Cover
Titel
Geheimdienste.


Autor(en)
Hirschmann, Kai
Reihe
Wissen 3000
Erschienen
Anzahl Seiten
96 S.
Preis
€ 8,60
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Armin Wagner, Dozentur Militärgeschichte, Offizierschule des Heeres

Geheimdienste haben in der geschichts- und sozialwissenschaftlichen Forschung in Deutschland während der Jahrzehnte des Kalten Krieges nur marginale Aufmerksamkeit erfahren. Die Ursachen dafür waren vielfältig. Sie reichten von der weitverbreiteten Ablehnung einer oftmals nur im Skandal öffentlich werdenden Materie bis zum schlichtweg fehlenden Zugang zu den Akten der deutschen Dienste. Seit den 1990er-Jahren haben sich die Forscher, lange nach den Zeithistorikern in Großbritannien und den USA, allerdings auch hierzulande zunehmend die Geheimdienstgeschichte erschlossen. Die maßgeblichen Impulse kamen nach der deutschen Einheit zum einen durch den Zugang zur umfangreichen Überlieferung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, zum anderen durch die Verfügbarkeit von Akten des NS-Regimes, die zuvor unzugänglich in den ostdeutschen Archiven lagen. In der Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus beschleunigten die neu erschlossenen Dokumente eine Wende in der Perspektive: Nach den Opfern wandten sich die Historiker nun verstärkt den Tätern zu, besonders jenen, die in den geheimpolizeilichen Apparaten des Dritten Reiches lokalisiert wurden.[1] Die „Stasi“-Akten stützten bald große Bereiche der DDR-Forschung selbst jenseits engerer geheimdienstlicher Fragestellungen, geben sie doch einen relativ authentischen Einblick in die meisten Subsysteme der ostdeutschen Gesellschaft.

Kai Hirschmanns kleine Überblicksdarstellung zu Geheimdiensten thematisiert nicht die Ergebnisse dieses neuen geschichtswissenschaftlichen Interesses; insofern verbirgt sich hinter dem weitgefassten Titel keine neue „Weltgeschichte“ der Spionage.[2] Sie reiht sich vielmehr in eine ganze Reihe von Literatur ein, die parallel zur historischen Dimension die aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten der Dienste im Rahmen „asymmetrischer Kriegführung“ gegen den Terrorismus und angesichts einer Renaissance des „kleinen Krieges“ ergründet und, häufig als Übersetzung aus dem englischen Sprachraum, die Regale der Buchhandlungen füllt. Hirschmann hat sein Werk wie schon sein im letzten Jahr am gleichen Ort erschienenen Band über den Terrorismus[3] gemäß dem Profil der Reihe „Wissen 3000“ als politisches Sachbuch konzipiert. Nach einer kurzen Einführung in das Thema, das er ohne explizite Erläuterung in erster Linie als Spionage und Spionage- bzw. Extremismusabwehr versteht[4], schaut er sich zuerst die „Welt der Spione“ an, um sich anschließend der technischen Informationsbeschaffung und der Wirtschaftsspionage zu widmen. Die Funktionsweise von Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz und Militärischem Abschirmdienst im demokratischen Rechtsstaat steht im Mittelpunkt des nächsten Kapitels, bevor auf einige neuere „Pleiten, Projekte, Peinlichkeiten“ der deutschen „intelligence community“ eine Übersicht ausgewählter Dienste und ein „Geheimdienst-ABC“ folgen. Mit neuen Aufgaben wie dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität und den internationalen Terrorismus sowie gegen die Proliferation von Massenvernichtungswaffen sieht Hirschmann die Existenzberechtigung der Dienste nach dem Ende des Kalten Krieges keinesfalls verloren, ihren Einsatz nur verlagert.

In einem sehr schmal gehaltenen Abschnitt wendet sich der Autor eingangs der „Human Intelligence“ (HUMINT) zu und erklärt grundlegende Begriffe (V-Leute, Maulwurf, Counterman usw.). Es ist schwer, über die operative Arbeit mit menschlichen Quellen zu erzählen, wenn man eben nicht historische Fälle zur Anschauung nimmt, andererseits aber die konspirativen Methoden nur wenig konkret darstellen kann. So bleibt gerade dieser erste Teil eher oberflächlich. Im Folgenden entsteht ein Übergewicht zugunsten der technischen Aufklärung, das die Realität zumindest verzerrt, wird doch gerade die unverzichtbare Bedeutung von HUMINT nach einer technikgläubigen Phase schon seit längerem von Geheimdiensten wieder sehr hoch bewertet. Hirschmann aber präsentiert ausgiebig die schier unbegrenzten Möglichkeiten technischer Spionage. Auf über zwanzig Seiten zeigt er dem Leser, was zumindest die großen Dienste heute mit „Communications Intelligence“ (COMINT) und „Electronic Intelligence“ (ELINT) weltweit ausforschen können. Doch in der Aufzählung einer Fülle von (zu vielen) Details fehlen in diesem Kapitel wichtige Facetten: Während die amerikanische „National Security Agency“ (NSA) und ihr weltweit betriebenes Lausch- und Abhörsystem ECHELON breite Würdigung erfahren, wird der andere technische Nachrichtendienst der USA, das „National Reconnaissance Office“ (NRO) mit seinem Satellitennetz zur optischen Erdüberwachung, nicht einmal erwähnt. Immerhin werden die Grenzen dieser Art von Informationsbeschaffung nicht verschwiegen: fehlende Kenntnisse „exotischer“ Fremdsprachen, Bewältigung des gigantischen Aufkommens an Material, Verweigerung der aufklärbaren Technik beim Gegner („No Tech schlägt High Tech“).

Besser gelungen ist das Kapitel über „Business Intelligence“. Deutlich spricht der Verfasser die Ausspähung der deutschen Wirtschaft durch Dienste befreundeter Staaten an, die aus Gründen „politischer Opportunität“ (S. 49) von offiziellen Stellen abgestritten wird. „Man sollte sich generell die Frage stellen, ob das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft in Deutschland auf dem Gebiet der Spionageabwehr so gestaltet ist, dass es (angesichts der professionellen Zusammenarbeit von Wirtschaft und Geheimdiensten in anderen Ländern) den deutschen Unternehmen große Nachteile bereitet. Dabei könnte der BND durchaus international auch auf wirtschaftlichem Gebiet aktiv sein.“ (S. 53) Es gehört zu den Stärken dieses Buches, die Tätigkeit der deutschen Geheimdienste nüchtern und keineswegs polemisch darzustellen. Geheimdienste sind, das klingt in diesem Band immer wieder an, ein legitimes Instrument des Staates zur Informationsbeschaffung und Gefahrenabwehr im Vorfeld einer möglichen Bedrohung - oder einer Benachteiligung in der Wettbewerbssituation des Weltmarktes. Freilich gilt es, das stellt Hirschmann deutlich klar, sie vor dem Hintergrund ihres Missbrauchs in den zwei deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts streng zu kontrollieren. Diese Kontrolle sieht er trotz mancher Probleme als gegeben, gerade im Vergleich zu anderen europäischen und internationalen Diensten: Genannt werden das Trennungsgebot zwischen Polizei und Geheimdiensten sowie die mehrfache Kontrolle durch den Bundestag im Parlamentarischen Kontrollgremium, der G10-Kommission und dem Vertrauensgremium des Haushaltsausschusses sowie ferner die Beobachtung durch Bundesrechnungshof und die Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern.

In seinem abschließenden Kapitel über Fehlschläge deutscher Dienste bleibt Hirschmann wohltuend sachlich und analysiert deren Ursachen vor dem Hintergrund seiner einleitenden Bemerkung, dass der konspirative Charakter der Geheimdienst-Arbeit die Korrektur von Vorurteilen darüber erschwert. Erfolge sind, im Gegensatz zu Pannen, eben nur selten medienpräsent und publikumswirksam; öffentliche Transparenz von Geheimdiensten widerspräche allerdings der dienstlichen Erfolgsabsicht. Im Zusammenhang mit der Hamburger „Al-Quaida-Zelle“ weist Hirschmann darauf hin, dass ein Anschlag der Tragweite von „9/11“ im Vorfeld nicht zu erkennen war, dass aber die föderalen Strukturen der deutschen Inlandsdienste die interne Kommunikation ernsthaft gestört haben. Ebenso wie im „NPD-Fall“ (Beschäftigung von NPD-Funktionären als V-Leute durch verschiedene Verfassungsschutzämter) stelle sich daher die Frage: „Wozu braucht man einen Bundes-Inlandsgeheimdienst und 16 Landesgeheimdienste?“ (S. 81)

Für den Leser, der sich in Funktion und Strukturen geheimdienstlicher Tätigkeit einlesen will, ist Hirschmanns Übersicht eine nützliche Handreiche. Das Reihenformat von „Wissen 3000“ begrenzt den Umfang, die Kürze der Darstellung ist also nicht vom Autor zu verantworten. So bleibt als Defizit vor allem, dass die für den Laien zweifellos zwischen erschreckend und imponierend oszillierenden Möglichkeiten technischer Informationsbeschaffung einen zu großen Raum gegenüber HUMINT erhalten. Bezeichnenderweise kommt die Relevanz von Informanten und Agenten in zwar klischeehaft überzeichneter, aber eben doch im Kern zutreffender Form auf dem Cover des Buches zum Ausdruck: Das Cocktailglas mit Martini und Olive, in der kulturellen Reflexion des Spionagegenres Symbol für den berühmtesten fiktiven Geheimagenten des 20. Jahrhunderts („shaken not stirred“), steht zugleich bildhaft für den kaum zu unterschätzenden „menschlichen Faktor“ im geheimdienstlichen Geschäft.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Wildt, Michael, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2001; Banach, Jens, Heydrichs Elite. Das Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD 1936-1945, Paderborn 2002; jetzt auch Mallmann, Klaus; Paul, Gerhard (Hgg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, Darmstadt 2004.
[2] Vgl. zuletzt Krieger, Wolfgang (Hg.), Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart, München 2003.
[3] Vgl. Hirschmann, Kai, Terrorismus (Wissen 3000), Hamburg 2003.
[4] Zur Unterscheidung der Begrifflichkeiten und Funktionen - Geheimpolizei, Nachrichtendienst, Spionageabwehr, Gegenspionage, Geheimdienst - vgl. Krüger, Dieter; Wagner, Armin, Im Spannungsfeld von Demokratie und Diktatur. Deutsche Geheimdienstchefs im Kalten Krieg, in: Dies. (Hgg.), Konspiration als Beruf. Deutsche Geheimdienstchefs im Kalten Krieg, Berlin 2003, S. 7-31, hier S. 8-10.

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Veröffentlicht am
12.10.2004
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