Cover
Titel
"Nicht ermittelt". Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch


Autor(en)
Klemp, Stefan
Reihe
Villa Ten Hompel Schriften 5
Erschienen
Münster 2005: Klartext Verlag
Anzahl Seiten
503 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carsten Dams, Dokumentations- und Forschungsstelle für Polizei- und Verwaltungsgeschichte, Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW

Dieses Buch ist keine einfache Lektüre. Zum einen ist dies in der Thematik begründet: Stefan Klemp beschäftigt sich mit den deutschen Polizeibataillonen und ihren Taten im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und den Ermittlungen der Nachkriegsjustiz gegen diese Einheiten. Zum anderen liegt dies an der Konzeption des Buches, welches wie der zweite Untertitel ankündigt, ein Handbuch ist. Als solches ist es naturgemäß anders aufgebaut als eine darstellende Studie und erfüllt einen anderen Zweck. Ziel des Handbuches ist eine vollständige Erfassung aller Polizeibataillone, die sowohl den Einsatz der Einheiten als auch die Aufarbeitung der Verbrechen durch die Justiz nach 1945 berücksichtigt. Hierzu konnte sich Klemp auf zahlreiche eigene Veröffentlichungen stützen, die Ausdruck seiner langjährigen Beschäftigung mit dem Thema sind.[1]

Das Handbuch gliedert sich neben Einleitung und Schluss in vier Teile. Im ersten Abschnitt schildert Klemp die Polizeibataillone im Kriegseinsatz (S. 21-65). Er stellt hierbei klar heraus, dass der Vernichtungskrieg gegen die osteuropäischen Juden in Form von Massenerschießungen bereits 1939 in Polen begann, ohne dass hierfür ein Einsatzbefehl vorgelegen habe. An ausgewählten Beispielen zeigt Klemp dann welche Aufgaben die Polizeibataillone neben diesen Massenerschießungen hatten. Hierzu zählten die Begleitung von Deportationen, die Bewachung von Ghettos und Konzentrationslagern und die „Partisanenbekämpfung“, wobei mit diesem Begriff meist die Vernichtung der ortsansässigen Zivilbevölkerung euphemistisch ausgedrückt wurde. Weiterhin schildert Klemp den Alltag der Polizisten im auswärtigen Einsatz, wobei er auch auf die Befehlsverweigerung, offene Meuterei und Selbstmorde eingeht (S. 49-65). An dieser Stelle hätte man sich mehr Ausführlichkeit und eine tiefer gehende Analyse dieser Formen des abweichenden Verhaltens gewünscht. Wahrscheinlich hätte dies aber den Rahmen des Handbuchs gesprengt.

Der Kern des Buches ist der zweite Teil in dem Klemp 53 Polizeibataillone, 3 Reitereinheiten, 7 Polizeiregimenter und 2 Polizeischützenregimenter und die gegen sie angestrengten Ermittlungsverfahren zusammenfasst (S. 67-349). Dieser fast ausschließlich aus Quellen gewonnene Teil überzeugt durch seine Materialfülle und einzelne Bataillone werden hier zum ersten Mal ausführlicher vorgestellt. Den jeweiligen Einheiten widmet Klemp unterschiedlich viel Aufmerksamkeit, was zum größten Teil in der Quellenlage begründet ist, die sehr uneinheitlich ist. Zudem verzichtet Klemp bei bekannten Einheiten, wie dem Polizeibataillon 101, welches durch die Studien von Browning und Goldhagen hinlänglich erforscht ist, auf umfassende Angaben und beschränkt sich mit einer Seite auf das für ein Handbuch wesentliche.[2] Hieraus ergibt sich eine Uneinheitlichkeit auch in der sprachlichen Darstellung, die aber wohl unvermeidlich ist. Sofern Ermittlungsverfahren gegen die Einheiten von der Nachkriegsjustiz angestrengt wurden, fasst Klemp die zum Teil umfangreichen Akten auf die wesentlichen Ergebnisse zusammen. Das Fazit dieser Verfahren fällt nüchtern aus: Nur wenige unter den Angehörigen der Polizeibataillone wurden für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Im Rahmen seiner Forschungen hat Klemp über 30.000 Polizeibeamte, die in geschlossenen Einheiten Dienst taten, erfasst. Dies mag verdeutlichen welche Materialfülle vor allem für diesen zweiten Teil zu verarbeiten war. Alles in allem ist dies überzeugend gelungen und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen.

Im dritten Teil des Buches widmet sich Klemp dann den Gründen für das massenhafte Scheitern der Ermittlungsverfahren (S. 351-401). Angesichts von über 100.000 Verdächtigen gegen die ermittelt wurde, aber nur rund 6.500 Verurteilungen kann man tatsächlich von einem unbefriedigenden Ergebnis sprechen. Die niedrigen Verurteilungszahlen waren keineswegs ein Zeichen für die Unschuld der Tatverdächtigen, sondern sind in vielen Fällen mangelhaften Ermittlungen zuzuschreiben. Absprachen zwischen den Beschuldigten erschwerten den Staatsanwälten die Arbeit zusätzlich, wobei Klemp die These vertritt, dass diese hätten verhindert werden können (S. 373). Ob dies tatsächlich in jedem Falle möglich gewesen wäre, sei dahingestellt. Klemp nennt insgesamt 10 Faktoren, die dazu führten, dass die Straftaten nicht geahndet wurden. Hierzu zählten außer den bereits genannten der zu späte Ermittlungsbeginn, die Verjährungsproblematik und eine allgemeine Schlussstrichmentalität sowie die Personen, die mit den Ermittlungen beauftragt waren. Die beschuldigten Polizisten wurden von Kollegen vernommen und ein großer Teil der Staatsanwälte und Richter waren ehemalige Parteimitglieder der NSDAP und hatten ihre Karriere zwischen 1933 und 1945 begonnen (S. 400).

Interessant ist der Vergleich zu den Verfahren in der DDR, die eine deutlich höhere Quote von Verurteilungen erreichten. Zwar kann man grundsätzliche Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit dieser Verfahren anmelden, aber die meisten Urteile hielten einer Überprüfung nach der Wiedervereinigung stand (S. 381).

In der Zusammenfassung bündelt Klemp anhand eines als charakteristisch bezeichneten Einzelfalles die Ergebnisse seines Handbuchs. Dieses grundsätzlich nicht unproblematische Vorgehen überzeugt im vorliegenden Falle jedoch, da sehr gut die Frage der Motive der Täter verdeutlicht werden kann. Klemp widerspricht an dieser Stelle deutlich der These der Radikalisierung und Dynamik, die aus „ganz normalen Männern“ im Laufe des Krieges und unter spezifischen Bedingungen Täter im Vernichtungskrieg gemacht habe: „Ist es verwunderlich, dass Deutsche, die 1938 Synagogen überfallen, Juden getötet und dabei zum Teil als Polizisten geholfen oder zugeschaut haben, die bereits 1939 als Angehörige von Polizeibataillonen im Blut ihrer Opfer wateten, diese Aktivitäten ab 1941 ausweiteten?“ (S. 411) Nach den vorliegenden Ergebnissen wird man diese Frage durchaus nicht mit einem einfachen Ja beantworten können. Trotz aller Empörung, die im sprachlichen Stil von Klemp deutlich wird, verliert er nicht den Blick für die Unterschiede in der Praxis des auswärtigen Einsatzes in den einzelnen Ländern. Polizeiangehörige verhielten sich in Osteuropa anders als in Italien, in Frankreich oder den Niederlanden. Dennoch dürfte in der Frage der Motivation der Täter das letzte Wort noch nicht gesprochen sein, ist doch die Täterforschung ein momentan wachsender Zweig der Geschichtswissenschaft.[3]

Der letzte Teil des Buches bildet einen für die Forschung überaus wertvollen Anhang, in dem alle bisher bekannten Polizeibataillone, ihre Einsatzgeschichte und die Ermittlungsverfahren nebst Aktenzeichen sowie weitere Quellenangaben genannt werden (S. 417-461). Klemp kann so insgesamt 125 Polizeibataillone nachweisen – eine deutlich höhere Zahl als bisher angenommen. Die Form der Darstellung erlaubt einen direkten Zugriff auf die jeweiligen Quellenbestände in den Archiven und ist daher in hohem Maße forschungs- und benutzerfreundlich. Zudem findet sich im Anhang die erste quellengestützte Bilanz der Opferzahlen der Polizeibataillone, die 500.000 übersteigt, wobei diese Zahl wohl die Untergrenze darstellen dürfte. (S. 466f.)

Zusammengenommen hat Klemp mehr als ein Handbuch zu den Polizeibataillonen vorgelegt; es ist vielmehr die bisher umfassendste auf breiter Quellengrundlage stehende Bestandsaufnahme zu diesem Thema. Dennoch ist Klemp zuzustimmen: „Die Erforschung der Geschichte der Polizeibataillone ist keineswegs abgeschlossen.“ (S. 416) Für diese zukünftigen Forschungen wird Stefan Klemp eine Fundgrube ersten Ranges sein.

Anmerkungen:
[1] Klemp, Stefan, Freispruch für das „Mord-Bataillon“. Die NS-Ordnungspolizei und die Nachkriegsjustiz, Münster 1998; sowie die Beiträge von Klemp in: Buhlan, Harald; Jung, Werner (Hgg.), Wessen Freund und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus, Köln 2000; Kenkmann, Alfons; Spieker, Christoph (Hgg.), Im Auftrag. Polizei, Verwaltung und Verantwortung, Essen 2001.
[2] Browning, Christopher R., Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Hamburg 1993; Goldhagen, Daniel Jonah, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996.
[3] Mallmann, Klaus-Michael; Paul, Gerhard, Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, Darmstadt 2004.

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Veröffentlicht am
12.05.2005
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