O. Blaschke u.a. (Hrsg.): Geschichtswissenschaft und Buchhandel

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Titel
Geschichtswissenschaft und Buchhandel in der Krisenspirale?. Eine Inspektion des Feldes in historischer, internationaler und wirtschaftlicher Perspektive


Herausgeber
Blaschke, Olaf; Schulze, Hagen
Reihe
Historische Zeitschrift - Beihefte 42
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
X, 239 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Wiederkehr, Bibliothek, Deutsches Historisches Institut Warschau

"Schon seit einer Reihe von Jahren verschwinden die Büchersammler und Bibliotheksbesitzer immer mehr. [...] Größere allgemeine wissenschaftliche Werke haben nur geringen Absatz. [...] In den nächsten zwanzig Jahren wird es, wenn ich nicht sehr irre, den Gelehrten immer schwerer werden, für streng wissenschaftliche Werke einen Verleger zu finden." So zitiert Herausgeber Olaf Blaschke in der Einleitung (S. 10) den Verleger Friedrich Perthes mit einer Aussage aus dem Jahre 1842. Nichts Neues unter der Sonne also; Historiker/innen sitzen seit über einhundertfünfzig Jahren dem Krisendiskurs der "Jammerbrache" (Veit Heinichen, zit. Blaschke, S. 2) auf, wenn sie sich Sorgen um die Zukunft der wissenschaftlichen Verlage und damit ihre eigenen Publikationsmöglichkeiten machen. – Oder sind Buchpreisbindung und engmaschiger Schutz des Urheberrechts vielleicht doch die letzten Schutzwälle für eine bedrohte Branche, die weit mehr als einen Wirtschaftszweig darstellt und in idealistischer Weise gesamtgesellschaftlich wünschenswerte kulturpolitische Ziele verfolgt? Sind geschichtswissenschaftliche Studien in Deutschland unverkäuflich, weil die hiesigen Historiker/innen schlechter schreiben als ihre angelsächsischen Kollegen/innen oder verfassen letztere populärwissenschaftliche Auftragsarbeiten von zweifelhafter Qualität, um ihre sinkenden Gehälter aufzubessern? Wenn "ein Buch_markt_ für historische Spezialliteratur nicht existiert" (Andreas Fahrmeir, S. 173), womit haben wir es dann zu tun? Welchen Einfluss haben demografische, gesamtwirtschaftliche und bildungspolitische Transformationsprozesse auf Verlage und Buchhandel? Und umgekehrt: Wie wirkt der Strukturwandel in der Verlags- und Buchhandelsbranche auf die universitäre Geschichtswissenschaft zurück? Diesen und zahlreichen weiteren Fragen über das Verhältnis von Historiker/innen und ihren Verleger/innen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Ökonomie gehen die Autoren/innen des vorliegenden Bandes in langfristiger und internationaler Perspektive nach. Dabei stoßen sie bezüglich Deutschland in eine gravierende Forschungslücke: "[Ü]ber das Thema Geschichtswissenschaft und Verlagswesen seit 1945 gibt es kein einziges Buch" (Blaschke, S. 12). Die Antworten der Beteiligten – Historiker/innen, die die Publikationspraxis in ihrem eigenen Fach reflektieren, Buchwissenschaftler/innen und Verleger/innen, die nicht selten promovierte Historiker/innen sind, – fallen zwischen den Polen Pluralisierung vs. Konzentration, Ökonomisierung vs. Subventionierung sowie Spezialisierung vs. Popularisierung (Gangolf Hübinger) differenziert und auch recht unterschiedlich aus.

Trotz beträchtlicher methodischer Probleme, für Großbritannien und Deutschland vergleichbare Datenreihen aufzubauen, und der schwierigen Interpretation quantitativer Indikatoren wird eines deutlich. Über längere Zeiträume betrachtet steigt die absolute Zahl veröffentlichter historischer Titel (Fach- und Sachbuch) klar an; in Deutschland liegt ihr Anteil an der Gesamtzahl produzierter Titel nach konjunkturellen Ausschlägen nach oben und unten heute auf demselben Niveau wie in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser positiv stimmende Befund wird dadurch getrübt, dass gleichzeitig ein nicht zuverlässig quanitifizierbarer Trend zu kleineren Auflagen zu beobachten ist, der mit dem Trend zu zunehmender Spezialisierung und zur Ausdifferenzierung der Geschichtswissenschaft in Subdisziplinen zusammenhängt. Daher bleibt unsicher, ob und in welchem Maße der Anteil historischer Bücher an der Gesamtstückzahl produzierter Bücher rückläufig ist (Blaschke).

Unstrittig ist, dass in Verlagswesen und Buchhandel wie in der Wirtschaft generell ein Konzentrationsprozess im Gange ist. Manager/innen in international tätigen Medienkonzernen entscheiden nach anderen Kriterien als die traditionellen Eigentümer-Verleger/innen über Annahme und Vermarktung von Manuskripten. Große Buchhandelsketten befinden sich gegenüber kleineren Verlagen in einer stärkeren Verhandlungsposition als einzelne Buchhandlungen. Kurzfristiges betriebswirtschaftliches Denken gewinnt überall an Boden gegenüber der Bereitschaft zu langfristigen Investitionen (Hans Altenrhein, Wulf D. von Lucius). Dies muss angesichts der pointierten Stellungnahme erfahrener Verleger, dass auch wissenschaftlich gesehen sehr erfolgreiche Reihen erst nach längerer Zeit in die Gewinnzone kommen (Walter H. Pehle), und den Erscheinungsrhythmen von unverzichtbaren Handbüchern und Enzyklopädien zu Bedenken Anlass geben. Bedroht ist durch diesen Strukturwandel aber in erster Linie das "mittlere Buch" (Detlef Felken) mit einer Auflage von 3.000 bis 5.000 Exemplaren, das weder ein Bestseller noch eine zuschussfinanzierte Spezialpublikation darstellt. Diese Bedrohung stellt nicht nur für die produzierenden Verlage ein Problem dar, denn das "mittlere Buch" bildet das Rückgrat der Geschichtskultur einer Gesellschaft. Nimmt dessen Verbreitung nachhaltig ab, sinkt auch die Bereitschaft der Gesellschaft und der politischen Entscheidungsträger/innen die Infrastruktur der akademischen Geschichtswissenschaft zu finanzieren. In diesem Sinne bezeichnet es Hagen Schulze als "Verpflichtung" der professionellen Historiker/innen, "ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit auf wirkungsvolle, und das heißt, auf interessante Weise vorzulegen" (S. VIII).

Der Staat ist ein wichtiger Akteur. Kann oder will er die Aufwendungen für Universitäten, Bibliotheken und Druckkosten nicht im bisherigen Maße fortführen, sind reine Wissenschaftsverlage in ihrer Existenz gefährdet. Für die potenziellen Transformationsverlierer/innen dürfte die in einigen Beiträgen geführte Debatte, ob es hier um eine negativ konnotierte "Krise" oder neutral formuliert um einen "Strukturwandel" gehe, reichlich akademisch klingen. Die Unterstützung der Open-Access-Bewegung durch die staatlichen Instanzen der Forschungsförderung und die jüngste Novellierung des Urheberrechts wird denn auch von mehreren Autoren/innen angegriffen. Dem Kostenargument – digitale Publikationen sind unter Berücksichtigung der Kosten für die Langzeitarchivierung nicht per se billiger als gedruckte, können aber zum Beispiel durch Suchfunktionen ein Mehrwert aufweisen, der höhere Kosten rechtfertigt – wird sich die Bildungspolitik aber nicht verschließen können, so dass auch in Zukunft Bücher förderungswürdig sein werden.

Der Blick nach Frankreich zeigt, dass der deutsche Buchmarkt vergleichsweise wenig national abgeschlossen ist (Nicole Reinhardt). Die historischen Beiträge machen deutlich, dass im Falle der französischen Annales nicht zuletzt geschicktes Wissenschaftsmanagement und gute Verlagsbeziehungen über längere Zeiträume einer wissenschaftlichen Schule zum Durchbruch verhalfen (Lutz Raphael), dass aber auch zeitweilige Erfolgautoren/innen wie Gerhard Ritter nach einer bestimmten Zeit unverkäuflich werden (Christoph Cornelißen). Als Historiker/in tut man sich schwer, den wirtschaftlichen Aufschwung des Diederichs-Verlags mitten in der Weltwirtschaftskrise durch eine inhaltliche Neuausrichtung des Programms (Florian Triebel) als "Erfolgsgeschichte" zu bezeichnen. Denn die neuen, gut verkauften Titel stammten aus dem Umfeld des TAT-Kreises, der die Institutionen und Repräsentanten der Weimarer Republik bekämpfte. Das Fazit von Alexandra Fritzsch lautet, dass die Argumente für eine Buchpreisbindung in den gut hundert Jahren ihrer Existenz im Wesentlichen dieselben geblieben sind. Das mag für einige Interpreten/innen bedeuten, dass die Buchpreisbindung ein alter Hut ist, andere werden daraus schließen, dass diese Argumente gültig sind.

Technische Neuerungen haben in den letzten Jahren Produktion und Distribution von Büchern stark verändert und zu einer neuen Arbeitsverteilung geführt. So übernehmen zum Beispiel heute die Autoren/innen Satzarbeiten, die früher kostentreibend im Verlag anfielen, weitgehend selbst. Eine Chance für die Verlage bietet auch die "Laufbahnpsychologie" von Nachwuchswissenschaftler/innen (Dietrich Kerlen), die aus Karrieregründen im wahrsten Sinne des Wortes um jeden Preis in einem renommierten Verlag publizieren wollen. Ihre Rolle bei der Zuweisung von sozialem Kapital werden konkrete Verlage allerdings nur dann behalten können, wenn sie ihren langfristig erworbenen Ruf nicht durch kurzfristige Rentabilitätsüberlegungen aufs Spiel setzen. Der Rat des Verlegers von Lucius an die Wissenschaftler/innen ist ebenso einfach wie einleuchtend: Wer weiterhin wissenschaftliche Bücher aus mittleren und kleinen Verlagen lesen können will, sollte auch einmal ein qualitativ hochstehendes Manuskript einem derartigen Verlag anbieten.

Am Schlechtesten kommen in dem Band die Abwesenden weg: Der neue Typus der Manager/innen mit verlegerischer Teilverantwortung im Medienkonzern, die großen Buchhandelsketten und die Internetbuchhandlungen. Fanden deren Vertreter/innen keine Zeit für die Teilnahme oder hat die Änderung des Buchtitels gegenüber dem seinerzeitigen Tagungstitel "Geschichtswissenschaft und Verlagswesen in der Krisenspirale?" (Hervorhebung S. W.) mit der im Band angesprochenen "Aufmerksamkeitsökonomie" zu tun? Zum Markterfolg eines Titels tragen gemäß Blaschke Rezensionen wesentlich bei. Hiermit sei eine geschrieben – mit Genuss.

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03.08.2006
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