Cover
Titel
The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy


Autor(en)
Tooze, Adam
Erschienen
London 2006: Penguin Books
Anzahl Seiten
XXVIII, 800 S.
Preis
£30.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
André Steiner, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Man mag es kaum glauben, aber eine Gesamtdarstellung der Wirtschaftsgeschichte des „Dritten Reiches“ stellt bis heute ein Desiderat dar, trotzdem oder weil es eine Unzahl von Arbeiten zu Detailproblemen, zu verschiedenen Aspekten oder einzelnen Zeitabschnitten gibt. Mit dem vorliegenden Werk erhebt Adam Tooze – Senior Lecturer an der University of Cambridge – den Anspruch, als Erster seit sechzig Jahren eine solche kritische Gesamtschau vorzulegen (S. XXI). Bei Lichte betrachtet ist es aber mehr, was die Leser/innen erwartet: ein Versuch, das NS-Regime von seiner wirtschaftlichen Seite zu interpretieren. Angesichts der zentralen Rolle, die Aufrüstung und Krieg von Anfang an bei der Verwirklichung der Ziele Hitlers zukam, erscheint es auch als eine plausible Perspektive, dass Tooze eben diese beiden in den Mittelpunkt seiner Wirtschaftsgeschichte stellt. Dadurch liest sich der Band aber seitenweise auch wie eine Militärgeschichte und wirtschaftshistorische Aspekte, die man nach der Diskussion der letzten fünfzehn Jahre in dem Buch erwartet hätte, wie z.B. die Handlungsspielräume der Unternehmer, werden eher am Rande abgehandelt. Zudem erfahren die für Rüstung und Krieg weniger relevanten Teile der Wirtschaft in dieser Perspektive wenig Aufmerksamkeit.

Tooze baut seine Darstellung auf einer kritischen Würdigung der vielfältigen vorliegenden Forschungsliteratur und auf eigenen Recherchen in den einschlägigen deutschen, amerikanischen und britischen Archiven auf. Das Buch gliedert sich in zwanzig Kapitel, die von der Vorgeschichte in der Weimarer Republik bis zur Niederlage Deutschlands im Mai 1945 im Prinzip der Chronologie folgen. Sie sind drei Teilen zugeordnet, wobei die Zäsuren mit der Etablierung des Vierjahresplanes 1936 und den Vorbereitungen zum Überfall auf die Sowjetunion 1940/41 gesetzt werden. Im abschließenden Kapitel werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst, die hier nicht alle referiert werden können oder sollen.

Tooze arbeitet klar heraus, dass es eine erste Phase, in der das Regime den Schwerpunkt auf Arbeitsbeschaffung gelegt hätte, wie es in der älteren Literatur oft erschien, nie gegeben hat. Von Anfang an war die Aufrüstung das überragende Ziel der Wirtschaftspolitik. Das erforderte eine Umverteilung zu Lasten vor allem des privaten Konsums, wie sie in einer Marktwirtschaft noch nie erfolgt war. Dabei war das Konsumniveau nach neuesten Schätzungen der Preisentwicklung vor Kriegsausbruch noch niedriger, als es Tooze angibt (S. 254).[1] Zweifelsohne kann ihm gefolgt werden, wenn er betont, dass diese Militarisierung der deutschen Gesellschaft nicht nur von oben eingeführt wurde. Aber ob tatsächlich davon gesprochen werden kann, dass für viele Millionen „the collective mass-consumption of weaponry was a more than sufficient substitute for private affluence“ (S. 659), erscheint doch fragwürdig. Dagegen spricht beispielsweise die starke Unruhe in der Bevölkerung in der „Brotkrise“ von 1935, deren Bedeutung und Konsequenzen von Tooze wohl unterschätzt werden.

Diese Umverteilung beruhte auf einer extrem effektiven Mobilisierung der Ressourcen. Nach Tooze gab es jedoch keine kohärente Strategie, der die Diplomatie, militärischen Planungen und wirtschaftlichen Anstrengungen auf dem Weg zum Krieg folgten. Deutschland begann 1939 den Krieg nicht mit einer substantiellen, materiellen oder technischen Überlegenheit über seine Gegner im Westen. Warum Hitler, der sich dessen bewusst war, trotzdem angriff, erklärt Tooze mit drei ineinander greifenden Elementen: Erstens hatte die deutsche Wirtschaft im Sommer 1939 – wie bereits ständig seit der Weltwirtschaftskrise – nach wie vor erhebliche Zahlungsbilanzprobleme, die eine weitere Steigerung des Aufrüstungstempos nicht zuließen. Jedoch verhinderte das im Lauf der 1930er-Jahre immer mehr ausgebaute Instrumentarium der Außenwirtschaftskontrolle – entgegen der alten These von Timothy Mason – eine umfassende Krise, wie sie das NS-Regime 1934 erlebt hatte. Da Großbritannien, Frankreich, die USA und die Sowjetunion zur gleichen Zeit ihre Rüstungsanstrengungen beschleunigten, zeichnete sich eine Veränderung des Kräfteverhältnisses ab. Zweitens war die diplomatische Situation im Sommer 1939 mit der deutsch-sowjetischen Allianz und der damit verbundenen Garantie, für die Dauer des Paktes es nicht mit einer zweiten Front im Osten zu tun zu bekommen und wirtschaftlich die schlimmsten Konsequenzen einer westlichen Blockade mildern zu können, günstig. Und drittens kam hinzu, dass Hitler vor dem Hintergrund des ihn beherrschenden Antisemitismus eine „jüdische Verschwörung“ gegen das „Dritte Reich“ in den westlichen Ländern am Werk sah, die dessen internationale Umzingelung immer enger zog. Alle drei Faktoren gaben Hitler die Gewissheit, mit Warten nichts mehr gewinnen zu können.

Weiter zeigt Tooze, dass die Entscheidung Hitlers für den Überfall auf die Sowjetunion 1941 nicht nur ideologisch, sondern auch ökonomisch erklärt werden muss. Deutschland war zu schwach, um Großbritannien an den Verhandlungstisch oder in die Knie zu zwingen. In dem daraus resultierenden Rüstungswettlauf zwischen den USA und Großbritannien auf der einen Seite und Deutschland auf der anderen Seite konnte letzteres das Wirtschaftspotential des von ihm bis dahin eroberten europäischen „Großraums“ auf Grund verschiedener Defizite an Rohstoffen nicht vollständig ausnutzen. Mit den Getreideüberschüssen und den Ölvorräten der Sowjetunion meinte die NS-Spitze, dem Dilemma entkommen zu können. Da aber das Wettrüsten mit den angelsächsischen Alliierten nach wie vor im Mittelpunkt stand, wurden die wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht voll auf den Krieg gegen die Sowjetunion konzentriert. Man meinte zwei Kriege auf einmal führen zu können. Tatsächlich bekämpfte das „Dritte Reich“ aber noch beginnend mit den Juden die zivile Bevölkerung Osteuropas, wobei die dahinter stehende Vernichtungsideologie wiederum mit ökonomischen Motiven verbunden war, die auf die Lebensmittelversorgung nach der Rassenhierarchie rekurrierten.

Ihren Wendepunkt fanden diese Kriege im Dezember 1941 mit der ersten Niederlage im Feldzug gegen die Sowjetunion und der Kriegserklärung gegen die USA. Dabei war allen bewusst, die in Deutschlands militärischer und wirtschaftlicher Elite mit dessen Kriegsanstrengungen enger vertraut waren, dass man nun einem überwältigenden Wirtschaftspotential gegenüberstand, wobei die industrielle und militärische Macht der Sowjetunion – wie von Anfang an – weiter unterschätzt wurde. Diejenigen, die nach der Niederlage vor Moskau für die Kriegswirtschaft verantwortlich waren, wie Herbert Backe, Fritz Sauckel und Albert Speer, erwiesen sich als alles andere als unpolitische Technokraten, sondern Hitlers willige Gefolgsleute und Vollstrecker, wie Tooze im Anschluss an die neuere Literatur nachweist. Speers „Rüstungswunder“ – kürzlich auch von anderen in Frage gestellt [2] – beruhte weniger als bisher oft unterstellt auf Rationalisierung, sondern vielmehr auf einer Mobilisierung aller Ressourcen des „Dritten Reiches“. Die war wiederum eng verbunden mit den Fragen der Lebensmittelversorgung und der Arbeitskräfte, die von Backe und Sauckel in enger Verbindung mit Hermann Göring und Heinrich Himmler organisiert wurden. Selbst die Vernichtung der Juden erhielt in diesem Zusammenhang eine Funktionalität. Ab Sommer 1943 kam der Zusammenarbeit Speers mit Himmler und der SS zunehmende Bedeutung für das Vorantreiben der Kriegswirtschaft zu. Mit dem „Rüstungswunder“ stieg zwar die Kriegsproduktion, aber nicht in ausreichendem Maße, um dem Potential der Alliierten standhalten zu können. Das eigentliche Rüstungswunder fand nach Tooze 1942 in der Sowjetunion statt, bevor diese von den USA unterstützt wurde. Der deutsche Aufschwung in der Rüstungsproduktion fand bereits in den angelsächsischen Luftangriffen auf das Ruhrgebiet im März 1943 sein Ende. Das letzte Aufbäumen der deutschen Wirtschaft im Jahr 1944 war dem grenzenlosen Ausüben von Gewalt und Unterdrückung geschuldet, was dann schließlich in der Katastrophe im Frühjahr 1945 endete.

Dies und mehr – hier nur skizzenhaft angedeutet – wird von Tooze im Detail mit zum Teil überraschenden Ergebnissen dargestellt. Seine Thesen werden zweifelsohne die Diskussion über die Wirtschaftsgeschichte des „Dritten Reiches“ beleben. Bei einer solch umfangreichen Darstellung ist es aber auch nicht überraschend, dass sich Ungenauigkeiten und Fehler eingeschlichen haben. Technisch ist zu beklagen, dass die Grafiken ohne Quellenangaben wiedergegeben werden. Ebenso erwies sich das Register bei Stichproben nicht in jedem Fall als zuverlässig, das heißt nicht alle wesentlichen Textstellen zu einem bestimmten Stichwort waren auch tatsächlich enthalten. Das inzwischen bei vielen angelsächsischen Publikationen fehlende Literaturverzeichnis hat Tooze dankenswerterweise auf seiner Website (<http://www.hist.cam.ac.uk/academic_staff/further_details/wages-of-destruction.html>) den Interessierten neben anderen Materialien zum Buch zur Verfügung gestellt.

Alles in allem hat Tooze eine flüssig lesbare, ja bisweilen packende Darstellung vorgelegt, in der er mitunter auch vor Dramatisierungen nicht zurückschreckt. Jedoch hätte an manchen Stellen eine Straffung des epischen Textes die Lesbarkeit und Handhabbarkeit noch erhöht. In jedem Fall ist der Band jedoch allen – also über den Kreis der Wirtschaftshistoriker/innen hinaus – an der Geschichte des NS-Regimes Interessierten dringend zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Steiner, André, Zur Neuschätzung des Lebenshaltungskostenindex für die Vorkriegszeit des Nationalsozialismus, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte (2005) H. 2, S. 129-152.
[2] Scherner, Jonas; Streb, Jochen, Das Ende eines Mythos? Albert Speer und das sogenannte Rüstungswunder, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 93 (2006), S. 172-196.

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01.11.2006
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