M. Hausleitner: Deutsche und Juden in Bessarabien 1814-1941

Titel
Deutsche und Juden in Bessarabien 1814-1941. Zur Minderheitenpolitik Russlands und Großrumäniens


Autor(en)
Hausleitner, Mariana
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 102
Anzahl Seiten
255 S.
Preis
€ 17,29
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Berlin

Der heutige unabhängige Staat Moldawien (Republik Moldova) – entstanden nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Staatensystem in den frühen 1990er-Jahren – dürfte zu den am wenigsten bekannten Territorien Europas gehören. „Bessarabien“, zwischen Dnjestr und Pruth gelegen, hat allerdings während des 19. Jahrhunderts einen bedeutenden Part im europäischen Nationenkonzert dargestellt, sodass die Kenntnis seiner historischen Entwicklung für das Verständnis gegenwärtiger Konstellationen eine nicht geringe Wichtigkeit beanspruchen kann. Ein Beispiel dafür kann man in der Gründung einer abtrünnigen „Republik Transnistrien“ sehen, die sich an Russland orientiert und seit 1991 die staatliche Einheit Moldawiens belastet. Sie kopiert in gewisser Weise eine von der jungen Sowjetunion veranlasste „Autonome Moldauische SSR“, die, wie ihr heutiges Pendant, anfangs als Hauptstadt Tiraspol hatte (S. 96f.).

Die detailliert aus archivalischen Quellen in Kischinew, Bukarest, Berlin und Marburg entstandene Arbeit der Osteuropahistorikerin Mariana Hausleitner zeigt Strukturlinien sowohl der territorialen Entwicklung Bessarabiens als auch des im Titel angesprochenen Verhältnisses im 19. und 20. Jahrhundert. Einer der zentralen Ansatzpunkte für Hausleitners Untersuchung ist die Konfrontation der Staats- wie der Minderheitenpolitik mit ihren unterschiedlichen sozialen Kontexten. Sie verstärkt damit einen Aspekt, der in Hildrun Glass’ Arbeit zum Verhältnis von Juden und Deutschen in Rumänien nicht im Vordergrund stand.[1] Wie die chronologische Hinführung zum Hauptthema herausstellt, wurde Bessarabien als eigenes umgrenztes Territorium erst am Ende des 18. Jahrhunderts wahrgenommen, als die Auseinandersetzungen des Zarenreichs mit dem militärisch an Kraft verlierenden Osmanischen Reich dazu führten, dass nach dem russisch-osmanischen Krieg 1812 das Gebiet zwischen Dnjestr und Pruth an das Zarenreich fiel. Bereits 1775 hatte Österreich von der Hohen Pforte die benachbarte Bukowina annektiert, ein Gebiet, das ebenfalls wie Bessarabien seit dem Mittelalter zu dem größeren Fürstentum „Moldau“ gehört hatte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildete die rechts des Pruth gelegene Moldau (benannt nach dem in die Donau fließenden Fluss aus den Karpaten) mit der Walachei die beiden rumänischen Fürstentümer, die – noch unter türkischer Hoheit stehend – sich später zum ersten rumänischen Staat zusammenschließen sollten.

In dem von Russland übernommenen Bessarabien links des Pruth lebte ebenfalls eine rumänischsprechende Bevölkerung, von der sich allerdings einige Teile bald nach der Annexion russifizierten. Zur Ansiedlung in dem weitgehend unerschlossenen Land lud Zar Alexander I. württembergische Pietisten, bulgarische Kolonisten und Mitglieder des Turkvolkes der Gagausen durch Steuerprivilegien und Landschenkungen ein. Jüdische Händler und Bauern kamen aus Polen, da sie mehrjährige Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdienst genossen. Russen und Ukrainer ließen sich ebenfalls zunehmend in Bessarabien nieder, sodass der Anteil der einheimischen „Moldauer“ bis 1859 auf 54,9 Prozent sank (S. 28). Durch die Russifizierungsmaßnahmen gingen einige der anfangs gewährten Privilegien verloren, dennoch konnte die deutsche Minderheit (13,1 Prozent Bevölkerungsanteil) ihre Schule in Akkerman behalten[2] und stellte 1903 z.B. den Bürgermeister der Hauptstadt Kischinew (Chişinãu). Hausleitner geht im Detail auf das komplizierte Geflecht der sozialen, sprachlichen, religiösen und nationalen Verwerfungen in der bessarabischen Bevölkerung sowie deren Rückwirkungen auf die Politik der aus dem fernen Moskau regierenden Administration ein. Als Teil der russischen Geschichte machten sich auch in diesem Zweistromland die Rückwirkungen der Reaktion auf die Ermordung des Zaren Alexander II. mit ihren Repressionen für die nichtrussischen Minderheiten bemerkbar. Zu ihnen gehörten neben Vorwürfen gegen die deutschen Kolonisten, sie seien „privilegierte Fremde“ auch antisemitische Ausschreitungen und wiederholte Pogrome, von denen später die Vorfälle in Kischinew 1903 weltweite Aufmerksamkeit erregten. Hausleitner betont hierbei die Rolle der von dem gebürtigen Rumänen, aber großrussischen Chauvinismus predigenden Pavel A. Kruševan herausgegebenen, einzigen Tageszeitung Kischinews, „Bessarabec“, im Vorfeld der Ereignisse (S. 41-48).

Die genaue Schilderung der Entwicklung hin zu den revolutionären Ereignisse am Ende des Ersten Weltkriegs gewinnt insbesondere durch die Informationen zu einzelnen der beteiligten Personen an Prägnanz, wie dem Sozialdemokraten und späteren Kommunisten Christian Rakovskij oder dem Politiker Pantelimon Halippa, sowie durch die Nachzeichnung der rumänischen Politik gegenüber den Alliierten. Letztere ermöglichten wegen ihrem Interesse an der Abgrenzung von der entstehenden Sowjetunion die später sanktionierte rumänische Besetzung und Annexion Bessarabiens. Die detaillierte Analyse der unterschiedlichen Parteien und Institutionen während des Ersten Weltkrieges und die Entstehung revolutionärer Organisationen geben den Hintergrund der Auseinandersetzung um Bessarabien nach Kriegsende und während des zunächst vor allem in der angrenzenden Ukraine tobenden russischen Bürgerkrieges ab. Die Besetzung durch Rumänien geschah nicht ohne Gewaltakte gegen lokale Vertreter der Autonomieverwaltung sowie unter pauschaler Verleumdung der jüdischen Bevölkerung als Russland zugewandt bzw. kommunistisch orientiert.

Diese in der rumänischen Politik (und Geschichtsschreibung) persistente Haltung sollte später die verhängnisvolle Politik Rumäniens gegenüber der jüdischen Bevölkerung leiten. Durch die uneinheitliche und mit wenig Druck auf Rumänien verbundene Politik der Alliierten blieben die in den Friedensverträgen gemachten Zusicherungen über die Garantien von Minderheitenrechte lange unerfüllt. Stattdessen herrschte die Ausrichtung an der chauvinistischen Ideologie eines homogenen „Großrumäniens“ vor. Mit der Behauptung, das angeblich seit der Römerzeit dominierende Volk in der Region zu sein, verfolgte die herrschende rumänische Politik eine strikte Unterdrückung minoritärer Interessen. Aufstände in der Zeit nach Ende des Krieges hatten neben den ökonomischen Schwierigkeiten in Bessarabien auch die Unzufriedenheit mit dem bis 1928 durch Kriegsrecht herrschenden neuen Regime zur Ursache. Die auf eine Landreform hoffenden Bauern wandten sich nach 1930 vermehrt der faschistischen rumänischen Organisation der „Eisernen Garden“ zu.

In der Darstellung der bessarabischen jüdischen Entwicklung innerhalb Großrumäniens konzentriert sich Hausleitner auf die ökonomischen Organisationen, politischen Parteien und ihren Einsatz für die Staatsbürgerrechte der jüdischen Bevölkerung sowie die Abwehr der antisemitischen Übergriffe. Es ergeben sich hierbei Einblicke in die institutionellen Versuche der Teilhabe an der rumänischen Politik, aus deren herrschender Sicht allerdings die bessarabischen Juden bald nur noch als potentiell „bolschewistische“ Bedrohung einer „rumänischen Identität“ gesehen wurden.

Anders lagen die Interessen der zu 90 Prozent in Dörfern auf dem Land lebenden deutschen Minorität, die ebenfalls durch die Bedrohung ihrer sprachlichen Autonomie in Konflikt mit der neuen Obrigkeit geriet. Wie die jüdische Bevölkerung auf Unterstützung durch internationale Verbände war sie ebenfalls in der ökonomischen Krise durch den Verlust des jenseits des Dnjestr in der neugebildeten Sowjetukraine gelegenen Marktes für ihre landwirtschaftlichen Produkte auf auswärtige (deutsche) Hilfe angewiesen. Die Orientierung an der nationalsozialistischen Ideologie wurde durch den Kontakt mit der siebenbürgischen „Selbsthilfe“, die auch in der Bukowina Einfluss gewann, begründet; sie fand ihre politische Motivation in dem zunehmenden Verbot der Ausübung der deutschen Sprache und des Religionsunterrichts. Hinzu kam nach 1933 und dem Boykott deutscher Waren durch jüdische Organisationen wegen der Vorgänge in Hitler-Deutschland ein Konflikt mit den jüdischen Händlern, wiewohl es unter den konservativeren protestantischen Gemeinden auch Distanz zur die deutschen Minderheiten gleichschaltenden nationalsozialistischen Ideologie gab. Dennoch waren beide Minoritäten unterschiedlich von der widersprüchlichen Politik der immer schneller wechselnden rumänischen Regierungen betroffen.

Das letzte Kapitel der Deutschen in Bessarabien und auch der Bukowina schrieb der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und das geheime Zusatzabkommen zwischen Ribbentrop und Molotov, das die Rücksiedlung der mittlerweile weitgehend gleichgeschalteten deutschen „Volksgruppe“ bestimmte. Während die meisten Deutschen in einer propagandistisch ausgeschlachteten Aktion über die Donau nach Deutschland gebracht wurden, bevor sie im gerade eroberten Polen die Höfe vertriebener polnischer Bauern erhielten, fiel ein Großteil der jüdischen Bevölkerung Bessarabiens dem rumänischen und deutschen Holocaust zum Opfer.

In einem zusammenfassenden Resümee der Beziehungen zwischen Juden und Deutschen in Bessarabien hebt Hausleitner die eher distanzierenden Faktoren hervor (Stadt-Land, Sprache, Berufsstruktur), die im Vergleich zur angrenzenden Bukowina[3] keine gemeinsame Interessensvertretung vor allem während der Rumänisierungsphase entstehen ließen. Das quellenreiche Buch wird sicher die sozialhistorischen Kenntnisse über den Gegenstand auf längere Sicht bestimmen.

Anmerkung:
[1] Glass, Hildrun, Zerbrochene Nachbarschaft. Das deutsch-jüdische Verhältnis in Rumänien 1918-1938 (Südosteuropäische Arbeiten 98), München 1996.
[2] Vgl. Fassel, Luminita, Das deutsche Schulwesen in Bessarabien 1812-1940. Eine komparatistisch-historische und soziokulturelle Untersuchung, München 2000.
[3] Vgl. Hausleitner, Mariana, Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918-1944 (Südosteuropäische Arbeiten 111), München 2001.

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Veröffentlicht am
26.06.2006
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