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Titel
Fluchtafeln. Neue Funde und neue Deutungen zum antiken Schadenzauber


Herausgeber
Brodersen, Kai; Kropp, Amina
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Verlag Antike
Anzahl Seiten
160 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Selbmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Glaube an überirdische Kräfte ist noch heute Teil der menschlichen Existenz auf der Suche nach Sinndeutung und Erklärung des scheinbar Unerklärlichen. Die Vorstellung, dass diese Mächte manipulierbar seien, war fester Bestandteil der antiken Kultur.[1] Trägermedien sind neben Papyri die defixiones, "mit einer Inschrift versehene Bleistücke, üblicherweise in Form kleiner, dünner Bleche, die dazu bestimmt sind, auf übernatürliche Weise die Handlungen oder das Wohlergehen von Personen oder Tieren gegen ihren Willen zu beeinflussen" (S. 11). Derartige Fluchtafeln wurden zumeist gerollt und gefaltet sowie mit Nägeln durchbohrt, bevor sie an für wirkungsmächtig gehaltene Orte deponiert wurden. Der Fluch wurde nach bestimmten Formalien handschriftlich in das Blei eingeritzt. Durch die Lektüre derartiger Fluchtafeln können Aspekte zwischenmenschlichen Zusammenlebens in der Antike erhellt werden, allerdings erst nach langwieriger Entzifferungsarbeit. Einige Früchte derartiger Arbeit wurden auf einem internationalen Colloquium vorgestellt, das 2003 in Mannheim stattfand. Auf Grundlage der dort gehaltenen Vorträge entstand die vorliegende Aufsatzsammlung, deren Beiträge einen verständlichen, anschaulichen und gut lesbaren Vortragsstil beibehalten haben. Dem Untertitel und dem Versprechen des Buches entsprechend gliedert sich das Buch in zwei Teile: Zuerst werden "neue Funde" antiker Fluchtafeln und die bisher nördlichsten Fluchpuppenfunde vorgestellt. Im zweiten Teil erfolgen "neue Deutungen" antiken Fluchzaubers anhand theoretischer Überlegungen wie auch eine Neuinterpretation alter, bereits edierter Funde. Alle neuen Funde sind überdies im Anhang als Fotografie oder Zeichnung abgedruckt worden und veranschaulichen so die Aufsätze bzw. laden den Leser zur eigenen Interpretation ein.

Als Einführung gibt Roger Tomlin eine "Anleitung zum Lesen von Fluchtafeln" (S. 11). Hierbei handelt es sich in erster Linie um eine Art Werkstattbericht, in dem Tomlin sein methodisches und handwerkliches Vorgehen bezüglich der Transkription von Fluchtafeln beschreibt. Im Zentrum stehen hierbei defixiones aus dem Sulis-Heiligtum in Bath. Von praktischem Interesse sind seine Ausführungen im ersten Teil, in denen er Vor- und Nachteile konservatorischer und Editionsmethoden anhand anschaulicher Beispiele darstellt. Zuletzt setzt sich Tomlin mit seinen älteren Lesarten und Deutungen der Tafeln auseinander, um diese zu revidieren. Anhand dieser Um- und Neudeutungen kommt Tomlin zu der überraschenden Einsicht, dass der Editor "seinen Text Buchstabe für Buchstabe lesen" (S. 29) muss - wie "neu" diese Deutung dann tatsächlich ist, sei jedem Leser selbst überlassen.

Markus Scholz und Amina Kropp stellen in ihrem Beitrag eine Fluchtafel aus Groß-Gerau (Hessen) vor, die in das 1. oder 2. Jahrhundert n.Chr. datiert wird. Hierbei handelt es sich um die Verfluchung einer gewissen Priscilla, die "den großen Fehler beging zu heiraten" (S. 35) - und zwar den Falschen. Die Autoren weisen auf den juristischen Stil dieser Fluchtafel hin und klassifizieren diese als "Gebet um Gerechtigkeit". Hierbei handelt es sich um eine im Nachhinein erstellte Bitte um Rache aufgrund einer für Unrecht befundenen Begebenheit. Das Besondere dieses Fundes zeigt sich im europäischen Vergleich, da die überwiegende Mehrzahl derartiger "Gebete" in Britannien zu finden ist. Auch die Anrufung der Götter Attis und Magna Mater auf der Groß-Gerauer Tafel ist bemerkenswert, illustriert sie doch einen religionsgeschichtlichen Transfer des Kybele-Kultes nach Germanien. Auffällig ist darüber hinaus die Parallelität zu Fluchtafeln aus Mainz, denen in den folgenden Aufsätzen nachgegangen wird.

Mit weiteren Aspekten des Magna-Mater-Kultes beschäftigen sich die beiden nächsten Beiträge. Marion Witteyer beschreibt den Fund von Fluchpuppen und -tafeln aus dem Mainzer Isis- und Magna-Mater-Heiligtum, während Jürgen Blänsdorf eine am selben Ort gefundene Fluchtafel analysiert. Diese Fluchtafel stellt das "erste bisher nachweisbare Gebet an Attis" (S. 58) dar. Sowohl der Fundort als auch die innere Form der Fluchtafel lassen auf einen Mysterienkult schließen (S. 55-58). Marion Witteyer wiederum beschreibt den Gesamtkontext der Funde und bespricht in diesem Rahmen drei Fluchpuppen. Eine erklärende Analyse der Fluchpuppen bleibt aufgrund fehlender schriftlicher Quellen gezwungenermaßen vage. So liegt aufgrund der androgynen Gestalt der Tonpuppe der Adressat im Unklaren. Die Einstiche und der Bruch der Mitte lassen Vermutungen zu, dass das potentielle Opfer aufgrund der Handlungen an der Puppe "zur völligen gedanklichen Desorientierung und Handlungsunfähigkeit" (S. 47) gebracht werden sollte. Zuletzt stellt Pierre-Yves Lambert den Fund einer Bleitafel aus Deneuvre (Meurthe-et-Moselle) vor, deren Entzifferungsvarianten ausführlich dargelegt werden. Nach Abwägen mehrerer Varianten kommt Lambert zu dem Schluss, dass die vorliegende Bleitafel keine defixio darstellt.

Zu Beginn des zweiten Buchteils stellt Pierre-Yves Lambert theoretische Überlegungen zu antiker Magie an. Magie, insbesondere die schwarze Magie, zeichne sich zuerst durch ihr Verbotensein aus. Berichte über zeitweilige Sanktionen gegen Zauberer in Rom zeugen von der gesellschaftlichen und nicht zuletzt politischen Brisanz magischer Praktiken. In der politischen Rhetorik sei der Vorwurf von schwarzer Magie, deren Existenz nicht angezweifelt wurde, ein wichtiger Topos. Hierbei müsse jedoch innerhalb des Römischen Reiches regional unterschieden werden. Hinzu käme die Deutung von Magie als Mittel- und Unterschichtenphänomen, während die offiziellen Religionen vom Adel getragen wurden. Im Gegensatz zum öffentlichen Charakter der offiziellen Kulte entzieht sich die Magie der Öffentlichkeit und dient somit als Projektionsfläche intimer Wünsche und Hoffnungen. Der private Wille wird den Göttern an Orten mitgeteilt, die als kommunikative Schnittstellen zwischen den Welten gelten. Die Form der Mitteilung soll die entsprechende Gottheit zur Durchführung des Wunsches drängen. Abschließend verweist Lambert auf das neuzeitliche Fortleben magischer Praktiken im kulturellen Gedächtnis.

Als nächstes geht Amina Kropp Kommunikationsmustern in antiken Schadenzaubern nach. Überzeugend stellt sie die Verschmelzung der rituellen Handlung an den defixiones mit deren Inhalten dar. Handlungen an den Fluchtafeln selber sowie die Orte ihrer Deponierung korrespondieren mit dem geäußerten Wunsch der Fluchenden: Schweigen des Opfers wird durch das Vergraben in einer Nekropole untermauert, durch das Durchbohren der Fluchtafel wird der gewünschte Schaden verdeutlicht. Um den vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, dass das Opfer selbst aufgrund des Geheimnischarakters von Magie nicht direkter Kommunikationspartner ist, aber vom Fluch wissen muss, damit dieser psychologische Wirkung entfalten kann, klassifiziert Amina Kropp die magischen Sprechakte (also das Fluchen) als "Transitiva" (S. 97). An derartige Überlegungen knüpft Philip Kiernan mit seinen Ausführungen zu den "Gebeten um Gerechtigkeit" an. Dabei handelt es sich um Verfluchungen nach geschehenem Unrecht, zumeist in Fällen von Diebstahl. Derartige Fluchtafeln wurden an Orten deponiert, an denen Kiernan eine zumindest teilweise Öffentlichkeit vermutet. Die rituellen Anrufungen von Göttern zeigen "Vertragsnatur" (S. 106) und lassen sich mit anderen religiösen Gelübden vergleichen. Diese auffallende Parallele veranlasst Kiernan dazu, gegen eine theoretische Unterscheidung zwischen Magie und Religion zu plädieren.

Am Ende des Buches bespricht Heikki Solin edierte Fluchtafeln unterschiedlichster Provenienz und macht Anstrengungen, "so bodenständig wie möglich" (S. 117), diese neu zu deuten. Angenehm liest sich hierbei die Warnung vor Überinterpretationen bei einem Versuch, aus der Form der Buchstaben inhaltliche Schlüsse ziehen zu wollen (und widerspricht hiermit der Position Tomlins). Unangenehm ist jedoch die ständige, mit heftiger Wortwahl betriebene Abqualifizierung früherer Editoren, deren Erklärungsversuche Solin als "künstlich" (S. 125), "fraglich" (S. 119) und "absurd" (S. 123) ablehnt. Darüber hinaus fehlen zu diesem Beitrag Abbildungen, die die Argumente des Autors, wie in den anderen Beiträgen geschehen, untermauern könnten. Am Schluss plädiert Solin für die Verwendung der philologisch-kritischen Methode bei der Untersuchung von defixiones.

Das vorliegende Buch gewährt einen Querschnitt durch derzeitige archäologische und philologische Arbeiten zu antiken Fluchtafeln, dabei stützen sich die Autoren auf eine breite Forschungsbasis. "Neue Funde und neue Deutungen", so sie denn welche sind, betreffen geringfügige Nuancen eines gut erschlossenen Feldes. Gehemmt wird der Lesefluss durch häufiges Hin- und Herblättern, da die Aufsätze von den dazu gehörigen Bildern getrennt wurden. Dennoch können die theoretischen Überlegungen in den Aufsätzen als gut lesbare und verständliche Einführung in das Thema gelten, auch wenn die meisten Aspekte bereits anderswo angedacht wurden.

Anmerkung:
[1] Einen glänzenden Überblick zum antiken Schadenzauber bietet: Graf, Fritz, Gottesnähe und Schadenzauber. Die Magie in der griechisch-römischen Antike, München 1996.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.05.2005
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