A. Stephan (Hg.): Americanization and Anti-Americanism

Cover
Titel
Americanization and Anti-Americanism. The German Encounter With American Culture After 1945


Herausgeber
Stephan, Alexander
Erschienen
Oxford 2004: Berghahn Books
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
$60.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus M. Payk, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Ob sich Deutschland im 20. Jahrhundert einem ansteigenden Prozess amerikanischer Beeinflussung ausgesetzt sah, der als „Amerikanisierung“ sinnvoll gefasst werden kann, ist ein kontrovers diskutiertes Problem. Man kann darin einerseits die Fortführung einer seit dem 19. Jahrhundert andauernden, ebenso ambivalenten wie oft heftigen Auseinandersetzung mit den USA sehen, welche viel über deutsche Eigenwahrnehmungen, Erwartungen und Ängste aussagt, indes nur bedingt mit realen amerikanischen Einflüssen verknüpft ist. Auf der anderen Seite ist die Bedeutung der Vereinigten Staaten für die (west-)deutsche Nachkriegsgesellschaft tatsächlich kaum zu ignorieren, wenngleich nicht im Sinne einer linearen Übernahme oder gar Überstülpung als amerikanisch apostrophierter Modelle, sondern eher im Sinne komplexer Interaktionsprozesse und selektiver Adaptionen.

Der vorliegende Sammelband führt diese Debatten weiter, auch wenn die knappe Einleitung des Herausgebers Alexander Stephan das historiografische Forschungsumfeld eher am Rande behandelt und sich mehr um eine Einordnung des Themas in die transatlantischen Friktionen der letzten Jahre bemüht. Es folgen fünf Abschnitte mit insgesamt fünfzehn Beiträgen amerikanischer und deutscher Provenienz, wobei die jeweilige thematische Gruppierung zwar nachvollziehbar ist, aber nicht in jedem Fall zwingend erscheint. Überdies unterscheiden sich die einzelnen Aufsätze in ihrer fachwissenschaftlichen Herkunft, ihrem Zuschnitt und ihrem analytischen Anspruch teilweise erheblich, so dass die Leserschaft ebenso auf generalisierende Überblicke wie auf detaillierte Fallstudien stößt. Die Verknüpfung der einzelnen Aufsätze bleibt etwas unbefriedigend, was freilich ein allgemeines Dilemma zahlreicher Sammelbände ist.

Der erste Abschnitt („Politics of Culture“) beginnt mit der scharfen Kritik von Russell A. Berman an deutschen Intellektuellen der Gegenwart – etwa Peter Sloterdijk, Klaus Theweleit und Martin Walser –, deren verqueres Amerikabild in eine düstere Genealogie antidemokratischer, antisemitischer und antikapitalistischer Denkmuster eingeordnet wird. Auch wenn man der zuweilen polemischen Herleitung nicht unbedingt folgen möchte, ist Bermans Hauptthese, dass ein verdeckter oder offener Antiamerikanismus nicht notwendig eine „Amerikanisierung“ voraussetzt, kaum zu bestreiten. Differenzierter argumentiert Michael Ermath, der die kritische Auseinandersetzung mit amerikanischen Lebensstilen durch liberale und sozialdemokratische Reformer in der frühen Bundesrepublik als spezifischen „Gegen-Amerikanismus“ (Counter-Americanism) interpretiert. Dessen Essenz sieht Ermath jedoch nicht in rückwärtsgewandten, antiamerikanischen Abwehrreaktionen, sondern in einer progressiven Überwindungsidee, welche durchaus Einflüsse der USA akzeptieren konnte, zugleich aber vagen Ideen eines „Dritten Weges“ nachhing. Eine ähnliche, allerdings ungleich optimistischer unterlegte Ambivalenz hebt auch Bernd Greiner hervor, der sich dem westdeutschen Amerikabild in den späten 1960er-Jahren widmet. Das jähe Aufflackern antiamerikanischer Ressentiments in der Protest- und Studentenbewegung, zumal unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges, wird dabei zwar nicht bestritten, jedoch mit Hinweisen auf eine doppelte Inspiration durch Populärkultur und Bürgerrechtsbewegung aus den USA differenziert. Spätestens nach den Kriegsverbrechen von My Lai seien die moralischen und normativ-völkerrechtlichen Maßstäbe der Nürnberger Prozesse gegenüber den USA selbst geltend gemacht worden, weshalb die Amerikakritik dieses Zeitraums nach Greiner nicht von einer grundsätzlichen Akzeptanz westlicher Wertorientierungen in der Bundesrepublik zu trennen ist.

Der nachfolgende, etwas unbestimmt mit „Popular Culture“ überschriebene Abschnitt setzt mit einem Essay von Jost Hermand ein, der die hochkulturell-elitäre Ablehnung amerikanischer Kunst (abstrakte Malerei, Pop Art) in beiden deutschen Staaten kritisch thematisiert, zugleich aber selbst deutliche Reserven gegenüber der gegenwärtigen „Kulturindustrie“ erkennen lässt, die zwar nicht als amerikanisch, dafür aber als kapitalistisch perhorresziert wird (S. 75). Einen Kontrapunkt dazu setzt Kaspar Maase in seiner Untersuchung zum deutschen Rundfunk seit den 1920er-Jahren. Die Attraktivität amerikanischer Unterhaltungsangebote wird hier vor allem mit dem Umstand begründet, dass von deutscher Seite kaum etwas Gleichwertiges aufgeboten werden konnte und der erzieherische Anspruch der hergebrachten Programmgestaltung den veränderten Zuhörerbedürfnissen nicht mehr entsprach. Nur bedingt fügt sich dazu der Beitrag von Heide Fehrenbach, die die westdeutschen Debatten über das „Problem“ der angloamerikanischen „Mischlingskinder“ in den 1950er-Jahren analysiert. Fehrenbach zeigt eindrucksvoll, wie Denkkategorien der „Rasse“ in der Bundesrepublik sowohl fortgeführt wie umformuliert wurden, wobei zahlreiche Überschneidungen und Interaktionen mit zeitgleichen Debatten in den USA nachgewiesen werden können.

Einen schärferen Fokus weist der nachfolgende Abschnitt zum Thema Film auf. Die drei hier zusammengestellten Untersuchungen korrespondieren als filmhistorische Spezialstudien gut miteinander. David Bathrick betrachtet die vieldiskutierte Amerikanisierung des Holocaust, Sabine Hake schreibt über den latenten, wiewohl ambivalenten Antiamerikanismus der DEFA, und Thomas Elsaesser untersucht drei Etappen im Verhältnis von westdeutscher und amerikanischer Filmindustrie nach 1945. Zudem bringt Elsaesser mit der Metapher des Doppelspiegels (two-way-mirror) einen Gedanken ins Spiel, der die Überlagerung von Selbst- und Fremdwahrnehmung im transatlantischen Verhältnis anschaulich macht und zu weiteren Überlegungen anregen dürfte.

Die vierte Sektion des Bandes bietet einen Ausblick auf „European and Global Perspectives“. Herauszuheben ist vor allem der Beitrag von Richard Pells, der den grundsätzlich reziproken Charakter transatlantischer und letztlich globaler Beziehungsverhältnisse unterstreicht. Aus Pells’ Sicht ist es der Status der USA als Einwanderungsland sui generis und die damit gegebene Überlagerung und Vermischung von Impulsen aus der ganzen Welt, welche die internationale Durchschlagskraft „amerikanischer“ Kulturmuster begründet. Gegen die suggestiven amerikaskeptischen Ängste einer kulturellen Homogenisierung setzt Pells multiple Identitäten und Loyalitäten in einem dynamischen Spannungsfeld von regionaler Verwurzelung und globaler Interaktion, wobei er mit erfreulich optimistischer Note das freiheitliche Moment dieser Entwicklungen betont (S. 201). In eine ähnliche Richtung argumentiert Rob Kroes, der die antiamerikanischen Ressentiments im Europa des 20. Jahrhunderts unlöslich mit einer zähen Modernitätsfeindlichkeit der intellektuellen Eliten verbunden sieht.

Winfried Fluck vertritt die These, dass amerikanische Einflüsse auf das kulturelle Repertoire Europas zwar eine Bereicherung darstellen, angesichts ihrer Marktorientierung aber staatliche Interventionen (Subventionen etc.) zum Schutz europäischer kultureller Standards zwingend erforderlich machen. Bedauerlich knapp, aber sehr prägnant fällt schließlich der Beitrag von Volker Berghahn aus, der die Bedeutung von „Wahrnehmungen“ für das transatlantische Verhältnis herausstellt. Seine Ansicht, dass politische Divergenzen die wechselseitige Wahrnehmung zwischen beiden Kontinenten weit mehr bestimmen als kulturelle und gesellschaftliche Gemeinsamkeiten, dürfte kaum zu bestreiten sein.

Nur am Rande sei auf die beiden den Band beschließenden Beiträge der transatlantischen Praktiker Karsten D. Voigt (Auswärtiges Amt) und Bowman H. Miller (U.S. Department of State) hingewiesen, welche den fünften Abschnitt bilden. Diplomatische Zurückhaltung und politische Taktik angesichts der deutsch-amerikanischen Spannungen der vergangenen Jahre verschränken sich hier aufs Vornehmste. Eine Auswahlbibliografie zum Thema und ein Inhaltsregister runden die Publikation ab.

Die Vielfältigkeit der Aufsätze erschwert ein abschließendes Fazit. Insgesamt bietet der Band ein instruktives Panorama über gegenwärtig verfolgte Ansätze und Perspektiven der kulturhistorischen und kulturwissenschaftlichen Forschung zum deutsch-amerikanischen Verhältnis. Zugleich machen die Beiträge aber auch deutlich, dass der Terminus der „Amerikanisierung“ als heuristisches Erkenntnisinstrument vielfach an seine Grenzen stößt. Die meisten Autoren sind sich der verkürzten und missverständlichen Konnotationen dieses Begriffs durchaus bewusst; in zahlreichen Aufsätzen finden sich Differenzierungen, Abmilderungen und mehr oder minder subtile Distanzierungen (z.B. S. 31, 72f., 94f., 120f., 149, 190ff., 231, 238f.). Dabei wird einerseits sichtbar, dass künftige Betrachtungen kaum von einem homogenen „Amerikanismus“ ausgehen, sondern dessen vielgestaltigen Konstruktionsbedingungen bereits in den USA selbst Rechnung tragen sollten. Andererseits bedarf das analytische Verhältnis zu konkurrierenden, im vorliegenden Band aber allenfalls implizit erwähnten Erklärungsmustern wie „Verwestlichung“ und Globalisierung einer weiteren Spezifizierung, was auch für die in manchen Beiträgen undeutliche Grenzziehung zwischen Antiamerikanismus und „legitimer“ Amerikakritik gilt.

Bedauerlich ist schließlich, dass der Ursprung der vorliegenden Publikation nicht genannt wird. Denn die von Alexander Stephan am Mershon Center for the Study of International Security (Columbus, Ohio) organisierte Konferenz vom Oktober 2002, aus deren Referaten dieser Band entstanden ist, war zwar die erste, nicht jedoch die einzige Veranstaltung zu diesem Thema. Unter dem gleichen Titelpaar „Americanization and Anti-Americanism“ standen auch Tagungen zu Europa (September 2003), zum Nahen Osten (Januar 2004), zu Russland (Mai 2004) und zu Lateinamerika (Oktober 2004); weitere Regionen der Erde sollen folgen.[1] Diese ambitionierte weltweite Rundschau erlaubt die Hoffnung, dass Stephan in nicht allzu ferner Zukunft seine gewonnenen Einsichten zusammenfasst und die Konturen eines globalen Kommunikationsverhältnisses skizziert, in dem die maßgebliche Rolle der USA neu gefasst und der missverständliche Begriff der „Amerikanisierung“ abgestreift werden könnte.

Anmerkung:
[1] Vgl. <http://people.cohums.ohio-state.edu/stephan30/>.

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29.08.2005
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