten Sektion bleibt, warum mit den Beiträgen von Alan Kramer zur gegenseitigen Wahrnehmung der Hamburger und der britischen Besatzungstruppen 1945-1949 (S. 143-164) und Susanne Schwalgins Studie zur armenischen Diaspora Athens (S. 165-188) der Fokus thematisch und regional so stark erweitert wurde. Kramers Text gibt Besatzungshandeln und Reaktionen wieder, trägt zur Wahrnehmung der Briten als „machtvolle Fremde" jedoch kaum etwas bei. Schwalgins Spezialstudie bietet leider kaum Anknüpfungspunkte zu den anderen Texten.

Der Titel des Bandes „Wir sind auch da!" stammt aus dem gleichnamigen Aufsatz von Martin Sökefeld, der sich in der dritten Sektion („Unsichere Identitäten" - Probleme und Perspektiven der neunziger Jahre", eingeleitet von Rainer Ohliger) mit den Aleviten in Hamburg und ihrem Kampf um Anerkennung beschäftigt (S. 243-265). In einer theoriegesättigten Feldstudie über die in der Hansestadt rund 20.000 Menschen umfassende alevitische Gemeinde zeigt Sökefeld, wie sich diese aus der Türkei stammende religiöse Gruppe erst in der Diaspora, und auch dort nur zögerlich, als solche zu erkennen gibt und ab Anfang der 80er-Jahre in Exilorganisationen und Vereinen politisch-kulturell beheimatet. Auf den „Fremdheitsdiskurs" in Deutschland, der durch die Chiffre „Islam" verstärkt wird, reagieren die Hamburger Aleviten nach Sökefeld, indem sie sich als die „nichtfremden Einwanderer" (S. 256) darstellen und die Unterschiede zum sunnitischen Islam betonen: „Das stereotype Symbol kultureller Fremdheit ist das Kopftuch musilimischer Frauen. Ebenso stereotyp weisen Aleviten immer wieder darauf hin, dass alevitische Frauen kein Kopftuch tragen." (S. 256)

In zwei weiteren Interview-Studien beschäftigen sich Umut Erel mit „(De-)Konstruktionen von Identitätspolitik und Gemeinschaft" am Beispiel türkischer Frauen in Deutschland (S. 267-290) und Joachim Schroeder mit „Selbst- und Fremdbildern junger afrikanischer Flüchtlinge in Deutschland" (S. 327-348) in ihrer aufenthaltsrechtlich erzwungenen, extrem belastenden Untätigkeit. Andreas Hieronymus stellt eine vergleichende Studie über „Gefahr und Sicherheit im Alltagsleben von Jugendlichen" am Beispiel zweier Londoner und zweier Hamburger Stadtteile vor (S. 291-312) und kommt zu dem Schluss, dass es gerade homogene Stadtteile mit geringen Elementen kultureller Differenz sind, in denen Konflikte entstehen und eben nicht jene meist innerstädtischen Bezirke, in denen ethnische wie soziale Unterschiede einander überlagern. „Hybridität" ist das sperrige Schlagwort, dem Fatima El-Tayeb in ihrem Beitrag zur Gruppe „Kanak Attak" sowie „HipHop und (Anti-)Identitätsmodellen der 'Zweiten Generation'" nachgeht (S. 313-326). Rapper wie „Brothers Keepers" oder Samy de Luxe thematisieren auf ihren Platten seit Jahren Identitätsprobleme migrantischer Jugendlicher - ohne damit bisher allerdings über ein saisonales Medieninteresse hinaus in eine Mehrheitswahrnehmung vordringen zu können. Schuld ist laut El-Tayeb das weiterwirkende Dogma von Deutschland als „Nichteinwanderungsland": „Eine Verschmelzung bzw. Transformation der Kategorien 'deutsch' und 'fremd' wird trotz kulturalistischem Hybrid-Hype, der ja oberflächlich genau diese 'Verschmelzung' feiert, kaum gedacht. Stattdessen wird eine 'Innen-Außen' Perspektive konstruiert, die Gemeinsamkeiten und Überschneidungen nicht zulässt." (S. 317)

Im vierten Teil („Fremdheits- und Identitätserfahrungen als Gegenstand von Bildungsarbeit. Beispiele aus der Praxis"), eingeführt von Bettina Alavi, wird die Hamburger Perspektive am Weitesten überschritten - weswegen der eingangs ironisch festgestellte halbe Etikettenschwindel nun endgültig entschuldigt ist.. Schon der Einführungsbeitrag öffnet den Fokus auf bisherige Projekte und Ausstellungen zur deutschen Einwanderungsgeschichte und weist auf die Faktoren hin, die diese Erinnerung bisher behindert haben: Das Festhalten am „Rotationsmodell" während der Gastarbeiterzeit als Beispiel oder der fehlende Erinnerungsort der Einwanderung: „Wo ist das deutsche Ellis Island?" (S. 370). Die in den vergangenen Jahren zahlreich entwickelten Ausstellungen zur Geschichte der Einwanderung sowie die Überlegungen, in Deutschland ein zentrales Migrationsmuseum einzurichten (www.migrationsmuseum.de), zeigen den beginnenden Wandel. Akademischer Teil dieses Wandels und zugleich stark über die Universität hinauswirkend ist das „Netzwerk Migration in Europa e.V.", dessen Projekte für Bildungsarbeit inner- und außerhalb der Schule Anne von Oswald und Andrea Schmelz vorstellen (S. 385-394). Dass Lehrer manchmal nur durch Umwege zum Ziel kommen, etwa Fremdheitserfahrungen von Einwanderern durch ein Projekt zu Auswanderung anzusprechen, zeigt Claudia Tatsch in einem Praxisbericht aus Baden-Württemberg (S. 395-402). Dass es in einer alternden Gesellschaft Möglichkeiten gibt, auch deutsche und türkische Senioren zu einem Austausch zu bewegen, berichtet Dirk Wenger aus einer Teestunde in einem Begegnungszentrum (S. 403-411).

„Wenn diese Stadt - wie viele andere - mit und dank 'Fremden' groß geworden ist - warum findet dann die Geschichte der Einwanderung kaum einen Platz in den Museen der Stadt?" (S. 375) fragt Jürgen Ellermeyer vom Museum der Arbeit in seinem Beitrag zur Konzeption der Ausstellung „Geteilte Welten" (S. 375-384). Auch den Museums-Mitarbeitern geht es um das „Einwanderungsgedächtnis der Stadt", dem „möglichst viele Stimmen und Gestalt" gegeben werden sollen (S. 382). Daran gebaut wird in der „Werkstatt für Migrationsgeschichten", die einmal 150 lebensgeschichtliche Interviews mit Einwanderern in Hamburg umfassen soll. Wesentlich auf diesen Interviews basiert auch die Schau im Museum der Arbeit. Hier sind die gesammelten Lebensgeschichten leider oft nur bruchstückhaft umgesetzt und daher nur schwer erfahrbar. Die angestrebte Interview-Sammlung wird aber sicherlich auch weiterhin Ergebnisse für Expositionen und Forschung zeitigen - und, wie der besprochene Sammelband, die Vielfalt der Städte durch historische Forschung verdeutlichen.

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21.01.2004
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