Titel
Koerper mit Geschichte. Der menschliche Körper als Ort der Selbst- und Weltdeutung


Herausgeber
Wischermann, Clemens; Stefan Haas
Reihe
Studien zur Geschichte des Alltags 17
Erschienen
Stuttgart 2000: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
345 S.
Preis
€ 75,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilmann Walter, Institut für Geschichte der Medizin, Universität Heidelberg

Der menschliche Koerper wurde in den 90er Jahren zu einem zentralen Thema fuer eine kulturwissenschaftlich erweiterte Historiographie. Dabei wurde er vornehmlich anhand textlicher und bildhafter Zeugnisse zum Thema gemacht: Die Geschichtswissenschaft entfernte sich so von einem aelteren fachspezifischen Ansatz, bei dem versucht wurde, den Umgang mit Koerper, Sexualitaet und Geschlecht anhand demographischen Zahlenmaterials zu rekonstruieren.1 Auch in der Psychologie ist ein "Trend hin zum Koerper" erkennbar. Bisher blieb der Grad der Vernetzung der Kulturwissenschaften mit dem letztgenannten Koerperdiskurs eher gering, was von der Sache her Erstaunen hervorrufen mag, denn hinsichtlich der Ontogenese individueller Koerperselbstbilder unter den Bedingungen kultureller Wandlungsprozesse waren und sind sich die Positionen nicht unaehnlich.

Dem vorliegenden Band zum "Koerper mit Geschichte" kommt das Verdienst zu, dieser Diskussion mehr Raum zu geben. Der Konstanzer Historiker Clemens Wischermann stellt das Projekt in seinem einleitenden Beitrag aus historiographischer Sicht vor (S. 9-31). Er bezieht sich dabei auf den sozialen Konstruktivismus von Peter Berger und Thomas Luckmann: Sie hatten angenommen, der "Koerper als soziales Gebilde" steuere die Wahrnehmung des Koerpers als physisches Gebilde. So "mache" der Mensch seine "Natur" und "produziere" er "sich selbst" (zit. nach S. 9). Erhellend scheint auch die Einschaetzung, dass mit der Hinwendung zu Themen wie Gender, Koerper, Sexualitaet und subjektivem Erleben eine (unbewusste) Abwendung juengerer AkademikerInnen von der politischen Agenda der 68er-Generation zu beobachten sei (S. 19). In der Sichtweise der juengeren Koerpergeschichte erscheine der menschliche Leib: 1. als Kollektivkoerper, historisch konkretisiert in Aengsten vor der Korruption des "Volks-" oder "Rassekoerpers" (S. 12f.), 2. als "Leerstelle" und Objekt disziplinierender Praktiken (S. 14f.) und 3. phaenomenologisch als Raum der Erfahrung (S. 16f.). Dabei herrschten kontroverse Meinungen darueber, was denn nun entscheidend sei: der authentische Koerper, wie er z.B. im Schmerz erfahren werde, oder Diskurse, die diese Wahrnehmung praefigurieren? So koenne 4. auch der "Koerper als Text" untersucht werden (S. 17-20). Namentlich Judith Butler habe in ihren Arbeiten gezeigt, wie die Erfahrung des Gender-Koerpers durch "Gendering" lebensgeschichtlich formiert wird: Mittels performativer Akte der "Einschreibung" werde den Individuen die soziale Norm der "Zwangsheterosexualitaet" auferlegt. Butlers politische Position erklaert sich daraus, dass es Maenner und Frauen gibt, deren sexuelle Erfahrung anders, naemlich gleichgeschlechtlich ausgerichtet ist. (Hier ist Wischermann also zu widersprechen, wenn er feststellt, nur im Schmerz und nicht etwa in der Lust oder im Glueck werde eine authentische Erfahrung des Koerperlichen unterstellt (S. 20). In den Debatten zur Geschichte von Sexualitaet und Homosexualitaet(en) wird oft auf sexuelles Begehren und orgastische Lust Bezug genommen.) Hier eroeffne sich eine Leerstelle in den gaengigen diskursanalytischen Konzeptualisierungen der Koerpergeschichte: gemeint ist die inzwischen schon sprichwoertlich gewordene "Widerstaendigkeit" des Koerperlichen (S. 23). Zurecht weist Wischermann auf Uebereinstimmungen mit tiefenpsychologischen Beobachtungen hin (S. 24, 26-29): Bei traumatischen Erlebnissen speichere ein "Koerpergedaechtnis" das Geschehene, und in Gestalt psychosomatischer Symptome auessere sich der Koerper dann als Quasi-Subjekt. Fuer die Frage, wie solche Erfahrungen wissenschaftlich nachvollziehbar sind, sei der Verweis auf die prinzipielle Gleichheit des Untersuchungsobjektes Mensch mit dem Untersuchenden von zentraler Wichtigkeit (S. 25). Er muesse aber gerade durch HistorikerInnen relativiert werden. Hier muesste, dabei ist Wischermann zuzustimmen, die psychosoziale Emergenz historischer Koerpererfahrungen durch Erziehung und Sozialisation viel staerker ins Blickfeld gerueckt werden (S. 30f.). Der Konflikt zwischen dem Koerper als Widerstand und als Objekt sozialer Manipulation ist sicherlich nicht aufzuloesen: Es wird die Aufgabe der Koerpergeschichte sein, dieses problematische Verhaeltnis immer wieder kritisch zum Thema zu machen.

Der Muensteraner Psychologe Franz Breuer ergaenzt diese Ausfuehrungen durch "Sozialwissenschaftliche Ueberlegungen" zum "Leib / Koerper des Wissenschaftlers" (S. 33-50). Wissenschaftshistorisch sei im Verlauf der Neuzeit der objektivistische Trend vorherrschend gewesen, durch den die "sinnlichen, geistigen, personalen Faehigkeiten und Charakteristika, biologischen und kulturellen Merkmalen, Sozialisation, Habitus etc." des wissenschaftlichen Beobachters zunehmend fragwuerdig geworden sind (S. 33). Es geht bei Breuer also um die alte Kontroverse, ob Psychologie und Soziologie als verstehende oder erklaerende Wissenschaften konstituiert sind.2 Die De-Anthropomorphisierung der Natur habe in der Physik (als Paradigma der neuzeitlichen Naturwissenschaften) erkenntnistheoretisch fortschrittlich gewirkt (S. 37), hinsichtlich des Menschen sei sie aber ein Rueckschritt gewesen. Naturwissenschaftliche Metaphern vom Menschen als Maschine, chemischem Laboratorium, Computer oder System seien missverstaendlich, wenn ihr perspektivischer Charakter ausgeblendet und so getan werde, als sei der Mensch TATSAECHLICH eine Maschine, ein Laboratorium, ein Computer oder ein System (S. 38f.). Die Naturwissenschaft habe zudem den Typus eines leib-fernen oder leib-losen Experten hervorgebracht und seine empathischen Faehigkeiten verkuemmern lassen (S. 37f.). Forschung am Menschen impliziere aber immer eine soziale "Interaktion" zwischen Erkenntnissubjekt und -objekt (S. 45).3 In Anlehnung an den Ethnopsychoanalytiker George Devereux vermutet Breuer das Motiv dieser Deformation in der Angst vor Betroffenheit angesichts von emotionalen Konflikten, die den Untersuchungsgegenstand Mensch (aber potentiell auch: den Beobachter) betreffen (S. 40f.).4 Diese subjektive "Verstrickung" mit der Lebenswirklichkeit der beobachteten Menschen sei unhintergehbar (S. 44). Sie leugnen oder neutralisieren zu wollen, sei sinnlos. Schon eher sei die Bewusstmachung dieses Vorgangs ein sinnvolles Verfahren, dem Problem zu begegnen.5

"Sprache, Koerper, Erinnerung - Wechselwirkungen zwischen Sprache und Koerper" lautet der Titel des Aufsatzes der Oldenburger Psychologin Petra Muckel (S. 51-64). In der klinischen Psychologie gelte das "Symptom als Schnittstelle von Koerper und Sprache" (S. 51), als ein "mehrdeutiges" Zeichen fuer seelische Konflikte, deren Bedeutung zunaechst nicht offen erkennbar sei (ebd.). In der Umkehr dieses Prozesses (der Verwandlung von "Es" in "Ich") besteht nach gaengiger psychoanalytischer Auffassung die Wirksamkeit der therapeutischen "Talking Cure". (Ausser auf die Neurosenlehre Sigmund Freuds beziehen sich diese Ausfuehrungen auf die Gedankengaenge der Psychoanalytiker Jacques Lacan und Caroline Eliacheff.) Phylogenetisch erklaere sich die Sprachfaehigkeit des Menschen NICHT aus dessen rationalen Anlagen: Sprache sei aus Ausdrucksverhalten von Gemuetsbewegungen, wie z.B. dem Gesang entstanden (S. 57). Ihr urspruenglicher Kern sei mithin emotional, was an die Ausfuehrungen der Psychoanalyse anschliessbar sei. (Fuer Freud als Anhaenger der zeitgenoessischen "Rekapitulations-Theorie" waren Gattungs- und Individualgeschichte wechselseitig ineinander uebersetzbar.) Koerperlich ungebunden existiert nach neuzeitlichem Verstaendnis kein Bewusstsein, daher spricht sich Muckel fuer eine Leibphaenomenologie à la Maurice Merleau-Ponty aus: Weil die Wahrnehmung und Erkenntnis immer koerpergebunden sind und weil beide intersubjektiv nur sprachlich vermittelt werden koennen, beziehe sich die Analyse der Sprache auch auf ein "existentielles Geschehen".

Die Wiederkehr des Koerpers in der Oeffentlichkeit ist das Thema der Kulturhistorikerin Katja Patzel-Mattern in ihrem Beitrag "Schoene neue Koerperwelt? Der menschliche Koerper als Erlebnisraum des Ich" (S. 65-84): Im neueren wissenschaftlichen Diskurs stehe der Verweis auf biologische Wahrheiten in striktem Widerspruch zu der kulturalistischen Annahme, der Koerper erschoepfe sich im Diskurs. (S. 67f.). Doch habe der Koerper andererseits schon in der feministischen Kritik seit den 70er Jahren als Fluchtpunkt "echter" Erfahrungen von Weiblichkeit gedient (S. 69). Patzel-Mattern fuehrt die juengere Koerperdebatte als in antagonistische Gegensaetze gespalten vor. Eher als der totale Widerspruch scheinen mir jedoch Nuancierungen aehnlicher Argumente vorherrschend zu sein, und so besteht die Gefahr, dass so die erkenntnisleitenden Einsichten durch allzu grobe Schlaglichtsetzung eher verdunkelt als erhellt werden.

Dass der Rezensent den Beitrag des Historikers Stefan Haas "Vom Ende des Koerpers in den Datennetzen. Dekonstruktion eines postmodernen Mythos" (S. 85-108) fuer problematisch haelt, liegt an dessen Thema, weniger an der Art seiner Behandlung. Seit sich in den 50er Jahren die Informationsmetapher in den Biowissenschaften durchgesetzt hat, 6 wurde behauptet, biologische, mediale und informationstechnologische "Systeme" und "Codes" seien wechselseitig ineinander "uebersetzbar". Aller Fortschritte der Bio- und Computerwissenschaften zum Trotz ist dies aber bis heute eine blosse BEHAUPTUNG geblieben: Der Koerper IST ebenso wenig ein informationsverarbeitendes System, wie ein Computer ein lebendes Wesen IST (S. 87; siehe dazu auch oben die Kritik im Beitrag von Breuer). Die bei Haas zitierte science-fiktionale Literatur sollte daher dem Bereich der literaturwissenschaftlichen Motivanalyse, nicht der Sozialwissenschaft zuerkannt werden. Haas selbst bemerkt dazu (S. 107): "Auch wenn vieles von dem noch Fiktion ist, da die Technologie nur in den rudimentaeren Anfaengen vorhanden ist, haben diese Ueberlegungen doch Auswirkungen besonders fuer den heutigen wissenschaftlichen Diskurs." Tatsaechlich koennte dann, wenn Wirklichkeit als Konstruktion und Diskurs verstanden wird, andererseits (faelschlich) fuer wirklich gehalten werden, worueber BLOSS geredet wird. Nur: demzufolge muesste man ja auch annehmen, Frankensteins Monster, fliegende Untertassen vom Mars oder der interstellare Raumflug existierten wirklich (und nicht bloss in der literarischen Phantasie).7

Der Theologe Marcus Beling beschaeftigt sich mit dem "Koerper als Pergament der Seele. Gedaechtnis, Schrift und Koerperlichkeit bei Mechthild von Magdeburg und Heinrich Seuse" (S. 109-132). In der mittelalterlichen, vom religioesen Diskurs gepraegten Vorstellungswelt sollte der Koerper (als Sitz der Suende) der Erloesung der Seele untergeordnet werden (S. 115). Dies fuehrte zu teilweise sehr konkreten Symbolen und Bildern ueber die Einschreibung religioeser Texte in das Fleisch. Wichtig dafuer war die Vorstellung einer Laeuterung des Koerpers durch die Erfahrung von Schmerz (S. 121), etwa im Rahmen asketischer Praktiken. Dadurch wurde der Koerper zum Medium und Ort der Erinnerung, ja tatsaechlich zu einem Text, der REALE Spuren dieses Vorgangs an sich trug. Dennoch galt, so betont Beling, der Koerper nicht nur als ein passives Objekt, sondern habe auch als "gleichberechtigter Dialogpartner" gewirkt (S. 132).

Der Historiker Thomas Scharff diskutiert "Die Koerper der Ketzer im hochmittelalterlichen Haeresiediskurs" (S. 133-149). Besonders ein abweichendes Sexualverhalten bewies in den Augen der Orthodoxie, dass Haeretiker koerperlich die Zeichen der Gottesferne aufwiesen (S. 134). Auch Krankheiten wurden mit ihnen in Verbindung gebracht: Haeresie galt als eine Krankheit am Leib Christi, und Haeretiker symbolisierten deshalb Krankheit, galten aber auch als reale Traeger oder Uebertraeger von Pest und Lepra. (Letztere erklaerte man teilweise aetiologisch aus abweichendem Sexualverhalten; S. 141, 143). Wie spaeter in der Biopolitik des 19. Jahrhunderts wurden individuelle und kollektive Koerper in ein Verhaeltnis der Analogie gesetzt, was zu realen politischen Handlungen Anlass gab.

Die Historikerin Kerstin Rehwinkel stellt in ihrem Aufsatz "Kopflos, aber lebendig? Konkurrierende Koerperkonzepte in der Debatte um den Tod durch Enthauptung im ausgehenden 18. Jahrhundert" (S. 151-171) einen heute kurios erscheinenden Diskurs der Aufklaerungszeit vor: Es ging dabei um die Frage, ob die Guillotine ein besonders grausames Strafinstrument sei. Einerseits wurde angenommen, die schnelle Enthauptung mindere den Schmerz der Hingerichteten, andererseits behauptet, sie vergroessere ihn noch, weil dabei ein verlaengerter "Nachschmerz" empfunden werde (S. 153). Das Thema beruehrte zentrale anthropologische Kontroversen der Aufklaerung: die Frage nach dem Status des Subjekts (S. 156), nach der angemessensten medizinischen Sichtweise des Koerpers (S. 157), etwa die Frage, ob lediglich der Kopf oder der gesamte Koerper Bewusstsein und Lebendigkeit ausmachten (S. 162) sowie nach dem Status eines moralischen Empfindens an der Grenze zwischen Leben und Tod (S. 167). Es verwundert, dass die Autorin angesichts ihrer extensiven Zitation der Werke Michel Foucaults einen wesentlichen Aspekt der Problematik fast gaenzlich ausklammert: den der konkreten Bedeutung dieses Strafmechanismus fuer die "Hygiene des Volkskoerpers" (S. 171): In "Ueberwachen und Strafen" hat Foucault bekanntlich ausgefuehrt, zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt habe ein paedagogisches Bestrafungsmodell, das auf die Seele des Delinquenten abziele, das alteuropaeische System grausamer "raechender" Koerperstrafen verdraengt. Eben dies war durch Hinrichtungen natuerlich nicht machbar. Steht die Guillotine deshalb noch immer fuer den aelteren Wunsch, den Untaeter unter moeglichst schrecklichen Begleitumstaenden auszuloeschen? Und in welcher Beziehung steht dazu die von der Autorin allen an der Kontroverse Beteiligten unterstellte Auffassung, gerichtliche Strafen sollten schmerzlos verlaufen?

Die Historikerin Gesa Kessemeier bespricht in Anlehnung an juengere Studien zur Geschichte der Mode "Geschlechtspezifische Koerper- und Modeideale im 19. und 20. Jahrhundert" (S. 173-190). Durch Kleidung werde beim Menschen der "natuerliche" in einen "sozialen" Koerper umgewandelt (S. 173). Zentral wirke dabei das binaere Gliederungskriterium von Maennlichkeit und Weiblichkeit. In Anlehnung an Carol Hagemann-White und Judith Butler unterzieht sie das Gender-Problem also einer Analyse, die auf die PERFORMATIVITAET der Geschlechterzuschreibungen, das "Doing Gender" abzielt. Die Formensprache der Mode habe sich durch zwei Jahrhunderte hindurch als hoechst wandelbar erwiesen, sie kannte auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und mit Anne Hollander darf unterstellt werden, dass sie teilweise auch kontingenten aesthetischen Massstaeben folgte.8 Typisch und dauerhaft seien aber die kulturellen Stereotypisierungen der Geschlechter gewesen: "Auch am Ende des 20. Jahrhunderts wird der weibliche Koerper idealtypisch als zart und schmal imaginiert, der maennliche als gross und muskuloes." (S. 190).

In einem weiteren Beitrag bespricht Katja Patzel-Mattern die "Abtreibungsdiskussion in der Weimarer Republik" (S. 191-222). Der offizielle "Interdiskurs" von Experten, Interessengruppen und Parteien zum Thema liess keinen Raum fuer legitime Aborte: Die Vernichtung foetaler Koerper wurde mit der Bedrohung des Volkskoerpers analog gesetzt. Die starke politische Besetzung dieser Position mit Begriffen wie "Volkskraft, Kulturnation, Gemeinwesen oder Volksgesamtheit, Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes und irdisches Vaterland" verurteilte den Gegendiskurs zum "oeffentlichen Schweigen" (S. 207). Gegenargumente, die sich aus dem Elend der betroffenen Frauen herleiteten, wurden deshalb eher kuenstlerisch als politisch artikuliert (S. 213-221). Bemerkenswert ist auch, dass dabei aeltere Koerpermodelle, die das Ausbleiben der Menses am Beginn der Schwangerschaft als eine "Blut-" oder "Periodenstockung", der aus gesundheitlichen Gruenden entgegengewirkt werden musste, konzipierten, noch lebendig waren (S. 211). Gegenueber dieser Wertschaetzung des subjektiven Erlebens, das Frauen viel Verantwortung zur Entscheidung ueber ihr individuelles Wohlbefinden beimass, galt der weibliche Koerper den Experten des fruehen 20. Jahrhunderts bereits als ein "oeffentlicher Ort".9

In Anlehnung an Niklas Luhmanns systemtheoretische Modellierung der Moderne untersucht der Historiker Frank Becker ausgehend von Textzeugnissen der Weimarer Republik den "Sportler als modernen Menschentyp" (S. 223-243). Er stellt dabei weitreichende Zusammenhaenge her: Nicht nur eine "neue Sachlichkeit" in der Aesthetik, die aufkommende behavioristische Psychologie (S.226), die "tayloristisch" bestimmte industrielle Wirtschaftsform (S. 230, 239), sondern auch die Praxis des Sports (S. 233) implizierten "Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle, Leistungsfaehigkeit und -willigkeit" (S. 225) und damit die "Optimierung" und "Normalisierung" des Koerpers (S. 235). Dadurch ergibt sich ein geschlossenes, von geradezu unausweichlicher innerer Logik erfuelltes Bild modernen Lebens. Der Vorwurf, Freizeitsportler und namentlich Fitness-AktivistInnen seien willfaehrige Erfuellungsgehilfen kapitalistischer Leistungszwaenge, hat freilich mittlerweise schon einen gehoerigen Bart. FreizeitsportlerInnen verbinden mit ihrem koerperlichen Engangement selbst viel eher Selbstverwirklichung und ein authentisches Erlebnis ihrer selbst. Dies mag man "ideologiekritisch" erneut in Zweifel ziehen, zumindest aber existiert neben dem Normierungsdiskurs, den Becker in seinem Beitrag absolut setzt, EMPIRISCH noch ein bedeutsamer weiterer: der von den Bodybuildinglehren als "verkappten Religionen" zur Schaffung VERGROESSERTER Individualitaet. 10

Der Kulturwissenschaftler Stefan Zahlmann bespricht unter dem Titel "Vom Bonvivant zum Ironman" die Darstellung maennlicher Koerper in der "deutschen Konsumwerbung" (S. 245-279). Er bezieht sich mit seinen Ausfuehrungen auf das Modell des "kulturellen Gedaechtnisses" von Jan und Aleida Assman, das er ausfuerlich referiert. Leider will es scheinen, dass ihm dabei das Thema "Koerper" etwas abhanden kommt - einen Einblick in die veraenderte Formensprache der Werbung unter den medial und sozial veraenderten Bedingungen der letzten "100 Jahre" vermittelt der Aufsatz nicht. Der ist Leser dabei auf eigene Assoziationen angewiesen. Die entsprechenden Hinweise erschoepfen sich mit der zunehmenden Bedeutung von Jugendlichkeit, Nacktheit und Muskuloesitaet seit den 1980ern. (Bis dahin wurde der Mann eher in seiner "klassischen" Rolle als gesetzter Familienvater oder Lebemann vorgefuehrt). Geaendert habe sich auch die Wahrnehmung des Fremden: Muskuloese, braungebrannte Proletarier oder farbiges Kolonialvolk waren fuer die Werbung lange Zeit nicht als Zielgruppe interessant, sondern betonten ikonographisch den exklusiven Charakter der Produkte. Heute seien solche Bilder (Muskeln, farbige Haut) anders besetzt: Analog zum Sexobjekt Frau werde nun auch der Mann zum Sexobjekt (S. 275).11

Die Kulturhistorikerin Ulrike Thoms macht "Veraenderungen in der Bewertung von Schlankheit und Fettleibigkeit in den letzten 200 Jahren" zum Thema (S. 281-307). Hierbei zeige sich in besonders exemplarischer Weise, dass "nicht nur die kulturell und sozial bedingte Wahrnehmung und Interpretation des Koerpers, sondern auch das Materielle, Biologische, Reale der Koerpergestalt abhaengig vom Einwirken sozialer Faktoren" ist (S. 282). Die Verfasserin verdeutlicht dies an epidemiologischen Daten zum Gewicht der Durchschnittsbevoelkerung und bestimmter sozialer Gruppen und zeigt damit, dass Koerper tatsaechlich ganz REAL konstruiert werden. Bemerkenswert ist auch die veraenderte kulturelle Besetzung dieser Sachverhalte: Frueher galt Unterernaehrung als typisch fuer Arme, Reiche und Maechtige wurden frueher als feist dargestellt. Heute gelte Schlankheit als typisches Merkmal des Erfolgs (S. 285), Fettleibigkeit werde inzwischen durchgehend negativ mit sozialer Unterschichtigkeit, Initiativlosigkeit und mangelnder Selbstdisziplin gleichgesetzt. Pseudowissenschaftliche Modelle der Physiognomik und der Anthropometrie haetten diese Vorurteile noch bestaetigt (S. 289). Heute sei voellig in Vergessenheit geraten, dass sich das Koerpergewicht auch unter lebensgeschichtlich veraenderten Bedingungen nachhaltig wandele: Auch alternde Menschen wuerden (selbst medizinisch!) am Ideal des jugendlich schlanken Koerpers gemessen (S. 302-306).

In einem weiteren Beitrag bespricht Stefan Zahlmann "Koerper und Konfliktkultur im Spielfilm der DDR seit den 1960er Jahren" (S. 309-336). Seiner Analyse dreier solcher Filme entnimmt er, dass sich in ihrer Formensprache der individuelle Koerper der ideologischen Norm der Gesellschaft unterzuordnen habe. Unbewusst habe der Verweis auf die Koerperlichkeit aber eine oppositionelle Haltung impliziert: "Die Nachvollziehbarkeit der mit dem Koerper verbundenen Inhalte und Regeln bot dem Zuschauer die Moeglichkeit, sich mental der offiziell propagierten Entwicklung ‚Vom Ich zum Wir', der Einbahnstrasse sozialistischen Fortschrittsdenkens, zu entziehen." (S. 334).

Insgesamt ist festzustellen, dass die Beitraege des anzuzeigenden Bandes auch dem mit dem Thema schon vertrauten Leser vielfaeltige neuartige Eindruecke vermitteln koennen. Dass sie in einer gewissen Beliebigkeit nebeneinander stehen, ist ein Umstand, der fuer das Forschungsfeld "Koerpergeschichte" typisch ist. Der Band hebt sich damit nicht negativ, aber auch nicht positiv ab. Etwas mehr redaktionelle Muehe haette dem allerdings entgegenwirken koennen: Insbesondere das Fehlen eines Registers ist angesichts der Fuelle der beruehrten Themen ein Manko. Entsprechendes gilt auch fuer einige der Aufsaetze selbst: Dass besonders jungen AutorInnen ein Forum geboten wurde, ist lobenswert, zumal diese mit erkennbar hohem Engagement zur Sache gegangen sind. Allerdings wirken manche Beitraege noch "unfertig". Eine weitere Kuerzung, eine Straffung der Argumentation und das gezielte Herausarbeiten des eigenen Forschungsbeitrages haette hier gut getan. So waere der Lesegenuss deutlicher gegenueber einer gewissen Muehseligkeit der Lektuere in den Vordergrund getreten.

Anmerkungen:
1 Vgl. dazu Arthur E. Imhof: Unterschiedliche Einstellung zu Leib und Leben in der Neuzeit. In: Ders. (Hg.): Der Mensch und sein Koerper. Von der Antike bis heute. Muenchen 1983. S. 65-81.
2 Vgl. dazu auch: Katja Mruck / Guenter Mey: Qualitative Forschung und das Fortleben des Phantoms der Stoerungsfreiheit. In: Journal fuer Psychologie 4, Heft 3 (1996), S. 3-21.
3 Vgl. ausfuehrlicher dazu Bernhard Kleeberg / Tilmann Walter: Der mehrdimensionale Mensch. Zum Verhaeltnis von Biologie und kultureller Entwicklung, in: Bernhard Kleeberg u.a. (Hg.): Die List der Gene. Strategeme eines neuen Menschen (Literatur & Anthropologie), Tuebingen 2001, S. 21-67.
4 So auch die Vermutung bei Peter Schoettler: Wer hat Angst vor dem "linguistic turn"? Geschichte und Gesellschaft 23 (1997), S. 134-151, bes. 146-150.
5 Vgl. auch Tilmann Walter: Medikalisierung, Koerperlichkeit und Emotionen. Prolegomena zu einer neuen Geschichte des Koerpers, in: Journal fuer Psychologie 8, Heft 2 (2000), S. 25-49, hier 41.
6 Vgl. Lily E. Kay: Who Wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code, Stanford 2000.
7 Ich stuetze mich dabei auf den Beitrag von Fabio Crivellari "Der Mensch als Bauruine. Zur Geschichte der Robotik zwischen Mensch, Natur und Maschine", in: Kleeberg u.a. (Hg.): Die List der Gene (wie Anm. 3), S. 115-150.
8 Vgl. Anne Hollander, Anzug und Eros. Eine Geschichte der modernen Kleidung, Berlin 1995, hier S. 62.
9 Zit. nach Barbara Duden, Der Frauenleib als oeffentlicher Ort. Vom Missbrauch des Begriffs Leben (Luchterhand Essay, Bd. 9), Hamburg / Zuerich 1991.
10 Vgl. hoechst lesenswert dazu: Bernd Wedemeyer, Starke Maenner, starke Frauen. Eine Kulturgeschichte des Bodybuildings, Muenchen 1996, hier S. 129ff.
11 Zur Sexualisierung unserer "Telestaedte" vgl. exemplarisch: Henning Bech: Gendertopia. Briefe von h., in: Zeitschrift fuer

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