B. Schaebler u.a. (Hrsg.): Globalization and the Muslim World

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Titel
Globalization and the Muslim World. Culture, Religion, and Modernity


Herausgeber
Schaebler, Birgit; Stenberg, Leif
Erschienen
Anzahl Seiten
266 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Astrid Meier, Historisches Seminar, Universität Zürich Email:

"Subvert the ,modernist certitudes, structural rigidities, Orientalist stereotypes and colonial and modernizing vanities' (Bose 1997) that formerly afflicted Middle Eastern and Islamic Studies": Die Herausgeber des vorliegenden Bandes setzen sich in ihrer Einleitung ein ambitioniertes Ziel (S. xvii). Tatsächlich sind der Islam oder in erster Linie der "islamische Terrorismus" als globale Phänomene in aller Munde und in den Schlagzeilen. Betrachtet man jedoch die wissenschaftlichen Debatten über den Begriff und die Ausprägungen der Globalisierung, die seit einiger Zeit die Moderne als Kernkonzept abzulösen scheint, findet man selten Beiträge von denjenigen, die sich mit der islamischen Welt beschäftigen. [1] Die am meisten diskutierte Intervention des letzten Jahrzehntes ist nicht von ungefähr Samuel Huntingtons "The Clash of Civilizations".

Es ist das Verdienst dieses innovativen und anregenden Bandes, das Phänomen der Globalisierung und die damit verbundenen Konzepte der Moderne und Postmoderne im Rahmen der Forschung zu Westasien und Nordafrika sowie der Islamwissenschaften zur Diskussion zu stellen. Das Buch ist das Resultat eines Workshops, der 1999 am Center for Middle Eastern Studies an der Harvard-Universität stattfand. In der Einladung sahen sich die Teilnehmenden aufgerufen, "to reflect on the influence of globalization and postmodernity in their personal research as well as on the consequences for Middle Eastern and Islamic studies in general" (S. xv). Diese offene Zugangsweise prägt die vorliegende Aufsatzsammlung in mehrfacher Hinsicht: Sie versammelt Beiträge aus verschiedenen Disziplinen mit unterschiedlicher historischer Tiefe, ohne im vornherein die zentralen Begriffe der Globalisierung und der (Post-)Moderne eindeutig zu definieren. Dabei scheint die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren weit mehr an einer Diskussion der Implikationen einer wie auch immer definierten Globalisierung interessiert als an postmodernen Ansätzen. Bezeichnenderweise ist denn auch im Titel der vorliegenden Sammlung Postmoderne durch Moderne ersetzt worden.

Der Band versammelt elf Beiträge, die unter den zwei Rubriken "Globalization discussed" und "Globalization experienced and practiced" präsentiert werden. Damit wird die Erwartung auf eine Diskussion über das Verhältnis von Globalisierung und islamischer Welt in Theorie und Praxis geweckt. Tatsächlich hilft die Zuordnung der einzelnen Aufsätze kaum, diese wenig aussagekräftige Unterscheidung nachzuvollziehen (so würde man den Beitrag von Brodeur wegen seiner theoretischen Ausführungen wohl eher im ersten Teil suchen). Deswegen und weil es unmöglich ist, in diesem Rahmen auf jeden einzelnen Aufsatz in der Ausführlichkeit einzugehen, die er verdient hätte, werde ich im folgenden die Beiträge in drei Themenblöcke umgruppieren.

Ausgehend von einer einfachen Definition von Globalisierung als weltweiten Bewegungen von Personen, Waren, Technologien und Ideen, beschäftigen sich drei Beiträge mit den Medien solcher Transfers. Heather J. Sharkey untersucht dabei in einer Langzeitperspektive die Auswirkungen von Migrationen auf die Identitätsbildung von Gruppen im Sudan der letzten beiden Jahrhunderte. Sie kommt zum Schluss, dass sozialer Wandel nicht zu einer kulturellen Homogenität führt, sondern im Gegenteil zu "new, ever-changing, and overlapping cultural formations" (S. 137). Der Soziologe Toby E. Huff stellt vor, wie Malaysia sich durch die Einführung des Multimedia Super Corridor an die virtuelle Welt anschloss und welche Visionen für ein zukünftiges Wirtschaftswachstum damit verbunden sind. Jakob Skovgaard-Petersen beschreibt in einem interessanten Beitrag, wie zwei islamische Gelehrte die neuen Chancen des (Satelliten-)Fernsehens nutzten und nutzen, um ihre unterschiedlichen Versionen eines verbindlichen islamischen Lebensstils zu verbreiten. Dabei kommt Skovgaard zum überraschenden Ergebnis, dass das ägyptische Staatsfernsehen eher dem Modell eines postmodernen "televangelism" folgt, während ihm der Satellitensender al-Jazira als "the ultimate channel of the old modernist intellectual" erscheint.

Der zweite Block von drei Artikeln rückt die Effekte der Globalisierung in lokalen Kontexten in den Mittelpunkt. Im wohl ambitioniertesten Beitrag des Bandes versucht Sayres S. Rudy, das Phänomen des Islamismus im Kontext von Globalisierung und Postmoderne zu verorten. In seiner Analyse der Motivation islamistischer Akteure spielt die Wahlfreiheit (choice) gegenüber politischen Systemen eine große Rolle. Für ihn stellen die verschiedenen Ausprägungen islamistischer Identität (persönlicher, kommunitärer, oder militanter Islamismus) nicht unterschiedliche Grade desselben Phänomens dar, sondern sind als verschiedene Typen von Antworten auf systemische Herausforderungen und die Wahlmöglichkeiten des Einzelnen besser zu beschreiben. Jocelyne Cesari sieht die Ausbildung eines neuen, "westlichen" Islam in Europa und den USA als Konsequenz der Globalisierung. Die Präsenz in "global cities" wie Paris, London, Berlin oder New York fördere, "that Muslims reconstitute themselves along ethnic lines, defending an ethnic vision of Islam rooted in their respective national cultures of origin [...] automatically deconstructing Western Muslim identities into religious, social, and ethnic components, contrary to more integrated identities in the Muslim world" (S. xx). Die altvertraute Dichotomisierung zwischen dem Westen und der islamischen Welt oder dem Rest, die in dieser Unterscheidung aufscheint und auch in anderen Beiträgen des Bandes anzutreffen ist, bleibt im Großen und Ganzen unreflektiert, obwohl doch der hier implizit allgemein vertretene Glokalisierungsansatz einem Denken in solch territorialen ideologischen Kategorien entgegentreten will. Die beste Antwort auf solche Vereinfachungen findet sich aber im Band selber, und zwar im äußerst spannenden Beitrag der Religionshistorikerin Catharina Raudvere über eine kleine Gruppe religiös aktiver Frauen in Istanbul. Sie zeigt, dass die Identitäten dieser Frauen als genauso widersprüchliche, multiple und hybride Konstrukte zwischen Traditionellem und Modernem, zwischen Lokalem und Globalem zu beschreiben sind, wie dies wohl für Musliminnen und Muslime im "Westen" der Fall ist.

Der letzte Block von vier Beiträgen beschäftigt sich mit der Produktion von Wissen im Zuge der Globalisierung. Die Herausgeberin Birgit Schaebler, die in Erlangen Westasiatische Geschichte lehrt und somit eine der wenigen Mittelosthistorikerinnen im deutschsprachigen Raum ist, untersucht die globale Verbreitung eines zentralen Begriffpaars der Moderne, nämlich "civilization" und "savagery". Dabei wendet sie sich gegen die gängige Interpretation solcher Transfers von Konzepten und Ideen als bloße repetitive Imitation Europas. Die Ausbildung eigener, unterschiedlicher Zivilisationsbegriffe impliziert sowohl im europäischen wie im mittelöstlichen Rahmen komplexe Prozesse der Selbstvergewisserung, die sich nicht nur gegen das als kulturell anders Wahrgenommene abgrenzen (also in der Konstruktion von Kulturräumen wie etwa Europa oder dem Islam), sondern auch innerhalb von geografisch oder national definierten Einheiten. Patrice C. Brodeurs Aufsatz beschäftigt sich ebenfalls mit der Dialektik zwischen Selbst und Anderem im Kontext von Moderne und Postmoderne am Beispiel dessen, was im orientalistischen Sprachgebrauch als das Genre der "Islamischen Häresiographie" bekannt wurde. Obwohl sein eigentlicher Untersuchungsgegenstand in einer ausgedehnten theoretischen Diskussion des "glocalism" fast untergeht und für Nichtspezialisten wohl kaum fassbar wird, so sticht dieser Beitrag durch seine konsequente globale oder glokalisierende Perspektive heraus, indem die verschiedenen an diesem Diskurs beteiligten Wissenschaftler und ihre ineinander verflochtenen Traditionen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Mit einer als Gegenreaktion auf Globalisierung und Verwestlichung verstandenen Indigenisierung des Wissens beschäftigen sich die beiden Beiträge von Mehrzad Boroujerdi und Leif Stenberg. Der erstere unternimmt dabei, trotz durchaus kritischer Einschätzungen, eine Verteidigung des Projektes der "Islamization of knowledge" als "a largely genuine, albeit conflict-ridden project by partisans of erstwhile civilizations seeking to end their condition of intellectual docility while negociating with a compulsive and restless modernity" (S. 31). Der Mitherausgeber Stenberg stellt das 1981 gegründete International Institute of Islamic Thought in Virginia, USA als einen der neuen Akteure eines globalen Islam vor. Am schwierigsten einzuordnen dürfte der letzte Beitrag des Bandes sein, ein sogenannter literarischer Essay zum Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern. Anne Marie Oliver betont am Beispiel des Märtyrerkultes der Hamas die Rolle von linguistischen und ästhetischen “Revolutionen” und bietet eine Interpretation der im Mittleren Osten weithin bekannten Fabel vom Frosch und vom Skorpion.

Das Fehlen einer gemeinsamen Definition macht den Band zu einer Illustration der verschiedenen Interpretationen von Globalisierung, die von langfristigen historischen Prozessen bis zu einem erst in den 1990er-Jahren erreichten Zustand globaler Vernetzung reichen. Auffällig ist, dass kein Beitrag die Frage nach den Gründen oder Motoren der Globalisierung stellt. Die Konzentration auf die lokale Rezeption von globalen Prozessen führt auch dazu, dass die Kategorie "islamische Welt" (Muslim World) mit wenigen Ausnahmen kaum einmal explizit in Frage gestellt wird. Viele Beiträge lassen so paradoxerweise trotz des vertretenen Globalisierungsansatzes eine Zweiteilung der Welt, eine Gegenüberstellung zwischen dem Westen und der islamischen Welt durchscheinen. Und obwohl Roy Mottahedeh in seinem Vorwort zu Recht herausstreicht, "by definition interaction works in both directions" (S. viii), bleiben die meisten einer einseitigen Perspektive verpflichtet. Globalisierung könnte aber auch bedeuten, weit komplexere Bezüge zwischen Akteuren in verschiedenen lokalen, regionalen, nationalen und globalen Vernetzungen herzustellen. Zukünftige Beiträge zur Globalisierungsdiskussion aus den Islamwissenschaften oder mit islamischen Gesellschaften befassten Forschungsfeldern werden sich dieser Herausforderung stärker zu stellen haben. Der hier besprochene Band bietet neben vielem anderen genügend Anregungen, wo hier anzusetzen wäre.

Anmerkung:
[1] Als Einführung in die Globalisierungsdebatte überaus nützlich ist: Osterhammel, Jürgen; Petersson, Niels P., Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.01.2007
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