J. Scholtyseck u.a. (Hrsg.): Die Überlebenden des deutschen Widerstandes

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Titel
Die Überlebenden des deutschen Widerstandes und ihre Bedeutung für Nachkriegsdeutschland.


Herausgeber
Scholtyseck, Joachim; Stephen Schröder
Reihe
Schriften der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V. 6
Erschienen
Münster 2005: LIT Verlag
Anzahl Seiten
153 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Fröhlich, Forschungssstelle Widerstandsgeschichte von FU Berlin und Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

„Und wie ich mich in dieser Versammlung umsah, da haben tausend Jahre Zuchthaus mich angeschaut.“[1] Kurt Schumachers Rückblick auf den ersten, im Mai 1946 in Hannover veranstalteten Nachkriegsparteitag der SPD gehört zu den bekanntesten Reflexionen über die Präsenz von Verfolgung und Widerstand während des Nationalsozialismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Susanne Miller hat die vielfältigen Gründe für die von Schumacher dennoch geübte Zurückhaltung bei der Thematisierung des Widerstandes skizziert und darauf hingewiesen, dass die „Mitarbeit dieser Menschen [...] am Aufbau der Bundesrepublik [...] den neuen Staat mitgeprägt [hat]. Dies deutlich zu machen“, bemerkte Miller Anfang der 1990er-Jahre, „bleibt weiterhin eine Aufgabe der Wissenschaft.“[2]

Mehr als 10 Jahre später behandelt der Sammelband „Die Überlebenden des deutschen Widerstandes und ihre Bedeutung für Nachkriegsdeutschland“ noch immer ein Forschungsdesiderat – umso mehr, als die Widerstandsforschung infolge der verstärkt betriebenen „Täterforschung“ etwas in den Hintergrund gerückt ist. Die Herausgeber, die Bonner Historiker Joachim Scholtyseck und Stephen Schröder, präsentieren in ihrem Band „wichtige Einzelergebnisse“ aktueller Forschungsarbeiten und noch keine „Synthese“ (S. 6). Die Analysen sind einem „biographischen Ansatz“ verpflichtet (S. 11), der besonders dort fruchtbar wird, wo die rekonstruierten Lebensläufe mit institutionengeschichtlichen Perspektiven, der Historiographie von Parteien oder der internationalen Geschichte verknüpft werden.

Unmittelbar nach 1945 war die Hoffnung der Überlebenden des Widerstandes groß, auf die politische Entwicklung in der Bundesrepublik Einfluss nehmen zu können. Scholtyseck und Schröder betonen allerdings eine schon wenige Jahre später erkennbare Zäsur. Bereits in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre hätten sich viele ehemalige Widerstandskämpfer „wie Fremde in der eigenen Republik“ gefühlt (S. 4). Während diese Zäsur vor allem durch Rückblicke ehemaliger Angehöriger des Widerstandes belegt zu sein scheint, die anlässlich des 10. Jahrestages des 20. Juli 1944 den Umgang mit dem Widerstand in der Bundesrepublik bilanzierten, wird die These des unmittelbar nach 1945 spürbaren Einflusses der ehemaligen Regimegegner von drei Beiträgen des Sammelbandes gestützt, die sich mit deren Arbeit in den Parteien beschäftigen. Tilman Mayer zeigt in seinem Aufsatz über „Christliche Demokraten aus dem Widerstand in der Politik der Bundesrepublik“, dass „die Erfahrungen aus der Verfolgung, vor allem aber auch aus dem eigentlichen Widerstand“ für die Gründung der CDU große Bedeutung hatten und dem „Unionsgedanken“ zum „Durchbruch“ verhalfen (S. 34). Rudolf Morsey beschreibt als „erste[n] und wichtigste[n] Antrieb zur Unionsgründung [...] ein[en] praktizierte[n] Ökumenismus“, der „aus den Erfahrungen der gemeinsamen Verfolgung und des gemeinsamen Widerstehens gegen den Nationalsozialismus“ resultierte (S. 43). Die Mitte der 1950er-Jahre konstatierte Einflusslosigkeit ehemaliger Regimegegner begründet Morsey mit einer Abschwächung des „Katakombengeistes“ (S. 53): Die zusammenschweißende Erfahrung von Verfolgung und Widerstand im NS-Unrechtsstaat verlor mit zeitlichem Abstand und der Ausdifferenzierung politischer Entscheidungsprozesse an Bedeutung.

Zu einem ähnlichen Befund kommt Heinrich Potthoff in seinem Aufsatz über die Sozialdemokraten. Den Zwiespalt, dass „das Erbe der Opposition gegen die NS-Diktatur [zwar] unter den von Sozialdemokraten besetzten Lenkungspositionen [...] überaus präsent“ war, „der Widerstand von Sozialdemokraten und anderen freiheitlichen Sozialisten [aber] weder die ihm gebührende Anerkennung bekommen noch [...] der Sozialdemokratie einen wirklichen, nachhaltigen Bonus in der politischen Landschaft im Nachkriegsdeutschland“ verschafft habe (S. 56), begründet Potthoff mit der in der Bundesrepublik betriebenen Fokussierung auf den Widerstand vom 20. Juli 1944. Hinzu kam die Wahrnehmung der „Gegner des Nationalsozialismus […] als Außenseiter, die sich außerhalb der nationalen Schicksalsgemeinschaft gestellt hätten“ (S. 59). Neben diesen geschichtspolitisch, mentalitäts- und gesellschaftsgeschichtlich relevanten und mittlerweile in der Forschung rekonstruierten Kontexten für die Abwehr einer Auseinandersetzung mit dem Widerstand erscheint die bereits von Miller formulierte, aber bisher nicht systematisch bearbeitete These besonders interessant, der Politikstil der ehemaligen Angehörigen des Widerstandes sei für Erfolg und Misserfolg ihrer Tätigkeit in der Bundesrepublik bedeutsam gewesen. Kurt Schumacher etwa habe im Kampf gegen den Nationalsozialismus eine „Unbedingtheit“ (S. 5) erworben, die ein auf Kompromisse angelegtes politisches Agieren in der Demokratie erschwert habe.

Henriette Schuppeners Beitrag über „Harald Poelchaus Bedeutung für das Nachkriegsdeutschland“ verfolgt die These weiter. Nach Schuppener bedeutete Poelchaus Arbeit als Gefängnispfarrer und Mitglied des Kreisauer Kreises während des Nationalsozialismus eine praktische Hilfe für inhaftierte Angehörige des Widerstandes, die auch nach 1945 seine Tätigkeit als Ansprechpartner für die Familien der Hingerichteten sowie seine Arbeit für eine Völkerverständigung motivierte. Eine Kontinuität des Handelns scheint also an die Möglichkeit gebunden gewesen zu sein, mit dem individuellen Stil politischen Engagements Handlungsräume in der Diktatur und in der Demokratie erschließen zu können. Rudolf Lills kurze Rekonstruktion der Lebenswege von vier rheinischen Hitler-Gegnern zeigt, dass auch die Analyse der politischen Tätigkeit von ehemaligen Angehörigen des Widerstandes aus der „zweiten Reihe“ (S. 5) aufschlussreiche Erkenntnisse über die „Leitmotive“ (S. 75) politischen Handelns in der Diktatur und in der Demokratie liefert.

Stefan Geilen rückt in seiner bis zur Gegenwart reichenden Analyse des „Widerstandsbild[es] der Bundeswehr“ in den Blick, wie Tages- und Geschichtspolitik bis hin zu internationalen Konstellationen die Handlungsräume ehemaliger Widerständler bei Aufbau und Institutionalisierung der Bundeswehr bestimmten. Christoph Studt findet für die Presse- und Kulturlandschaft der Bundesrepublik einen „kaum signifikante[n] Einfluss“ (S. 6) ehemaliger Widerstandskämpfer. Vielleicht ist sein Befund zutreffend, dass nur einzelne ehemalige Angehörige des Widerstandes in Presse und Kulturbetrieb der Bundesrepublik tätig wurden. Doch hatten nicht gerade Zeitungen für die Wahrnehmung des Widerstandes nach 1945 große Bedeutung?[3] Problematisch erscheint daneben die These, die frühe Berichterstattung der Zeitungen über Widerstand sei „weniger lebendiges Fortleben der Gedanken des Widerstandes, sondern mehr – wie ein Briefmarkensammler sagen würde – abgeschlossenes Sammelgebiet – ohne wirkliche Relevanz für die Gegenwart“ gewesen (S. 114). Hatte die Dokumentation von Widerstand in der frühen Bundesrepublik nicht eine wichtige Funktion, etwa für die Vermittlung von Wissen über die NS-Geschichte? Wenn Studt zudem mit Verweis auf Eckart Conze[4] die regelmäßig von Marion Gräfin Dönhoff in der „ZEIT“ publizierten Texte zum Widerstand nicht weiter berücksichtigt, markiert er eine methodische Grenze des mit dem Sammelband aufgegriffenen Themas. Denn für Studt war Dönhoff keine „Überlebende des Widerstandes“ (S. 101) – was im Prinzip zutrifft, die Perspektive auf den Widerstand und auf die Presselandschaft aber unnötig verengt.

Pia Nordblom und Michael Kißener rekonstruieren schließlich den politischen Einfluss ehemaliger Regimegegner am Beispiel der deutsch-französischen Verständigung nach 1945. Vor allem Kißeners Beitrag sowie die Texte von Geilen, Mayer, Morsey und Potthoff zeigen, wie wichtig eine Verbindung der Rezeptionsgeschichte von Widerstand mit sonstigen geschichtspolitischen, politik-, institutionen- und zeitgeschichtlichen Kontexten ist. Es bleibt ein Forschungsdesiderat, aus dieser Perspektive einen systematisch orientierten Zugang zur westdeutschen Demokratiegeschichte zu erarbeiten.

Eine kurze Reflexion Klemens von Klemperers über den „Nutzen des Zeitzeugen für die Historie“ rundet den Sammelband ab, der insgesamt belegt, dass der Widerstand gegen das NS-Regime in der Bundesrepublik zu keinem Zeitpunkt bloß „offiziell ‚vergessen’“ oder zur „staatlichen Heroisierung zu exkulpatorischen Zwecken“ (S. 27) funktionalisiert wurde. Allerdings verwundert, dass Scholtyseck in seiner die Ergebnisse des Bandes zusammenfassenden Einführung den Umgang mit den Regimegegnern und die Wahrnehmung des Widerstandes gegen den NS-Unrechtsstaat in der Bundesrepublik „irgendwo in der Mitte“ zwischen diesen beiden Hypothesen ansiedelt (ebd.). Scholtyseck schließt damit an die – gegen Ralph Giordano gewendete – Studie von Manfred Kittel über die „Legende von der ‚zweiten Schuld’“ an[5] und rückt die konkreten Analysen zum Umgang mit Widerstand in der Bundesrepublik aus dem Blick. Dabei zeichnen gerade die neun Studien im vorliegenden Sammelband empirisch fundiert die Mechanismen und Kontexte der Widerstandsrezeption nach.

Anmerkungen:
[1] Kurt Schumacher; zit. nach Steininger, Rolf, Deutschland und die Sozialistische Internationale nach dem Zweiten Weltkrieg, Bonn 1979, S. 223.
[2] Miller, Susanne, Widerstand und Exil. Bedeutung und Stellung des Arbeiterwiderstands nach 1945, in: Ueberschär, Gerd R. (Hrsg.), Der 20. Juli 1944, Köln 1994, S. 235-249, hier S. 237.
[3] Achim Oster etwa, Sohn des Widerstandskämpfers Hans Oster, hatte schon am fünften Jahrestag des 20. Juli 1944 in der „Rhein-Neckar-Zeitung“ einen offenen Brief an Otto Ernst Remer veröffentlicht. Dort hinterfragte er dessen politisches Engagement als Vorsitzender der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP) und wies darauf hin, dass Remer an der Niederschlagung des Widerstandes vom 20. Juli beteiligt gewesen war.
[4] Conze, Eckart, Aufstand des preußischen Adels. Marion Gräfin Dönhoff und das Bild des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 51 (2003), S. 483-508.
[5] Kittel, Manfred, Die Legende von der „zweiten Schuld“. Vergangenheitsbewältigung in der Ära Adenauer, Berlin 1993.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.06.2007
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