W. Eichinger: Der Bär und seine Darstellung in der Antike

Cover
Titel
Der Bär und seine Darstellung in der Antike.


Autor(en)
Eichinger, Wolfgang
Reihe
Antiquitates 32
Erschienen
Anzahl Seiten
444 S.
Preis
€ 118,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Losehand, Stuttgart

"Laßt die Bären los" - diesem Ruf folgend fand im letzten Jahr "Der Bär und seine Darstellung in der Antike" Eingang in die Reihe "Antiquitates. Archäologische Forschungsergebnisse" (Band 32) des Verlages Dr. Kovač. Ganz allgemein ist das Tier in der Antike in dieser Reihe repräsentativ vertreten, seien es Hunde auf griechischen Grabreliefs (mit Maria Zlotogorska, Bd. 12 von 1996) oder Skorpione (mit Magdalena Stoof, Bd. 23 von 2002) und Hasen in Ägypten (Dies., Bd. 33 von 2005); ein Umstand, den "theraphile" AltertumskundlerInnen und KunsthistorikerInnen durchaus zu schätzen wissen. Der Begriff "Antike" im Buchtitel folgt - dies muss vorab vermerkt werden - nicht der gängigen Begriffsbestimmung bzw. geografischen und epochalen Abgrenzung, die unter "Antike" die Zeit zwischen der griechischen Kolonisation des Mittelmeerraumes oder dem Beginn der mykenischen und minoischen Kultur und dem Ende des weströmischen Reichen bzw. dem Tod des Kaisers Iustinian oder des Propheten Mohammed versteht. Der Regensburger Archäologe Wolfgang Eichinger verwendet für seine Darstellung den Begriff "Antike" indes wie folgt: geografisch umfasst er das Gebiet von "Alteuropa" zwischen den Alpen und Skandinavien, den Orient (Vorderer Orient, Mesopotamien, Kleinasien bis zum Kaukasus), Griechenland, Ägypten, Italien und alle römischen Provinzen (vgl. S. 14), zeitlich die Periode zwischen dem Jungpaläolithikum (etwa 30.000 v. Chr.; eine Elfenbeinfigur aus Baden-Württemberg; vgl. S. 32) und dem 6. Jahrhundert n. Chr. (z.B. das Diptychon des Athanasius, datiert auf 517; vgl. S. 229, Katalog-Nr. 6RR). Auch der erwähnte Terminus "Alteuropa" (S. 14) birgt Fallstricke, da dieser in den frühgeschichtlichen und philologischen Disziplinen etwa auf vorindoeuropäische Völker wie Basken, Altiberer, Etrusker usw. angewandt wird. Dass mit "Römisches Reich" in den klassischen Altertumswissenschaften Italien und die römischen Provinzen gemeint sind, scheint der Autor bei seinen LeserInnen als nicht selbstverständlich vorauszusetzen, weist er doch gesondert darauf hin (S. 15). Natürlich - das sei umunwunden zugestanden - gibt es keinen Begriff, der das zeitliche wie geografische Terrain, das der Autor auf Bärendarstellungen untersucht, griffig und präzise erfasst. Ein Buchtitel für dieses Werk, der dem Anspruch nach Präzision und umfassender Information über den Buchinhalt entsprechen würde, hätte sicherlich barocke Ausmaße.

Das Werk selbst gliedert sich grob in folgende Teile: die Präliminarien und den Apparat mit Vorbemerkungen (A), Abkürzungs- (E), Literatur- (F) und Abbildungsverzeichnis (G) sowie Wissenswertes zum Bären an sich aus zoologischer Sicht (Artenkundliches, Entwicklungsgeschichte, Populationsgeschichte usw.) und einen Blick auf antike schriftliche Quellen, die – wie des Öfteren auch zu anderen zoologischen Fragen – aus richtigen Beobachtungen phantasievolle, aber falsche Schlüsse ziehen (B). Der dritte Teil (C) umfasst die nach einer kurzen Einführung – auch, falls vorhanden, anhand der schriftlichen Zeugnisse – die Besprechung bildlicher Darstellungen, geordnet nach den Regionen und Kulturen "Alteuropa", "Orient (mit Anatolien)", "Ägypten", "minoisch-mykenische Kultur", "Griechenland" und "Römisches Reich"; er bezieht sich stets auf den daran anschließenden vierten Teil, den Katalog (D). Die Abbildungen (H) sind in einem fünften großen Teil extra zusammengefasst.

Leider ist die Ausstattung der Arbeit weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurückgeblieben. Zum einen hätten im Katalog durchaus die Legende und das Bildmaterial, beides präsentiert sich separat (D und H), zusammengefasst werden können. Das rund 440 Seiten starke Opus enthält 165 Seiten Bildmaterial ("im Anhang") und rund 130 Seiten Katalog-Text, zusammen ergibt der (bebilderte) Katalog also rund zwei Drittel der gesamten Arbeit. Diesem Schwerpunkt hätten die Ausstattung und die Einteilung der Abschnitte entsprechen müssen. Statt dessen sind Bildmaterial und Text nicht nur separiert, sondern auch durch den Apparat mit Abkürzungs-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis (S. 243-274) räumlich voneinander getrennt. Der sinnvolle Bezug auf die Katalogstücke im zweiten Teil (C) wird dadurch völlig leserunfreundlich gestaltet: man muss zwischen eigentlichem Text, Katalogtext und Abbildungen hin- und herblättern. Dieses Manko ist allerdings kaum dem Verfasser, vielmehr dem publizierenden Verlag anzulasten, zu dessen Aufgabe Lektorat und Layout ja im Allgemeinen gehören. Schließlich sind geistes- und kulturwissenschaftliche Publikationen zumeist mehr im idellen, denn im pekuniären Sinne "verdienstvoll", darum kann man nicht an alle Werke die gleichen Maßstäbe hinsichtlich ihrer Ausstattung legen (zumal jeder Verlag ja da auch eine eigene Linie verfolgt). Die reprografische Qualität des Bildmaterials selbst erfüllt aus wohl eben den genannten Gründen leider ebenfalls nicht die üblichen Ansprüche, was sehr bedauerlich ist. Besieht man sich die Ausstattung des vorgelegten Buches insgesamt, so muss man aus Sicht der LeserInnen – und vielleicht auch aus Sicht der Bären – konstatieren: hier wurde viel verschenkt.

Inhaltlich stellt die Lektüre des Buches von Eichinger ohne Zweifel einen Gewinn für die interessierten LeserInnen dar. Der Autor schreibt so, dass sein persönliches Interesse an Thema und Tier spürbar ist, die hinzugezogene Literatur geht in die Breite und in die Tiefe: Auf den rund 110 Seiten des Textteils wird vor den Augen der LeserInnen mit viel fundiertem Wissen das Verhältnis von Mensch und Bär in der Antike beleuchtet, wie es sich sowohl in den schriftlichen Quellen, vor allem aber in den bildlichen Darstellungen widerspiegelt. Jeder Abschnitt zu einem geografischen oder kulturellen Gebiet ist parallel komponiert und damit zu Verwendung als Nachschlagewerk geeignet, was durch Zusammenfassungen an jeweils geeigneter Stelle noch unterstrichen wird. Aber auch zur durchgängigen Lektüre empfiehlt sich die Arbeit (wenn man auf eine gleichzeitige Betrachtung des Bildmaterials weitgehend verzichtet, s.o.). Die Geografie folgt der chronologischen Abfolge der Kulturen. Die in jeder Hinsicht ziemlich weite Auslegung des Begriffs "Antike" stellt sich im Nachhinein als Vorteil heraus: wer etwa als Klassischer Archäologe sich auf sein begriffliches Vorwissen stützend das Buch heranzieht, wird mehr erhalten und mehr erfahren, als er erwartet hatte. Das Buch erweist sich so als eine Fundgrube, aus der man bei vielen Gelegenheiten schöpfen kann.

Eine grundsätzliche Erkenntnis kann man aus "Der Bär und seine Darstellung in der Antike" ziehen: Die Beziehung seitens des Menschen ist in der Antike (und auch in den Jahrhunderten danach) durchaus von Respekt und Ehrfurcht vor dem wilden Tier geprägt, gleichwohl der Mensch es auch zu zähmen wußte. In der Neuzeit hingegen wird der Bär verniedlicht und zu einem "einfach süss" dreinblickenden täppischen Spielgefährten und Spielzeug herabgewürdigt, eine Distanzlosigkeit, die leider nicht wenigen Verführten das Leben kostete. Beides - antiker Respekt und moderne Verharmlosung - haben dem Bären trotz alledem keine Vorteile gebracht. Das vorliegende Buch leistet einen wertvollen Beitrag zur Erforschung des (ambivalenten) Verhältnisses zwischen Bär und Mensch, mit hoffentlich positiven Effekten für den Bären und seine Zukunft.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.06.2006
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