D. Pfau (Hg.): Kriegsende 1945 in Siegen

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Titel
Kriegsende 1945 in Siegen. Dokumentation der Ausstellung 2005


Herausgeber
Pfau, Dieter
Reihe
Siegener Beiträge 2
Erschienen
Anzahl Seiten
256 S., 278 s/w, 250 farb. Abb.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Blank, Stadtmuseen / Stadtarchiv, Historisches Centrum Hagen

In den Jahren 2004 und 2005 erschienen zahlreiche Publikationen, die sich mit dem Kriegsende im Frühjahr 1945 beschäftigen. Neben einigen übergreifenden Werken stehen vor allem eine große Zahl von Regional- und Lokalstudien, die eine mehr oder weniger fundierte und detailreiche Untersuchung der Ereignisse vor rund 60 Jahren enthalten. Viele Veröffentlichungen setzen den Fokus auf das militärische Kriegsgeschehen. Andere wiederum enthalten in Anlehnung an hinreichend bekannte Publikationen eine z.T. oberflächliche und emotionale Darstellung. Letztgenannte Veröffentlichungen orientieren sich dabei weniger an den historischen Fakten und zeitgenössischen Quellen als vielmehr an den Erzählungen von Zeitzeugen, die ungeprüft übernommen und als vermeintlich historische „Wahrheit“ übernommen werden. Diese Form der meist populärwissenschaftlichen Geschichtsschreibung, die historisches Faktenwissen und Quellenkritik weitestgehend ausklammert, kann als „Erinnerungsliteratur“ bezeichnet werden. Fundierte Regional- und Lokalstudien mit einem zugleich populären und wissenschaftlichen Anspruch, die eine umfassende Analyse des Kriegsalltags an der „Heimatfront“, der Besetzung durch alliierte Truppen und einen Ausblick in die frühe Nachkriegszeit enthalten, stellen hingegen die Ausnahmen dar.[1] Die Entnazifizierung, die justizielle Verfolgung von Kriegsverbrechen, der Wiederaufbau und die Rezeption von Krieg und Nachkrieg in einer Region sind weitere Aspekte, die eine sorgfältige Darstellung zum Themenkomplex „Kriegsende 1945“ auszeichnen sollten. Werden allein die zahlreichen Publikationen zum Thema aus den vergangenen zehn Jahren unter diesen Kriterien subsummiert, lichtet sich die Reihe der empfehlenswerten Buchveröffentlichungen deutlich.

Die von dem Siegener Historiker Dieter Pfau herausgebende Dokumentation über die Stadt Siegen reiht sich thematisch in eine Anzahl von Veröffentlichungen ein, die 2005 in vielen deutschen Städten aus Anlass des 60. Jahrestages des Kriegsendes erschienen sind. Genaugenommen handelt es sich bei der Siegener Dokumentation weniger um eine Studie zum Kriegsende und der frühen Nachkriegszeit, sondern um den Begleitband zu einer von Historikern/innen und Studierenden der Universität Siegen konzipierten Ausstellung. Die gleichnamige Ausstellung wurde im Frühjahr und Sommer 2005 in einem ehemaligen Kaufhaus in der Oberstadt von Siegen gezeigt. Rund 10.000 Besucher/innen nutzten die Gelegenheit, sich in der Ausstellung über die Kriegsendphase, das Kriegsende und die frühe Nachkriegszeit in ihrer Region zu informieren.

Die Stadt Siegen war (und ist) das Oberzentrum des Siegerlandes. Im „Dritten Reich“ gehörte die im Regierungsbezirk Arnsberg in der preußischen Provinz Westfalen gelegene Stadt zum NS-Gau Westfalen-Süd. Siegen war die „NS-Hochburg“ im südlichen Teil des Gaugebiets. Zu den prominenten „Söhnen“ der Stadt zählen ohne Zweifel der westfälische und Münchener Gauleiter Paul Giesler und sein Bruder Hermann, der neben Albert Speer zu den bevorzugten Architekten Hitlers zählte. Als ein Zentrum der Eisen- und Stahlindustrie waren die Stadt und ihr Umland als Standort von „kriegswichtigen“ Zulieferindustrien stark in die Rüstungsproduktion einbezogen. Die Stapo-Stelle Dortmund besaß in der Stadt eine Außenstelle, die für die gesamte Region zuständig war. Der alliierte Bombenkrieg erreichte die Stadt verstärkt ab Frühjahr 1944. Neben der Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt auf der Strecke vom Ruhrgebiet in die Rhein-Main-Region und nach Süddeutschland richteten die Alliierten in Siegen ihr Augenmerk auf den Stahlbau. Von verschiedenen Firmen in und um Siegen wurden z.B. Teile für U-Boote und Kampfpanzer gefertigt.

Abgesehen von mehreren zeithistorischen Aufsätzen in der regionalhistorischen Zeitschrift „Siegener Beiträge“ ist die ab 1950 einsetzende Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus und der Kriegsjahre disparat, verstärkt sich jedoch seit Mitte der 1990er Jahre.[2] Darin unterscheidet sich Siegen nicht von den meisten Städten in der Bundesrepublik. Wichtige Impulse für die Beschäftigung mit der NS-Zeit gaben in den letzten Jahren einige Untersuchungen zur Judenverfolgung und zum „Einsatz“ von Zwangsarbeitern/innen.

Die Dokumentation „Kriegsende 1945 in Siegen“ enthält neben einem Vorwort eine Einleitung des Herausgebers (S. 11-15), gefolgt von einem Beitrag Hans Mommsens (S. 16-20). Dieser erschließt unter dem Titel „Der innere Zusammenbruch des Dritten Reiches und die Zäsur des Jahres 1945 in der deutschen Geschichte“ einen Überblick über die Entwicklung in den letzten Kriegsmonaten. Mommsen zeigt besonders die Rolle und Funktion der NSDAP in den letzten Kriegsmonaten auf und reflektiert den aktuellen Forschungsstand. Barbara Stambolis stellt im Folgenden in ihrem Beitrag „Kriegskindheiten. Erfahrung, Trauma Erinnerung“ (S. 21-32) verschiedene Aspekte der in jüngster Zeit in den Fokus der Forschung geratenen „Kriegsgeneration“ dar. Stambolis untersucht dabei an Hand von exemplarischen Biografien u.a. aus Siegen die Wahrnehmung und Rezeption von Krieg und Nachkrieg. Beide Aufsätze geben einen fundierten und detailreichen Einblick in den derzeitigen Forschungsstand und eröffnen Perspektiven für weitergehende Untersuchungen auch auf regionaler wie lokaler Ebene.

Die sich den einleitenden Beiträgen anschließende Dokumentation der Ausstellungsinhalte (S. 97-226) besticht in ihrer Ausführlichkeit durch eine klare Gliederung und saubere historische Kontextualisierung. Sie wurde, wie ein Blick in das Mitarbeiter/innenverzeichnis zeigt, sowohl von Fachhistorikern/innen als auch von Studierenden erarbeitet. Hier und da hätte sich der Rezensent eine stärkere Einbindung der lokalen Entwicklung in neuere historische Erkenntnisse und Forschungsansätze gewünscht. Auch die Darstellung des Siegener Oberbürgermeisters Alfred Fißmer sowie des 1895 in Siegen geborenen Gauleiters Paul Giesler - Angaben über seinen nicht weniger interessanten Bruder Hermann fehlen leider - hätte ein wenig differenzierter und im Fall Giesler auch ausführlicher ausfallen können[3], zumindest was die kritische Reflektion dieser Biografien betrifft. Im Hinblick auf die detailreichen und sorgfältig recherchierten, zweckdienlichen Ausstellungstexte sind diese kritischen Anmerkungen jedoch marginal. Das erschöpfende Verzeichnis der Ausstellungsexponate (S. 228-245) und der Anmerkungsapparat (S. 246-253) erweitern den wissenschaftlichen Nutzwert der Publikation erheblich.

Der positive Gesamteindruck des Bandes wird ebenfalls von der Auswahl und Präsentation der vorgestellten Exponate und vor allem Fotografien nicht getrübt. Bei den Bildquellen wäre sicherlich eine stärkere Kontextualisierung und tiefer gehende inhaltliche Analyse wünschenswert gewesen. Dies betrifft jedoch weniger die Präsentation in der Ausstellung, als vielmehr die Publikation, die durch einen fotohistorischen Exkurs zweifellos gewonnen hätte. Die inhaltlichen „Lücken“, die den Wert des Bandes nicht schmälern, zeigen allerdings auch, dass eine übergreifende und fundierte Lokal- und Regionalstudie über Siegen in der NS-Zeit, während der Kriegsjahre und in der frühen Nachkriegszeit ein Desiderat ist. Doch darin unterscheidet sich Siegen nicht von dem überwiegenden Teil der deutschen Städte und Regionen. Der Band von Dieter Pfau bietet eine solide Grundlage für weitergehende Studien und Darstellungen. Der vorliegende Band ist jedoch nicht nur für die lokale Zeitgeschichtsschreibung in Siegen wichtig: Er vermittelt zugleich auch einen Einblick in die vielfältigen Arbeitsprozesse und konzeptionellen Überlegungen, die im Zusammenhang mit der Produktion einer Ausstellung notwendig sind. Deshalb hat die Publikation, die auf den S. 34-97 eine ausführliche Dokumentation der Ausstellungstafeln, der Eröffnungsveranstaltung und des Presseechos enthält, ebenso einen museumsfachlichen Nutzwert. Das macht ihn aus Sicht des Rezensenten besonders wertvoll.[4]

Anmerkungen:
[1] Siehe auch die jüngst erschienene Lokalstudie über Köln, vgl. Rüther, Martin, Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945, Köln 2005.
[2] Vgl. etwa: Baeumer, Erich, Nordpol-Richard 4. Aus der Bomben- und Bunkerzeit im Siegerland 1944-1945, Siegen 1950; Flender, Hans-Martin, Hauptziel Siegen. Eine Dokumentation über den Luftkrieg im Großraum Siegen, Siegen 1994; Heinrich, Volker, Der Kirchenkreis Siegen in der NS-Zeit, Bielefeld 1997; Pfau, Dieter (Hg.), Nachkriegszeit in Siegen 1945 bis 1949. Flüchtlinge und Vertriebene zwischen Integration und Ablehnung. Ein Quellenband zur Regionalgeschichte, Siegen 2004; im Kontext sind folgende Beiträge interessant: Dietermann, Klaus, Synagoge-Luftschutzbunker-Museum, Aktives Museum Südwestfalen. Ein Dokumentations- und Lernort für regionale Zeitgeschichte in Siegen, in: Siegener Beiträge 2 (1997) S. 160-166; Opfermann, Ulrich, „Vergangenheitsbewältigung“ im Siegerland. Zum öffentlichen Umgang mit dem regionalen Nationalsozialismus nach 1945, in: Siegener Beiträge 3 (1998) S. 143-176; Ders., Mythenpflege. Einige Bemerkungen zur zeitgeschichtlichen Legendenbildung, in: Siegener Beiträge 6 (2001), S. 181-184.
[3] Eine Biografie von Hermann Giesler (1898-1987) ist noch immer ein Desiderat; siehe die Angaben bei Durth, Werner, Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1900-1970, München 1992, S. 507.
[4] Im Januar 2006 wurde im Verlag für Regionalgeschichte vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Siegen zusätzlich eine DVD herausgegeben. Sie enthält als lobenswerte Ergänzung zum Buch mehrere Interviews mit Zeitzeugen, zeitgenössische Filmdokumente sowie ausstellungsrelevante Medienberichte und andere Darstellungen. Der professionelle Eindruck, den die Publikation auf den Rezensenten hinterlassen hat, setzt sich „virtuell“ in der DVD fort.

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Veröffentlicht am
09.05.2006
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