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Titel
Der 8. Mai 1945 - Befreiung durch Erinnerung. Ein Gedenktag und seine Bedeutung für das politisch-kulturelle Selbstverständnis in Deutschland


Autor(en)
Hurrelbrink, Peter
Erschienen
Anzahl Seiten
411 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Wirsching, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Augsburg

Der 8. Mai 1945 gehört zu den wichtigsten Gedenktagen in der deutschen Erinnerungskultur. Der Tag selbst war Ende und Anfang zugleich, und die Erinnerung an ihn bündelt eine unübersehbare und vor allem konträre Vielfalt an Erinnerung. Wahrscheinlich gibt es keinen Tag in der deutschen Geschichte, in der die unüberbrückbare Verschiedenheit, ja die Atomisierung der biografischen Erfahrung unmittelbarer – und schmerzhafter – greifbar wäre. Solche zum Teil diametral gegensätzlichen Erfahrungspotenziale erschwerten es den Deutschen lange Zeit, gültige Formen der Erinnerung, der Kommunikation und der Selbstverständigung über den 8. Mai zu entwickeln. Vielmehr drängte sich anfangs der Begriff der „Tragik“ auf, etwa im Sinne des berühmten Satzes von Theodor Heuss aus dem Jahre 1949, wonach der 8. Mai die „tragischste und fragwürdigste Paradoxie“ der deutschen Geschichte darstelle, „weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind“. Freilich ist Tragik keine wissenschaftliche Kategorie und ist überdies geeignet, die bohrende Frage nach Schuld und Verantwortung zu beschwichtigen und damit die Grenzen zwischen Tätern und Opfern zu verwischen.

Seit den 1990er-Jahren hat eine Reihe von Forschungen die Komplexität, aber auch den Wandel der Erinnerung an das Kriegsende zum analytischen Ausgangspunkt gemacht und die erkennbaren Deutungsmuster als Auskunftsmittel über die Identität der in Frage stehenden Gegenwartsgesellschaft betrachtet. Damit ist unsere Kenntnis über die Erinnerungsgeschichte des 8. Mai auf eine neue Ebene gehoben worden. Auch die hier rezensierte Arbeit, eine politikwissenschaftliche Dissertation an der Freien Universität Berlin, steht in dieser Tradition. Anknüpfend an die Forschungen von Jan-Holger Kirsch[1], Helmut Dubiel[2], Peter Reichel[3] und anderen untersucht Hurrelbrink die „Deutungsgeschichte“ des 8. Mai und das ihm zugrundeliegende „komplizierte, mehrdimensionale Geschehen“ (S. 13) von den Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit hinein.

Konzeptionell und kommunikationstheoretisch zentral ist für Hurrelbrink die wohlbegründete demokratietheoretische Vorüberlegung, dass Erinnerungsbereitschaft und die damit zusammenhängende Fähigkeit, Schuldgefühle zu empfinden, Voraussetzungen für die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft bilden (S. 33). Für die deutsche Nachkriegsentwicklung war es demzufolge entscheidend, inwieweit im Hinblick auf Nationalsozialismus und Weltkrieg die Annahme von individueller Schuld und kollektiver Verantwortung möglich war. Erst die Akzeptanz von Schuld und Verantwortung, also der unverstellte Blick auf die schuldhaften Anteile ihrer Vorgeschichte, demokratisierte die politische Kultur der Bundesrepublik.

Basierend auf einer dichten Erschließung der einschlägigen Presse und Publizistik verfolgt Hurrelbrink den ambivalenten, teilweise regressiven Prozess solcher Akzeptanz in der Erinnerungskultur der deutschen Gesellschaft. Ausgehend von den unterschiedlichen „biographischen Konstellationen“ des Jahres 1945, in denen sich „Basisverunsicherungen“, „Befreiungs- und Niederlagenerfahrungen“ mischten, geht er im Wesentlichen chronologisch vor. Einzelkapitel betreffen zunächst jeweils die 1950er, 1960er und 1970er-Jahre. Das Prozesshafte des Umgangs mit dem 8. Mai kommt damit plastisch zum Ausdruck. Und im Einklang mit anderen Forschungen setzt Hurrelbrink die entscheidende Zäsur auf die Diskussionen der 1980er-Jahre, wenngleich erste „Gedenkzäsuren“ hin zu einer positiveren Bewertung bereits bei 1970 und vor allem 1975 zu verzeichnen sind. Erst in den späten 1970er und in den 1980er-Jahren wurde die Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust, deutsche Täter und nicht-deutsche Opfer öffentlich thematisiert. 1985 – mit der Rede Richard von Weizsäckers als Schlüsselereignis – unternahm die Bundesrepublik Hurrelbrink zufolge einen entscheidenden Schritt hin zur „Befreiung durch Erinnerung“, d.h. zur Akzeptanz eben jener historischen Verantwortung. Entscheidend hierfür war zweifellos der Generationenwandel. Einmal mehr – konzeptionell angelehnt an Jan Assmann – erscheint der generationelle Abstand von 40 Jahren als kritisch für den Wandel der Erinnerungskultur (S. 29).

Wenn diese empirisch sehr gut fundierten Ergebnisse im Kern nicht überraschend und auch nicht im eigentlichen Sinne neu sind, so geht Hurrelbrinks Arbeit über frühere Forschungen in zwei Punkten substantiell hinaus. Zum einen bezieht er in seine Analyse die Entwicklungen in der DDR zumindest exemplarisch mit ein. Und es ist kennzeichnend, dass 1985 auch in der DDR vor allem im Umfeld der evangelischen Kirche alternative Lesarten des 8. Mai auftauchten, die die „unbewältigten Schuldzusammenhänge unserer Geschichte“ thematisierten (S. 241). Ein alternatives Gedenken an den Nationalsozialismus und seine Folgen gehörte offenkundig in den 1980er-Jahren zu den Identifikationsmerkmalen der politischen Opposition in der DDR – ein Thema, das noch der weiteren Erforschung harrt. Der eigentliche „demokratische Paradigmenwechsel“ fand freilich auch in dieser Hinsicht erst 1990 statt (S. 246-251).

Zum anderen aber unternimmt Hurrelbrink aufschlussreiche Sondierungen der politischen Kultur nach 1990. Die sorgfältige Analyse des 50. Jahrestages von 1995 offenbart im Vergleich zu den achtziger Jahren auch gegenläufige Tendenzen, die in einer doppelten Richtung verliefen. Zum einen wandten sich manche Akteure gegen eine Überbetonung des Befreiungsaspektes und forderten unter anderem die angemessene Berücksichtigung der von Heuss 1949 evozierten Paradoxie, also auch der für die Deutschen negativen Bedeutungsinhalte des Gedenktages (S. 268f.). Zugleich lässt sich eine im Vergleich zur davorliegenden Dekade stärkere Tendenz zur „Rückkehr der deutschen Opfererinnerungen“ und zur „Privatisierung“ der Erinnerung beobachten, wie sie etwa 1998 in der Auseinandersetzung um Martin Walsers Thesen zum Ausdruck kam. Außerdem tritt eine Tendenz zur „Europäisierung“, ja Universalisierung des Gedenkens an Krieg und Holocaust hervor. An ihr haben die Deutschen offenkundig je länger, desto größeren Anteil, wie nicht zuletzt auch der 8. Mai 2005 bewies. Deutsche Verantwortung wird dadurch Teil eines allgemeinen, international zelebrierten Erinnerungsgestus. Die Gegenwart scheint also von einer neuen Pluralität der Erinnerung an den 8. Mai geprägt zu sein, vielleicht auch von neuen (alten) Gefahren der „Eskamotage der spezifisch deutschen Vergangenheit“ (S. 332).

Unter diesem Aspekt wirft Hurrelbrinks Arbeit weitergehende kritische Fragen auf. Lauern nicht gerade dort Gefahren, wo das Bewusstsein von der „Befreiung durch Erinnerung“ die Erinnerung selbst über die spezifischen deutschen Schatten hinaushebt und sie in einer universalen Allgemeingültigkeit aufgehen lässt? Solche Fragen scheinen angesichts der Zäsur der Jahre 1989/90 und des erneuten Generationenwechsels mehr als berechtigt.

Hurrelbrinks flüssig geschriebene Arbeit besitzt ihre große Stärke darin, dass sie die solide historisch-empirische Forschung mit solchen Problemen der unmittelbaren Gegenwart analytisch und argumentativ verschränkt. Das Gedenken an den 8. Mai wird damit zum aufschlussreichen Indikator einer nachhaltig gewandelten politischen Kultur des wiedervereinigten Deutschland. Zugleich macht Hurrelbrink deutlich, dass der von ihm – im Anschluss an Gesine Schwan – demokratietheoretisch normativ begriffene Prozess der „Befreiung durch Erinnerung“ nicht abschließbar ist. Er unterliegt Wellenbewegungen, erfährt Rückschläge und sucht sich neue Ausdrucksformen. Die Erinnerung an Nationalsozialismus und Krieg, an Schuld und Verantwortung wird daher auch in Zukunft kontroverse Diskussionen hervorrufen.

Anmerkungen:
[1] Kirsch, Jan-Holger, „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland, Köln 1999.
[2] Dubiel, Helmut, Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages, München 1999.
[3] Reichel, Peter, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001.

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Veröffentlicht am
24.01.2006
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