H.J. Helwig-Wilson: Der staatsfeindliche Blick

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Titel
Der staatsfeindliche Blick. Fotos aus der DDR von Hans-Joachim Helwig-Wilson


Autor(en)
Helwig-Wilson, Hans-Joachim
Herausgeber
Demke, Elena
Erschienen
Berlin 2004: be.bra Verlag
Anzahl Seiten
95 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helke Stadtland, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universtät Bochum

Recherchiert man heute Literatur unter den Stichworten „Mauer“ und „DDR“, stößt man ohne Umschweife auf hunderte von Titeln zum Fall der Mauer als Symbol für Revolution und Wendezeit überhaupt. Aktuelle Titel zur Zeit des Mauerbaus sind im Vergleich dazu rar. Zudem konzentrieren sie sich zumeist auf Aspekte internationaler Politik im Rahmen der Berlinkrise, etwa auf die Fragen, welchen Einfluss die Sowjetunion auf den Mauerbau hatte [1] oder wie die westliche Allianz reagierte. [2] Das Handeln der Herrschaftseliten steht bei der Betrachtung dieser Zäsur im Zentrum des Erkenntnisinteresses. [3] Eine Geschichte des Alltags vom Mauerbau und des Lebens mit der Mauer muss hingegen noch geschrieben werden. [4] Denkt man an diejenigen, welche die Mauer erleiden mussten, fallen einem schnell vor allem die dramatischen Geschichten ein: In der Erinnerungskultur dominiert das Bauwerk vom 13. August 1961 als Symbol für die Trennung von Familien und Freunden, für Aufsehen erregende Fluchten, Erschießungen und lange Haftstrafen. [5] Völlig zu Recht erinnern Gedenkstätten wie das Haus am Checkpoint Charlie auch mit eigenen Publikationen an das geschehene Unrecht. Zugleich darf aber nicht der Blick darauf verstellt werden, dass die meisten Menschen die Mauer rasch in ihren Alltag zu integrieren wussten. Wie diese Gewöhnung genau voranschritt und welche Folgen sie zeitigte, bleibt nach wie vor zu untersuchen.

Die zu besprechende Publikation ersetzt als Fotoband die noch ausstehende wissenschaftliche Monografie nicht – und will dies auch gar nicht. Aber sie kann den Blick öffnen und erste Ideen vermitteln, worum es bei der Erforschung der Umbruchzeit um den Mauerbau herum gehen könnte. Macht der Gewohnheit und Dramatik werden hier kunstvoll miteinander verknüpft, indem die Bilder eines Fotografen mit ruhigem, nachdenklichem Blick gezeigt werden, der dafür jedoch selbst eine Verhaftung durch die Staatsicherheit hinnehmen musste.

Der Fotograf Hans-Joachim Helwig-Wilson wurde 1931 in Berlin geboren. 1950 siedelte er von Ost- nach West-Berlin über und arbeitete in der Ostzonen-Redaktion des „Telegraf“. 1958 machte sich der fotografische Autodidakt als Bildjournalist selbständig und wurde vom Presseamt des Ministerpräsidenten der DDR akkreditiert. Seine Fotos über Ost-Berlin und die ostdeutsche Provinz erschienen in über 90 in- und ausländischen Zeitungen. Am 28. August 1961 wurde er in Ost-Berlin von der Staatssicherheit verhaftet. Verhöre zu Tag und zu Nacht, zuweilen pausenlos hintereinander, Schläge und Isolation führten schließlich zur Unterzeichnung eines vorgefertigten „Geständnisses“. Ohne Einflussmöglichkeit einer Verteidigung wurde Helwig-Wilson schließlich zu 13 Jahren Zuchthaus wegen Spionage und schwerer Hetze verurteilt. Die Haft verbrachte er gesundheitlich stark angegriffen in Haftkrankenhäusern, bis er im Mai 1965 von der Bundesregierung als einer der ersten Häftlinge freigekauft wurde. Als professioneller Fotograf hat er nicht mehr gearbeitet. Seit den frühen 1990er-Jahren führt er als Zeitzeuge Besucher durch das ehemalige MfS-Gefängnis in Hohenschönhausen.

Dort hat ihn die Herausgeberin Elena Demke kennen gelernt. Sie stellte eine Auswahl seiner Fotos für den Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR zu einer Internet-Präsentation zusammen, die seit Mai 2001 unter www.ddr-bilder.de gezeigt wird und die nun als überarbeitete Fassung in Buchform vorliegt. Indem Fotos aus dem Zeitraum von 1958 bis 1961 gezeigt werden, kann der Mauerbau in seinen Kontext eingebettet werden. Zu sehen sind Bilder des Alltags zwischen dem Sputnik-Rausch und der Ernüchterung des Mauerbaus. Grenzen und Übergänge vor dem Mauerbau werden gezeigt, Parolen für den Frieden und den Sieg des Sozialismus aus der Zeit der Berlin-Krise, sozialistische Demonstrationen, Spruchbänder und Schaufensterdekorationen und schließlich der Mauerbau selbst. Das Berührende an den Schwarz-Weiß-Bildern ist, dass nie nur Parolen gezeigt werden. Vielmehr stehen immer Menschen im Vordergrund der Bilder, mal ganz unmittelbar in die Kamera schauend, mal nur im Vorbeigehen scheinbar zufällig mitaufgenommen, mal nur in den Spuren ihrer Tätigkeit sichtbar, wenn etwa eine Schaufensterdekoration gezeigt wird, von der man nicht weiß, ob die Platzierung eines Ulbrichtbildes zwischen Konservendosen unter einer heiligenscheinähnlichen Lampe Personenkult oder versteckten Spott oder gar beides bedeutete. Wie die Menschen auf Helwig-Wilsons Bildern gezeigt werden, kommentiert gleichsam Propaganda und Grenzziehungen, mitunter ironisch, selten aber eindeutig und nie platt auf einen schnellen Lacher setzend. So klar die Absurdität mancher Parole einem entgegenspringen mag, so unklar ist noch, welche Wirkung der Umgang mit ihr hatte. Zwischen den Polen einer gelungenen Indoktrination und einer völligen Abwehr, die in dieser Reinform auf kaum jemanden zugetroffenen haben dürfte, liegen Welten, die es auszuloten gilt.

Dies zu tun, tragen nicht nur die Aufnahmen Helwig-Wilsons, sondern auch Elena Demkes die Bilder begleitenden Kommentare bei. Neben Einführungen in die einzelnen Kapitel und einer Kurzbiografie des Fotografen bietet Demke zu jedem Bild kurze Betrachtungen. Diese versorgen den Leser mit Hintergrundinformationen sowohl über Ereignisse und Entwicklungen in der DDR dieser Zeit wie auch über die teilweise eigens recherchierten genauen Aufnahmeorte und –kontexte. Das Besondere der Texte ist, dass sie dem Leser in nur wenigen, wohl gesetzten Sätzen die eigene, ganz subjektive Betrachtungsweise der Bilder anbieten, ja auch vor Assoziationen nicht zurückscheuen. Manchen Kommentaren merkt man in ihrer Dichte die Beschäftigung der Herausgeberin mit Wilhelm Genazinos Bildbetrachtungen an. [6] Demke macht damit Sehangebote, denen man sich anschließen, die man aber auch genauso gut ablehnen kann – in jedem Fall regen sie dazu an, selbst genau hinzuschauen und, anstatt hastig weiterzublättern, die eigene Sehweise bewusst wahrzunehmen und zu überprüfen.

Unterstützt wird das Zusammenspiel der Fotos und Texte durch ein gelungenes Design. Elemente der zeitgenössischen Zeitungstypografie sollen daran erinnern, dass die Fotos alle mit dem Ziel der Veröffentlichung in der Presse entstanden sind. Zu empfehlen ist der Band zunächst ganz praktisch für alle, die gute Bildquellen für Ihre Unterrichtspraxis in der Schule oder an der Universität suchen, weiter für solche, die mehr über den Alltag im Schatten der Mauer verstehen wollen, oder schließlich ganz einfach für diejenigen, welche Freude an der genauen Betrachtung von Bildern haben.

Anmerkungen:
[1] Uhl, Matthias; Wagner, Armin (Hgg.), Ulbricht, Chruschtschow und die Mauer. Eine Dokumentation, München 2003; Harrison, Hope, Driving the Soviets up the Wall, Princeton 2003.
[2] Münger, Christof, Die Berliner Mauer, Kennedy und die Kubakrise. Die westliche Allianz in der Zerreißprobe 1961-1963, Paderborn 2003; Steininger, Rolf, Der Mauerbau. Die Westmächte und Adenauer in der Berlinkrise 1958-1963, München 2001.
[3] Dies gilt auch für allgemeinere Titel. Vgl. etwa Küchenmeister, Daniel, Der Mauerbau. Krisenverlauf – Weichenstellung – Resultate, Berlin 2001; Ciesla, Burghard et al. (Hgg.), Sterben für Berlin? Die Berliner Krisen 1948-1956, Berlin 2000; Flemming, Thomas; Koch, Hagen, Die Berliner Mauer. Geschichte eines politischen Bauwerks, Berlin 1999.
[4] Siehe immerhin schon Scholze, Thomas; Blask, Falk, Halt! Grenzgebiet! Leben im Schatten der Mauer, Berlin 1992.
[5] Neben dieser stark westdeutsch eingefärbten Erinnerungskultur gibt es selbstverständlich auch noch spezifisch ostdeutsche Spielarten. Vgl. etwa Walckhoff, Dirk-Arne, Der 13. August 1961 in der Traditionsarbeit der Grenztruppen der DDR, Hamburg 1996.
[6] Demke, Elena, „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Analyse alter Fotografien anhand von Wilhelm Genazinos Album „Auf der Kippe“, in: Geschichte lernen 16, 19 (2003), S. 48-53.

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Veröffentlicht am
06.07.2004
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