I. Gerasimov u.a. (Hgg.): Neue Imperialgeschichte

Cover
Titel
Novaja imperskaja istorija postsovetskogo prostranstva. Sbornik statej


Herausgeber
Gerasimov, I.V.; Glebov, S.V.; Kaplunovskij, A.P.; Mogil'ner, M.B.; A.M. Semenov
Reihe
Biblioteka zurnala "Ab imperio"
Anzahl Seiten
656 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ricarda Vulpius, Berlin

Dieses Buch kommt einem Manifest gleich. Den Herausgebern – alle in der einen oder anderen Weise mit der Zeitschrift „Ab Imperio“ verbunden – geht es nicht nur darum, Ergebnisse aus der internationalen Forschung zur imperialen Geschichte des Russländischen Reiches der vergangenen Jahre zu präsentieren. Ihr Anliegen ist weit umfassender: Sie untermauern ihren in „Ab Imperio“ bereits formulierten Anspruch, eine neue Forschungsausrichtung, die sie „Neue Imperialgeschichte Rußlands und Eurasiens“ nennen, auszurufen und ihr Konturen zu geben.[1] Fünf Jahre nach Gründung der Zeitschrift lässt sich anhand der Beiträge festhalten: Der Start ist überaus geglückt.

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion galt das Interesse in der historischen Forschung am Vielvölkerstaat des Zaren- wie Sowjetreiches von wenigen Ausnahmen abgesehen entweder ausschließlich der Titularnation und hier meist den Zentren – die Peripherie wurde hingegen wenn überhaupt, dann nur als Objekt wahrgenommen (top-down-Perspektive) –, oder aber es standen einzelne Nationalitäten (meist in ihrer ‚Opferrolle’) ohne analytischen Bezug zur Titularnation im Zentrum des Interesses. Seit Beginn der 1990er-Jahre des letzten Jahrhunderts hingegen setzte sich mit dem wegweisenden Buch von Andreas Kappeler die Perspektive auf die Interaktion von russischem Zentrum und multiethnischer Peripherie, von Titularnation und nicht-dominanten Ethnien durch.[2] Mit diesem neuen Ansatz wurde der Blick frei für alternative Konzeptualisierungen historischer Erfahrung, die jenseits einer russischen, ethnozentrischen Meistererzählung der Geschichte des Vielvölkerreiches liegen und die Bevölkerung der Peripherie auch als Subjekt einer russländischen Geschichte begreifen (bottom-up-Perspektive).

Die Verfechter der Neuen Imperialgeschichte greifen in ihrer anspruchsvollen Einleitung einerseits diesen Blick auf die Peripherie als Subjekt der Geschichte auf, warnen jedoch andererseits vor den Versuchen vieler Historiker aus den jüngst gegründeten Nachfolgestaaten der Sowjetunion, jetzt die nationalen Meistererzählungen nicht-russischer Ethnien zum einzigen Gegenstand zu machen, alternative Entwicklungsmöglichkeiten zu leugnen und die jeweilige Nationsbildung in Form eines linearen Fahrplanes zu beschreiben. In einem solchen Falle erkennen die Herausgeber in den nationalen Meistererzählungen der nicht-dominanten Nationen dieselbe ethnozentrische Logik, welche zuvor der Erzählung von der „russischen“ Nation zugrunde lag. Die Herausforderung einer Neuen Imperialgeschichte sehen die Herausgeber hingegen darin, verschiedene Optiken miteinander zu kombinieren: Die Vielfalt an Identitäten im imperialen Raum (regional, konfessionell, sozial) gelte es ebenso in den Blick zu nehmen wie die Beziehungen der verschiedenen nicht-dominanten Ethnien untereinander, die ihrerseits Einfluss auf die Politik des Zentrums ausübten. Eine solche Neue Imperialgeschichte versuche, den imperialen Raum und das Imperium selbst „sichtbar“ zu machen und zudem die theoretisch-konzeptionellen Defizite des Phänomens „Imperium“ in der Historiografie zu beseitigen.

Die sich anschließenden 22 Beiträge von zumeist renommierten Forschern zum Russländischen Imperium begeistern vor allem dadurch, dass sie dem in der Einleitung angekündigten hohen Anspruch einer Neuen Imperialgeschichte, wenn auch unterschiedlich brillierend, durchweg gerecht werden. Den Schwerpunkt des Bandes machen das Kapitel II zu den historiografischen Koordinaten und analytischen Kategorien der Neuen Imperialgeschichte (Nation, Imperium, Kontinent) sowie die Kapitel III und IV zu Fallstudien „Auf der Suche nach dem Imperium“ aus. Kapitel I ist vor allem eine Ehrung des „Patriarchen der imperialen Forschungen Rußlands“, Seymour Becker, dem aus Anlass seines 70. Geburtstags der Band gewidmet ist. Kapitel V besteht aus ausführlich kommentierenden Bibliographien zur Imperiumsforschung im russländischen, deutschsprachigen, französischen und anglo-amerikanischen Sprachraum.

Die spannendsten theoretischen Beiträge stammen von Seymour Becker und Ronald Suny, die freilich zum größten Teil bereits in früheren Ab Imperio-Ausgaben erschienen sind (die übrigen Aufsätze des Bandes erscheinen hingegen erstmalig). Becker ergänzt die Imperium-Definition von Michael Doyle, wonach die politische Kontrolle im Vordergrund steht, durch die Betonung der kulturellen Differenz zwischen Zentrum und Peripherie, wie sie Alexander Motyl vornimmt. Ausgehend von dieser Begriffsbestimmung arbeitet er überzeugend die Besonderheiten des rußländisc russländischen hen Imperiums im europäischen Vergleich heraus – vor allem das Ziel, im Gegensatz zu den europäischen Kolonialreichen nahezu alle Peripherien weitestgehend in den Kernstaat integrieren zu wollen. Ronald Suny verweist auf die mit der Integration einhergehende Möglichkeit, dass sich Imperien in Nationalstaaten verwandeln sowie auf die vom Standort abhängige und damit subjektive Wahrnehmung der Frage der Existenz eines Imperiums überhaupt. Am Beispiel des Russländischen Reiches zeigt er, wie der Staat zwar als Imperium zu agieren suchte, in den Prozess der Nationsbildung jedoch hineingezogen wurde und damit die Stabilität und Legitimität seiner selbst untergrub.

Die Schwierigkeiten des Zentrums, mit dem kulturell Fremden der Peripherie umzugehen, sind Gegenstand der Beiträge zur zivilisatorischen Mission und zum Nationalismus im Transkaukasus (Jörg Baberowski), zum Umgang mit den „exotischen“ Völkern in den Krönungszeremonien der Zaren (Richard Wortman), zum wechselhaften Umgang der Zarenregierungen mit den Baschkiren (Charles Steinwedel) sowie zum gestörten Verhältnis zwischen der imperialen Regierung und den Juden des Reiches (John Klier). Die aus dem Vergleich mit dem deutschen Kaiserreich gewonnene Frage, warum jene dort verbreitete ‚Kaisertreue’ der Juden sich im Zarenreich nicht entwickeln konnte, führt zu der im Band immer wiederkehrenden Beobachtung, dass eine sich aus Voreingenommenheit oder Selbstzentriertheit speisende Politik der Zarenregierung oppositionelle Bewegungen in der Peripherie überhaupt erst zum Entstehen brachte. Dies galt nicht zuletzt für die Überzeugung, dass Juden einen Kern der Revolutionsbewegung ausmachten – lange bevor derartige Aussagen überhaupt eine objektive Grundlage erhielten.

Das Verhalten des Zentrums führt zu der anregenden Frage, welches Bewusstsein die rußländischen Reichsregierungen für ihre imperiale Dimension überhaupt besaßen. Aleksandr Filjuschkin weist nach, dass die Moskowiter Herrscher mindestens bis zum Ende des 16. Jahrhunderts weiterhin in den Begriffen der Teilfürstenzeit und damit in rein patrimonialen Vorstellungen dachten. Inwieweit sich dies im 17., 18. und beginnenden 19. Jahrhundert änderte bzw. inwieweit die Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung und der tatsächlich gegebenen sozial-politischen Heterogenität des Reiches sich verringerte, bleibt gerade im Anschluss an Filjuschkins Ausführungen ein augenfälliges Desiderat der bisherigen Forschung zum russländischen Imperium.

Insgesamt bietet der Sammelband überaus wertvolle Anstöße für die weitere Forschung, die hier bei weitem nicht alle benannt werden konnten. Mit diesem ‚Manifest’ hat sich die Neue Imperialgeschichte eine solide Grundlage verschafft. Allein die in der Einleitung wenig überzeugend vorgebrachte Distanzierung von der jüngst unter anderem von Aleksej Miller angestoßenen vergleichenden Imperiumsforschung wird hoffentlich bald wieder in Vergessenheit geraten. Gerade in diesem Band zeigen viele Beiträge, zu welch fruchtbaren Ergebnissen der Vergleich bei der Erforschung des Russländischen Reiches und seiner „imperskost’“ – „Imperiumheit“ führen kann.

Anmerkungen:
[1] Der Begriff der “New Imperial History” wurde bereits 2003 eingeführt: Semyonov, Alexander, From the Editors. A Window on the Dilemmas of History Writing on Empire and Nation, in: Ab Imperio 2 (2003), S. 387-394, hier S. 390f..
[2] Kappeler, Andreas, Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall, München 1993.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.05.2005
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