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Titel
Der Rußland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945


Autor(en)
Koenen, Gerd
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
528 S., 53 Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan C. Behrends, Wissenschaftszentrum Berlin

Bis zu Gerd Koenens neuer Studie über das deutsche Verhältnis zu Russland schien der Historikerstreit, der in den 1980er-Jahren die westdeutsche Öffentlichkeit beschäftigte, zu einem Stück Historiografiegeschichte geronnen zu sein. Die Auseinandersetzung zwischen Jürgen Habermas, der mit seinem j’accuse die Polemik begonnen hatte, und Ernst Nolte, der mit seiner These vom „kausalen Nexus“ zwischen GULag und Auschwitz den Stein des Anstoßes verfasst hatte, wurde als ein Stück bundesdeutscher Selbstverständigung begriffen. Längst beschäftigt die Historiker/Innen die Analyse der seinerzeit vertretenen Positionen weit mehr denn die Auseinandersetzung mit den damals diskutierten Fragen. Gerd Koenens Verdienst ist es, diesen Trend zur Historisierung durchbrochen zu haben und sich wieder den Fragen des Wechselverhältnisses zwischen russischer und deutscher Katastrophengeschichte zuzuwenden. Wie und mit welchem Ergebnis hat er das getan?

Seinerzeit waren die von Ernst Nolte aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis zwischen bolschewistischer Herrschaft in Russland und der „nationalen Erhebung“ der Nationalsozialisten/innen in Deutschland keineswegs befriedigend beantwortet worden. Im Historikerstreit ging es weniger darum, sich über die Interpretation eines Jahrhunderts zu verständigen, das noch gar nicht zu Ende gegangen war, sondern um konträre Vorstellungen von der Geschichtskultur einer Bundesrepublik, die bereits unter dem geistigen Mehltau Kohlscher Kanzlerschaft dämmerte. So standen sich die „asiatische Tat“, eben jener behauptete „kausale Nexus“ zwischen Soziozid und Holocaust, und die „Kampfansage“ an die „Schadensabwicklung“ der deutschen Geschichte unvermittelt gegenüber. Während einerseits die Exkulpierung Deutschlands durch freies Assoziieren im Raume einer vernebelten Geschichtsphilosofie betrieben wurde, bestritt die Gegenseite schlichtweg die Legitimität einer vergleichenden, den Verknüpfungen zwischen russischer und deutscher Katastrophe nachspürenden Fragestellung. Während kaum eine der beteiligten Parteien profunde Quellenkenntnis für sich in Anspruch nehmen konnte, glänzten beide Seiten durch ihre Fähigkeit zur Lagerbildung.

Tatsächlich steht die Diskussion deutsch-russischer Verflechtungen zwischen 1914 und 1989 nach wie vor am Anfang und sie könnte zu einem der interessanten Themen kommender Jahre werden. Um die parallelen deutschen und russischen Revolutionen des vergangenen Säkulums zu betrachten, bedarf es jedoch eines ungetrübten, freien Blicks, der weder den Vergleich zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus scheut, noch in die Sackgasse des Nolteschen „kausalen Nexus“ abdriftet. Aufgrund seiner enormen Tragweite, aber auch vor dem Hintergrund der methodischen Diskussionen über verflochtene oder transnationale Geschichte, handelt es sich hier um ein weites Feld, das Gerd Koenen in seinem „Russland Komplex“ nur zu einem kleinen Teil, aber doch gewinnbringend beackert hat. Der streitbare Frankfurter Publizist und Historiker vermag es, die Frage nach dem Einfluss der russischen Revolution auf die deutsche Geschichte neu aufzurollen. Dabei konzentriert er sich jedoch nicht auf die deutsche Linke, sondern analysiert vornehmlich Schattierungen des bürgerlichen Lagers und erkundet die Niederungen des nationalbolschewistischen Milieus.

Entgegen der Nolteschen These, die deutsche Rechte und mit ihr das Bürgertum sei von der russischen Revolution zu einer radikalen Reaktion gezwungen worden, kann Koenen überzeugend zeigen, dass die deutsche Wahrnehmung der Bolschewiki aus einem Wechselspiel von Abstoßung und Faszination bestand. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie konnte sich gerade die Rechte nicht der Anziehungskraft des bolschewistischen Russland entziehen. Dies hatte unterschiedliche Gründe: Der mit den Bolschewiki geteilte antipolnische Affekt gehörte ebenso dazu wie die preußische Tradition des Ausgleichs mit dem östlichen Imperium; eine geteilte Abneigung gegen den Westen verband die deutsche Rechte ebenso mit der jungen UdSSR wie die schwärmerische Leidenschaft für russische Literatur, die in den 1920er-Jahren die Form einer deutschen „Dostojewschtschina“ annahm. Russland war eine wichtige Projektionsfläche für die Umsturzgespinste radikaler Nationalisten/innen. Selbst in der NSDAP setzte sich erst spät die Hitlersche Ablehnung der UdSSR durch – und auch der „Führer“ war, wie der Sommer 1939 zeigen sollte, durchaus zur gemeinsamen Sache bereit.

Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen dieser Studie? Gerd Koenens Schwerpunkt liegt auf der Zeit der Weimarer Republik. Das nationalsozialistische Deutschland behandelt er nur kursorisch. Bei einem ideengeschichtlichen Ansatz ist das zu vertreten, die Zeit interessanter Debatten über Russland endete schließlich mit dem Beginn der Diktatur. Dass er sich gelegentlich im Portrait politischer Randfiguren verliert, macht eher eine Stärke des Buches aus. Gerade das Schillernde einer Person wie des Schriftstellers Alfons Paquet, den Koenen der Vergessenheit entreißt, macht das Buch lesenswert. Und es lässt sich argumentieren, dass Paquet pars pro toto für eine Generation stand, die zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Revolution eine politische Position für Deutschland suchte und der Faszination Russlands erlag.

Dennoch bleibt einzuwenden, dass dem Ideenhistoriker Koenen gelegentlich die Verbindung zur Gesellschaft der Weimarer Zeit abhanden kommt. Hier wäre eine genauere Kontextualisierung und Gewichtung der einzelnen Personen und Schriften wünschenswert gewesen. In der Beschäftigung mit dem Detail geht der Anspruch verloren, die parallelen Revolutionen in Russland und Deutschland und ihre gegenseitigen Verstrickungen zu erklären. Dennoch ist es sein Verdienst, die Forschung wieder auf die Verflechtungen, die asymmetrischen Wechselwahrnehmungen der deutsch-russischen Doppelrevolution gestoßen zu haben, die als Signum des vergangenen Jahrhunderts gelten können.

Durch seine Arbeit zeigt Gerd Koenen, dass die deutsch-russische Geschichte komplexer ist als im Selbstentschuldigungsmodell Noltes vorgesehen. Der deutsche „Oktober“ fand im Januar 1933 statt und stand in keiner direkten Kausalitätsbeziehung zur Machtübernahme der Bolschewiki in Russland. Während Nolte in seiner Erzählung an der Oberfläche des deutsch-russischen Verhältnisses blieb, steigt Koenen in seine Verästelungen hinein, dort hin, wo es unübersichtlich wird und wo die einfachen Gegenüberstellungen keine Erklärungskraft mehr gewinnen. Die Grundannahme Ernst Noltes, dass es sich bei Bolschewismus und Nationalsozialismus stets um Gegensätze gehandelt habe, wird durch die Empirie entkräftet; der Versuch eine Geschichte von Ursache und Wirkung, von Original und Kopie zu schreiben, wird durch die Komplexität des Geschehens destruiert. Gerd Koenens Studie verdeutlicht, dass der „europäische Bürgerkrieg“ nicht bipolar strukturiert war, sondern dass es sich um eine Suche nach neuen Ordnungen handelte, die durch einen geteilter Verlust an Humanität sowie eine geteilte Leidenschaft für Gewalt und Revolution gekennzeichnet war.

Wo steht die Diskussion über Russland und Deutschland im 20. Jahrhundert? In Koenens Darstellung ist die russische Revolution kein Schlüsselereignis, sie ist ein Katalysator für neue Verstrickungen in einer komplexen Verflechtungsgeschichte. Hier gilt es weiterzudenken, weiterzuforschen. Der systematische Vergleich zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus steckt noch in den Kinderschuhen und auch die Frage, wie sich die beiden Totalitarismen wechselseitig beeinflussten ist ebenso brisant wie unbeantwortet.

Zudem wird der Blick zurück ins 19. Jahrhundert ebenso lohnend sein wie der Ausblick auf die Zeit nach 1945, als in der Bundesrepublik der Antikommunismus reüssierte und die Öffentlichkeit doch von Klaus Mehnert erfahren wollte, wie „der Sowjetmensch“ eigentlich lebt. In der DDR wurde die Rede über die Hegemonialmacht und Vorbildgesellschaft durch den verpflichtenden Begriff der „Freundschaft“ eingefroren, doch unter dem Eis des stalinistischen Diskurses überwinterte auch in Ostdeutschland die Idee einer deutsch-russischen Sonderbeziehung. Zudem wäre es wünschenswert, die deutsch-russische Wahlverwandtschaft nicht isoliert von ihrem problematischen Verhältnis zu Polen zu denken, dem unfreiwilligen Dritten in dieser verhängnisvollen Beziehung.

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Veröffentlicht am
18.07.2006
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