C. Rohrer: Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen

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Titel
Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen.


Autor(en)
Rohrer, Christian
Reihe
Colloquia Baltica 7/8 – Beiträge zur Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas
Erschienen
München 2006: Martin Meidenbauer
Anzahl Seiten
673 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Stelbrink, Soest

„Unzweifelhaft kam den Gauleitern unter den verschiedenen Zentren der Machtbildung und Machtausübung innerhalb der Hitler-Partei und im Dritten Reich wesentliche Bedeutung zu“.[1] Dieses Statement Hüttenbergers aus dem Jahre 1969 ist seitdem von keiner Seite ernsthaft in Abrede gestellt worden. Umso auffälliger erscheint die Tatsache, dass die zitierte frühe Pionierarbeit zunächst keine Initialzündung unter den Zeitgeschichtsforschern ausgelöst hat. Vielmehr sind die von Hitler einst als „Vizekönige“ bezeichneten Gauleiter erst seit etwa fünfzehn Jahren verstärkt ins Rampenlicht der NS-Forschung gerückt. Eine 2003 von Jeremy Noakes souverän gezogene Zwischenbilanz der einschlägigen Forschungen demonstriert eindrücklich die inzwischen erreichten beträchtlichen Erkenntnisfortschritte über die Gauleiter und ihre Herrschaftspraxis.[2] Trotzdem ist der Forschungsstand nach wie vor als unzureichend zu bezeichnen. Dies gilt insbesondere auch für den entlegenen NS-Gau Ostpreußen. Umso willkommener ist die ebenso unkonventionelle wie wertvolle Freiburger Dissertation Christian Rohrers, die manch schmerzliche Kenntnislücke zu schließen vermag.

Ausgangspunkt seiner Forschungen ist die von Hüttenberger und anderen postulierte, von Rohrer aber als Leerformel eingeschätzte „enorme Machtfülle“ (S. 11) des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch. Angesichts des defizitären Forschungsstands war es zunächst Rohrers Ziel, die Sachkenntnisse über den Aufstieg und die Machtetablierung der NSDAP in Ostpreußen auf eine solide, auf ausführlichem Quellenstudium fußende Grundlage zu stellen. An Hand dieser Ergebnisse möchte Rohrer sodann die problematisierte „Machtfülle“ Kochs inhaltlich präzisieren und zeitlich differenzieren. Zu diesem Zweck verortet er sie als ein wesentliches Teilelement in einem sich stetig verändernden Gefüge „nationalsozialistischer Macht in Ostpreußen“ (S. 20). Im Interesse einer möglichst präzisen Analyse verwirft Rohrer allerdings sowohl den unscharfen, vermeintlich aus sich selbst heraus verständlichen Alltagsgebrauch des Wortes „Macht“ als auch den in der NS-Forschung häufig verwendeten Machtbegriff Max Webers. Stattdessen entwickelt er einleitend in aller Kürze ein eigenständiges Konzept, das sich lose an entsprechende Theorien von Niklas Luhmann und Heinrich Popitz anlehnt. Dabei ersetzt Rohrer den Alltagsbegriff „Macht“ durch den Oberbegriff „Einfluss“, der in verschiedene „Einflussformen“ wie etwa „Macht“, „Tauscheinfluss“ und „Autorität“ ausdifferenziert wird (S. 22f.). Eine wesentliche Denkprämisse dieses Modells besteht in der Annahme, dass jegliche Form von „Einfluss“ auf Zuschreibung durch andere beruht. In diesen theoretischen Passagen wird dem Leser durchaus einige Gedankenakrobatik abverlangt. Möglicherweise hätte eine etwas ausführlichere Entwicklung des Konzeptes den Lektüreeinstieg erleichtert.

Mit Hilfe dieses theoretisch-terminologischen Instrumentariums begibt sich Rohrer an die Präsentation von insgesamt zwölf chronologisch aufeinander folgenden ausführlichen Fallstudien. Sie befassen sich u.a. mit verschiedenen Aufstiegsetappen der ostpreußischen NSDAP zwischen 1928 und 1933, der Machtergreifung, dem „Röhm-Putsch“, der „Oberpräsidentenkrise“ von 1935, der „Erich-Koch-Stiftung“, dem Gauparteitag von 1938 sowie der Annexion des Memellandes 1939. Jede dieser zwölf Fallstudien beginnt mit einem speziellen Problemaufriss, fährt fort mit einem breiten Informations- und Analyseteil und endet mit einem stringenten Zwischenresümee hinsichtlich der thematisierten „Machtfülle Kochs“.

Diese Fallstudien machen deutlich, dass Kochs expandierende „Machtfülle“ im Kern auf einer Vielzahl wechselseitig aufeinander einwirkender und sich gegenseitig verstärkender Faktoren beruhte. Dazu trugen etwa seine kumulierten Kompetenzen ebenso bei wie sein „Gefüge“ (S. 282 und öfter) aus loyal zuarbeitenden Personen, vielfältigen Kontakten und „praktisch unüberschaubaren“ (S. 282) materiellen und immateriellen Ressourcen. Besonders bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang unter anderem Rohrers detaillierte Ausführungen zur „Erich-Koch-Stiftung“. Sie entwickelte sich über ein Zeitungsimperium hinaus zu einem diversifizierten „(Misch-)Konzern“ (S. 416), der unkontrollierte Gewinne abwarf und ungeahnte Chancen auf Zurechnung von „Macht“, „Autorität“ und „Prestige“ (S. 449) einbrachte. Rohrer demonstriert jedoch ein feines Gespür für die fragile Architektonik von Macht, deren Eigengesetzlichkeiten auch im Falle Kochs und seines „Gefüges“ mit der steten Präsenz einer – zeitweise beträchtlichen – „Gegenmacht“ (S. 29 und öfter) einherging. Diese fand von 1931 bis 1935 ihre wichtigsten Kristallisationspunkte in den regionalen, von der Reichsebene her gestützten Formationen der SA, des Reichsnährstandes und der SS. Erst nach dem unbeschadeten Bestehen der „Oberpräsidentenkrise“ 1935 kam es in Ostpreußen durch gegenseitige Kompromissbereitschaft zu einer weitgehenden, allerdings nur informellen und stets prekären „Stilllegung von Gegenmacht“ (S. 546).

Die Machtexpansion der Gauleiter gewann bekanntlich während des Krieges beträchtlich an Dynamik und nahm schließlich ungeahnte Dimensionen an. Dies trifft in besonderem Maße auch für Koch zu. [3] Die Beschränkung der vorliegenden Untersuchung auf die Friedensjahre hinterlässt daher eine klaffende Lücke. Sie dürfte allerdings vornehmlich auf die Quellenlage zurückzuführen sein und ist somit dem Autor kaum anzulasten. Wenig überzeugend erscheint dem Rezensenten dagegen der wissenschaftliche Ertrag, der speziell aus der Anwendung der skizzierten Machttheorie Rohrers resultiert. Über die generelle Brauchbarkeit dieses Konzeptes soll an dieser Stelle gar nicht gerichtet werden. Zu konstatieren ist jedoch, dass Rohrer über weite Strecken mit der irritierenden Standardfloskel „Einfluss und Macht“ arbeitet, die Ober- und Unterbegriff scheinbar gleichwertig nebeneinander stellt. Taucht der Begriff der „Macht“ ausnahmsweise einmal alleine auf, so handelt es sich offenbar zumindest des Öfteren um einen Rückfall in die Alltagsterminologie. Von den anderen genannten „Einflussformen“ ist nur noch am Rande die Rede. Kurzum: Eine zutreffende, differenzierte und damit weiterführende Analyse der „Machtfülle“ Kochs wäre wohl auch ohne Rohrers theoretischen, die Lektüre bisweilen erschwerenden Ambitionen zu leisten gewesen.

Rohrers Arbeit ist keine umfassende Gaugeschichte. Ihr kommt aber unzweifelhaft das beträchtliche Verdienst zu, die „Machtfülle“ Kochs in ihren Grundlagen, Bedingtheiten, Abhängigkeiten, Krisen und Grenzen für die Friedensjahre des Regimes umfassend vermessen zu haben. Sie bietet damit wichtige Anknüpfungspunkte für eine weitergehende Erforschung der NS-Zeit in Ostpreußen. Allein der sich an die Untersuchung anschließende Anhang B, der auf knapp 60 Seiten die Kurzbiographien von nicht weniger als 433 ostpreußischen Funktionären enthält, dürfte eine Fundgrube für einschlägig interessierte Regionalhistoriker sein. Doch damit nicht genug: Rohrers Buch ist auch Pflichtlektüre für alle NS-Forscher, die sich mit der Geschichte anderer Gauleiter und Gaue befassen.

Anmerkungen:
[1] Zitiert nach: Hüttenberger, Peter, Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP, Stuttgart 1969, S. 7.
[2] Siehe: Noakes, Jeremy, „Viceroys of the Reich“? Gauleiters 1925-45, in: McElligott, Anthony (Hg.), Working Towards the Führer, Manchester 2003, S. 118-152.
[3] Siehe etwa die Hinweise bei: Hüttenberger, Peter, Die Gauleiter (wie Anm. 1), S. 178, 181, 192ff.

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Veröffentlicht am
02.10.2006
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