H. Pietzsch: Jugend zwischen Kirche und Staat

Cover
Titel
Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970-1989


Autor(en)
Pietzsch, Henning
Reihe
Europäische Diktaturen und ihre Überwindung 5
Erschienen
Köln 2005: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
390 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Kaiser, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena gilt als Zentrum der Opposition in der DDR der 1970er- und 1980er-Jahre. Ob diese Zuschreibung berechtigt ist oder Ausdruck eines Mythos, bleibt zu fragen. Und, falls ja: Welche Strukturen führten dazu? War die Präsenz couragierter Einzelpersonen wie Jürgen Fuchs oder Roland Jahn dafür verantwortlich? Welche Rolle spielten die Universität Jena oder die Evangelische Kirche im Oppositionsprozess? Ein genauerer Blick lohnt sich insbesondere, da die bisher vorliegenden Überblicksdarstellungen viele Fragen offen lassen und die Notwendigkeit von exakten Detailanalysen unterstreichen.[1]

Für das Entstehen einer oppositionellen Szene erscheint die Analyse der Kirchenstrukturen und insbesondere der kirchlichen Jugendarbeit wichtig. Dies liegt an der besonderen Rolle, die die Kirchengemeinden in der DDR einnehmen konnten, wenn sie denn wollten. Hier konnte – musste aber nicht – sich eine „zweite Öffentlichkeit“ entwickeln.[2] Das Konzept der „Offenen Arbeit“, das einige Pfarrer, allen voran Walter Schilling, vertraten, spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Damit ist die Öffnung des kirchlichen Raumes auch für Jugendliche gemeint, die der Kirche und dem Christentum fern standen. Ein Glaubensbekenntnis wurde nicht verlangt. Probleme, Sorgen und Ängste der Jugendlichen wurden ernst genommen. Im Netzwerk der Offenen Arbeit, die sich immer im Spannungsfeld von kirchlichen und politischen Themen bewegte, spielte die „Junge Gemeinde Jena-Stadtmitte“ eine große Rolle. Dies war nicht an allen Orten gleich, wie etwa das Beispiel der Bezirkshauptstadt Gera zeigt, wo die Offene Arbeit 1981 mit der Entlassung des Jugendwarts bewusst eingestellt wurde.[3]

Es ist deshalb voll und ganz zu begrüßen, dass sich Henning Pietzsch in seiner von Wolfgang Benz betreuten Dissertation in einer Mikrostudie genau diesem Thema – der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte – zuwendet. Sehr gut ist es auch, dass Pietzsch konsequent die Akteure in den Mittelpunkt stellt und die „Gegenüberlieferung“ einer Fülle von Ego-Dokumenten heranzieht. Er nutzte vor allem die Bestände des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ Jena sowie des Archivs der Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin. Der Autor hat zudem eine Fragebogenaktion unternommen, deren Ergebnisse in der Arbeit jedoch nicht erkennbar ausgewertet werden, zumindest nicht ausführlich genug.

Es verwundert sehr, dass Pietzsch seinen methodischen Ansatz und seine Position nicht detailliert diskutiert. Auch seine eigene Beteiligung und Position als Zeitzeuge thematisiert der Autor nicht.[4] Die Bemerkungen zur Herangehensweise, zum Generationsbegriff (eine zentrale Gliederungskategorie der Arbeit!) oder zu den Begriffen Opposition und Widerstand sind unbefriedigend. Die Arbeit sei „chronologisch und deskriptiv angelegt. Dadurch soll eine inhaltliche Tiefe über Akteure und Ereignisse erreicht werden“ (S. 12), so Pietzsch. Es bleibt unklar, was sich hinter diesem Satz verbirgt. Dass er Jakob Burckhardt mit der Bemerkung bemüht, „jede Methode [sei] bestreitbar, und keine endgültig“ (S. 16, Anm. 14), wirkt befremdlich und etwas zu einfach. Natürlich hat auch Henning Pietzsch eine Methode, die Reflexion darüber kommt jedoch zu kurz. Ein Beispiel: Wenn der Autor Lutz Rathenows Ausführungen über den Begriff „objektiv oppositionell“ (S. 82) zitiert, hätte man sehr gut eine theoretische und vergleichende Betrachtung anknüpfen können. Stattdessen betont Pietzsch gleich zu Beginn: „Der Autor setzt sich in seiner Arbeit nicht mit der Möglichkeit einer eigenen Definition darüber, was Opposition und Widerstand in der DDR waren oder ausmachten, auseinander.“ (S. 15)

Was leistet das Buch? Es bietet eine in drei chronologische Kapitel unterteilte narrative und detaillierte Rekonstruktion der Geschichte der „Jungen Gemeinde Stadtmitte“ und der „Offenen Arbeit“ in Jena in den 1970er- und 1980er-Jahren. Die Gliederung ist übersichtlich. Pietzsch unterscheidet zwischen drei „Generationen“: einer der „politischen Sozialisation“ (1969-1976), einer „politischen“ (1977-1983) und der „Generation der religiösen Bekenntnisse“ (1984-1989).

Im ersten Teil werden Entstehung und Aufbau der Offenen Arbeit in Jena und vor allem die Akteure Uwe Koch, Thomas Auerbach und Walter Schilling vorgestellt. Besondere Erwähnung finden die Kontakte zur Jenaer „Kulturopposition“ um Lutz Rathenow. „Die Macht der Staatssicherheit“ und die Folgen der Biermann-Ausbürgerung 1976 werden besonders betont. Es erscheint plausibel, hier – vor allem durch die Ausbürgerung und den Weggang wichtiger Protagonisten – einen Einschnitt zu sehen, den Pietzsch als Generationswechsel markiert.

Im mittleren Kapitel skizziert er zunächst „Rückzug und Erneuerung“ der Jungen Gemeinde, beschreibt eine allgemeine Resignation, Selbstmorde, Zersetzungsmaßnahmen der Stasi, aber auch interne Rivalitäten und Probleme, um dann den ungeklärten Tod von Matthias Domaschk als „Wendepunkt“ des Junge Gemeinde-Lebens hervorzuheben. Dass ein Mitglied der Gemeinde 1981 im Stasi-Gefängnis unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben kam, hat die anderen aufgerüttelt, Illusionen über die Dialogfähigkeit des Staates beseitigt und letztlich die Gruppe politisiert. Dies erscheint plausibel und nachvollziehbar. Bis 1983 intensivierte sich das oppositionelle Denken. Vor allem deshalb nimmt nun die Bedeutung der Jenaer Friedensgemeinschaft und deren Wechselwirkung zur Jungen Gemeinde viel Platz in der Darstellung ein.

Der dritte Teil zum Zeitraum ab 1984 rückt die „religiösen Bekenntnisse“ in den Vordergrund, was der Verfasser jedoch nicht gänzlich unpolitisch interpretiert. Vielmehr konstatiert er eine „Nachwirkung der Friedensgemeinschaft“, betont auch die Diskussionen zu Fragen des Wehrdienstes und zur Ausreisebewegung. Es entsteht sehr plastisch der Eindruck, dass die Beteiligten durch die Frage nach dem „Bleiben oder Gehen“ aufgerieben wurden und die dahinter stehende Diskussion, ob man einen Ausreiseantrag stellen sollte oder nicht, die Gruppe geschwächt hätte. Das Buch schließt mit einem Kapitel zur Friedlichen Revolution 1989 und einem umfangreichen Dokumentenanhang ab.

Die Geschichte ist unterschiedlich dicht erzählt, manchmal sehr detailliert. Der Leser erfährt die Spitznamen der Beteiligten, hört über ihre Liebesgeschichten und Streitigkeiten. So spannend die Darstellung zu lesen ist, so irritiert doch einiges an der Art der Präsentation. Beispielsweise werden ab der Seite 157 die IMs der Jungen Gemeinde nacheinander biographisch vorgestellt. Dieser Überblick der Stasi-Spitzel ist sehr wichtig für das Verständnis der Ereignisse. Allerdings erwartet man ihn nicht in der Mitte des Buches unter der Überschrift „Offene Arbeit und Jenaer Friedensgemeinschaft“, zumal viele IMs vorher schon Erwähnung fanden und zum Teil ausführlich präsentiert wurden. Überdies kommt es zu Wiederholungen und Dopplungen.[5] Überhaupt werden Dinge schlichtweg doppelt erzählt. Die Tatsache, dass Franz Alt im Fernsehmagazin „Report“ im Februar 1983 von den Jenaer Ereignissen berichtete und dass dies zu Haftentlassungen führte, ist so zweimal zu lesen (S. 202 und S. 231), ohne Querverweis und mit teilweise gleichen Quellennachweisen.

Dies alles erleichtert nicht den Lesefluss. Eine weitere Auffälligkeit ist der Umgang mit Zitaten, die oftmals einfach für sich stehen. Auch reiht sich häufig Zitat an Zitat (z.B. S. 58-61), ohne dass diese analysiert und interpretiert werden. Insgesamt hätte das Buch mit einer gründlichen redaktionellen Überarbeitung gewonnen. Dass im Register Namen und Einträge fehlen, weist ebenfalls auf Fehlstellen hin.[6]

Fazit: Das Buch behandelt ein wichtiges Thema, liefert eine Fülle von detaillierten Informationen und ist über weite Teile spannend geschrieben. Der Ansatz, von den Akteuren ausgehend eine Mikrogeschichte zu schreiben, ist plausibel und lohnenswert. Dass Quellen „von unten“, also aus unabhängigen Archiven und Befragungen genutzt werden, überzeugt gleichfalls. Dies hätte konsequent als methodisch-innovativ ausgebaut werden können. Stattdessen zeigen sich methodische Schwächen, weil theoretische Diskussionen gemieden werden. Für vergleichende Fragestellungen ist das Buch ebenfalls nicht geeignet. Dass Jena in der Entwicklung der Offenen Arbeit und der Opposition „eine zentrale Rolle einnimmt“(S. 27), wird anfangs postuliert, nicht in Frage gestellt und am Ende bestätigt.

So bleiben die zu Beginn dieser Besprechung gestellten allgemeinen Fragen zur Geschichte von Opposition und Widerstand in der DDR und zur Rolle Jenas in vielem unbeantwortet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Neubert, Erhard, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Bonn 2000; Neubert, Erhard; Auerbach, Thomas, "Es kann anders werden" Opposition und Widerstand in Thüringen 1945-1989, Köln 2005.
[2] Zum Begriff der „zweiten Öffentlichkeit“ vgl. Naumann, Katja; Lotz, Christian; Klemm, Thomas: Eine zweite Öffentlichkeit? Zur Verbreitung von Untergrundliteratur während der 80er Jahre in Leipzig, Leipzig 2004.
[3] Vgl. hierzu Lenski, Katharina; Merker, Reiner, Zwischen Diktat und Diskurs. Oppositionelle Handlungsräume in Gera in den 80er Jahren, Jena 2006. In dieser lesenswerten Publikation findet sich auch eine konzise Beschreibung des Konzepts der „Offenen Arbeit“; ebd., S. 28-34.
[4] Henning Pietzsch, 1962 in Zeitz geboren, schloss eine Lehre als Installateur ab und leistete 1981/82 seinen Militärdienst. Pietzsch arbeitete bis zu seiner Ausreise aus der DDR 1988 zehn Jahre aktiv in der kirchlichen Jungen Gemeinde mit. Der zweite Bildungsweg ermöglichte ihm ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaft.
[5] Es ist zum Beispiel fraglich, ob ein Leser ohne Vorkenntnisse die komplizierte Geschichte des „IM Matthias“, der gegenkonspirativ gegen das MfS wirken wollte, bei der Ersterwähnung (S. 42, Anm. 106) überhaupt versteht. Auf S. 127, S. 148 und S. 159 wird die Geschichte dann nochmals erzählt.
[6] So ist der Eintrag „Mao, Zedong“ leer, obwohl der Name mindestens auf den Seiten 45 und 56 erwähnt wird. Neben anderen hätten etwa Frank Zappa (S. 73) und Hannes Wader (S. 57) das Register bereichern können.

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Veröffentlicht am
06.09.2007
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