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Titel
Was ist Osteuropa?. Handbuch der osteuropäischen Text- und Sozialgeschichte von der Spätantike bis zum Nationalstaat


Autor(en)
Tornow, Siegfried
Reihe
Slavistische Studienbücher, Neue Folge 16
Erschienen
Wiesbaden 2005: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
675 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Buchenau, Osteuropa-Institut, Freie Universität Berlin

Was ist Osteuropa? Eine große Frage ist das, und nach all den Diskussionen um den Osteuropa- und Balkanbegriff möchte man meinen, es könne keine einfache Antwort geben. Siegfried Tornow, Slawist und langjähriger Russischlektor an der Freien Universität Berlin, hat sich jetzt mit einem ungewöhnlichen Buch in die Debatte eingeschaltet. Es ist dick, aber weniger deshalb, weil sein Autor Seite um Seite über die Osteuropa-Frage nachdächte. Tornow vertritt vielmehr ein recht übersichtliches soziostrukturelles Osteuropa-Modell, das lediglich den Rahmen abgibt für eine enzyklopädisch breite Behandlung der osteuropäischen Textgeschichte und Sprachkodifizierung. Bereits aus diesem Konzept ergeben sich in Grundzügen Lob und Kritik – das Buch hat eine klare, wenn auch streitbare Grundthese, es ist dabei äußerst informativ und zeugt von der Erudition seines Verfassers. Andererseits verträgt sich die starke These nicht immer mit der Komplexität des vorgestellten Materials, und bei den Einzeldarstellungen zu den jeweiligen Sprachen/Nationen gerät die übergeordnete Fragestellung öfter aus dem Blick. Sicherlich werden diejenigen Leser/innen, die das Buch als Handbuch ansehen und es entsprechend (kapitelweise) lesen, zufriedener sein als jene, die auf jeder Seite eine neue Information darüber erwarten, was Osteuropa sein könnte.

Tornow hat sein Buch chronologisch aufgebaut – unter dem ersten Kapitel Grundlagen behandelt er unter anderem die Landnahmen der osteuropäischen Völker, ihr Verhältnis zum Römischen Reich, die genetischen Sprachfamilien Osteuropas, die „familienübergreifend“ verlaufenden regionalen Sprachbünde, die Missionierung der Heiden, die Sakralsprachen und Schriften sowie die kulturelle und sprachliche Hinterlassenschaft der Spätantike. Die weiteren Kapitel – Hochmittelalter, Spätmittelalter, Humanismus und Reformation, Barockzeit und Aufklärung, Das 19. Jahrhundert – sind jeweils ähnlich untergliedert. Sie beginnen stets mit einem Abschnitt „Allgemeines“, wo Tornow sozial- und kulturhistorische Grundzüge der Epoche beschreibt, um sich dann den einzelnen Fällen zu widmen. Diese sind eingeteilt nach Großregionen innerhalb Osteuropas, die Tornow je nach Epoche unterschiedlich definiert. Grundsätzlich hat Tornow nur diejenigen Sprachen verfolgt, die es bis zur Literatursprache gebracht haben; die heutigen Staatssprachen Osteuropas nehmen daher den größten Raum ein, daneben finden sich Minderheitensprachen im russischen Raum (Tatarisch, Tschuwaschisch, Mordwinisch, Tscheremissisch, Wotjakisch, Syrjänisch), die „ungarländischen Kleinsprachen“ (Burgenlandkroatisch, Ostslowakisch, Übermurslowenisch, Russinisch, Banatbulgarisch), behandelt werden auch die Judensprachen Jiddisch und Djudezmo sowie die kleineren Slawinen Sorbisch und Kaschubisch. Anders als viele Osteuropa-Analysten heute schließt Tornow den griechisch-byzantinischen Raum ausdrücklich mit ein; hier behandelt er die griechische Sprach- und Texttradition ebenso wie die osmanisch-türkische.

In dem Buch steht also gewaltig viel drin, und es ist zweifellos Tornows Verdienst, dass er als erster einen Überblick darüber geliefert hat, was die großen Epochen der europäischen Geschichte östlich von Berlin und Wien eigentlich bedeutet haben. Wer bislang etwas über die Reformation in der Großregion erfahren wollte, musste auf die einzelnen Nationalgeschichten und räumlich eng begrenzte Spezialstudien zurückgreifen, ähnlich ist es mit den anderen Epochen. Dadurch ist das Buch zugleich ein einzigartiger Beitrag zur Diskussion um Räume innerhalb Europas, denn noch nie wurde eine derartige Menge kulturgeschichtlichen Materials unter diesem Blickwinkel systematisch aufgearbeitet.

Jetzt aber zur „starken These“. Die wichtigste innereuropäische Trennlinie ist nach Tornow die Leibeigenschaftsgrenze entlang des Sachsenwalls bzw. der Elbe. Im Mittelalter noch eher willkürliche Ostgrenze des Karolingerreichs, wandelt sie sich seit 1500 ganz wesentlich, denn „westlich der Elbe wird [...] die Fron immer mehr durch Naturalabgaben oder Geldzahlungen ersetzt, östlich der Elbe entsteht dagegen die Gutsherrschaft, in der die dingliche Unfreiheit durch die Schollenpflichtigkeit zur persönlichen ausgeweitet wird, zur Leibeigenschaft, die Ostmitteleuropa unmissverständlich als Teil Osteuropas ausweist“ (S. 23).

Nun ist die Bedeutung der Leibeigenschaft seit längerem bekannt. Wo es sie gab, hat sie regelmäßig die Städte und das Bürgertum am Wachsen, die Bauern am Aufbau eines unternehmerischen Ethos, den Adel an der Selbstkritik gehindert. In der Folge verzögerte sich die gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung, was teilweise noch bis heute spürbar ist. Die Frage ist allerdings, ob man heute, Jahrzehnte nach dem linguistic turn und mitten in der allgemeinen postmodernen Verunsicherung, noch davon sprechen kann, dass ausgerechnet dieses eine Merkmal ausreicht, Räume essentialistisch, „unmissverständlich“ zu definieren. Tornow zweifelt hier wenig. Larry Wolff habe Unrecht, wenn er Osteuropa als Erfindung des 18. Jahrhunderts bezeichne [1], vielmehr handle es sich um eine „alte historische Realität“: „Nach der Kaiserkrönung Karls des Großen 800 und mit der gleichzeitig einsetzenden Slavenmission“, so Tornow apodiktisch, „zeichnet sich die Zweiteilung Europas in eine romanisch-germanische Westhälfte und eine griechisch-slavische Osthälfte ab, die – nach der Translatio Imperii von Rom zu den Deutschen und von Byzanz zu den Russen – bis zum Ersten Weltkrieg Bestand hatte. Auch die Rückständigkeit Osteuropas gegenüber Westeuropa ist keine Projektion, sondern nachprüfbares Defizit aus später Christianisierung, aus ‚Leutenot’ und Leibeigenschaft, aus Mongolensturm und Türkenkriegen und anderem mehr“ (S. 636).

Für die Ostmitteleuropäer, die ja meist nicht zu Osteuropa gerechnet werden wollen, ist es ein schwacher Trost, dass Tornow ihnen für die Zeit ab 1918 wieder die Möglichkeit zugesteht, sich frei zuzuordnen. Ihnen bleibt aber die Möglichkeit, die Widersprüche in Tornows Argumentation aufzuspüren, derer es genug gibt. Was ist etwa mit den Deutschen – nach dem Kriterium der Leibeigenschaft müsste man sie erneut teilen in eine westliche und eine östliche Hälfte, denn die deutschen Bauern in Ostholstein, Mecklenburg oder Brandenburg hatten es noch im 18. Jahrhundert nur wenig besser als jene in Polen oder Russland. Und wie kann man von einer Zweiteilung Europas in einen romanisch-germanischen Westen und einen griechisch-slawischen Osten vom Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg sprechen, wenn über lange Jahrhunderte die Mitte Europas von der Habsburgermonarchie dominiert wurde, wo germanische, slawische und andere Einflüsse zusammenkamen und sich gegenseitig durchwirkten?

Das Kriterium „Leibeigenschaft“ gerät auch im Südosten schnell an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit – die osmanischen Eroberungen setzten zu einem Zeitpunkt ein, als die Abhängigkeit der Bauern noch nicht voll entwickelt war. Tatsächlich brachte ihnen die Fremdherrschaft deutliche Verbesserungen, sowohl gegenüber dem Vorgängersystem als auch gegenüber den Gebieten, wo sich die Leibeigenschaft weiter ausbilden konnte. Hier macht Tornow stattdessen den konfessionellen Faktor (Orthodoxie) und die osmanische Überformung stark, die gemeinsam für die „Nicht-Westlichkeit“ des Balkans verantwortlich seien. Neben dem orthodoxen Anti-Westlertum oder der „politischen Theologie“ betont er auch die schwache Rezeption der heidnischen Antike im slawisch-orthodoxen Raum und vor allem den tiefen Graben zwischen den Bischöfen und Gemeindepriestern auf der einen und den Klöstern auf der anderen Seite. Während erstere bereits in Byzanz praktisch verstaatlicht waren und der weltlichen Ordnung spirituelle Legitimation zu geben hatten, sammelte sich der Protest in den Klöstern. Dieser Gegensatz habe verhindert, dass aus beiden Gruppen ein kompakter geistlicher Stand wurde. Infolge sei die Entwicklung eines Ständewesens als solches blockiert worden, „die vorständische Ordnung der osteuropäischen Gesellschaften aber blieb erhalten, die nur zwischen ‚Oben’, ‚Unten’ und ‚Draußen’ unterschied“ (S. 103). Auf diese Weise sei aus der Konfessionsgrenze auch eine soziostrukturelle Binnengrenze Osteuropas geworden, welche die „nun ständisch organisierten Gesellschaften Ostmitteleuropas mit ihrer parlamentarischen Tradition von den vorständischen östlich davon abtrennte“ (S. 205).

Als erschwerendes Moment kommen die Osmanen hinzu – für ihre Herrschaft in Europa hat Tornow kein gutes Wort übrig. Die mittlerweile übliche Unterscheidung zwischen der Blütezeit (bis ins 16. Jahrhundert) und dem mitunter chaotischen, entwicklungshemmenden Abschwung (danach) macht er sich nicht zueigen, ebenso wenig akzeptiert er das Osmanische Reich als mögliches Modell interkulturellen Zusammenlebens: „Die osmanische Despotie war noch weniger reformwillig und reformierbar als die russische Autokratie. Beide einte neben der Willkürherrschaft ein soziales Erbübel: der russischen Leibeigenschaft entsprach die in der Scharia begründete Behandlung der Nichtmuslime Raya als Menschen zweiter Klasse“ (S. 570). In solchen Wertungen spiegelt sich nicht nur der Hang des Autors zu deftigen Formulierungen, sondern mitunter auch eine gewisse Opposition zum Tenor der aktuellen Forschung. Tornow macht sich häufiger Urteile der älteren Literatur zueigen, etwa wenn er schreibt, bei der osmanischen Knabenlese (Devşirme) seien „Christenjungen ihren Eltern entrissen, mit Gewalt islamisiert und zum lebenslangen Dienst am Sultan kaserniert“ worden (S. 277). Hier ignoriert er, dass die Knabenlese von den christlichen Familien nicht selten als Möglichkeit zum sozialen Aufstieg wahrgenommen wurde.[2]

Besondere Mühe gibt sich Tornow bei der Zuordnung Ostmitteleuropas zu Osteuropa, denn offensichtlich rechnet er hier mit Kritik und argumentiert entsprechend sorgfältig. Im Schlusskapitel schreibt er: „Bezüglich der Streitfrage, wozu Ostmitteleuropa gehört, empfiehlt es sich, strukturelle und kulturelle Gemeinsamkeiten zu unterscheiden und jede Epoche für sich zu betrachten. [...] Kulturelle Ähnlichkeiten Ostmitteleuropas mit dem Westen zur Zeit des Humanismus und der Reformation dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich strukturell ab 1500 an Osteuropa annähert.“ (S. 637) Damit sind nicht nur die Leibeigenschaft und ihre Folgen gemeint, sondern auch das Phänomen der ostmitteleuropäischen Landeskirchen, die ähnlich wie die Orthodoxie Herrscherkulte hervorbrachten und von einer Trennung von Kirche und Staat nichts wissen wollten (S. 128).

Hier folgt Tornow in Grundzügen den Arbeiten von Jenő Szűcs und Holm Sundhaussen, für die Zeit ab 1500 schlägt er dagegen eine weitere Einteilung Ostmitteleuropas in einen nördlichen und einen südlichen Teil vor. Während in ersterem, also in Polen und Livland, der Adel seine Position ausbauen konnte und „beide Länder letzten Endes in den Untergang führte, musste er sich in Böhmen und zum Teil auch in Ungarn den Habsburgern fügen, die schrittweise ihre absolute Herrschaft errichteten“ (S. 205). Gemeinsam mit den „genuin“ osteuropäischen Regionen des Russischen Reichs (Nordosteuropa) und des Osmanischen Reichs (Südosteuropa) ergeben sich damit vier Regionen Osteuropas, die bei Tornow auch die Gliederung der weiteren Kapitel bestimmen.[3]

Die Frage ist allerdings, ob dies im Zusammenhang mit dem anderen Thema des Buches, also der Textgeschichte, einen Sinn ergibt. Tornow selbst expliziert den Nexus von Text- und Sozialgeschichte nur gelegentlich und zeigt uns letztlich ungewollt, dass die kulturelle Sphäre, und damit auch die Textproduktion, einen bedeutenden Grad an Autonomie aufweist. Die Intellektuellenbiografien, mit denen Tornow sein Werk angereichert hat, erzählen immer wieder das Leben mobiler Einzelgänger, die von den Binnengrenzen Osteuropas nichts wussten, sie unbekümmert kreuzten und meist dahin gingen, wohin einflussreiche Bekannte sie riefen. Dies gilt insbesondere für den intellektuellen Verkehr zwischen den beiden ostmitteleuropäischen Regionen, aber auch für das petrinische Russland. Sicherlich orientierte sich das intellektuelle Schaffen auch an strukturellen Gegebenheiten, aber eben nicht unbedingt an jenen, die nach Tornow die Gliederung Europas und Osteuropas bestimmen.

Sprachlich charakterisiert Tornow Osteuropa als Raum, in dem „die Sakralsprachen lange ihre beherrschende Position [behaupten], in Russland das Kirchenslawische bis Mitte des 18. Jh., im Südosten das Griechische bis 1821, in Ungarn und Kroatien das Lateinische bis 1844. In Ostmitteleuropa bewirkt zwar die aus dem Westen übernommene Reformation die Verschriftung der meisten Volkssprachen einschließlich des Rumänischen und Westrussischen, doch da diese Völker politisch entweder nie selbständig waren oder zwischen 1618 und 1795 ihre Selbständigkeit verloren, fehlte ihren Sprachen die Polyvalenz und die Verbindlichkeit. So bedeutet das 19. Jh. für fast alle Nationen einen sprachlichen Neubeginn“ (S. 638). Auch zeigt Tornow den Zusammenhang zwischen dem sozialen Status einer Sprechergruppe (oder genauer: ihrer ständischen Qualität) und der Verwendung von Schriftsprachen auf. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es danach eine Sprachenhierarchie, welche die ältesten, „würdigsten“ Sprachen an die erste Stelle setzte. Bildungssprachen und Muttersprachen fielen überwiegend nicht zusammen, Polen wäre eine gewichtige Ausnahme von dieser Regel. Zu den Bildungssprachen zählten Latein, (Alt-)Griechisch, Französisch, Deutsch, Polnisch, Kirchenslawisch, Italienisch und Osmanisch. Um die schriftliche Verwendung dieser Sprachen zu erklären, besinnt sich Tornow auf den Begriff der Konfessionsnationalität, die er in Anlehnung an Emanuel Turczynski [4] als „Symbiose zweier Ethnien, einer historisch ‚älteren’ und einer ‚verspäteten’“ definiert, wo „unabhängig von der Größe des Altersunterschieds [...] die ältere als Vormund der jüngeren“ auftritt. Als Beispiele für derartige Konfessionsnationalitäten sieht Tornow nicht nur Serben und Rumänen im Habsburgerreich, sondern auch Polen und Litauer sowie Türken und Albaner. Zum Sprachgebrauch stellt Tornow fest: „Die Konfessionsnationalitäten gebrauchten ‚natürlich’ immer die älteste, würdigste Sprache: die Nicht-Unierten Österreichs das Kirchenslavische, so wie es die Serben von den Russen übernahmen, die Orthodoxen des Osmanischen Reichs das Griechische, die russländischen Katholiken das Polnische und die Balkanmuslime das Osmanische“ (S. 311).

An zweiter Stelle standen die Sprachen der untergegangenen Reiche Böhmen, Ungarn und Kroatien, die ihre Stellung aufgrund der habsburgischen Expansion weitgehend eingebüßt hatten, an dritter die Sprachen der Völker ohne ständische Qualität, die während der Reformation verschriftet worden waren (z.B. Slowenisch, Rumänisch, Albanisch, Litauisch, Estnisch), an vierter und letzter die Sprachen, die von ihren Sprechern selbst als prestigelose Alltagssprachen im Schatten einer eigenen Schriftsprache betrachtet wurden, wie Jiddisch neben Hebräisch oder Tatarisch neben Tschaghataisch (S. 311).

Im 19. Jahrhundert verändert sich dieses Bild deutlich. In den multinationalen Reichen haben nunmehr nur die Sprachen der Reichsvölker uneingeschränkte Gültigkeit, also der Deutschen in Österreich und Preußen, der Russen im Zarenreich und der Osmanen auf dem Balkan. Dabei setzen sich die russische und vor allem die türkische Volkssprache schwer gegen die prestigebeladenen Bildungssprachen Kirchenslawisch bzw. Osmanisch durch. Insgesamt zurückgedrängt werden Latein und Griechisch. Gleichzeitig begehren die mittleren Ränge der Hierarchie auf, die ständisch verfassten ostmitteleuropäischen nationes der Kroaten, Ungarn, Tschechen pochen auf den Status ihrer Sprachen. Und die bislang ignorierten, „gedulteten“ Völker fordern jetzt Rechte ein, auch auf sprachlichem Gebiet. In Ostmitteleuropa können sie dabei häufig auf Vorarbeiten aus der Reformationszeit zurückgreifen (S. 411f.).

Der Ertrag des Buches ist also erheblich – trotz der erwähnten Schwächen. So entsteht im Leser eine Landkarte der intellektuellen Zentren und Druckorte, sowohl in der Großregion Osteuropa selbst als auch weiter westlich. Erst Tornows Zusammenschau macht klar, wie enorm der Impuls verschiedener Diasporen für die werdenden Nationalkulturen war, vor allem wenn das „Mutterland“ sich im Osmanischen Reich befand – siehe die Ausführungen zu den Griechen auf den venezianisch beherrschten Inseln und in Westeuropa, zu den vojvodinischen Serben, zu den bulgarischen Kolonien in der Walachei, der Moldau und in Bessarabien, zu den Albanern in Unteritalien, aber auch zu den Westrussen unter polnischer Herrschaft.

Tornow macht deutlich, dass kodifizierte Sprachen Kinder einer bestimmten Epoche sind, die sie besonders prägte – wie die Reformation das Tschechische und Slowenische, das 19. Jahrhundert die Balkansprachen. Dabei typologisiert er verschiedene Wege von der Volks- zur Literatursprache, kontrastiert Neuanfänge wie im Serbischen oder Ukrainischen mit dem Tschechischen, wo man an eine ältere Sprachstufe anknüpfte. Er zeigt, wie und warum etwa die Russen das Nebeneinander von Russisch und Kirchenslawisch (Diglossie) überwanden, warum die Griechen Ähnliches mit Neu- und Altgriechisch nicht schafften und warum im Tschechischen oder Slowenischen sogar eine neue Diglossie aufgebaut wurde (S. 419). Mit großer Sachkenntnis stellt er auch die Entwicklung der Schriftsysteme dar, und nebenbei verfolgt er den Siegeszug der phonologischen Rechtschreibung des tschechischen Reformators Jan Hus durch Ostmitteleuropa (S. 189).

Viele Anregungen des Buches resultieren aus seiner enormen inhaltlichen Breite, und erst der große Überblick verdeutlicht manche Parallelen – wie etwa jene zwischen den religiösen Vorgängen am Berg Tábor (Böhmen) und am Berg Athos im 14. Jahrhundert, die Tornow zufolge beide eine wachsende Distanz zu Westeuropa erzeugt hätten (S. 147-151). Oder jene zwischen den byzantinischen Theologen des 14. Jahrhunderts (Thomisten versus Palamisten) und den russischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts (Westler versus Slawophile) (S. 155). Bemerkenswert ist auch, wie Tornow die Idee von der Einheit und Größe der Slawen („natio slavica“) bis ans Ende des 9. Jahrhunderts zurückverfolgt, und das gerade in Südosteuropa (S. 423).

Was Osteuropa ist, bleibt also weiter offen. Wer aber wissen will, was in Osteuropa war, wird an Tornows Buch nicht vorbeikommen. Typische Lexikonnutzer könnten sich gelegentlich an unerklärten geografischen Begriffen (Aquileia, Zips usw.), einer zickigen Schreibweise osteuropäischer Termini (Jugoslavien, Weiszrussisch) und dem ausgiebigen Gebrauch deutscher Ortsnamen stören, dafür finden sie über ein riesiges Personenregister schnell zu kulturellen Größen der Region vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Für die Sprachen mit freiem Wortakzent hat sich Tornow die Mühe gemacht, Personen- und Ortsnamen sowie die Titel der zitierten Texte mit Akzentzeichen zu versehen – angesichts von insgesamt etwa 5.000 Namen und Titeln aus 36 Sprachen eine Riesenarbeit. Handbuchnutzer werden also nicht nur gut informiert, sie können endlich auch einmal lernen, den richtigen Ton zu treffen.

Anmerkungen:
[1] Wolff, Larry, Die Erfindung Osteuropas. Von Voltaire zu Voldemort, in: Kaser, Karl; Gramshammer-Hohl, Dagmar; Pichler, Robert (Hgg.), Europa und die Grenzen im Kopf. Klagenfurt 2003, S. 21-34, hier S. 22.
[2] Sugar, Peter F., Southeastern Europe Under Ottoman Rule, 1354-1804, Seattle 1977, S. 55-59.
[3] Das Rumänische fügt sich dem Vier-Regionen-Schema am wenigsten, denn es hat sowohl an Südosteuropa als auch am südlichen Ostmitteleuropa Anteil, seit der Annexion der Moldau durch Russland 1812 sogar an allen Regionen Osteuropas bis auf das nördliche Ostmitteleuropa. Tornow handelt es im Kontext Südosteuropas ab.
[4] Turczynski, Emanuel, Konfession und Nation, Zur Frühgeschichte der serbischen und rumänischen Nationsbildung, Düsseldorf 1976.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.05.2006
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