: The Soviet Century. . London  2005. ISBN 1-844-67016-3

: Rulers and Victims. The Russians in the Soviet Union. Cambridge  2006. ISBN 0-674-02178-9

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Noack, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Mit Moshe Lewins „Soviet Century“ und Geoffrey Hoskings „Rulers and Victims“ liegen seit kurzem zwei umfangreiche Darstellungen vor, die jeweils auf sehr unterschiedliche Weise ein Fazit der sieben Dekaden sowjetischer Geschichte im 20. Jahrhundert zu ziehen suchen. Bereits in der Einleitung kündigt Moshe Lewin einen sehr individuellen Rückblick auf das „sowjetische Jahrhundert“ an: Inwieweit haben die Öffnung der Archive und die neuere russische Forschung seine eigene Einschätzung der sowjetischen Geschichte verändert? Angesichts von Lewins zuletzt 2006 von der American Association for the Advancement of Slavic Studies gewürdigtem Lebenswerk lässt ein solcher Rückblick zumindest eine spannende historiographische Auseinandersetzung erwarten. Die einseitige Bevorzugung nur der neueren russischen Fachliteratur wirft allerdings von Anfang an einen Schatten auf dieses Vorhaben (S. vii).

In der Tat fragt sich der Leser sehr bald, was genau Lewin mit seiner Synthese bezwecken wollte und welchen Leserkreis er dabei vor Augen hatte. Der Aufbau des Buches ist nicht streng chronologisch: Auf eine außerordentlich ausführliche Diskussion des Stalinismus, die um die Persönlichkeit Stalins kreist, folgt eine eher uninspiriert wirkende Darstellung von politischer Administration und Dissens in der späten Sowjetunion, die in einer Apologie des - in Lewins Augen verhinderten – „Reformers“ Juri Andropow gipfelt. Im dritten Teil kehrt Lewin dann von den „späten Leninisten“ zu Lenin selbst zurück, um anschließend wieder am Ende des sowjetischen Experiments zu landen und sich in einer Gesamtbewertung zu versuchen. Einem uninformierten Leser wird dadurch der Überblick, den der Titel suggeriert, nicht unbedingt erleichtert. Dies wird zusätzlich durch die Tatsache erschwert, dass die einzelnen Abschnitte sich einerseits in Details verlieren, andererseits passagenweise nur historiographische Interpretationen kontrastieren, jedenfalls nicht auf einer Ebene angesiedelt sind oder um eine erkennbare zentrale Leitfrage kreisen.

Das Fachpublikum wird allerdings die höchst selektive Literatur- und Quellenauswahl kaum goutieren. Den mehr oder weniger informierten Leser wird auch die ausführliche Diskussion der Rolle und Verantwortung Stalins, basierend vor allem auf Chlewnjuks Studien zum Politbüro [1], wenig überraschen, ihre Instrumentalisierung jedoch um so mehr verärgern: Vor allem im dritten Teil der Darstellungen wird rasch deutlich, dass Lewin in marxistischer Tradition offensichtlich immer noch um eine Rehabilitation des Leninismus bemüht ist. Vor diesem Hintergrund erscheinen Stalin und Stalinismus einmal mehr als der grundsätzliche Sündenfall der Sowjethistorie und die Geschichte der späten Sowjetunion als eine Reihe gescheiterter Versuche auf den Pfad der Tugend (des Leninismus) zurückzukehren.

Diese weder originelle noch überzeugende Argumentation ist gerade auch deshalb bedauerlich, da Lewin in früheren Arbeiten wesentliche Aufschlüsse für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft der Sowjetunion geliefert hat. Deren Diskussion vor dem Hintergrund der Entwicklungen der Ära Putin wäre durchaus spannend gewesen. So etwa hätte er eigene Arbeiten aus den siebziger Jahren, die den Mythos der Planwirtschaft dekonstruierten [2], dezidiert dazu aufgreifen können, die Frage nach dem Ende der Sowjetunion neu zu stellen. In der Tat stellt sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts weniger die Frage, ob in Russland das sowjetische Erbe ignoriert werden kann, wie es Lewin suggeriert (S. vii, S. 387-390). Vielmehr geht es darum, inwieweit die Sowjetunion, gemessen an gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen, in Russland jemals untergegangen ist. Lewin reißt einige wichtige Punkte an, indem er Aspekte durchgehender sowjetischer Verwaltungs- und Wirtschaftspraxis, etwa die Funktionalität der Schattenwirtschaft aufgreift. Innovative Schlussfolgerungen hinsichtlich ihrer fortdauernden Wirkung im postsowjetischen Russland wird der Leser jedoch vergeblich suchen.

Geoffrey Hoskings Monographie ist dagegen klar um eine zentrale Frage gruppiert: Welche Rolle spielte das Russische in der sowjetischen Geschichte? Damit knüpft „Rulers and Victims“ nicht so sehr an frühere Gesamtdarstellungen der Sowjetgeschichte aus der Feder Hoskings an als an seine Studie zum vorrevolutionären Russland „Nation und Imperium“.[3] Dieses Buch hatte das Spannungsverhältnis zwischen russischer staatlicher Tradition (also der „russländischen“, eine korrektere Übersetzung von rossijski, die sich leider nicht durchgesetzt hat) und ethnisch russischem Nationalismus (im Russischen als russki begrifflich unterschieden) untersucht. Zentrale Hypothese der neuen Darstellung Hoskings ist, dass sich in der sowjetischen Geschichte zwei konkurrierende, aber strukturell durchaus vergleichbare Messianismen gegenüberstanden: Sowohl die russisch-orthodoxe, als auch die sowjetische Heilslehre strebten nach der Errettung der gesamten Menschheit und wiesen den Russen bzw. den überwiegend ostslawischen Sowjetmenschen eine weltgeschichtliche Mission zu. Beide rekurrierten dabei in unterschiedlichem Maße auf eine vermeintliche Konstanz russischer gesellschaftlicher Verhältnisse, vor allem auf den archetypisch in der Bauerngemeinde ausgedrückten Gemeinschaftssinn. Die Kehrseite dessen war eine weitgehende Ignoranz konkurrierender Vergesellschaftungsmodelle, zivilgesellschaftlicher oder ethnisch-nationaler Prägung. Dieses Spannungsverhältnis ist für Hosking ein wesentlicher Grund dafür, dass die sowjetische Geschichte des 20. Jahrhunderts so konflikt- und opferreich verlaufen ist.

Damit weist Hosking der Kultur eine mindestens ebenso prominente Rolle als geschichtsmächtige Kraft zu wie der Politik oder der Ökonomie und er betont demzufolge eher die longue durée. Dabei gelingt es ihm, seine Argumentation in einem stupenden Zugriff auf die neuere kulturgeschichtliche Forschung zur Sowjetunion (unter Einschluss einiger deutschsprachiger Arbeiten) eindrucksvoll abzusichern: Der beeindruckende chronologische Durchgang diskutiert kompetent die Revolutionskultur der 1920er-Jahre, die affirmative Nationalitätenpolitik und die folgende Aufwertung der russischen Kultur unter Stalin, den „big deal“ der 1930er-Jahre, den patriotischen Schulterschluss der Vierziger und schließlich die Aufbruchstimmung des Tauwetters und der 1960er-Jahre. Vor allem die Diskussion der Renaissance des Russischen sowohl innerhalb des parteipolitischen Apparates wie auch des Dissidentenmilieus der späten Sowjetunion gerät sehr ausführlich. Hosking versteht es, diese Milieus mit der Repolitisierung der späten Perestroika in Verbindung zu setzen. Als Ironie der Geschichte muss vor diesem Hintergrund erscheinen, dass die politischen Entwicklungen, die schließlich zur Gründung einer unabhängigen Russischen Föderation führten, an diesen Tendenzen völlig vorbeiliefen und fast ausschließlich der spezifischen machtpolitischen Konstellation der Jahre 1989 bis 1991 geschuldet waren. Dies macht Hosking abschließend für den irritierend nicht-russischen Charakter der Jelzin-Zeit ebenso verantwortlich wie für die Renaissance neo-imperialer, russländischer Denk- und Handlungsmuster unter Putin.

Hoskings Darstellung ist insgesamt eine überaus empfehlenswerte Kulturgeschichte der Sowjetunion, jedenfalls was ihre russische Dimension betrifft. Sie ist es vor allem auch deshalb, weil sie die Distanz zwischen gewollter Identitätsstiftung einerseits und gelebten Erfahrungen und Erinnerungen andererseits nie unterschlägt. Die Kritikpunkte sind eher marginal. So mag die Darstellung der Chruschtschow-Periode unter kulturgeschichtlichem Blickwinkel doch die Prioritäten der Epoche etwas verzerrt wiedergeben. Ebenso erscheint die Subsummierung der Breschnew-Zeit als Epoche einer ethno-nationalen (damit auch russischen) Renaissance zwar zutreffend, aber doch etwas einseitig: Weder wird dies den identitätsstiftenden Dimensionen des gesellschaftlichen Aufbruchs der Schestidesjatniki vollständig gerecht, noch berücksichtigt die Darstellung in ausreichendem Maße den Durchbruch moderner Massenkultur. Hosking ignoriert letzteren zwar keineswegs, aufgrund der bescheidenden Forschungslage müssen seine Aussagen hier aber notwendigerweise schematisch bleiben.

Vor allem für die späte Sowjetunion scheint damit die Frage nach der Konkurrenz kollektiver Identitätsbildung mit dem Gegensatzpaar ethnisch vs. imperial nicht endgültig ausgelotet. Sowohl für die spätsowjetische als auch für die postsowjetische Phase kommen alternative Konzepte, seien diese liberal-pluralistisch oder auch pro westlich, aber dennoch am Sozialstaat orientiert, zu kurz.

Gerade vor diesem Hintergrund erscheint Hoskings außerordentlich knapp geratenes Fazit doch sehr fatalistisch: Zwar weisen ganz offensichtlich alle Zeichen der Zeit auf eine neo-imperiale Politik der herrschenden Eliten hin, bedient Putin, wohl über die ethnisch russische Bevölkerung hinaus, die Sehnsucht nach einem „good empire“. Aber ist nicht die Reduktion der Alternativen auf eine integrative russische Nationsbildung eine zu enge, teleologische Interpretation der jüngeren Nationalismustheorie?

Zusammenfassend: Nur auf den ersten Blick haben hier also zwei ausgewiesene Kenner der Sowjetunion summarische Darstellungen der Sowjetperiode vorgelegt – bei näherem Hinsehen wird schnell deutlich, dass Moshe Lewin einen solchen Anspruch zwar erhebt, aber nicht einlösen kann. Geoffrey Hoskings Darstellung dagegen, die gar keine weitere Überblicksdarstellung der Sowjetgeschichte sein will, erfüllt diesen Anspruch weit besser.

Anmerkungen:
[1] Chlewnjuk, Oleg W., Das Politbüro. Mechanismen der politischen Macht in der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Hamburg 1998 (russ. Originalausgabe 1996).
[2] Lewin, Moshe, The Disappearance of the Planning in the Plan, in: Slavic Review 32 (1973), S. 271-287.
[3] Hosking, Geoffrey, Russland. Nation und Imperium, Berlin 2000 (engl. Originalausgabe 1997)

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03.04.2007
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