M. Boldorf: Europäische Leinenregionen im Wandel

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Titel
Europäische Leinenregionen im Wandel. Institutionelle Weichenstellungen in Schlesien und Irland 1750-1850


Autor(en)
Boldorf, Marcel
Reihe
Industrielle Welt 68
Erschienen
Köln 2006: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
331 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Gorißen, Universität Bielefeld

Die Frage nach den Bedingungen der Industrialisierung, nach der Herausbildung und Durchsetzung fabrikindustrieller Produktionsstrukturen, stellt nach wie vor eines der meistdiskutierten Probleme der wirtschaftshistorischen Forschung dar. Dass hierbei ein Prozess zu untersuchen ist, der sich nicht im nationalen Rahmen, sondern in als „Regionen“ bezeichneten kleineren räumlichen Einheiten vollzog, gehört inzwischen längst zum ‚common sense’ der Forschung. Umso erstaunlicher bleibt, dass bislang nur in wenigen Arbeiten der Versuch unternommen wurde, in einem systematischen Vergleich von Wirtschaftsregionen die Bedingungen herauszuarbeiten, die für den Erfolg oder das Scheitern regionaler Industrialisierungen verantwortlich waren.

Die vorliegende Studie von Marcel Boldorf, eine im Wintersemester 2002/03 an der Universität Mannheim angenommene Habilitationsschrift, unternimmt einen solchen Vergleich für zwei der bedeutendsten protoindustriellen Leinenregionen Europas. Der Autor untersucht für die Zeit zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts die vor- und frühindustriellen Gewerbestrukturen in der 1742 durch den preußischen Staat annektierten Provinz Schlesien mit denen der nordirischen Provinz Ulster. Während nun die dezentralen, heimgewerblichen Leinengewerbe in Schlesien, wie sie sich in den Gebirgskreisen der Provinz seit dem frühen 17. Jahrhundert herausgebildet hatten, zu Beginn des 19. Jahrhunderts und mit dramatischer Geschwindigkeit dann seit den 1840er-Jahren der Deindustrialisierung anheim fielen, vollzog das jüngere irische Leinengewerbe bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreich den Übergang zu fabrikindustriellen Produktionsweisen, die sich dann allerdings vor allem im Großraum Belfast konzentrierten. Warum gelang im irischen Beispiel, was in Schlesien scheiterte – der Übergang von heimgewerblichen zu fabrikindustriellen Produktionsweisen?

Zur Bearbeitung dieser Frage konzentriert sich Boldorf vor allem auf eine vergleichende Betrachtung der politisch-institutionellen Rahmenstrukturen, in die die Gewerbe in beiden Regionen eingebunden waren. Der Autor nimmt für sich in Anspruch, auf Instrumente der modernen Institutionenökonomik zurückzugreifen und Verfügungsrechten und Transaktionskosten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Tatsächlich bleiben jedoch durch die Konzentration auf staatliche und ständisch-korporative Organisationen und Normen weite Teile dessen ausgeblendet, was ein institutionenökonomischer Ansatz anzusprechen hätte; erinnert sei nur an das weite Feld der Kaufmannsrechte und der Handelsgebräuche.

Diese Verkürzung des institutionenökonomischen Ansatzes lässt sich zu einem gewissen Grad auf die problematische Quellengrundlage zurückführen. Boldorf stützt sich für Schlesien vor allem auf die Archive der Kaufmannskorporationen in Hirschberg und Landeshut sowie für die Zeit nach 1815 auf Schriftgut der preußischen Behörden. Die Bestände der schlesischen Kriegs- und Domänenkammern für die vornapoleonische Zeit sind verloren, Überlieferungen einzelner Wirtschaftssubjekte, von Kaufleuten und Gewerbetreibenden, wurden nicht herangezogen. Für Irland sieht die Quellenlage noch schlechter aus: Da die Bestände des „Linen Board“, des für die Leinengewerbe zuständigen Parlamentsausschusses, ebenfalls nicht mehr erhalten sind, stützt sich der Autor für diesen Teil vor allem auf die zeitgenössische Publizistik. Folgerichtig liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf den schlesischen Verhältnissen.

Im ersten und umfangreichsten Teil des Buches entfaltet der Autor zunächst seine zentrale These, dass das Ausbleiben einer fabrikindustriellen Entwicklung in Schlesien vor allem auf das Fehlen zweier Innovationsprozesse zurückzuführen sei: zum einen auf eine nicht vollzogene Produktinnovation in Gestalt der Verarbeitung von Baumwolle, zum anderen auf den versäumten Übergang zu verlagsmäßigen Produktionsformen, in denen der Autor die entscheidende Voraussetzung für einen nachfolgenden Übergang zu fabrikindustriellen Produktionsformen sieht. Die Verantwortung für beide Versäumnisse schreibt der Autor der regionalen Kaufmannschaft zu, die an ihren ständischen Monopolen festhielt und so den Aufstieg von innovativen Zwischenhändlern und Maklern verhinderte.

Das starre Festhalten an ihren überkommenen Monopolen gelang den Kaufleuten letztlich nur, weil sie sich – so die These Boldorfs – auf die Städte und den preußischen Staat stützen konnten. Entscheidend für dieses Beharrungsvermögen war die Institution des Marktkaufs, der, in staatlichen „Schleier- und Leinwandordnungen“ 1742 und erneut 1788 festgeschrieben, die ländlichen Weber darauf verpflichtete, ihre Produkte ausschließlich auf den städtischen Märkten der korporierten Kaufmannschaft anzubieten. Eine Vermittlung des Leinwandverkaufs durch Makler, „Leinwandsammler“ und kleinere Händler des ländlichen Raums war zunächst gänzlich verboten und seit 1753 nur mit einer staatlichen Lizenz möglich. Auch die „Leinwandschau“, die von den Kaufmannsgilden in den Städten organisiert und durch die Gewerbeordnungen verbindlich für alle Leinenweber vorgeschrieben wurde, hatte letztlich den Zweck, das System des Massenkaufs auf den städtischen Leinenmärkten für die Kaufleute zu sichern. Für die Städte bedeutete die Aufrechterhaltung der kaufmännischen Privilegien eine Sicherstellung ihrer Machtposition in der Region, der preußische Staat hingegen glaubte seine merkantilistischen Interessen durch eine Stärkung der Marktmacht der Kaufleute am Besten gewahrt. Zwar bemühte sich die preußische Regierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts intensiv um die Einführung der gewinnträchtigen Produktion von feinen Leinenwaren (Damast). Den Grund dafür, dass dies nicht gelang, sieht Boldorf nicht in den unzulänglichen Absatzmöglichkeiten für diese Gewebe, wie die schlesischen Kaufleuten behaupteten, sondern wiederum im Fehlen des Verlagssystems.

Mit den napoleonischen Handelssperren setzte ein Jahrzehnte andauernder Niedergang des schlesischen Leinengewerbes ein. Die 1810 in Preußen eingeführte Gewerbefreiheit bewirkte zwar zunächst eine sprunghafte Vermehrung der Zahl der ländlichen Händler, während die alten städtischen Kaufmannsfamilien sich jetzt häufig aus dem Geschäft zurückzogen und adligen Lebensstilen nacheiferten. Die aufstrebenden ländlichen Händler konnten deren Rolle jedoch nicht vollständig übernehmen, da ihnen die für den Fernhandel nötige Erfahrung fehlte. Hinzu kam der Preisverfall auf den internationalen Märkten, der die Verdienstmöglichkeiten der Leinenproduzenten kontinuierlich schmälerte und im Zusammenspiel mit den gravierenden Ernteausfällen zwischen 1845 und 1847 in die katastrophale Pauperismuskrise des Jahres 1849 mündete. Die wenigen, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Schlesien gegründeten Maschinenspinnereien bewirkten keine durchgreifende Industrialisierung der Region.

In der nordirischen Provinz Ulster entstanden hingegen, wie Boldorf im zweiten, deutlich kürzeren Teil seines Buches darlegt, nach erfolgreicher Adaption des „Nassspinnverfahrens“ seit 1825 in rascher Folge eine Reihe von Flachsmaschinenspinnereien, die hier zum Ausgangspunkt einer Industrialisierung wurden, wobei der Leinenverarbeitung die Rolle eines Leitsektors zukam. Die enorme Produktivitätssteigerung durch die maschinelle Produktion von Leinengarn bewirkte eine räumliche Konzentration der Produktion im Umfeld der Stadt Belfast. Industrialisierung bedeutete damit zugleich auch Urbanisierung, die ländlichen Gewerberegionen verloren in der Folge rasch an Bedeutung. Wenn auch die Zahl der Arbeitskräfte im irischen Leinengewerbe insgesamt rasch zurückging, gestatte es die außerordentliche Steigerung der Gesamtproduktion kaum, diesen Vorgang als Deindustrialisierung zu beschreiben.

Den entscheidenden Grund für diese Unterschiede in der Entwicklung beider Regionen sieht Boldorf in der Rolle von Kaufleuten und Verlegern, denen der letzte Teil des Buches gewidmet ist. In Schlesien baute die korporativ organisierte Kaufmannschaft auf ihre überkommenen Monopole, statt – wie in Irland – in den Wettbewerb um die effizientesten Verfahren einzutreten.

Boldorf setzt für seine Argumentation zwei Prämissen voraus, über deren Geltung allerdings zu diskutieren ist: (1) Eine erfolgreiche Industrialisierung in den Textilgewerben setzte Verlagsstrukturen voraus; (2) Solche konnten sich nur ausbilden, wo es keine korporativen Zusammenschlüsse der Kaufleute und keine staatlich sanktionierten Monopole gab. Die Entwicklung der ostwestfälischen Leinengewerbe um Bielefeld belegt, dass der Schritt vom Kaufsystem mit staatlich kontrollierter Warenschau auf städtischen Märkten zu fabrikindustriellen Produktionsformen sehr wohl möglich war. Die Gründung der „Ravensberger Spinnerei“ im Jahr 1857 erfolgte hier zwar spät, aus Perspektive der Bilanzen der Bielefelder Kaufleute jedoch keineswegs zu spät, sondern „just in time“. Wie im irischen Fall war auch in Ostwestfalen die Aufnahme der Maschinenspinnerei mit der räumlichen Konzentration der Produktion im städtischen Umfeld und der Freisetzung einer großen Zahl von ländlichen Arbeitskräften verbunden.

Auch kann Boldorf die Frage nicht beantworten, warum die schlesischen Kaufleute auch über die Zäsur der napoleonischen Zeit hinweg so beharrlich am überkommenen Monopol- und Privilegiensystem festhielten und sich gegen Innovationen sperrten. Die Existenz von Monopolen und Korporationen setzt ökonomische Rationalität nicht außer Kraft. Ein Blick ins Rheinland lehrt, dass beides durchaus miteinander vereinbar sein konnte – man denke nur an den ausgedehnten Seidenverlag der Krefelder Kaufleute, die immer wieder Privilegien und Monopole von ihrem Landesherrn einforderten und dennoch konkurrenzfähig blieben[1], oder an die Korporation der „Elberfelder Garnnahrung“, die den Einstieg in die Produktion von Baumwolltextilien keineswegs unterband.

Um der Handlungslogik der ökonomischen Akteure zu verstehen, wären umfassende Daten zum Kostengefüge in den protoindustriellen Gewerben nötig, das in der vorliegenden Studie nur randständig und manchmal allzu pauschal behandelt wird: Rohstoffe, Transportkosten, Löhne und Transaktionskosten. Gleichwohl führt Boldorf mit seiner breiten Analyse der gewerblichen Strukturen zweier Zentren der Leinenproduktion vor Augen, welchen Ertrag eine vergleichende Betrachtung protoindustrieller Gewerberegionen bringen kann und lenkt den Blick auf Fragen der Gewerbeverfassung und auf die lange Zeit unterbelichtete unternehmerische Seite der Protoindustrie.

Anmerkung:
[1] Hierzu jüngst die ertragreiche Studie von Kriedte, Peter, Taufgesinnte und großes Kapital. Die niederrheinisch-bergischen Mennoniten und der Aufstieg des Krefelder Seidengewerbes (Veröffentlichungen des Max-Planck-Insituts für Geschichte), Göttingen 2007; vgl. die Rezension von Dietrich Ebeling, in: H-Soz-u-Kult, 05.10.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-019>.

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Veröffentlicht am
12.02.2008
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