S. Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. . Berlin  2003. ISBN 3-833-30090-6

: Die nackte Pionierin. . München  2003. ISBN 3-888-97337-6

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.): Mascha, Nina, Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941-1945. Berlin  2002. ISBN 3-86153-282-4

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carmen Scheide, Historisches Seminar, Universität Basel

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa sind bereits zahlreiche Gedenkveranstaltungen angelaufen, so auch in Russland. Trotz aller politischen Umbrüche wird dort traditionell am 9. Mai an den Sieg und die Befreiung der Völker Europas vom Faschismus erinnert. Geltende Normen und Lesarten des Kriegsgedenkens lassen sich an der Symbolsprache des zentralen Gedenkkomplexes in Moskau, dem Park Pobedy (Park des Sieges), ablesen. Das Arrangement der Figuren in der Ausstellungsarchitektur des Museums verortet auch die Geschlechterrollen in der Erinnerungslandschaft an den Zweiten Weltkrieg, der in Russland immer noch „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt wird. Dabei manifestiert sich eine auch im Alltag geltende männliche Dominanz und weibliche Unterordnung.

Im Hauptsaal steht ein junger, weißer, russischer, kräftiger, unverwundeter, männlicher Soldat. Im darunter liegenden Untergeschoss beweint eine weibliche Figur einen auf ihren Knien ruhenden Gefallenen. Die an eine Pietà erinnernde Skulptur verkörpert die „Mutter Heimat“ (mat’ rodina), der im Krieg besonderes Leid zugefügt, die aber heldenhaft verteidigt wurde und als Frau Tränen des Schmerzes für die gefallenen Söhne des Vaterlandes zeigen darf.

Ein prominentes Denkmal für die etwa 1 Millionen Frauen, die in der Roten Armee während des Krieges kämpften und im Vergleich zu den Armeen Englands, Amerikas und Deutschlands eine Besonderheit darstellten, da sie in allen Bereichen eingesetzt werden konnten, fehlt bis heute. Die hier vorzustellden Publikationen widmen sich dem relativ wenig erforschten Thema von sowjetischen Frauen im Krieg.

Die weißrussische Publizistin Swetlana Aleksijewitsch, geboren am 31. Mai 1948 in Iwanono-Frankowsk, veröffentlichte bereits 1985, nach einem zweijährigen Kampf mit der Zensur, ihr Bahn brechendes Buch „U woiny – ne schenskoe lizo“, das unter dem Titel „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erstmals 1987 in der DDR und 1989 in Berlin/West auf Deutsch erschien. Bei seinem Erscheinen zu Beginn der Perestroika war das Buch bereits eine Sensation, da es mit zahlreichen Tabus und Stereotypen brach. Nun liegt es in einer neuen, erweiterten Ausgabe vor.

Die Autorin führte seit den 1970er-Jahren Interviews mit Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges etwa als Sanitäterinnen, Scharfschützinnen, MG-Schützinnen, Flak-Geschützführerinnen oder als Partisaninnen kämpften. Auszüge der Gespräche publizierte sie mit der Absicht, eine andere Seite des Krieges zu zeigen, die nicht stereotype Heldengeschichten wiederholte. Aleksijewitsch geht es um die im vornehmlich im familiären Umfeld erzählten Geschichten, um Erfahrungen von Menschen im Krieg, die nicht immer deckungsgleich mit den offiziellen Lesarten waren. Dieses Anliegen spiegelt sich in der eigenwilligen Gliederung wieder. Die Kapitelüberschriften sind Zitate aus den lebensgeschichtlichen Interviews, die sich auf junge Frauen im Kriegsdienst und ihre Mobilisierung, die Anerkennung und Auszeichnung von Frauen, das Töten, Feindbilder, Angst, Weiblichkeit, Liebesbeziehungen und Familienkonstellationen beziehen.

Worin unterscheiden sich die beiden weitgehend identisch gegliederten Bücher voneinander? Die Neuausgabe wurde von Ganna-Maria Braungardt hervorragend und einfühlsam übersetzt, was besonders im Vergleich mit der ersten Übersetzung auffällt, die durchaus ideologisch vom positiven Helden motiviert war. Als Beispiel für die Macht der Worte sei eine Passage zitiert: „Später, unterwegs, erzählte mir das Mädchen, sie sei Krankenschwester und habe sich aus einem Kessel durchgeschlagen.“ (Ausgabe 1989, S. 110.) „Unterwegs erzählte mir das Mädchen dann, sie sei Krankenschwester und in eine Umzingelung geraten...“ (Ausgabe 2004, S. 152) Die Übersetzungen verweisen jeweils auf diametral entgegengesetzte Handlungsperspektiven und bestimmen somit die zentralen Textaussagen. Aber auch inhaltlich liegt nun eine überarbeitete Fassung vor.

In der Neuausgabe reflektiert sie aufgrund ihrer parallel geführten Tagebuchaufzeichnungen die damalige staatliche und Selbstzensur, zudem werden die Namen nicht mehr durchweg anonymisiert und einst gestrichene Stellen aufgenommen. Die staatlichen Zensurorgane kritisierten Passagen, an denen Selbstzweifel geäußert wurden, Verständnis für den Feind oder Verhaltensweisen, die nicht einem positiven Helden entsprachen. Die Selbstzensur sowohl der Interviewpartnerinnen als auch der Herausgeberin betreffen ambivalente Haltungen gegenüber dem Feind, dem Töten und vor allem dem Spannungsverhältnis zwischen erlerntem offiziellem Erinnern, das immer auch ein pädagogisches Ziel beinhalten soll, und den eigenen Erfahrungen, besonders auch negativer Art. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe schildert Aleksijewitsch nun stärker die Interviewsituationen, bezieht sich selber also in die Überlegungen mit ein. Somit erhalten die LeserInnen Einblicke in die vielschichtigen Erinnerungsprozesse an den Krieg, den Umgang mit der Erinnerung daran und den Blick von heute darauf.

Aus der Perspektive der gender studies ist die Annahme von Aleksijewitsch, der Krieg sei ein männliches Handlungsfeld, da Frauen von Natur aus Kämpfen und Töten widerstrebe, kritisch zu hinterfragen. Bislang liegen erst wenige Dokumente, die den Kriegsalltag aus der Perspektive von Individuen zeigen, vor. [1] Wieweit es geschlechtsspezifische Wahrnehmungen gab, muss noch erforscht werden.

Mit der vorliegenden Publikation aber auch den anderen kritischen Werken, etwa über den Krieg in Afghanistan, über das Kriegserleben von Kindern oder über Tschernobyl [2], schreibt Aleksijewitsch die Tradition der erzählten Geschichte innerhalb der Intelligenz fort. Da die Archive lange Jahre verschlossen waren, die zugänglichen Dokumente selten den Menschen zu Wort kommen ließen oder aber der Glauben vorherrschte, alle Unterlagen – etwa zur Kollektivierung oder zum Gulag – seien vernichtet worden, wurde innerhalb von Familien oder sozialen Gruppen Wissen gesammelt und weiter gegeben. Die vielfältigen Stimmen von Frauen über ihre Kriegserfahrungen bilden ein noch immer erschütterndes Zeitdokument und machen das Buch nach wie vor lesenswert.

Die Rezeption von Aleksijewitschs Interview-Tätigkeit bildete die Grundlage für die Ausstellung „Mascha – Nina – Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941-1945“, die das Deutsch-Russische Museum in Berlin Karlshorst im Jahr 2002/2003 organisierte. Begleitend wurde ein hervorragender Katalog mit verschiedenen wissenschaftlichen Aufsätzen, darunter auch ein Beitrag von Aleksijewitsch, und zahlreichen Fotos herausgegeben, der den derzeitigen Forschungsstand widerspiegelt. Darin verfasste Beate Fieseler einen Beitrag mit dem programmatischen Titel „Der Krieg der Frauen: die ungeschriebene Geschichte“, in dem sie auf eine fehlende Aufarbeitung der Beteiligung von Frauen am Krieg und in der Roten Armee hinweist. Obwohl es in der Sowjetunion nur eine Wehrpflicht für Männer gab, wurden Frauen besonders nach den hohen Verlusten des Jahres 1942 vermehrt für den Militärdienst verpflichtet und stellten zeitweise bis zu 8 Prozent der Streitkräfte. Genaue Zahlen lassen sich nicht benennen, da die betreffenden Archive in Russland, besonders das des Verteidigungsministeriums, bei der Recherche zur Ausstellung verschlossen blieben. Frauen konnten überall in der Armee eingesetzt werden, waren aber besonders im Sanitätsdienst, in der Luftabwehr, dem Nachrichtenwesen, der Versorgung und der politischen Arbeit anzutreffen. In der sowjetischen Luftwaffe gab es drei weibliche Regimenter, deren Geschichte relativ gut erforscht ist. [3] Unmittelbar nach Kriegsende wurden Frauen demobilisiert. Aus den militärischen Tätigkeiten erwuchsen selten Karrieren oder ein Emanzipationsschub, und gemäß einer Rede von Staatspräsident Michail Kalinin vom Juli 1945, sollten die Soldatinnen ihre Kriegserfahrungen besser verschweigen, was unter anderem zur bekannten Ignoranz gegenüber weiblichen Kriegserinnerungen beitrug.

Andrea Mill-Sawatzki zeichnet den Weg von Frauen in die Armee nach. Typisch besonders für junge, unverheiratete Frauen war eine Sozialisation durch den Komsomol und Osoaviachim (Gesellschaft zur Unterstützung der Verteidigung und für den Aufbau von Luftfahrt und Chemie in der SU): „Die Grundlinie der Rekrutierung sah den Einsatz der Rotarmistinnen überall dort vor, wo sie ihre männlichen Kameraden ersetzen konnten, meist im Hinterland oder in der Etappe.“ (S. 24) Wie wenig die Rote Armee organisatorisch auf Frauen eingestellt war, zeigen die anfangs fehlenden Uniformen für Frauen oder ein gynäkologischer Dienst. Anatolij A. Budko beschreibt in seinem Artikel gynäkologische Erkrankungen von Soldatinnen während des Krieges. Er fällt damit aber aus dem Rahmen der sonstigen Katalogbeiträge, da er das Bild von kränklichen, schwachen Frauen unhinterfragt reproduziert, ohne Vergleiche zu männlichen Erkrankungen anzustellen. Frauen sind seinen Ausführungen gemäß ein Sonderfall in der Armee, ihre weibliche Physis produziert für den normalen Ablauf zahlreiche Probleme.

Die sowjetischen Kämpferinnen provozierten in der deutschen Kriegspropaganda das Bild der skrupellosen „Flintenweiber“, was mit der Realität wenig gemeinsam hatte, sich jedoch als wirkungsmächtiges Klischee durchsetzte. Claudia Freytag schildert nicht nur das Stereotyp der unter den Bolschewisten „verrohten Kämpferinnen“, sondern weist auf ein besonders dunkles Kapitel in der Kriegsgeschichte hin, dem Schicksal von Rotarmistinnen in deutscher Gefangenschaft. Deutsche Militärs betrachteten Rotarmistinnen nicht als reguläre Angehörige der sowjetischen Streitkräfte, sondern stellten sie mit Partisanen und Freischärlern gleich, für die das Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen von 1929 nicht galt. Als Partisaninnen wurden Frauen nicht wie üblich der Zivilbevölkerung zugerechnet, sondern oftmals sofort erschossen. Als Kriegsgefangene wurden sie aus der Gefangenschaft entlassen und dem Sicherheitsdienst übergeben, wobei sie dann oft exekutiert oder in ein KZ eingeliefert wurden, selten auch als Zwangsarbeiterinnen überlebten.

Dem Textteil des Kataloges folgt eine umfangreiche Fotodokumentation mit Auszügen aus Briefen, Berichten, einzelnen Lebensläufen und zeitgenössischen Publikationen. Verschiedene Themen wie kämpfende Frauen im Ersten Weltkrieg, in der Kriegsindustrie und in anderen Armeen zeigen die Facetten des Themas auf.

Mit dem Roman „Die nackte Pionierin“ von Michail Kononow liegt ein kritische literarische Verarbeitung des Themas Frauen und Krieg vor. Der Roman erschien 2001 in St. Petersburg, obwohl er bereits 12 Jahre zuvor fertig gestellt worden war. Der mittlerweile in Deutschland lebende Autor erzählt die Geschichte des Krieges aus der Perspektive der 14- jährigen Marija Muchina, die „Motte“ genannt wird. Sie ist die mutige Heldin, die sich voller Patriotismus als Regimentshure für Kollektiv und Vaterland opfert. Im Stil des sozialistischen Realismus entwirft Michail Kononow eine scheinbar positive Heldin, die jedoch eine tragische Figur ist, da sie als Minderjährige ständig vergewaltigt und dem grausamen Kriegsgeschehen ausgesetzt wird. Dieser Kunstgriff entblößt die Abgründe des Krieges, was in der Zeit der Perestroika als Tabubruch mit dem Mythos des Krieges kritisiert wurde. Als Vorlage diente dem Autor eine lebende Person, deren Geschichte er fiktional umsetzte, über die die Leser jedoch nichts weiter erfahren. Die Entstehung und Rezeption des Buches beleuchtet den Diskurs über die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion. Als Text ist der Roman nicht einfach zu lesen, da er zahlreichen Anspielungen auf sowjetische Traditionen und Diskussionen enthält, die ein gutes Vorwissen voraus setzen.

Obwohl es eine unüberschaubare Fülle an Literatur zum Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion gibt, erstaunt es doch sehr, dass das Thema Frauen nach wie vor ein fast unbeschriebenes Blatt ist. Die Lektüre der genannten Werke gibt erste Überblicke und weist auf dringende Forschungsdesiderate hin. Diese bestehen in einer sozialgeschichtlichen Erhebung von Zahlen und Daten, etwa über die genaue Anzahl von Frauen in der Roten Armee und ihren Einsatzorten, aber auch in Überlegungen zur methodischen Herangehensweise an eine moderne Forschung über Krieg, die Kategorien wie Erfahrung, gender, oral history, Identität, Lebenswelt und den Umgang mit Erinnerung umfassen sollte.

Anmerkung:
[1] Z.B. Fraenkel, Pawel, Pomnit’ vetschno. Was im Gedächtnis bleibt, Moskau 1995.
[2] Weitere Titel von Aleksejewitsch: Die letzten Zeugen, Berlin 1989; Zinkjungen, Berlin 1992; Im Banne des Todes. Geschichten russischer Selbstmörder, Frankfurt am Main1994; Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Berlin 1997.
[3] Pennington, Reina, Stalin’s Falcons. The 586th Fighter Aviation Regiment, in: Minerva. Quarterly Report on Women and the Military 18 (2000) Nr. 3-4, S. 76-108; Noggle, Anne, A Dance with Death. Soviet Airwomen in World War II., Austin 1994.

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22.04.2005
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