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Titel
Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892-1985. Eine Biographie


Autor(en)
Dietze, Carola
Erschienen
Göttingen 2006: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
622 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Hacke, Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Biografik als geistes- und ideengeschichtliches Unternehmen behält ihre Faszination, besonders in Zeiten beschleunigten Wandels. Helmuth Plessners Leben eignet sich in besonderer Weise für eine biografische Untersuchung – ein Kind des Kaiserreichs, ein Mitbegründer der philosophischen Anthropologie, ein vielseitiger Philosoph und Soziologe, dessen zeitdiagnostische Schriften über „Die Grenzen der Gemeinschaft“ (1924) und „Die verspätete Nation“ (1935/59) langfristig zu Klassikern wurden. Überdies verlor der Sohn eines konvertierten und assimilierten Juden 1933 durch Berufsverbot seine wirtschaftliche Existenzgrundlage und musste emigrieren. In den 1950er-Jahren gehörte er zu den universitätspolitisch einflussreichen Remigranten, die sich um den Aufstieg der Soziologie an den westdeutschen Universitäten verdient gemacht haben.

Carola Dietze hat ihr Dissertationsthema also geschickt gewählt. Nach verschiedenen Werkanalysen und Einführungen legt sie die erste Plessner-Biografie mit umfassendem wissenschaftlichem Anspruch vor.[1] Die bereits mit dem Hedwig-Hintze-Preis des deutschen Historikerverbands ausgezeichnete Arbeit ist eine eindrucksvolle Forschungsleistung: Zum ersten Mal wertete Dietze Plessners Nachlass aus, vor allem die umfangreichen Briefwechsel, und nahm Einsicht in die Archive der Universitäten, an denen Plessner tätig war (Köln, Groningen, Göttingen). Herausgekommen ist ein Buch, das einen grundlegenden Beitrag nicht nur zur Intellektuellengeschichte, sondern vor allem auch zur deutschen Wissenschafts- und Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts leistet. Plessner war vielleicht keine Schlüsselgestalt, sondern im Gegenteil lange Zeit ein akademischer Außenseiter, doch durch seine Interessenvielfalt und häufigen Themenwechsel in den 1920er- und 1930er-Jahren kam er mit nahezu allen relevanten Denkern seiner Zeit in Kontakt: Martin Heidegger, Ernst Cassirer, Max Scheler, Karl Jaspers, Carl Schmitt – sie alle stehen in Verbindung zu seinen Schriften. Die Person Plessners eignet sich also in hohem Maße dazu, verschiedene intellektuelle Querverbindungen der Weimarer Zeit zu verfolgen.

Im Vordergrund von Dietzes konventionell chronologisch gegliederter Arbeit steht Plessners Wissenschaftskarriere. Persönliches bleibt eher schattenhaft, und die Biografin scheint Plessners fehlenden „Sinn für Intimitäten“ (S. 480) zu respektieren. Dies mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Plessners hoch betagte Witwe Monika (die als Gesprächspartnerin zur Verfügung stand) vermutlich das Bild ihres verstorbenen Gatten noch mitprägt. Es wäre jedenfalls nicht ohne Reiz gewesen, Plessners feinsinnige „Soziologie der Einsamkeit“ (Christian Geyer, Frankfurter Allgemeine Zeitung) mit seiner Persönlichkeitsentwicklung zu verbinden. Als behütetes, großbürgerlich sozialisiertes Einzelkind, das bis ins vierte Lebensjahrzehnt von den Eltern finanziell unterstützt wurde, konnte er sich eine Gelehrtenexistenz – wenn auch mit Nöten – leisten. Sein Weg führte Plessner von der Zoologie und explizit naturwissenschaftlichen Interessen immer mehr in Richtung Philosophie. Aufmerksamkeit erregten aber nicht Plessners schwer lesbare erste gelehrte Arbeiten („Die Einheit der Sinne“, 1923), die zu seinem Leidwesen kaum rezensiert wurden, sondern vor allem seine politisch-soziologisch inspirierten Großessays. Während seine Anthropologie „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ (1928) in ihrer Betonung von Künstlichkeit und „exzentrischer Positionalität“ des Menschen ganz im Schatten des gleichzeitig erschienenen Heideggerschen Hauptwerks „Sein und Zeit“ blieb, konnte er mit „Grenzen der Gemeinschaft“ (1924) sowie „Macht und menschliche Natur“ (1931) zumindest einen Kreis von Eingeweihten erreichen.

Ausführlich widmet sich Dietze dem beschwerlichen Berufsweg Plessners, von seiner Zeit in Köln über die Jahre in Groningen bis zu seiner Berufung nach Göttingen im Jahr 1950. Der Ablösungsprozess von seiner Heimat fiel ihm schwer, und die Virulenz des deutschen Antisemitismus entging dem vollständig assimilierten Lutheraner zunächst. Für Plessner gab es keine Alternative zur jüdischen „Inklusion bis zur Selbstaufgabe“ (S. 120). Es ist wohl auch Plessners Habitus zuzuschreiben, dass er im holländischen Exil weniger als „Halbjude“, sondern als Deutscher wahrgenommen wurde und deshalb nach dem Krieg den abstrusesten Vorurteilen ausgeliefert blieb, die seine Berufung in den Kollegenkreis erschwerten. Dennoch bot sich für Plessner nach 1945 Gelegenheit, ein Leben in akademischen Ämtern und Würden „nachzuholen“.

Plessners späte Jahre als „nachgeholtes Leben“ zu begreifen birgt allerdings die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit. Immerhin war die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus für Plessner wissenschaftlich am produktivsten – damals entstanden seine Hauptwerke, in denen er die Themen entwickelte, die später nur noch variiert wurden. Insofern ist es nicht ohne Ironie, dass der Ordinarius zwar sehr geachtet, aber im Vergleich zu anderen Soziologen der frühen Bundesrepublik – allen voran die nationalsozialistisch belasteten wissenschaftlichen Bestsellerautoren Hans Freyer, Arnold Gehlen, Helmut Schelsky – kaum gelesen wurde. Die Fehden jener Zeit dokumentiert Dietze eindrucksvoll. Im Briefwechsel mit Karl Löwith wehrte sich Plessner 1958 mit aller Macht gegen eine Berufung Gehlens nach Heidelberg: Er bestreite zwar keineswegs „die intellektuellen Qualitäten des Mannes“, aber man dürfe niemandem in den Sattel verhelfen, „der das Zeug dazu hat, eine ganze Generation mit der Feindschaft gegen eine demokratische Gesellschaftsentwicklung zu beseelen“. Löwith hingegen nahm einen toleranten Standpunkt ein. Man müsse die Studenten einem „klugen Hecht im Karpfenteich“, dem einzigem Kultursoziologen von Rang, aussetzen können (S. 456f.).

Mit der Konzentration auf die Emigrations- und Remigrationserfahrung leistet Dietze einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der ambivalenten Beziehungen zwischen Geisteswissenschaft und Nationalsozialismus. Dies führt aber ungewollt dazu, den Blick auf Plessners Bedeutung als Philosoph zu verstellen, ja das Politische in seinem Werk sehr einseitig mit der zeitgenössischen Erfahrung des Nationalsozialismus zu verbinden. Die von Dietze weitgehend ignorierte Renaissance Plessners betont zu Recht seine zivilisationsbejahende Liberalität, die in Entfremdung, sozialen Rollen und Institutionen die positiven Bedingungen individueller Freiheit erkennen lässt.[2] Plessner gehörte zu den rar gesäten deutschen Intellektuellen, die trotz aller Krisen an der liberalen Moderne festgehalten haben, ohne sie je zu einem Projekt erklären zu müssen. Wie Thomas Mann und Joachim Ritter verteidigte er im 20. Jahrhundert eine bürgerliche Moderne, in der das Individuum „diesseits der Utopie“ die Entfremdung aushalten müsse. Mit einer Verbeugung vor Plessner hat auch Ralf Dahrendorf seine ursprüngliche Idealvorstellung vom autonomen Individuum, das sich erst aus seinen sozialen Rollen zu befreien habe, zugunsten der Plessnerschen Position wieder aufgegeben.[3] Zudem hat Odo Marquard (von Dietze unerwähnt, aber immerhin Herausgeber der Plessner-Gesamtausgabe) wesentliche Motive Plessners ausgeschrieben und zu einer Philosophie der Bürgerlichkeit verarbeitet, die den Menschen vom Absoluten und vom Gemeinschaftskult entlasten soll. Diese Wirkungslinien, ebenso wie die Plessner-Rezeption bei Jürgen Habermas, spart Dietze aus.

Bedauerlicherweise werden auch Plessners Nachkriegsarbeiten, die den aristokratischen Gestus der Weimarer Zeit ablegten und sich der demokratischen Öffentlichkeit zuwandten, kaum auf die sonstigen Arbeiten der frühbundesrepublikanischen Soziologie bezogen. Deren empirische Wirklichkeitsversessenheit lag Plessner fern, und statt Klassen-, Familien- und Betriebssoziologie zu betreiben, warnte er vor einer eilfertigen Amerikanisierung des Faches. Sein anthropologisch und normativ inspiriertes Plädoyer für die Klassiker der Soziologie verhallte in der Wirtschaftswundergesellschaft. Erst im Zuge eines gewachsenen liberalen Selbstbewusstseins der Bundesrepublik ist Plessner als Denker wieder aktuell geworden. Seine nüchtern-distanzierte Kritik der Weimarer Gemeinschaftsideologien ließ sich nicht nur gegen die Neue Linke akzentuieren. Plessner liefert dem prekär gewordenen Individualismus der Gegenwart auch Anhaltspunkte, die „natürliche Künstlichkeit des Menschen“ neu zu begreifen und im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft produktiv zu wenden.[4]

Helmuth Plessner gibt ein Beispiel dafür ab, wie man im Laufe eines bewegten Lebens an wissenschaftlichen und politischen Überzeugungen festhalten kann, die grundlegend für den Liberalismus in der modernen Gesellschaft sind. Es ist das Verdienst von Carola Dietze, mit ihrer historisch fundierten, sehr lesenswerten Biografie zur erneuten und vertieften Beschäftigung mit diesem großen Philosophen des 20. Jahrhunderts anzuregen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. das Erinnerungsbuch von: Dejung, Christoph, Helmuth Plessner. Ein deutscher Philosoph zwischen Kaiserreich und Bonner Republik, Zürich 2003; sowie: Schüßler, Kersten, Helmuth Plessner. Eine intellektuelle Biographie, Berlin 2000. Schüßler behandelt in seiner Dissertation vor allem die Jahre bis 1933.
[2] Die Wiederentdeckung von Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ zeigt vor allem der ausgezeichnete Band von: Eßbach, Wolfgang; Fischer, Joachim; Lethen, Helmut (Hgg.), Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“. Eine Debatte, Frankfurt am Main 2002.
[3] Dahrendorf, Ralf, Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak, München 2004, S. 60ff.
[4] Als Beleg für Plessners Bedeutung im Hinblick auf gegenwärtige Diskussionen vgl. etwa: Lau, Jörg, Lob der Entfremdung, in: Merkur 57 (2003), S. 758-767.