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Titel
Briefe 1932-1992. Herausgegeben von Tilmann Lahme und Kathrin Lüssi.


Autor(en)
Mann, Golo
Reihe
Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt 87
Erschienen
Göttingen 2006: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
535 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Stunz, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Über Golo Mann ließ sich trefflich streiten: Den einen galt er als „Verzichtler“, weil er zum Akzeptieren der Oder-Neiße-Linie aufrief, den anderen als Erzkonservativer, der sich nicht zu schade war, für Franz Josef Strauß Wahlkampf zu machen. Beide Ressentiments sind ihrerseits schon Geschichte, auch wenn sie in der Beurteilung des schriftstellernden Historikers nachwirken. Golo Mann erhält als Zeuge des 20. Jahrhunderts zunehmend Bedeutung – auch in der Geschichtswissenschaft, die ihm besonders in den 1970er-Jahren vorwarf, ein veraltetes Geschichtsverständnis zu pflegen. Mann erweist sich nicht nur durch seine „Deutsche Geschichte“ oder den „Wallenstein“ als Historiker, dessen Bücher die Menschen auch kaufen. Seine Beobachtungen zum politischen Tagesgeschäft sind, wenn auch verstreut publiziert, ebenfalls bemerkenswert. Dass nun Briefe in Auswahl vorliegen, die beinahe zwei Drittel des vergangenen Jahrhunderts umspannen, ist in vielerlei Hinsicht ein Gewinn und öffnet in mehrfacher Hinsicht Einblicke: in die Historiografiegeschichte, in die Beurteilung von politischen Vorgängen, in Mentalitäten und Kommunikationsgewohnheiten des Bildungsbürgertums, in das Gefühlsleben eines Homosexuellen in prüder Zeit, in die Biografie eines Emigranten sowie in die Bedeutung von Netzwerken und Freundschaften zwischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert.

Seit einigen Jahren werden Manns Biografie und Geschichtsschreibung intensiver erforscht: Den Ausgangspunkt bildeten seine zweibändigen Lebenserinnerungen[1] sowie die Amsterdamer Dissertation von Jeroen Koch, die 1994 ins Deutsche übertragen wurde, inzwischen jedoch als überholt gelten muss.[2] Nachdem die Forschung eine Grundlage in Form einer Bibliografie erhalten hatte[3], legte Urs Bitterli eine umfangreiche Werkbiografie vor, in der der Mensch Mann jedoch ganz hinter den Denker zurücktrat.[4] In den Briefen kommt er nun stärker zum Vorschein.

Angesichts von mehr als 10.000 Briefen Manns ist die Auswahl von „nur“ 172 natürlich anfechtbar. Die allermeisten befinden sich nicht im Nachlass im Schweizer Literaturarchiv in Bern, sondern verstreut in Privatbesitz. Die im Archiv aufbewahrten Briefe stammen mehrheitlich aus der Zeit nach 1958, Manns Rückkehr nach Europa, und beziehen sich auf Alltägliches, Geschäftliches: Verlagskorrespondenz, Absagen, Hinhaltungen, Höflichkeiten. Es ist das große Verdienst der Herausgeber, aus dieser Masse eine Anzahl von Dokumenten herausgefiltert zu haben, die besondere Relevanz beanspruchen können und die auch die ersten vier Lebensjahrzehnte abdecken. Nimmt man die unpublizierten Tagebücher Manns hinzu, wird evident, welche Schätze für die Zeithistoriker/innen noch zu heben sind. Bereits einige Namen und Details deuten auf den Stellenwert Manns als eines Kommentators des 20. Jahrhunderts hin:

Konrad Adenauer, Egon Bahr, Willy Brandt, Wilhelm Hoegner, Theodor Oberländer, Edmund Stoiber, Hans-Jochen Vogel und Richard von Weizsäcker – dies waren einige der Politiker, mit denen Mann korrespondierte. Aus den Briefen spricht Freundschaft (Vogel), Verehrung (Adenauer), es dominiert aber die Analyse der Zeitläufte. Auf fünf eng bedruckten Seiten vertritt Mann gegenüber Oberländer seine Sicht auf die Frage der deutschen Ostgebiete im Kontext der deutschen Kriegsschuld und alliierten Denkens (S. 163ff.). Edmund Stoiber muss sich dafür zurechtweisen lassen, dass er Sozialisten und Nationalsozialisten auf einem CSU-Parteitag gleichsetzte (S. 259ff.). Es ging Mann also auch um politische Kultur, um Takt und darum, der Vergangenheit gerecht zu werden – gerade im politischen Alltagsgeschäft. Wilhelm Hoegner berichtet er angewidert, wie sich der CSU-Politiker Josef Müller, genannt „Ochsensepp“, aus Imagegründen als Naziverteidiger in Nürnberg andienen wollte (S. 92f.). Mann hatte stets ein klares politisches Urteil und erkannte beispielsweise frühzeitig, was Vietnam für die Amerikaner bedeuten würde.

Arnulf Baring, Karl Dietrich Bracher, Carl J. Burckhardt, Johannes Kunisch, Hans-Ulrich Wehler – unter ihnen finden sich Gleichgesinnte und Gegner. Mann hat nie Ansprüche im akademischen Sinne gehegt, nie eine Schule gebildet; er ist Einzelkämpfer geblieben. Dennoch wurden seine Bücher, wie Wehler berichtet, von vielen Universitätshistorikern/innen gelesen, sein Stil und seine Synthesefähigkeit sowie der erzählerische Duktus bewundert. Es erstaunt nicht, dass Mann Wehler mitteilt (S. 227ff.), an Theoriedebatten werde er sich nicht beteiligen. Dabei verwies er auf Albert Sorels Schriften über die Außenpolitik: brillante Analyse ohne Tabellen, Fußnoten, Empirie im sozialwissenschaftlichen Sinne, ganz wie sein eigenes „Friedrich von Gentz“-Buch. Mann musste aber auch konzidieren, dass er von den neueren Theorien, die er für untauglich hielt, herzlich wenig wusste. Geschichtsschreibung bedeutete für ihn Schreibpraxis und Narration. Gegenüber Johannes Kunisch beklagt er, sein „Wallenstein“ sei von der deutschen Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert worden (S. 289). Beobachtungen aus seiner Zeit beim Sozialistischen Studentenbund in Heidelberg aus dem Januar 1933 teilt Mann Karl Dietrich Bracher mit – eines von etlichen Beispielen für die Rechenschaft, die Mann in seinen Briefen gewollt und oft beiläufig gibt. Arnulf Baring teilt er als Reaktion auf dessen „Machtwechsel“-Buch mit, wie er die Guillaume-Affäre erlebt hat und beurteilt (S. 283f.). Manns Briefe legen stets die Frage nahe: Was konnte ein politisch aufmerksamer Mensch denken, wissen und befürchten? Mann hat sich oft als Kassandra erwiesen.

Raymond Aron, Marion Gräfin Dönhoff, Hermann Glaser, Rolf Hochhuth, Karl Jaspers, Erich von Kahler, Leonore Lichnowsky, Margaret von Hessen, Jean Rudolf von Salis und Dolf Sternberger – diese Namen stehen für die philosophischen Bande und das intellektuelle Umfeld, das für Golo Mann auch von Freundschaft geprägt war. Mit den genannten Personen schrieb er sich nicht nur höflich; sie waren ihm wie sonst nur die Familienmitglieder und engsten Freunde Gesprächspartner über Jahrzehnte. Ihnen gegenüber hatte er den Mut, auch die Grenzen seines Wissens und seiner Erkenntnis einzugestehen.

Ohne den Kommentar wäre die Briefausgabe nur die Hälfte wert. Dort finden sich zuverlässig der jeweilige zeitgeschichtliche Kontext, Erklärungen von Namen und Begriffen. Lahme und Lüssi erklären sogar erotische Anspielungen in Manns Privatsprache mit Freunden. Und dies zeigt auch, wie sehr die meisten Briefe doch privater Natur sind. Gerade weil in den Briefen eine besondere Schattierung einer Kultur der Freundschaft unter Intellektuellen aufscheint, wundert es, dass Lahme in seinem ansonsten erhellenden Nachwort diesen Aspekt unterbelichtet lässt. Gelegentlich sind Personenerklärungen im Kommentar von epischer Breite, und an entscheidenden Punkten fehlt eine schlüssige Verweisstruktur: Die Leser/innen sollten zum Beispiel schon ein wenig mehr über Pierre Bertaux erfahren, als dass dieser „ein langjähriger Freund“ gewesen sei (S. 336). Manche Information wird den Leser/innen unnötigerweise nachgetragen, beispielsweise dass der Limes ein Grenzwall sei und „Paris-Soir“ eine französische Tageszeitung (S. 349).

Die Initiative für den vorliegenden Briefband lag bei der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt). Mit Kathrin Lüssi, einer Schülerin von Urs Bitterli, konnte die Bearbeiterin des Golo-Mann-Nachlasses als Herausgeberin gewonnen werden. Tilmann Lahme hält die Erinnerung an Mann nicht nur als Redakteur im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wach; er wurde als erster an einer deutschen Universität (Kiel) mit einer Arbeit über Golo Mann promoviert und bereitet eine Biografie vor, für die er unermüdlich nach Gegenbriefen suchte und so wichtige Lücken schloss. Auf diese Darstellung darf man gespannt sein. Dem Wallstein-Verlag ist mit der vorliegenden Briefedition ein ansprechend gestalteter Band gelungen, der mittlerweile der vierten Auflage entgegengeht. Jeder, der sich für das 20. Jahrhundert interessiert, wird mit Gewinn zu dieser Edition greifen – wir haben nicht mehr viele Briefeschreiber/innen oder Chronisten von Gewicht, die derart Zeugnis ablegten.

Anmerkungen:
[1] Mann, Golo, Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland, Frankfurt am Main 1986; ders., Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich, Frankfurt am Main 1999.
[2] Koch, Jeroen, Golo Mann und die deutsche Geschichte. Eine intellektuelle Biographie, Paderborn 1998.
[3] Stunz, Holger R.; Jonas, Klaus, Golo Mann. Leben und Werk. Chronik und Bibliographie (1929–2004), 2., verbesserte und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2004.
[4] Bitterli, Urs, Golo Mann – Instanz und Außenseiter. Eine Biographie, Hamburg 2004 (siehe dazu meine Rezension: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-079>).