H.U. Gumbrecht: Dimension und Grenzen der Begriffsgeschichte

Cover
Titel
Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte.


Autor(en)
Gumbrecht, Hans Ulrich
Erschienen
Paderborn 2006: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
261 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Landwehr, Philosophische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Die jüngste Veröffentlichung von Hans Ulrich Gumbrecht lässt sich als Beitrag zu einer eher seltenen literarischen Gattung auffassen, nämlich zu den Schwanengesängen auf wissenschaftliche Forschungsrichtungen. Gumbrecht versammelt in diesem Band sechs eigene Aufsätze aus den letzten 30 Jahren, die sich in der einen oder anderen Form der Begriffsgeschichte zuordnen lassen. Zentrale These der Sammlung ist, dass die Begriffsgeschichte von der wissenschaftlichen Bildfläche weitgehend verschwunden oder – wie es Gumbrecht auf den Punkt bringt – im „Abebben“ begriffen sei. Ein Buch, das die weitgehende Irrelevanz des eigenen Gegenstandes zu belegen versucht, mag zunächst erstaunen, offeriert auf den zweiten Blick aber auch einige Reize. Denn entgegen der ansonsten gepflegten wissenschaftlichen Rhetorik, die den jeweils eigenen theoretisch-methodischen Zugriff gern als den einzigen Weg zum Heil ausgibt, zumindest aber an dessen Bedeutsamkeit keinen Zweifel aufzubringen gewillt ist, haben wir es hier mit dem offenen Eingeständnis des Autors zu tun, viel Zeit und Schweiß in ein Vorhaben gesteckt zu haben, das die geweckten Erwartungen nicht erfüllen konnte. Diesem Experiment zu folgen besitzt schon einen ganz eigenen Charme.

Gumbrecht lädt uns mit seinem Buch also in die Vergangenheit ein – nicht nur in die Vergangenheit der jüngeren Wissenschaftsgeschichte, der er sich in der Einleitung mit einem Rückblick auf die Begriffsgeschichte (und ihr Ende) widmet, sondern auch in seine eigene Vergangenheit, zumindest soweit sie mit diesem wissenschaftlichen Ansatz verschränkt ist. In der Einleitung versucht er nicht nur, wichtige Stationen der Begriffsgeschichte und ihrer unterschiedlichen Verästelungen in Philosophie, Literatur und Geschichte nachzuzeichnen, sondern auch die – von ihm lange Zeit geteilte – Euphorie zu vermitteln, die sich für viele mit der Begriffsgeschichte verband. Dieser sehr lesenswerte Einstieg, der zugleich den einzigen neuen Beitrag des Buchs darstellt, führt hellsichtig diverse Probleme auf, die sich mit der Begriffsgeschichte verbinden, und sieht ihr „Abebben“ in der epistemologischen Konstitution der Gegenwart begründet. In der sich eher verschärfenden Auseinandersetzung zwischen (Neo-)Realisten und Konstruktivisten, so Gumbrechts These, habe sich die Begriffsgeschichte weder für die eine noch für die andere Seite entscheiden können, sei also gewissermaßen zwischen den Fronten zerrieben worden.

Dieser Diagnose lässt sich durchaus einiges abgewinnen, doch wäre das nicht unerhebliche Argument hinzuzufügen, dass die Begriffsgeschichte mit gewissen Geburtsfehlern behaftet war, deren schwerwiegendster sicherlich das Auseinanderklaffen zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung war. Das lässt sich an den in diesem Buch versammelten Beiträgen unmittelbar vorführen. Denn Gumbrecht hat an unterschiedlichen begriffsgeschichtlichen Projekten mitgearbeitet, so an den „Geschichtlichen Grundbegriffen“, am „Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820“ sowie an den „Ästhetischen Grundbegriffen“. Sowohl diese unterschiedlichen Kontexte wie auch der Abstand von mehreren Jahrzehnten, der die einzelnen Beiträge voneinander trennt, lassen nicht unerhebliche Differenzen zwischen den Aufsätzen erwarten. Vor diesem Hintergrund könnte man die generelle Frage stellen, welche Gründe sich in dem Band selbst für das von Gumbrecht konstatierte „Abebben“ der Begriffsgeschichte finden lassen.
Der Artikel „Modern, Modernität, Moderne“, der 1978 in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ veröffentlicht wurde (und der in diesem Band durch einen kurzen, 2003 erstmals erschienenen Beitrag zur „Postmoderne“ ergänzt wird), legt bereits eine Antwort nahe: die Konzentration auf die Höhenkammliteratur. Entgegen dem Ansatz einer Begriffsgeschichte als Sozialgeschichte, wie sie von Gumbrecht skizzenhaft entworfen wird (S. 39), greift die begriffsgeschichtliche Praxis insofern eindeutig zu kurz, als die Auswahl der Sprecher stark reduziert ist. Schon eine Durchsicht der Fußnoten kann diesen Eindruck belegen. Dort finden sich vor allem die „üblichen Verdächtigen“, das heißt nach einigen antiken Autoritäten werden beispielsweise zitiert: Petrarca und Boccaccio, Fénelon und Voltaire, Winckelmann und Herder, Heine und Marx, Barthes und Luhmann – eine Liste, die sich fortsetzen ließe. Das sozialgeschichtliche Bemühen reduzierte sich im Fall der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ vielfach auf eine entsprechende Beflaggung, hinter der sich eine Ideengeschichte klassischen Zuschnitts verbarg. In diesem ideengeschichtlichen Kontext setzen die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ fraglos bis heute Maßstäbe; ihre eigenen hohen Ansprüche konnten sie jedoch kaum erfüllen.

Zudem hält Gumbrecht richtigerweise – und auch durchaus (selbst)kritisch – fest, dass bei der Auswahl dieser Grundbegriffe „letztlich keinesfalls ein besonders abstrakter oder komplexer Begriff davon, was ein ‚Grundbegriff‘ sei“, leitend war, „sondern die durch Erfahrung und bestimmte Erkenntnisinteressen orientierte Sicht bedeutender Historiker auf die Vergangenheit“ (S. 18). Diese Kritik ließe sich auch anders fassen: Ein zentrales Problem der spezifisch Koselleck’schen Begriffsgeschichte[1] liegt darin, dass sie immer schon weiß, was sie herausfinden möchte. Die Orientierung am übergeordneten Interpretament der „Sattelzeit“ hat insofern möglicherweise mehr Probleme als Lösungen mit sich gebracht.

Der sozialhistorische Anspruch ist bei Gumbrechts Artikel über „Philosophe, Philosophie“ für das „Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820“ (das maßgeblich von Rolf Reichardt geprägt wurde, der auch als Mitautor des Beitrags verantwortlich zeichnet) schon in wesentlich stärkerem Maße eingelöst. Dies machen bereits die methodischen Vorbemerkungen deutlich (S. 90), wonach gerade nicht mehr semantisch eindeutige Definitionen vorgelegt werden sollen, welche die Vielfalt von Wortbedeutungen und -verwendungen nivellieren. Zusätzlich ist die Perspektive wesentlich stärker auf das spezifische gesellschaftliche Umfeld Frankreichs im Ancien Régime ausgerichtet, so dass hier weniger (im Sinne eines zeitlich und geografisch engeren Fokus) tatsächlich mehr bedeutet. Auch das für die begriffsgeschichtliche Untersuchung verwendete Material ist wesentlich breiter gestreut und berücksichtigt neben literarischen Werken auch Zeitschriften und Gelegenheitsschriften. Allerdings kommt hier wohl am ehesten Gumbrechts These zum Tragen, dass sich die Begriffsgeschichte epistemologisch nicht eindeutig verorten kann (oder will), denn das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit bleibt in der Konzeption des „Handbuchs politisch-sozialer Grundbegriffe“ ambivalent.
Man kann es sich nicht ganz verkneifen, den Verzicht auf theoretisch-methodische Vorüberlegungen bei den drei abschließenden und vor allem dem Bereich der Ästhetik zuzuordnenden Artikeln über „Stil“, „Ausdruck“ und „Maß“ als symptomatisch zu begreifen. Ohne der Gefahr der Überinterpretation erliegen zu wollen, lässt sich darin möglicherweise eine gewisse Resignation gegenüber den Möglichkeiten der Begriffsgeschichte entdecken. Zumindest implizit verfolgen diese Artikel den Weg einer klassischen Ideengeschichte – und sind damit möglicherweise ungewollt wieder bei den Anfängen der Begriffsgeschichte angelangt, die wahrscheinlich nie etwas anderes war.

Eine Gesamtbeurteilung des Buchs fällt schwer. Man merkt den Artikeln an, dass sie recht unterschiedlichen Kontexten entstammen, auf unterschiedliche, den Leser/innen aber nicht immer ganz einsichtige Rahmenbedingungen seitens der ursprünglichen Herausgeber reagieren mussten und zudem sehr weit auseinander liegende Themenbereiche bearbeiten. Daher drängt sich nach der Lektüre möglicherweise eine ketzerische Frage auf: Wenn die Begriffsgeschichte ihre Zukunft tatsächlich schon hinter sich hat – und zumindest im Hinblick auf die idealistischen Vorstellungen des wissenschaftlichen Potenzials ist Gumbrecht hier durchaus zu folgen –, warum dann noch eine Sammlung mit begriffsgeschichtlichen Arbeiten?

Anmerkung:
[1] Siehe postum zuletzt: Koselleck, Reinhart, Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache. Mit zwei Beiträgen von Ulrike Spree und Willibald Steinmetz sowie einem Nachwort zu Einleitungsfragmenten Reinhart Kosellecks von Carsten Dutt, Frankfurt am Main 2006 (rezensiert von Reinhard Mehring: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-162>).

Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2007
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