C. Albrecht u.a.: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik

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Titel
Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule


Autor(en)
Albrecht, Clemens; Behrmann, Günter C.; Bock, Michael
Erschienen
Frankfurt am Main 1999: Campus Verlag
Anzahl Seiten
Preis
€ 25,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Platz, FB III - Geschichte, Universität Trier

Der voluminöse Band über die „intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“ ist aus einem Tübinger Forschungsprojekt zur „Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der ‚Frankfurter Schule‘ im Umfeld der intellektuellen Lagen und Lager in der Bundesrepublik Deutschland“ unter der Leitung des 1994 verstorbenen Soziologen Friedrich Tenbruck hervorgegangen. Die Autoren Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock und Harald Homann haben sich im Anschluss an eine Äußerung des früheren juristischen Beraters des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Hellmut Becker, derzufolge Max Horkheimer und Theodor W. Adorno „vermutlich stärker als irgend welche anderen Philosophen [...] das deutsche Denken der Nachkriegszeit beeinflusst“ haben, zum Ziel gesetzt, eben diese Wirkung zu rekonstruieren. [1]

Den Forschungsstand zur Geschichte des Instituts für Sozialforschung markieren eine ganze Reihe wissenschaftsgeschichtlich orientierter Arbeiten. Mit Martin Jays Studie zur „Dialectical Imagination“ und Helmut Dubiels Untersuchung zur wissenschaftlichen Erfahrungsbildung der Kritischen Theorie, in der die Entwicklung jeweils bis 1950 in den Blick genommen wurde, und Rolf Wiggershaus „Frankfurter Schule“, der auch die Nachkriegszeit untersuchte, erschienen grundlegende Studien zur Geschichte der Kritischen Theorie und des Frankfurter Instituts für Sozialforschung bereits in den 70er und 80er Jahren.[2] Im Anschluss daran hat Dahms die Entwicklung der Gemeinsamkeiten und Gegensätze zwischen „Positivisten“ des Wiener Kreises und der Kritischen Theorie, dann deren Auseinandersetzungen mit dem amerikanischen Pragmatismus sowie die folgenschwere Kontroverse, die unter dem Namen Positivismusstreit in den 60ern für Furore sorgte, auf archivalischer Basis mustergültig rekonstruiert. Dabei sparte er auch die aussagekräftigen Kontroversen und Konflikte in den 50er Jahren nicht aus [3]. Schließlich ist noch Alex Demirovics umfassende Studie über die Entstehung des „[n]onkonforme[n] Intellektuellen“, die die ideen- und praxisgeschichtliche Entwicklung der Frankfurter Schule während der Nachkriegszeit untersucht, zu erwähnen [4]. Auch zur Wirkungsgeschichte liegen bereits eine Reihe von Untersuchungen vor: Die philosophische Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie war Gegenstand einer Tagung in Ludwigsburg 1984, deren Ergebnisse publiziert vorliegen; ein weiterer Sammelband aus dem Institutsumfeld herausgegeben von Rainer Erd befasst sich mit kulturellen Wirkungen [5]. Ausgeprägt sind die Vermutungen über die Wirkung der Frankfurter Schule auf die 68er Studenten- und Protestbewegungen und danach schon seit den ausgehenden 60er Jahren gewesen. Speziell zu diesem Thema wurde jüngst von sozialwissenschaftlicher Seite eine umfangreiche Dokumentation zur Wirkungsbreite der Frankfurter Schule auf die Konstituierung einer Neuen Linken in der Bundesrepublik publiziert [6]. Eine sozialhistorische Einordnung der Bedeutung der Kritischen Theorie für die Neue Linke ebenso wie einen anregenden Aufsatz über die Bedeutung des in Deutschland erst mit reichlicher zeitlicher Verzögerung rezipierten Konzepts der „autoritären Persönlichkeit“ für die mentalitätsgeschichtliche Forschung hat jüngst Ingrid Gilcher-Holtey vorgelegt [7].

Die Darstellung von Albrecht et al. gliedert sich in vier Teile: Auf eine Definition im Kontext der zwanziger Jahre und der Exilgeschichte (S. 21-77), folgen die Pläne für die Rückkehr über den Institutsaufbau und Verbindungen bis zur intellektuellen „Lagerbildung“ in den 60ern (S. 97-188). Daran schließen zwei Teile über die eigentliche Wirkungsgeschichte in den Massenmedien, in Büchern und in der Studentenbewegung an (S. 203-386) und über das Wirken der Frankfurter in der politischen Pädagogik an (S. 387-496). Dazwischen geschoben sind leitmotivische Kapitel zum Thema Vergangenheitsbewältigung, die den Weg von der „verordneten Vergangenheitsbewältigung zur intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ weisen, und das Kapitel „Warum Horkheimer Golo Mann einen heimlichen ‚Antisemiten‘ nannte: Der Streit um die richtige Vergangenheitsbewältigung“ (S. 189-202) und „Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung“. (S. 530-566) Insgesamt folgt die Anordnung weitgehend der Chronologie.

Der erste Teil vereinigt drei Kapitel. Im ersten Kapitel grenzt Albrecht den Personenkreis ein, problematisiert und datiert die verschiedenen Begriffsbildungen um die „Erfindung der ‚Frankfurter Schule‘“. Hier kann er an Äußerungen aus dem Schulzusammenhang selbst, etwa von Jürgen Habermas, anschließen: „Kennzeichnungen wie kritische Theorie oder Frankfurter Schule suggerieren eine Einheit eines Schulzusammenhangs, der mit Ausnahme weniger Jahre in New York, nie bestanden hat.“ [8] Die „Erfindung“ der Frankfurter Schule geschah demnach weitgehend retrospektiv. Im zweiten und dritten Kapitel widmen sich die Autoren Bock und Homann der Kontextualisierung der ‚kritischen Theorie‘ in der deutschen Hochschullandschaft der zwanziger Jahre und der Zeit im amerikanischen Exil. In beiden Kapiteln räumen sie der Untersuchung der programmatischen Äußerungen den Vorrang vor einer Auseinandersetzung mit der konkreten Forschungspraxis ein.

Nachdem mit der Darstellung von Begriffs- und der Vorgeschichte inklusive dem vorgeblich „rahmenden“ Beitrag Friedrich Tenbrucks über „die verordnete Vergangenheitsbewältigung“, auf den weiter unten noch eingegangen werden wird, das erste Fünftel des Buches bereits gefüllt ist, hebt der zweite Teil mit den kultur- und bildungspolitischen Plänen für die Nachkriegszeit in der Darstellung von Albrecht an. Hier hätte die stärkere Auseinandersetzung mit den konkreten Forschungsprojekten, also der wissenschaftlichen Praxis der Kritischen Theorie im Exil sich fruchtbar auswirken können - vor allem die „Studien zu Autorität und Familie“, der „Authoritarian Personality“, „Antisemitism Among American Workers During World War II“, aber auch den Studien zur deutschen Ideengeschichte und Gesellschaft erhellen die Genese und die Beweggründe zu einigen Plänen und Memoranden für eine Zukunft nach der Niederringung des nationalsozialistischen Deutschlands. Gelöst aus diesem spezifischen Kontext der wissenschaftlichen Erfahrungsbildung bietet Albrecht eine andere Deutung an: das wissenschaftliche Selbstverständnis sei von einem „messianischen“ Selbstverständnis bestimmt gewesen. Einige der Überschriften der Unterabschnitte dieses Kapitels sprechen eine beredte Sprache: „Wie die Weimarer Linke an die Zukunft der Demokratie zu glauben begann“ (S. 108), „‘To do the job for my country, the United States‘“ (S. 112), „Demokratie und Minderheitenrechte: Die neue weltgeschichtliche Mission des Diasporajudentums“ (S. 114), „Das American Jewish Committee und die politische Funktion der Sozialwissenschaften“ (S. 116), „Was tun mit den Deutschen? Die Memoranden des IfS zur Nachkriegsordnung“ (S. 119). Hier gerät die Darstellung der Befunde unfreiwillig in die Nähe des Stereotyps vom „heimatlosen“ jüdischen Intellektuellen, der der in der „Fremde“ sein „Judentum als Schicksalsgemeinschaft“ (S. 118) wiederentdeckt und eine von den Juden ausgehende Heilsmission für notwendig erachtet. Dazu dient er sich dem „fremden“ Staat an und zieht von dort aus, eine weltgeschichtliche Mission zu erfüllen.

Die Belege für diese Interpretation sind zweideutig. Im Unterschied zu Ansätzen, die das jüdische Milieu als eines der Gründungsmilieus der deutschen Soziologie untersucht haben, lässt die Art und Weise, wie die Autoren der vorliegenden Beiträgen mit diesem Erklärungsmodell umgehen, die analytische Dimension des Sozialmilieubegriffs vermissen, indem sie die Deutung der sozialen Welt in mitunter schwer nachzuvollziehender Weise aus der Religionszugehörigkeit der Autoren ableiten.

An diese Deutungen schließt ein fruchtbares Kapitel (S. 132-168) über Horkheimers erfolgreiche Netzwerkbildung bei der Remigration an. Überhaupt zeichnet sich das Buch dadurch aus, dass es eine Vielzahl von Beziehungen im intellektuellen Feld der frühen Bundesrepublik erhellt. Albrecht stellt Horkheimers Instituts- und Personalpolitik in den 50er Jahren dar, die weitaus mehr dem Konsensliberalismus der Nachkriegszeit verhaftet war, als es die frühere politische Ausrichtung der kritischen Theorie erwarten ließ. Albrecht zeigt, dass Verbindungen zu gemäßigt konservativen, linksliberalen wie rechtsliberalen Remigranten aufgebaut wurden und diese zum Teil auch als Institutsmitarbeiter angeworben wurden, statt auf das Reservoir hegelmarxistischer und anderer linker ehemaliger Institutsmitarbeiter zurückzugreifen. Bezeichnend für die Richtungswandel des IfS sei gewesen, dass es sich selbst der bedeutenden „volkspädagogischen“ Aufgabe, am Aufbau der Bundeswehr mitzuwirken, nicht verschlossen habe. Das Scheitern dieses Engagements wird allerdings nicht behandelt.

Diese moderate Instituts- und Personalpolitik habe bis zur Etablierung des Instituts Ende der 50er Jahre vorgeherrscht und sei erst dann durch eine Politisierung abgelöst worden. Im folgenden Kapitel spitzt Albrecht seine Periodisierung zu: „Anfangs unterscheiden sich die Themen des Instituts kaum vom neuhumanistischen geprägten Umfeld, weshalb man diese Phase als humanistische bezeichnen kann. Ab 1955 prägte sich nach und nach das Programm einer kritischen Soziologie heraus, das 1959 auf dem Soziologentag präsentiert wurde, auf dem die Schulenbildung öffentlich wurde. Ausgelöst durch die Welle der Hakenkreuzschmierereien 1959 begann die Politisierung der Lehre durch eine erneute Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und verschärfte sich durch die Phase der Wiederentdeckung der marxistischen Inhalte der Kritischen Theorie.“ (S. 170)

Nach einer Darstellung der Konkurrenzen zwischen den soziologischen Instituten in Frankfurt, Köln und Dortmund und der Konflikte um die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, die insgesamt aber sehr knapp bleiben, entwickelt Albrecht eine anregende Interpretation der sich abzeichnenden Gegensätze zwischen dem Kölner und dem Frankfurter Institut, die interessante Ergänzungen zu den Befunden von Dahms über die Genese des Positivismusstreits beinhaltet.

Im dritten Teil unterziehen Albrecht und Behrmann die Medienpräsenz und die Publikationspolitik der Frankfurter Schule einer Untersuchung. Zunächst stellt Albrecht die Ergebnisse seiner inhaltsanalytischen Auswertung von Zeitungsartikeln über das Frankfurter Institut, die sich im Max-Horkheimer-Archiv befinden, vor. Indem er die Artikel zu den Themen „Nationalsozialismus, Judentum, Antisemitismus, Vorurteil, Emigration und politische Bildung“ unter dem Oberbegriff „Vergangenheitsbewältigung“ (S. 205) zusammenfasst und diese dann zur Gesamtsumme der Artikel in Relation setzt, gelangt er zu einer „Konjunkturlinie dieses Themas“, die nach seinem Befund „von der Gesamtlinie abweicht und ihren Höhepunkt zwischen 1959 und 1964 hat“ (ebd.). Den hohen Niederschlag in Presseberichten zu diesem Thema sieht Albrecht nicht in fachwissenschaftlicher Kompetenz oder im Interesse an der Klärung fachwissenschaftlicher Fragen begründet, sondern in der besonderen Kompetenz zur Deutung der Vergangenheit, die die Presse Soziologen, Psychologen und Philosophen zuschrieb, sowie in einer bewussten Pressepolitik, die Horkheimer und Adorno betrieben hätten. Daran schließt der Befund einer Auszählung von Radio- und Fernsehbeiträgen Adornos und Horkheimers an, die in Relation zur Anzahl der Beiträge anderer Philosophen, bzw. Soziologen gesetzt wird. Der überproportionale Anteil der Frankfurter deutet Albrecht als „Rundfunkhoheit der Frankfurter Schule“: Die Auszählung ergibt, dass Adorno und Horkheimer sowohl was die Radio- und Fernsehbeiträge ausgewählter Philosophen (Gadamer, Heidegger, Jaspers), als auch ausgewählter Soziologen (Gehlen, König, Plessner, Schelsky, Weber, von Wiese) betrifft, überproportional vertreten waren.

Behrmanns detaillierte Untersuchung der Publikationspolitik des Frankfurter Instituts schließlich reicht von den frühen Bemühungen, die Zeitschrift für Sozialforschung in Deutschland wiederzubegründen, über den geheimniskrämerischen Umgang mit den im Schriften, die im Exil entstanden waren und danach jahrzehntelang nicht mehr neu aufgelegt wurden, bis zur Wiederentdeckung der klassischen Schriften der Kritischen Theorie in den sechziger Jahren. Hier wäre auch eine stärkere Beachtung der Arbeiten, die in der soziologischen Reihe des Instituts für Sozialforschung erschienen sind, von großem Interesse gewesen.

Der Befund über die Rezeption der „klassischen Schriften“ innerhalb der sich formierenden Studentenbewegung fällt ambivalent aus. Einerseits wird auf den geringen Anteil der Bezugnahmen auf die klassischen Schriften der Kritischen Theorie verwiesen, andererseits der reichhaltige Niederschlag unter den Titeln und Autoren, die Ende der 60er als Raubdrucke vertrieben wurden festgestellt (S. 373-381). Dass am Ende dieser Kapitel, die bisherige Befunde zum Umgang mit der eigenen theoretischen Vergangenheit und zur Publikationspolitik des Frankfurter Instituts durchaus differenzieren, Behrmann versucht, zwei so diametral entgegen gesetzte Texte wie Heideggers Rektoratsrede aus dem Jahr 1933 und Horkheimers Aufsatz „Die Juden und Europa“ aus dem Jahr 1938 einer vergleichenden Lektüre zu unterziehen, rückt die Untersuchung in ein merkwürdiges Licht: „Da Horkheimers Beschweigen von ‚Die Juden und Europa‘ durchaus in Parallele zu Heideggers Beschweigen der Freiburger Rektoratsrede gesetzt werden kann, ist vielleicht auch noch ein Wort dazu angebracht. Wie Heidegger hatte Horkheimer geglaubt, kraft theoretischer Einsicht zu wissen, wohin die Geschichte gehen werde. Beide hatten dem Nationalsozialismus attestiert, daß er ganz auf der Höhe der Zeit sei. Für beide hatte er mit Notwendigkeit den Liberalismus überwunden. Beide haben sich zu den gravierendsten politischen Irrtümern nie erklärt.“ (S. 384) Es bleibt über die Feststellung, es habe sich um politische Irrtümer gehandelt, rätselhaft worin die Parallele liegen soll. Die Umstände waren verschiedene: der eine war als Emigrant Opfer und Gegner des NS, eine Erfahrung die er im angesprochenen Aufsatz verarbeitete; als solcher analysierte er den Übergang zur NS-Herrschaft. Der andere war wenigstens zeitweise ein Unterstützer der Nationalsozialismus und die Rektoratsrede stellt eine Kampfrede für den Nationalsozialismus dar. Diesen Unterschied konzediert auch Behrmann, während er die inhaltliche Differenz letztlich mit dem Hinweis auf die „politischen Irrtümer“ übergeht. Heidegger hat letztlich historistisch darauf beharrt, seine Äußerung aus der Zeit heraus verstanden wissen zu wollen und darum überhaupt nichts revidiert, während es zu Horkheimers Denken gehörte, auch geäußerte Positionen zu revidieren und sie als nicht mehr gültig zu betrachten. Das Ergebnis hätte den Vergleich ad absurdum geführt.

Der vierte Teil untersucht schließlich die Pädagogisierung der Kritischen Theorie an einer Reihe von Beispielen. Intensiv wird die Arbeit des „Studienbüros für politische Bildung“, dessen Konferenzen und dessen auf Multiplikatoren zugeschnittene Studienreise-Programme in die USA von Albrecht analysiert (S. 413-446), sowie der Niederschlag der Kritischen Theorie im Radio-Funkkolleg 1971. Daran schließen Überblickskapitel zur „Geschichte der Frankfurter Schule in der Bundesrepublik“ und zu „Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung“ an. In ersterem unternimmt Albrecht eine generationengeschichtliche Einordnung, die für die Analyse der Wirkungsgeschichte zugrunde gelegt werden kann, die aber am Ende des Buches etwas überraschend platziert ist. Sie wie auch das Kapitel über die Lagerbildung hätten zur theoretischen Orientierung weiter nach vorne gehört, etwa in eine fundiertere Einleitung.

Vordergründig etwas unsystematisch stehen zwischen den einzelnen Teilen die Kapitel über die „Verordnete Vergangenheitsbewältigung“ von Friedrich Tenbruck und „Warum Horkheimer Golo Mann einen ‚heimlichen Antisemiten‘ nannte: der Streit um die richtige Vergangenheitsbewältigung“ aus der Feder Clemens Albrechts über Horkheimers Intervention in der Berufungsangelegenheit Golo Mann auf einen Lehrstuhl an der Frankfurter Universität.

Der Abdruck von Friedrich Tenbrucks Kapitel ist wohl als Verbeugung vor dem akademischen Lehrer und spiritus rector der Wirkungsgeschichte gedacht, doch hätten die Autoren besser daran getan, dieses Kapitel über den Weg „[v]on der verordneten Vergangenheitsbewältigung zur intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“(S.78-96), das durch Tenbrucks Tod 1994 lediglich Fragment geblieben ist, nicht abzudrucken. Tenbruck lässt hier über weite Strecken seiner Aversion gegen die „verordnete Vergangenheitsbewältigung“ der Amerikaner freien Lauf. Er zieht das Fazit, dass durch die „Verfolgung von außen der deutschen Bevölkerung der Raum und die Möglichkeit für eine Selbstbesinnung“ genommen worden sei. Nicht genug damit: dem Stand der historischen Forschung zum Trotz bedient Tenbruck in dem Kapitel die Legende, die Alliierten hätten eine Kollektivschuld der deutschen Bevölkerung angenommen und das deutsche „Volk“ aus diesem Grund kollektiv verfolgt. Einschlägige zeithistorische Studien haben zweifelsfrei gezeigt, dass die Kollektivschuldthese bis auf sehr wenige Wochen der Besatzungspolitik unmittelbar nach der Besetzung keine Rolle gespielt hat und dass dieselbe eher ein Ergebnis deutscher Imagination, denn der besatzungspolitischen Realität gewesen ist. [9] So gelesen liefert das Kapitel eher Hinweise zur politischen Einordnung der vorliegenden Studie, denn einen Beitrag zur Fachdebatte.

Die kritische Intervention in der Berufungsangelegenheit wird unter der Zwischenüberschrift „Die Geschichte einer ‚Lumperei‘ – oder doch keine normale akademische Intrige?“ zu einer mittleren Verschwörung zwischen American Jewish Committee (AJC) und dem Frankfurter Institut für Sozialforschung stilisiert. Horkheimer hatte Golo Mann in einem Telefonat mit dem hessischen Kultusminister unter Hinweis auf Manns Essay „Der Antisemitismus“ „einen heimlichen Antisemiten“ genannt, laut Albrecht ein „Vorwurf [...] gegen den sich zu wehren besonders schwer fällt, weil er eben nicht ‚offen‘ ist“, dessen Effektivität sich daraus ergab „weil Horkheimer ihn nicht im eigenen Namen erhob, sondern nur die Bemerkung einflussreicher jüdischer Organistionen vortrug [...]“. Albrecht nimmt dieses Ereignis zum Anlass, die vergangenheitspolitische Ausrichtung des Frankfurter Instituts näher zu beleuchten und mit dieser in vergleichsweise harschem Ton abzurechnen.

Aufschlussreich sind die Ausführungen Albrechts zur sachlichen Differenz zwischen Horkheimer, Adorno und Mann. Um diese darzustellen, fasst Albrecht den Gang von Manns Argumentation zusammen, um sie schließlich in erster Linie mit den sozialpsychologischen Überlegungen Adornos in der Authoritarian Personality zu kontrastieren. Es lohnt, diese weitgehend unbekannte Broschüre, in der Golo Mann seine Argumentation entfaltet, näher in den Blick zu nehmen. Golo Manns Hauptthese besagt, dass man herrschende Vorurteile ernst nehmen muss, weil sie von vielen geteilt werden und weil dem Vorurteil darum möglicherweise etwas in der Realität seines Gegenstandes entspreche. Er leitet seine diesbezüglichen Überlegungen wie folgt ein: „Es ist heute überaus heikel, überaus gefährlich von jüdischer Schuld zu sprechen, weil das Schicksal, das die Juden getroffen hat, einer Schuld die einzelne Juden haben oder nicht haben mögen, keinen Augenblick als adäquat erscheinen darf, weil hier von Schuld nicht in dem Sinne gesprochen werden darf, als ob es eine Schuld wäre, der dann die Strafe entsprochen hätte. […] Nicht ein irgendwie verständliches Strafgericht hat sie getroffen, viel eher etwas, das aus der Perspektive des Opfers einer blinden Naturgewalt zu vergleichen wäre. Da es aber doch Menschen gewesen sind, sogenannte vernunftbegabte Wesen, welche die Öfen von Auschwitz geplant und angeheizt haben, so bleibt uns die Frage, warum sie es taten, wie sie es tun konnten, gestellt. Dabei aber kann man wenigstens versuchsweise nicht völlig absehen von der Vorgeschichte und vom Charakter der Opfer.“ (Mann, 17). Dieses Zitat bringt auch Albrecht. Im Geistesleben, in der Wirtschaft, in der Politik: Golo Mann findet an jedem Ort einen Grund für das Ressentiment, den vielleicht nicht alle, wahrscheinlich auch nicht immer viele, aber doch immer wenigstens eine entscheidende Minderheit der Juden bieten. Er lässt dabei kein Stereotyp aus, selbst das des zersetzenden Intellektuellen in Gestalt von Maximilian Harden, Karl Kraus und Kurt Tucholsky wird angeführt. Den Höhepunkt bildet aber die Einschätzung der bundesrepublikanischen Nachkriegsgegenwart: „Wie der wirtschaftliche und kulturelle, so ist auch der politische Einfluss der Juden ein Gegenstand der Klage gewesen, schon in der Bismarck- und Kaiserzeit, vor allem aber in der Weimarer Republik. Sie ist von Millionen deutscher Bürger recht eigentlich als Judenrepublik, als undeutsche und fremde Sache angesehen worden. Wenn die Bundesrepublik heute mehr Glück hat, wenn dies Gebäude, trotz seines fragmentarischen Charakters, einer Mehrheit von Deutschen viel mehr als ihr eigenes Heim gilt, so liegt das zweifellos daran, dass es in der Bundesrepublik praktisch keine Juden mehr gibt. Was ich hier sage, klingt zynisch und ist in der Tat eine äußerst bedenkliche Beobachtung. Aber auch sie muss gemacht werden. Der befremdende Erfolg der Bonner Republik im inneren und dadurch auch nach außen hin, die vergleichsweise Entspanntheit, die das öffentliche Leben in Deutschland bezeichnet, sie haben etwas damit zu tun, dass die deutschen Juden geflohen und ausgemordet sind. Man könnte den Akt der Austreibung, den Akt des Massenmordes insofern als erfolgreich bezeichnen.“ [10] Freilich: Albrecht, der Golo Manns Pamphlet als „historisch-hermeneutisch, moralisch und sachlich äußerst diffizile Überlegungen qualifiziert“, unterschlägt dieses Zitat, das vielleicht erhellt, warum Horkheimer Golo Mann für einen heimlichen Antisemiten hielt. Berufungspolitik hat immer auch etwas mit Machtverhältnissen in einer Institution zu tun: Diese haben Adorno und Horkheimer immer aufmerksam beobachtet, sich darüber ausgetauscht – und entsprechend interveniert. Dies zu analysieren unterlässt Albrecht. Wahrscheinlich empfand Max Horkheimer es als unerträglich, mit einem Hochschullehrer, der solches auszusprechen bereit war, an einer Hochschule zu lehren? Wer möchte es ihm verdenken?

Die Studie zeichnet sich durch eine umfangreiche Bibliographie aus und ist durch ein Personenregister erschlossen. Ein Sachregister wäre allerdings hilfreich gewesen. Vermisst habe ich in der Studie einige in der Wissenschaftsgeschichte mittlerweile gängige Standards: eine Begründung für die Auswahl der Archive, eine detaillierte Quellenkritik, ja wenigstens eine Liste der aufgesuchten Archive, wie auch der befragten Zeitzeugen. Vor allem verwundert, warum lediglich die Akten des Max-Horkheimer-Archivs der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt, aber keine Institutsakten zu den einzelnen Projekten im Archiv des Instituts für Sozialforschung eingesehen wurden. Insgesamt unterschätzt die Studie die Rolle der Institution für den Aufbau einer Schule. Die Personalpolitik wird im wesentlichen nur angedeutet, die Rolle von Seminar, kanonischen Werken, implizitem Lernen in der forschungspraktischen Situation, der Auswertung und der Interpretation der erhobenen Materialien wird nur exemplarisch am Beispiel des Gruppenexperiments behandelt. So hätte man z.B. versuchen können, den Prozess der Schulbildung anhand von Seminarunterlagen oder anhand gemeinsamer wissenschaftlicher Praxis (über die interessante Diskussion der Entstehung des „Gruppenexperiments“ hinaus) eingehender zu rekonstruieren. Hier hat Demirovic aufschlussreiche Befunde vorgelegt. Viel schwerer wiegt jedoch, dass für eine so weit reichende These (immerhin geht es um die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik) ausgewählte Orte der unterstellten Wirkung systematisch zu untersuchen gewesen wären. Hier rächt sich der klassisch geistesgeschichtliche Blick, der sich darin ausdrückt, in erster Linie die Korrespondenzen der Institutsleitung auszuwerten. Der Blick z. B. in die Akten der Kooperationspartner des IfS hätte erfolgen müssen, denn nur über diese Außenperspektive lassen sich Anerkennung und Abwehr der Kritischen Theorie konkret bestimmen. [11] Schließlich ist bedauerlich, dass in die Studie die sicher aufschlussreichen Materialien, die durch eine ganze Reihe von Zeitzeugeninterviews erhoben wurden, nur in geringem Umfang eingeflossen sind.

Die Autoren hätten zudem gut daran getan, die eingangs zitierte Äußerung Hellmut Beckers ernster zu nehmen, indem sie die Auseinandersetzungen und der Widerstände, die den Konzepten und Bewirkungsversuchen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung entgegengesetzt wurden, tiefer gehend analysiert hätte. Dies hätte dazu beitragen können, die Wirkungsgeschichte nicht nur als Geschichte eines kometenhaften Aufstiegs einer Schule darzustellen, sondern stärker die Konkurrenzen innerhalb des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Feldes um Deutungsansprüche der sozialen Welt in den Mittelpunkt der Untersuchungen zu rücken. Die Entwicklung eines konservativen intellektuellen Lagers sozusagen als Reaktion auf die vermeintliche Lagerbildung in der intellektuellen Linken zu reduzieren, macht es sich entschieden zu einfach. Hätten die Autoren die konkurrierenden Intellektuellen und die Widerstände im akademischen Feld, die diesem vermeintlichen Aufstieg entgegengesetzt wurden und dabei besonders die widerstrebenden „Lager“ schärfer in den Blick genommen, würden sich viele Ergebnisse anders darstellen. Schließlich hätte es der Studie gut getan, der Untersuchung der Vielzahl programmatischer Äußerungen in öffentlichen Artikeln und internen Memoranden eine Untersuchung der wissenschaftlichen Praxis der Frankfurter Schule an die Seite zu stellen, anstatt allgemeine Überlegungen zur „Universalisierung des Nationalsozialsozialismus“ voranzustellen, denn erst die wissenschaftliche Praxis und die Erfahrungsbildung der Frankfurter Soziologen in den 30er und 40er Jahren machen die Programme und das Handeln bis hin zur eigentümlichen Netzwerkbildung in den 50er und 60er Jahren, die Albrecht et al. so stark akzentuieren, verständlich. Hinzu kommt, dass gerade der Import des sozialwissenschaftlichen Methodenarsenals und die wissenschaftliche Praxis für die Wirkung - und das heißt nicht zuletzt für das Vertrauen, das so unterschiedliche öffentliche wie private Auftraggeber entgegengebrachten, von der Bundeswehr über HICOG, der Mannesmann AG bis zum Bundesarbeitsministerium, die sich im Verlauf der fünfziger Jahre an das Institut wandten - von entscheidender Bedeutung für dessen erste Wirkung waren.

Der Einblick in das Erhebungsmaterial, das bei Studien wie dem Gruppenexperiment zu Tage gefördert wurde, und die monographischen Auswertungen dazu - etwa Adornos Abhandlung über „Schuld und Abwehr“ - hätten dem Autorenkreis vielleicht erleichtert, den alarmistischen Ton, den die Einlassungen der Frankfurter zu den Folgewirkungen des Nationalsozialismus in der frühen Bundesrepublik hatten, nachvollziehbarer zu machen und auch den Leser ihrer Studie eine Spur sachlicher orientiert.

Anmerkungen:
[1] Becker, Hellmut, zitiert nach Clemens Albrecht et al., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Bundesrepublik. Frankfurt am Main: Campus 1999, S. 13.
[2] Jay, Martin, Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923-1950, Frankfurt am Main 1976; Wiggershaus, Rolf, Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. Frankfurt am Main 1991, 3. Auflage; Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung, München 1997, 5. Auflage.
[3] Dahms, Hans Joachim, Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Pragmatismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus, Frankfurt am Main 1998, 2. Auflage.
[4] Demirovic, Alex, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999.
[5] Honneth, Axel; Wellmer, Albrecht (Hgg.), Die Frankfurter Schule und ihre Folgen, Berlin 1986; Erd, Rainer u. a. (Hgg.), Kritische Theorie und Kultur, Frankfurt am Main 1989.
[6] Kraushaar, Wolfgang Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail, 3 Bände. Frankfurt am Main 1998.
[7] Gilcher-Holtey, Ingrid, Plädoyer für eine dynamische Mentalitätsgeschichte, in: GuG 24 (1998), S. 476-497; Gilcher-Holtey, Ingrid, Kritische Theorie und neue Linke, in: Gilcher-Holtey, Ingrid (Hg.), 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1998, S. 168ff.
[8] Habermas, Jürgen, Drei Thesen zur Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, in: Honneth, Axel; Wellmer, Albrecht (Hgg.): Die Frankfurter Schule und ihre Folgen, Berlin 1986, S. 8-12, hier S. 8.
[9] Vgl. hierzu z. B. Frei, Norbert, Von deutscher Erfindungskraft oder: Die Kollektivschuldthese in der Nachkriegszeit, in: Rechtshistorisches Journal, 16, 1997, S. 624-634 und Foschepoth, Josef, Zur deutschen Reaktion auf Niederlage und Besatzung. Unterwerfung, Kontrolle, Integration, München 1986, S. 151-165.
[10] Mann, Golo, Der Antisemitismus, Frankfurt am Main 1963, 3. Auflage, S. 28.
[11] Dass dieser Ansatz trägt, zeige ich exemplarisch am Beispiel der Mannesmann-Untersuchung des IfS, vgl. Platz, Johannes, „Überlegt euch das mal ganz gut: wir bestimmen mit. Schon das Wort allein.“ Kritische Theorie im Unternehmen. Entstehungsbedingungen und Wirkungen der Betriebsklimastudie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in Werken der Mannesmann AG 1954/1955, in: Kleinschmidt, Christian u.a. (Hgg.), Kulturalismus, Neue Institutionenökonomik oder Theorienvielfalt. Eine Zwischenbilanz der Unternehmensgeschichte, Essen 2002, S. 199-224

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13.02.2005
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