H. Peiter: Wissenschaft im Würgegriff von SED und DDR-Zensur

Cover
Titel
Wissenschaft im Würgegriff von SED und DDR-Zensur.


Autor(en)
Peiter, Hermann
Reihe
Geschichte 57
Erschienen
Münster 2004: LIT Verlag
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Besier, Zeitgeschichte, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.

Bei dem Autor handelt es sich um einen habilitierten Theologen und Schleiermacher-Forscher aus der DDR, der 1968, nach mehrjähriger Arbeit, eine textkritische Ausgabe der christlichen Sittenlehre Schleiermachers vorlegte.[1] In dem zu besprechenden Buch will er zeigen, wie nicht nur die Veröffentlichung seiner Arbeit verhindert, sondern auch seine Weiterbeschäftigung bei der Akademie der Wissenschaften sowie die Aufnahme in den kirchlichen Dienst vereitelt wurden. Die vorliegende, stark biographisch akzentuierte Studie versteht sich als Illustration und Ergänzung anderer Arbeiten zu diesem Komplex.[2]

Die Geschichte spielt im Ost-Berliner theologischen Milieu, das mit Staats- und Parteistellen der DDR eng verwoben war. Peiter erhielt 1965 eine Habilitationsaspirantur, seine Edition wurde im Ost-CDU-nahen Union Verlag angekündigt und sollte rechtzeitig zum Schleiermacher-Jahr 1968 erscheinen, um der westlichen Konkurrenz mit einem angemessenen Projekt zu begegnen. Für diese ihm gebotene Chance macht Peiter eine kurze Lockerung der ideologischen Voraussetzungen unter dem Hauptreferenten für die theologischen Fakultäten im Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, dem Juristen Siegfried Schneider, verantwortlich. Doch „die Zensur“, so seine These, brachte die geplante Drucklegung zu Fall. Entsprechende Gutachten hat Peiter allerdings nicht gefunden. Möglicherweise wurden sie in der Phase des Umbruchs vernichtet. Sein Vorwort, so vermutet er, ließ Wendungen vermissen, die sein Werk als Meilenstein für die progressiven innerkirchlichen Kräfte priesen. Anscheinend gab es einen Briefwechsel zwischen Peiter und dem Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen, in dem er seine Arbeit zu verteidigen suchte. Der Wortlaut des 20seitigen Schreibens vom 28. Juni 1968 wird dem Leser aber nur in wenigen Zitaten zur Kenntnis gegeben (vergleiche S. 51 ff.; S. 119). Anscheinend drehte sich die Korrespondenz unter anderem um die Frage: „Das Offene – was ist das?“ Peiter sucht seinen „Fall“ in die allgemeine Geschichte der DDR und deren ideologische Grenzziehungen einzuordnen, was dazu führt, dass das Buch ausgesprochen unübersichtlich wirkt und über viele Seiten das engere Thema kaum berührt. Überdies zitiert der Verfasser immer wieder einmal aus seinem Kindertagebuch aus den Jahren 1949/1950 – wohl um zu belegen, dass er bereits zu dieser Zeit ein kritischer Geist war.

Obwohl die Sektion Theologie an der Humboldt-Universität nach Fertigstellung der Edition der „Christlichen Sittenlehre“ gerne weitere Schleiermacher-Bände ediert hätte, entschied, so Peiter, „die Zensur“ anders. Sie vertrat die Auffassung, dass „die editorische Konzeption des Herausgebers Folgen impliziere, die einen Einzelherausgeber und einen Verlag absolut überfordern“ (S. 115). Eine damalige Verlagsmitarbeiterin interpretierte noch Ende 2003 diese Entscheidung mit den sehr begrenzten technischen Möglichkeiten des Union-Verlags, ein solches Projekt zu realisieren. Peiters Manuskript – immerhin 1.000 Seiten – sei äußerst kompliziert aufgebaut gewesen, hätte Sonderzeichen und eine besondere Papierqualität verlangt. Eine „hochwissenschaftliche Spezialuntersuchung“ habe nicht in das Programm des Union-Verlags gepasst. Peiter bezweifelt die Stichhaltigkeit dieser Argumentation. Auf den Vorschlag hin, eine Auswahl zu publizieren, reagierte er dann mit dem bereits genannten 20-Seiten-Brief. Andere DDR-Theologen in ähnlicher Situation gingen auf solche Vorschläge ein (vgl. S. 120). Die Dinge komplizierten sich noch dadurch, dass auch westliche Schleiermacher-Forscher den Wert des editorischen Aufwandes, den er betrieben hatte, bezweifelten (vgl. S. 119). Am 6. Juni 1968 teilte Siegfried Schneider Peiter mit, eine Fortführung seines Forschungsauftrags sei abgelehnt, da der Union-Verlag die Schleiermacher-Edition nicht übernehmen könne. Seit Anfang Februar 1969 arbeitete Peiter dann bei der Akademie der Wissenschaften. Hier sollte er an der Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mitarbeiten. Doch nach einem knappen Jahr wurde er wieder entlassen – aus finanziellen Gründen, wie es im Entlassungsschreiben heißt, aus ideologischen, meint Peiter. Denn noch 1972 habe eine nicht besetzte Planstelle zur Verfügung gestanden. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mochte auch 2004 der Argumentation Peiters nicht folgen und stufte die von ihm geltend gemachten ideologischen Gründe für die Kündigung als bloße Mutmaßungen ein. Peiter kann freilich geltend machen, dass er im Tätigkeitsbericht seiner Forschungsstelle kritisch erwähnt wurde. „Kollege Peiters […] erwies sich als nicht vertraut mit einigen Grundproblemen der marxistisch-leninistischen Theorie sowie der Strategie und Taktik der Kommunistischen und Arbeiterparteien“ (S. 231). Nach seiner Entlassung arbeitete Peiter in der Deutschen Staatsbibliothek Unter den Linden, wo er technische Hilfsarbeiten verrichtete. Danach reiste er in die Bundesrepublik aus.

Peiter möchte als Verfolgter des SED-Regimes anerkannt werden. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin und die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR haben seine Argumente nicht nachvollziehen können bzw. seinen Aufklärungseifer gestoppt, indem er keinen Zugang zu bestimmten Akten von früheren Akademiemitarbeitern erhielt.

1968 war Peiter zur Habilitation zugelassen worden. Trotz der Tatsache, dass nahezu alle unmittelbar beteiligten Hochschultheologen auch als Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit geführt worden waren, wurde seine Habilitationsschrift einstimmig angenommen. Aber der Dekan Karl-Heinz Bernhardt votierte 1969 gegenüber dem Ostberliner Konsistorium gegen eine Aufnahme Peiters in ein kirchliches Lehrvikariat, weil er „als ‚typischer Schreibtischmensch’ wohl kaum für eine praktische Tätigkeit in Frage“ komme (S. 264). Die Nordelbische Landeskirche hat ihn nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik ohne Probleme in der praktischen Gemeindearbeit beschäftigt.

Die Studie hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits ist man rasch geneigt, die sozialistische Diktatur für eine gescheiterte Theologenkarriere verantwortlich zu machen. Andererseits fehlt Peiter – trotz aller möglicher Indizien – der entscheidende Beweis für seine Hypothese.

Anmerkungen:
[1] Das Buch ist für 2007 im LIT-Verlag angekündigt: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Christliche Sittenlehre. Vorlesung im Wintersemester 1826 / 27. Nach großenteils unveröffentlichten Hörernachschriften herausgegeben von Hermann Peiter, Bd. 51, 1104 S., 65.90 EUR, br., ISBN 978-3-8258-6535-5. Siehe auch die kritische Schleiermacher-Gesamtausgabe (KGA), I/7, Teilband 1 und 2: Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt (1821/22), hg. v. Hermann Peiter, 1980, Teilband 1: LXVI u. 358 Seiten; Teilband 2: VIII u. 409 Seiten, Leinen, zusammen Euro [D] 238,-. ISBN 3-11-007515-6. KGA I/7, Teilband 3: Marginalien und Anhang, hg. v. Ulrich Barth unter Verwendung vorbereitender Arbeiten v. Hayo Gerdes u. Hermann Peiter, 1983, XXV u. 672 Seiten, 1 Abb., Leinen, Euro [D] 198,-. ISBN 3-11-008593-3.
[2] Vgl. Linke, Dietmar, Theologiestudenten der Humboldt-Universität. Zwischen Hörsaal und Anklagebank, Neukirchen-Vluyn 1994; Besier, Gerhard, Der SED-Staat und die Kirche. Die Vision vom „Dritten Weg“, Bd. 2, Berlin 1995, S. 548-591; Bräuer, Siegfried; Vollnhals, Clemens (Hrsg.), „In der DDR gibt es keine Zensur“. Die Evangelische Verlagsanstalt und die Praxis der Druckgenehmigung 1954-1989, Leipzig 1995; Stengel, Friedemann, Die theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates, Berlin 1998.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.06.2007
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag