P. Krüger: Das unberechenbare Europa

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Titel
Das unberechenbare Europa. Epochen des Integrationsprozesses vom späten 18. Jahrhundert bis zur Europäischen Union


Autor(en)
Krüger, Peter
Erschienen
Stuttgart 2005: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
390 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reiner Marcowitz, Institut historique allemand

Seit den 1970er-Jahren widmet sich die Geschichtswissenschaft der Erforschung der (west-) europäischen Integration; dementsprechend liegen mittlerweile eine Vielzahl von Studien vor, die die europäische Einigung aus politikgeschichtlicher ebenso wie aus sozialhistorischer oder kultur- und ideengeschichtlicher Perspektive untersuchen.[1] Zudem sind gerade in den letzten Jahren, angeregt durch die aktuelle Dynamik des Integrationsprozesses und die mittlerweile anstehenden 50-Jahr-Jubiläen der Gemeinschaftsinstitutionen, mehrere instruktive Überblicke erschienen.[2] Daher könnte man die Notwendigkeit einer weiteren Gesamtdarstellung zunächst bezweifeln. Indes hat Krüger eine Studie sui generis vorgelegt: Nicht nur, dass der Marburger Emeritus den üblicherweise auf die Zeit nach 1945 – also die eigentliche Gründungsphase (west-)europäischer Einigung – beschränkten Geschichtszeitraum stark ausweitet, indem er einen Blick zurück bis weit ins 18. Jahrhundert wirft, sondern er bietet auch keine einfache europäische Ereignis- oder Institutionengeschichte, sondern eine tief schürfende Analyse europäischer Integrationsprozesse in den letzten gut 200 Jahren. „Integration“ versteht er dabei „sowohl als strukturelle Integration, als Prozess der Ausdehnung, Vertiefung und wechselseitigen Durchdringung auf bestimmten Gebieten, wie der Wirtschaft, unter gemeinsam akzeptierten Rechtsvorschriften und Verhaltensregeln als auch insbesondere als Zusammenfügung von eigenständigen Gemeinwesen und Institutionen im umfassenden Sinne unter gemeinsamen Grundsätzen, Bedingungen und Verfahrensweisen, durchweg aber als Überwindung von Grenzen (nicht nur räumlichen) zum Wohle einer gesellschaftlichen Ordnung und zum gemeinsamen Vorteil“ (S. 13). Diesem breiten Verständnis folgend erörtert er zunächst die forces profondes dieses Prozesses, der mit wechselnder Intensität und nicht ohne – desintegrative – Rückschläge die Moderne seit dem späten 18. Jahrhundert durchzieht: die Herstellung eines neuen europäischen Kommunikationsraumes seit der Aufklärung, die Kodifizierung eines europäischen Rechts und gemeinsamer Verfassungsprinzipien sowie die wachsende ökonomische Verflechtung im Zeichen von Industrialisierung und Freihandel.

Sodann wendet er sich konkreten Anläufen zur europäischen Integration im weitesten Sinne des Wortes zu. Den Beginn bildet für ihn dabei der Wiener Kongress 1814/15: Das so genannte Europäische Konzert ermöglichte einen originellen Ausgleich divergierender Interessen souveräner Staaten und hielt – wenngleich mitunter mehr schlecht als recht – ungeachtet der Wende zur nationalegoistischeren „Realpolitik“ Mitte des 19. Jahrhunderts als Folge des Krimkrieges letztlich bis 1914. Zudem kennzeichnete insbesondere die zweite Jahrhunderthälfte ein bemerkenswerter Grad an wirtschaftlich-technischer Verflechtung und ein verbreitetes Gefühl kultureller Gemeinsamkeit auf dem Kontinent. Gleichwohl reichte dies nicht aus, den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu verhindern. Angesichts des in den Friedensverträgen von 1919/20 angelegten Konfliktstoffes perpetuierten sich die alten Gegensätze dann auch noch in die Zwischenkriegszeit. Deshalb blieb der Versuch einer Wiederbelebung des „Europäischen Konzerts“ durch die Locarno-Politik ebenso ein Intermezzo wie der Europaplan des französischen Außenministers Aristide Briand oder die Paneuropa-Bewegung. Die rassistisch untermauerte kriegerische Großraumpolitik des „Dritten Reichs“ pervertierte schließlich den Gedanken der europäischen Einigung regelrecht.

Immerhin entwickelten verschiedene Exil- und Widerstandsgruppen aus der Erfahrung von Krieg und Zusammenbruch bereits während des Zweiten Weltkrieges konkrete Pläne für regionale Vereinigungen sowie eine umfassende „Europäische Föderation“. Hingegen fehlte bei den meisten Regierungen selbst in der frühen Nachkriegszeit noch die Bereitschaft zur wirklichen Abkehr von der bisherigen rein national- und zwischenstaatlich orientierten Politik. Es bedurfte erst der Einsicht in die Zwänge des Kalten Krieges und des damit zusammenhängenden amerikanischen Drucks, damit sie einen ersten konkreten Schritt in Richtung Integration zumindest eines Teils des europäischen Kontinents unternahmen. Hierin liegt die zäsierende Bedeutung des Monnet-/Schuman-Plans von 1950 – ungeachtet aller Kontinuitäten, in denen er stand, und trotz seiner primär nationalegoistischen Motive. Er brach nämlich bewusst mit den bisher in der internationalen Politik und der transnationalen Geschäftswelt kursierenden Einigungs- und Kooperationsmodellen und schuf etwas revolutionär Neues: Erstmals gaben Nationalstaaten ihre Souveränität zumindest sektoral an ein übernationales Organ, die „Hohe Behörde“ in Luxemburg, ab. Nicht ohne Grund ist das Bauprinzip der EGKS über die Jahrzehnte Vorbild für alle Weiterungen der (west)europäischen Integration geworden und spiegelt sich noch in der aktuellen EU. Überdies avancierte der einmal erfolgreich praktizierte Ansatz als méthode Monnet zum Bewegungsgesetz der europäischen Einigung: Eine sukzessive sektorale Integration – ein Begriff, der bezeichnenderweise erst nach dem 9. Mai 1950, als der französische Außenminister Robert Schuman das Projekt auf einer Pressekonferenz vorstellte, zum Synonym für eine supranationale Einigung avancierte, – führte zumindest im ökonomischen Bereich zum erhofften spill-over von der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich zur Wirtschafts- und Währungsunion unserer Tage.

Geradezu ein ceterum censeo von Krügers Darstellung ist der Hinweis, „dass nicht die Europabewegung die Führung in die europäische Integration übernahm, sondern der […] Nationalstaat aus seinen innen- und außenpolitischen Interessen heraus“ (S. 14). Natürlich räumt auch er ein, dass die entsprechenden Pressure groups nach dem Zweiten Weltkrieg eine positive öffentliche Meinung kreieren halfen, die sich wiederum begünstigend auf den zweifellos staatlich gelenkten operativen Einigungsprozess auswirkte. Doch dieser Befund hätte durchaus noch stärker akzentuiert werden können: Die (west-)europäische Einigung erfolgte anders als die europäischen Staatsbildungsprozesse in der frühen Neuzeit unter den Bedingungen moderner Massendemokratie, und es war ihre Stärke in den frühen 1950er-Jahren, dass sie in den beteiligten Gesellschaften einen starken Widerhall fand. Erst in den 1960er-Jahren stellte sich eine wachsende Skepsis gegenüber dem gewählten Modus der Einigung ein, der zunehmend als bürgerferne Technokratie erschien. Dieser Entfremdungsprozess dauert bis heute an und hat sich mittlerweile zur veritablen Legitimationskrise der EU ausgewachsen, von der das Scheitern verschiedener Referenden zum EU-Verfassungsvertragsentwurf zeugt.

Insofern ist auch Krügers Zukunftsprognose durchaus ambivalent: Zum einen beklagt er, dass man in den letzten Jahren den Weg einer pragmatischen sektoralen Einigung – gemäß der méthode Monnet – verlassen habe und mahnt zu mehr Selbstbescheidung und zur Rückkehr zum Bewährten. Zum anderen gibt er sich optimistisch, weil für ihn die junge Generation bereits jetzt ein „gelebtes“ Europa verkörpert und dementsprechend die Zukunft prägen wird. So sympathisch diese Annahme auch ist, so stark muss sie doch relativiert werden: Ergebnisse von Meinungsumfragen belegten bereits in den 1990er-Jahren, das das Durchschnittsalter der Befürworter/innen der europäischen Integration keineswegs am niedrigsten, sondern vielmehr am höchsten war. [3] Dementsprechend haben bei der französischen Volksabstimmung am 29. Mai 2005 auch 59 % der 18-24-jährigen mit „Non“ votiert und nur die über 55-jährigen mehrheitlich für den EU-Verfassungsvertragsentwurf gestimmt. [4] Diese Reaktion impliziert natürlich mitnichten einen strikten Antieuropäisimus: Aber die Einstellung junger Leute zur EU scheint besonders krass jene Ambivalenz zu spiegeln, die wir generell in den Gesellschaften zumindest der „alten“ EU-Mitgliedstaaten antreffen: Während man die Dividenden der europäischen Integration wie selbstverständlich einstreicht – also die Möglichkeit zum grenzenlosen Reisen, Studieren und Arbeiten –, wird die EU ebenso natürlich für die ökonomischen Folgen einer globalisierten Wirtschaft abgestraft. Tatsächlich verlangen aber echte und nachhaltige Fortschritte bei der Einigung unseres Kontinents gleichermaßen politische Initiative und gesellschaftliche Unterstützung. Die (geschichtswissenschaftliche) Integrationsforschung liefert hierfür wertvolles Anschauungsmaterial und kann vielleicht sogar (historisch) fundierten Rat für Auswege aus der aktuellen EU-Krise bieten, wie die gedankenreiche Studie von Peter Krüger belegt.

Anmerkungen:
[1] Hilfreiche Forschungsüberblicke liefern: Loth, Wilfried, Beiträge der Geschichtswissenschaft zur Deutung der Europäischen Integration, in: ders.; Wessels, Wolfgang u.a. (Hgg.), Theorien europäischer Integration, Opladen 2001, S. 87-106; Dülffer, Jost, Europa im Ost-West-Konflikt 1945-1991, München 2004, S. 149-160; Petri, Rolf; Siegrist, Hannes (Hgg.), Probleme und Perspektiven der Europa-Historiographie, Leipzig 2004.
[2] Brunn, Gerhard, Die Europäische Einigung von 1945 bis heute, Stuttgart 2002; Knipping, Franz, Rom, 25. März 1957. Die Einigung Europas, München 2004; Elvert, Jürgen, Die europäische Integration, Darmstadt 2006.
[3] Rattinger, Hans, Einstellungen zur europäischen Integration in der Bundesrepublik Deutschland: Ein Kausalmodell, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 3 (1996) S. 45-78 (S. 68).
[4] Flash Eurobaromètre, La Constitution européenne: sondage post-referendum en France (Flash Eurobaromètre 171, juin 2005), S. 13.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.09.2006
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