G. Hölbl: Altägypten im Römischen Reich II

Cover
Titel
Altägypten im Römischen Reich. Der römische Pharao und seine Tempel, Bd. 2: Die Tempel des römischen Nubien


Autor(en)
Hölbl, Günther
Reihe
Zaberns Bildbände zur Archäologie
Erschienen
Anzahl Seiten
160 S.
Preis
€ 41,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friederike Herklotz, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Mit diesem Buch legt der Wiener Ägyptologe Günther Hölbl den zweiten Band seiner Darstellung über die Tempel im römischen Ägypten vor. Im ersten Band[1], der im Jahre 2000 erschienen ist, wurden detailliert die Ereignisgeschichte von Augustus bis Diocletian sowie die Tempel in Mittel- und Oberägypten vorgestellt. Der zweite Band ist den Tempeln des römischen Nubien gewidmet. Ferner erfolgt ein Abriss über die Geschichte Nubiens in ptolemäischer und römischer Zeit.

Das Gebiet zwischen dem 1. und 2. Nilkatarakt war das Verbindungsglied zwischen Ägypten und Nubien und bildete in politischer und kultureller Hinsicht ein Grenzgebiet. Der nördliche Abschnitt (bis Hiera Sykaminos/Maharraqa) wurde im Altertum als Zwölfmeilenland (Dodekaschoinos) [2] bezeichnet und von Augustus nach dem Vertrag von Samos im Jahre 21/20 v.Chr. (Strab. 17,1,54; Cass. Dio 54,5,5) dauerhaft in die römische Verwaltung übernommen. Gerade in diesem wichtigen Grenzgebiet entstanden in den ersten Jahrzehnten der römischen Herrschaft gewaltige Tempelbauten, wobei ptolemäische Bauten fertig gestellt wurden, aber auch Neugründungen auszumachen sind. Leider befinden sich diese Tempel heute nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten. Durch den Bau des Assuan-Staudammes mussten sie abgetragen und an anderen Stellen, teilweise auch außerhalb Ägyptens, wieder aufgebaut werden. Mit der Topografie und der Geschichte der Region um den ersten Nilkatarakt beschäftigte sich Locher im Jahre 1999 ausführlich und grundlegend.[3] Die Inschriften der unternubischen Tempel wurden am Beginn des 20. Jahrhunderts ediert.[4] Eine endgültige Publikation der Tempelinsel Philae, einem der bedeutendsten Komplexe der ägyptischen Spätzeit, steht leider noch aus.[5] Dagegen haben die Arbeiten des Deutschen Archäologischen Instituts auf der Insel Elephantine eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse über die römischen Tempelbauten gebracht.[6] Mit den religiösen Inhalten der einzelnen Tempelszenen und -inschriften im Zwölfscheunenland hat sich allerdings bisher kaum ein Forscher beschäftigt. Auch wenn das Werk von Hölbl für ein breites Publikum geschrieben ist, liegt damit erstmalig ein kompletter Überblick über den Tempelbau im römischen Unternubien vor.[7]

Das zentrale Thema des Werkes ist die Entwicklung der altägyptischen Königsfunktion im römischen Ägypten. Hölbl zeigt, dass Octavian/Augustus während der ersten Phase seiner Herrschaft nach und nach in die kultisch-religiöse Rolle des ägyptischen Pharaos eintrat. Durch einen Kompromiss konnte die Weltordnung der ägyptischen Tempel unter der römischen Verwaltung weitergeführt werden (S. 151). Weiterhin demonstriert er an vielen Stellen, dass der historische Träger des Königsamtes an Bedeutung verlor und seine Funktionen von Göttern übernommen wurden. Diese tragen mitunter Titel, die eigentlich dem König zukamen. Sehr häufig steht in den Kartuschen der Könige dagegen einfach der Titel pr-aA (Pharao), so dass der eigentliche Name des jeweiligen Königs unwichtig wurde. Diese Entwicklung ist allerdings nicht neu und lässt sich bereits seit der 3. Zwischenzeit nachweisen. In römischer Zeit, als der regierende Pharao nur noch in Ausnahmefällen im Land weilte, verstärkten sich diese Tendenzen.

Hölbl beschränkt sich, wie schon im ersten Band, fast ausschließlich auf den ägyptischen Kontext. Allerdings wird das römische Militär einbezogen, welches in den ägyptischen Tempeln Besucherinschriften hinterließ. Diese einseitige Schwerpunktsetzung ist zu bedauern, denn Ägypten war in der römischen Kaiserzeit auch von Griechen und Römern bewohnt, so dass eine Vermischung zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen eintrat. Als Ergänzung zum Werk von Hölbl sollte daher unbedingt das im gleichen Verlag erschienene Buch von Katja Lembke [8] herangezogen werden, welches genau die Themenbereiche bespricht, die bei Hölbl ausgeklammert sind. An dieser Stelle wäre zu fragen, warum der Verlag nicht eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Autoren gefördert hat, um ein möglichst vollständiges Bild des römischen Ägypten zu erarbeiten.

Das Buch ist in drei größere Kapitel gegliedert und wird mit einer Zusammenfassung (S. 151-153) abgeschlossen. Das erste Kapitel "Das nördliche Unternubien unter ptolemäischer und römischer Herrschaft" (S. 9-27) gibt einen kurzen geschichtlichen Überblick. Zu begrüßen ist die Einbeziehung der ptolemäischen Geschichte, denn viele Entwicklungen der römischen Kaiserzeit in Nubien beruhen auf hellenistischen Anfängen. Das lässt sich besonders an der so genannten "Schenkung des Zwölfmeilenlandes an die Isis von Philae" zeigen, die erstmalig unter Ptolemaios II. belegt ist. Sie wurde in der römischen Zeit, zumindest unter Augustus und Tiberius, bestätigt. Hervorzuheben ist, dass Hölbl die Ergebnisse der neuesten Forschung einbezieht und damit das Bild des römischen Nubien, welches er im ersten Band auf den Seiten 14-17 zeichnet, an einigen Stellen revidiert.[9] Hölbl beendet den Überblick mit der Schließung des Tempels von Philae unter Justinian in den Jahren 535 bis 537 n.Chr.[10] Kurz kommt er auch auf die staatliche Verwaltung des Zwölfscheunenlandes zu sprechen, über die wir nur unzureichend informiert sind. Ein wenig zu kurz geraten sind die Ausführungen zur wirtschaftlichen Bedeutung des Gebietes. Wie auch schon in pharaonischer Zeit nutzte man die Goldminen und Steinbrüche dieser Region. Zudem verliefen hier Wüstenstraßen, die von unterschiedlichen Handelskarawanen benutzt wurden.

Das zweite Kapitel "Religiöse Zentren im Grenzgebiet von Ägypten und Nubien" (S. 28-98) beschäftigt sich zunächst mit den Kulteinrichtungen auf der Insel Elephantine und stellt dann ausführlich die Tempelinsel Philae vor. Zu betonen ist, dass hier erstmalig alle römischen Bauten der Tempelinsel in ihrem Zusammenhang besprochen werden und die Erläuterungen durch neu angefertigte Fotos belegt sind. Hölbl unternimmt mit dem Leser einen Rundgang durch das römerzeitliche Philae, erläutert die Baugeschichte der einzelnen Tempelteile, bespricht die Darstellungen und Inschriften und erläutert die theologischen Inhalte. Bemerkenswert ist die sehr hohe Qualität der einzelnen Reliefs in Philae noch bis in die hohe Kaiserzeit hinein. Der König, häufig noch mit seinem Namen bezeichnet, wurde zumindest auf den Tempelwänden noch seiner Funktion gerecht. Er wird gekrönt, vernichtet das Böse und vertreibt das Chaos - alles Taten, die einem Pharao zukommen. Aber auch hier übernahmen Götter immer mehr die religiöse Funktion des Pharaos. Am deutlichsten wird dies in den spätptolemäischen Inschriften am Pylon, welche die Krönung des in Philae verehrten Falken beschreiben.[11] In den späten Tempelreliefs aus dem 3. bis 5. Jahrhundert führen die Götter selbst die Opfer durch.[12]

Das dritte Kapitel "Ägyptische Tempel und römisches Militär im Zwölfmeilenland südlich von Philae" (S. 99-150) stellt die ägyptischen Tempel Unternubiens vor, an denen in der Römerzeit gebaut wurde - Debod, Qertassi, Taffe, Kalabscha, Ajuala, Dendur, Dakke und Maharaqqa -, und beschäftigt sich mit den Besucherinschriften, welche das römische Militär dort hinterließ. Allerdings beschränkte sich die Bautätigkeit größtenteils auf die Kaiser Augustus und Tiberius. Während die Reliefs unter Augustus noch eine relativ hohe Qualität aufweisen, ist ein deutlicher Abfall unter der Regierung des Tiberius zu spüren. Interessant ist, dass Augustus gerade in diesem Grenzgebiet den Tempelbau so stark förderte und durch den Einbezug von Lokalgöttern die religiösen Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung begünstigte. Bedauerlicherweise beschäftigt sich der Autor nur kurz mit dem Kalabschator, das sich heute in Berlin befindet. Er folgt in seinen Ansichten dem 2003 erschienen Artikel von Winter[13], der das Tor gänzlich in die frühe römische Kaiserzeit datiert. Ausführlich werden die Besucherinschriften besprochen, die bezeugen, dass römische Soldaten mit den Inhalten der ägyptischen Religion vertraut waren. Hölbl betont, dass militärische Stationen im Zwölfscheunenland vor allem in direktem Kontakt zu Tempelbezirken standen, dass die Soldaten nach inschriftlichen Zeugnissen an der Verehrung der Götter vor Ort teilnahmen und in die kaiserliche Religionspolitik völlig integriert waren.[14]

Der Anhang (S. 154-160) enthält eine Zeittafel mit den Regierungsdaten der meroitischen Könige und der römischen Kaiser (im vorderen Teil des Buches auch eine Karte), ein Glossar, eine kurze Auswahlbibliografie und die Fußnoten. Wünschenswert wäre ein Index gewesen. Der Anmerkungsapparat ist kurz gehalten und beschränkt sich auf die neueste Literatur, da das Werk an ein breiteres Publikum gerichtet ist. Die lange Zeit zwischen dem Erscheinen des ersten und des zweiten Bandes wurde genutzt, um einige Verbesserungen im Layout durchzuführen und damit die Übersichtlichkeit zu erhöhen. So sind die einzelnen Kapitel besser gegliedert, so dass das Auffinden von bestimmten Textpassagen vereinfacht wird. Zahlreiche Fotos und Abbildungen lockern die Darstellung auf. Leider sind einige der älteren Fotos schon etwas vergilbt. Schön wäre es auch gewesen, wenn der Band mehr Abbildungen vom Originalstandort der einzelnen Bauwerke enthalten hätte, denn der Tempelbau bezog die umliegende Landschaft in das religiöse Konzept ein. Alle Tempel befinden sich jedoch heute an einem anderen Standort.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Werk um eine gehaltvolle und sehr gut recherchierte Einführung in die religiöse Welt der Tempel des römischen Nubien. Dies ist umso bemerkenswerter, weil es seit vielen Jahren die erste Arbeit dieser Art ist. Die Ausführungen über die Tempelinsel Philae beruhen weitgehend auf Primärstudien vor Ort und der Auswertung des neu angefertigten Bildmaterials. Obwohl für einen allgemeinen Leserkreis geschrieben, ist das Buch für Ägyptologen, Althistoriker oder Religionswissenschaftler sehr empfehlenswert. Der Leser darf gespannt auf den dritten Band der Reihe sein, der sich mit dem religiösen Leben in den Wüstenstationen beschäftigt und den Tempelbau in den Oasen des römischen Ägypten behandeln wird.

Anmerkungen:
[1] Hölbl, Günther, Altägypten im römischen Reich. Der römische Pharao und seine Tempel, Bd. 1: Römische Politik und altägyptische Ideologie von Augustus bis Diocletian, Tempelbau in Oberägypten, Mainz 2000.
[2] Hölbl schreibt auf S. 9, dass die Ausdehnung des Zwölfmeilenlandes 126 Kilometer beträgt. Sie war allerdings lange in der Forschung umstritten, vgl. dazu Locher, Josef, Topographie und Geschichte der Region am ersten Nilkatarakt in griechisch-römischer Zeit (Archiv für Papyrusforschung, Beiheft 5), Stuttgart 1999, S. 230-233.
[3] Locher (wie Anm. 2).
[4] Sie erschienen in der Reihe Les Temples immergés de la Nubie, die vom Service des antiquités de l'Égypte herausgegeben wurde.
[5] Bisher erschienen sind: Bénédite, Georges A., Le temple de Philae (MMAF 13), Bd. 1, Paris 1895; Junker, Hermann; Winter, Erich, Der große Pylon des Tempels der Isis zu Philä, Wien 1958; Junker, Hermann; Winter, Erich, Das Geburtshaus des Tempels der Isis in Philä, Wien 1965.
[6] Vgl. dazu besonders Jaritz, Horst, Die Terrassen vor den Tempeln des Chnum und der Satet (Archäologische Veröffentlichungen 32), Mainz 1980; Laskowska-Kusztal, Ewa, Elephantine XV. Die Dekorfragmente der ptolemäisch-römischen Tempel von Elephantine (AV 73), Mainz 1996; Bickel, Susanne, Die Dekoration des Tempelhaustores unter Alexander IV. und der Südwand unter Augustus, in: Jenni, Hanna (Hg.), Elephantine XVII. Die Dekoration des Chnumtempels auf Elephantine durch Nektanebos II. (AV 90), Mainz 1998, S. 115-159; Niederberger, Walter, Der Chnumtempel Nektanebos' II. Architektur und baugeschichtliche Einordnung (AV 96), Mainz 1999; Arnold, Felix, Die Nachnutzung des Chnumtempelbezirks. Wohnbebauung der Spätantike und des Frühmittelalters (AV 116), Mainz 2003.
[7] Hingewiesen sei auch auf Herklotz, Friederike, Prinzeps und Pharao. Der Kult des Augustus in Ägypten, Diss. Humboldt-Universität, Berlin 2004 (Druck in Vorbereitung) mit einer ausführlichen Besprechung der nubischen Tempel.
[8] Lembke, Katja, Ägyptens späte Blüte. Die Römer am Nil, Mainz 2004.
[9] Eide, Tormod u.a. (Hgg.), Fontes Historiae Nubiorum. Textual Sources for the History of the Middle Nile region between the eight century and the sixth century AD, Bd. 1-3, Bergen 1994-1998 (im Folgenden FHN abgekürzt); Stickler, Timo, "Gallus amore peribat"? Cornelius Gallus und die Anfänge der römischen Herrschaft in Ägypten, Rahden/Westfalen 2002; Locher (vgl. Anm. 2) und Ders., Die Anfänge der römischen Herrschaft in Nubien und der Konflikt zwischen Rom und Meroe, in: Ancient Society 32 (2002), S. 73-132.
[10] Folgende Anmerkung ist noch hinzuzufügen: Hölbl schreibt auf S. 24, dass L. Mussius Aemilianus zum Gegenkaiser gegen Gallienus erhoben worden sei. Wie Hartmann, Udo, Das palmyrenische Teilreich (Oriens et Occidens 2), Stuttgart 2001, S. 187f. (mit Anm. 96), überzeugend nachwies, hatte dieser nie den Augustustitel getragen.
[11] Junker/Winter, Pylon (wie Anm. 5), S. 73-75, Abb. 38; S. 77-78, Abb. 40.
[12] Folgende kleinere Anmerkungen sind noch zu machen: Auf S. 16 gibt Hölbl eine lateinische Übersetzung der trilinguen Stele von C. Cornelius Gallus (Kairo, CG 9295) und bezieht sich im Folgenden auf diese Übersetzung. Lateinische und griechische Fassung des Textes unterscheiden sich jedoch. Während in der lateinischen Fassung (Z. 7f.) der Ausdruck eoq[ue] rege in tutelam recepto (rex ist der meroitische König) auf die Einrichtung eines Vasallenkönigtums schließen lässt, lesen wir in der griechischen Fassung über Verhandlungen, die mit den Botschaftern des Königs von Meroe geführt wurden, in deren Ergebnis Cornelius Gallus der Status eines öffentlichen Freundes (proxenia) des merotischen Königs verliehen wurde. Auf S. 19 spricht Hölbl davon, dass der Präfekt P. Rubrius Barbarus im Jahre 13/12 v.Chr. den Augustustempel auf Philae eingeweiht habe. Dies steht allerdings so nicht in der Inschrift, die bei Bernand, A., Les inscriptions grecques de Philae, Bd. 2: Haut et bas Empire, Paris 1969, Nr. 140, publiziert ist. Der Name des P. Rubrius Barbarus ist mit der Präposition epi verbunden. Diese wird mit "unter", "in der Amtszeit des" übersetzt, wird aber nicht für den Urheber einer Aktion verwendet.
[13] Winter, Erich, Octavian/Augustus als Soter, Euergetes und Epiphanes. Die Datierung des Kalabscha-Tores, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 130 (2003), S. 197-203.
[14] Folgende Bemerkung ist zu machen: Im Tempel von Kalabscha befindet sich in der Südhälfte der Westwand des Pronaos im zweiten Register von oben, auf der rechten Seite, eine Darstellung, welche die Kartuschen von König Amenophis II. aus der 18. Dynastie aufweist. Hölbl (S. 113) ist der Meinung, dass damit bewusst das Alter der heiligen Stätte in die 18. Dynastie zurückverlegt worden sei. Es wäre allerdings zu überlegen, ob die Neugründung nicht doch auf einen alten Kult an dieser Stelle zurückgeht. Zu bedenken ist, dass die Könige der 18. Dynastie die ägyptische Grenze bis zum 4. Katarakt vorgeschoben und Nubien eine herausragende Bedeutung hatte. Gerade unter Amenophis II. wurden sehr viele Bauten an den verschiedensten Orten in Nubien errichtet.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.01.2005
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension