Cover
Titel
Empire of Nations. Ethnographic Knowledge and the Making of the Soviet Union


Autor(en)
Hirsch, Francine
Erschienen
Anzahl Seiten
367 S.
Preis
$ 27,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Teichmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Seit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion 1991 erfreut sich die Frage nach Nationen und Nationalitäten besonderer Beliebtheit. Inzwischen hat sich dieses Interesse offenbar zu einem „imperial turn“ erweitert.[1] Die Verschiebung vom Nationalen zum Imperialen brachte einen unverkennbaren Innovationsschub durch neue Fragestellungen, neue Periodisierungsvorschläge und einen neuartigen Blick auf die Biographien der russischen bzw. sowjetischen Elite. Wo sich die Historiographie des neuen Europa an internationalen Vergleichen abarbeitet, hat die Russlandforschung Kategorien der Dekonstruktion politischer Raumsubstrate, der „entangled modernities“ oder der „post-colonial studies“ in einer Reihe von lesenswerten Studien empirisch verarbeitet.[2]

In dieser Reihe steht Francine Hirschs Buch „Empire of Nations“. Ihr Thema ist die sowjetische Nationalitätenpolitik, die einerseits als Aneignung europäischer kolonialer Herrschaftstechniken behandelt wird, andererseits als Antwort auf die Bedrohung durch den aufkommenden deutschen Nationalsozialismus erscheint. Hirschs Studie legt ihren thematischen Schwerpunkt dabei auf die Ethnologen. Sie fragt, wie diese Expertengruppe zur Konsolidierung der Sowjetunion beitrug und wie das ethnologische Wissen für die Emanzipationsvision der Bolschewiki kompatibel gemacht wurde.

Als revolutionäre Dilettanten hätten die Bolschewiki, so Hirschs These, keinerlei Wissen über die Vielfalt der Nationen und ethnischen Gruppierungen ihres neuen Reiches gehabt. Daher gingen sie 1917 mit den Ethnologen der hauptstädtischen Forschungsinstitute zum beiderseitigen Vorteil eine strategische Allianz ein. Zarische Ethnologen konnten somit entscheidenden Einfluss auf die Festlegung administrativer Grenzen, die Kategorisierung ethnischer Zugehörigkeit und die öffentliche Repräsentation der Völkervielfalt in Volkszählungen und auf ethnographischen Ausstellungen gewinnen. Sie waren prägend für die administrative und politische Gestaltung des Imperiums, das während des Bürgerkriegs auf den Ruinen des Zarenreichs wiedererrichtet wurde.

Die zwischen der Revolution und dem Zweiten Weltkrieg erfolgte Umgestaltung des Vielvölkerreichs nach dem nationalen Prinzip beschreibt Hirsch – trotz aller Konflikte, Opfer und Verwerfungen – als homogenen, ideologiegesättigten Versuch des Sowjetregimes, alle Bewohner der Sowjetunion evolutionär aus ihrer „Rückständigkeit“ zu befreien. Die Autorin nennt dieses Vorhaben „state-sponsored evolutionism“ (S. 7-14). Das ihm zugrunde liegende Funktionsprinzip war nach ihrer Auffassung erstaunlich einfach: „double assimilation“ sollte dafür sorgen, dass die Bewohner des Landes in einem ersten Schritt verbindliche nationale Identitäten wählten und in einem zweiten Schritt ihre nationalen Identitäten im „sowjetischen Volk“ aufgehen ließen.

Im ersten Teil ihrer Studie „Empire, Nation, and the Scientific State“ zeigt Francine Hirsch, dass sich die politische Allianz zwischen Ethnologen und Bolschewiki personell und konzeptuell lange vor der Oktoberrevolution angebahnt hatte. Den Orientalisten Sergei Oldenburg, seit 1904 Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, hatte Lenin schon 1891 kennen gelernt. Damals war er nach Petersburg gekommen, um mehr über das Schicksal seines 1887 als Terrorist hingerichteten Bruders, Aleksander Uljanow, zu erfahren, der ein Bekannter Oldenburgs gewesen war. Obwohl Oldenburg und Lenin verschiedene politische Wege wählten, verband sie als Mitglieder der gebildeten Elite die Überzeugung von Russlands Rückständigkeit und die Hoffnung, sie durch eine wissenschaftlich fundierte und staatlich induzierte Modernisierung überwinden zu können. Schon im Dezember 1917 verhandelten sie über eine mögliche Kooperation zwischen der Akademie der Wissenschaften und den Bolschewiki.

Nicht durch Überzeugungskraft, sondern mit militärischer Überlegenheit und der Kooptation marginalisierter Eliten gelang es den Bolschewiki im Bürgerkrieg, das Imperium zusammenzuhalten. Dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ waren daher von Anfang an enge Grenzen gesetzt. Ohne die Ölfelder von Baku und die Baumwolle aus Zentralasien konnte das Kernstück der Modernisierungsagenda der Bolschewiki, die Industrialisierung, nicht vorangetrieben werden. Die Sowjetunion war in Hirschs Formulierung „work-in-progress“. Mit der Staatsgründung 1922 war der Prozess der Neuformierung des Imperiums nicht abgeschlossen: er begann erst. In der Formierungsphase der Sowjetunion rangen Vertreter des Nationalitätenprinzips mit Sympathisanten eines von den europäischen Kolonialökonomien inspirierten Modells territorialer Arbeitsteilung. Die administrative Karte der Sowjetunion in den 1920er-Jahren spiegelte den spannungsreichen Kompromiss zwischen beiden Prinzipien wider.

Im zweiten Teil ihres Buches „Cultural Technologies of Rule and the Nature of Soviet Power“ stellt Hirsch die Relevanz ethnologischen Wissens für die administrative und ideologische Formierung der Sowjetunion an drei Beispielen dar: der Volkszählung von 1926, der Festlegung von internen Grenzen (mit Schwerpunkt auf Mittelasien) sowie der Ausstellungsgestaltung in der Ethnographischen Abteilung des Russischen Museums in Leningrad. Erzählerischer Kern ist jeweils eine detaillierte Beschreibung der Arbeits- und Entscheidungsprozesse in den hauptstädtischen Institutionen. In einem zweiten Schritt werden Reaktionen „von unten“ auf umstrittene Grenzziehungen, nationale Kategorisierungen und Museumsausstellungen analysiert.[3] Hirsch schließt aus diesen Kommunikationsvorgängen, dass es der sowjetischen Führung mit Hilfe ihrer Experten von Beginn an gelang, die Bevölkerung durch ihre Nationalitätenpolitik erfolgreich zu mobilisieren und damit den Prozess der „double assimilation“ ins Werk zu setzen.

Der dritte Teil des Buchs steht unter dem Titel „The Nazi Threat and the Acceleration of the Bolshevik Revolution“. Die „Beschleunigung“ der Kulturrevolution 1929 markierte einen Bruch in der ethnographischen Beschreibung des Imperiums. Es sollten nicht mehr „exotische Völker“ untersucht, sondern die sich modernisierenden „sowjetischen Nationen“ beschrieben werden. Zudem waren die Ethnologen in den 1930er-Jahren angehalten, der deutschen „Rassenkunde“ die universale Bedeutung sozialer Bedingungen bei der „Rassenformation“ entgegenzusetzen (S. 259-263). Untermalt wurde diese Entwicklung von einer neuartigen Propaganda, die auf sowjetische „Völkerfreundschaft“ abzielte. Die Ethnologen waren an der Erfindung und Verbreitung der neuen Selbstbeschreibung maßgeblich beteiligt. Doch stand die Praxis der sowjetischen Nationalitätenpolitik im Widerspruch zur wissenschaftlichen und ideologischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Als Beispiele dienen Hirsch hier allerdings nicht die erwartbaren Völkerdeportationen und „nationalen Operationen“ der Terrorjahre 1937/38, sondern die praktische Auslegung der Passgesetze und die Volkszählungen von 1937 und 1939.

Mit „Empire of Nations“ ist Francine Hirsch eine tiefschürfende und anregende Studie über die Konzeption und Realisierung der sowjetischen Nationalitätenpolitik gelungen. Nüchtern und sachlich behandelt sie die „Sowjetisierung“ der Ethnologen mit ihren einschneidenden und erschreckenden Folgen. Detailreichtum und griffige Begriffsynthesen faszinieren und werfen eine Vielzahl weiterführender Fragen auf. Rätselhaft erscheint nach der Lektüre nur, warum die Autorin im Lauf der Untersuchung immer wieder die Einheitlichkeit, Modernität und ideologische Kontinuität der sowjetischen Nationalitätenpolitik betont. Die Geschichte wäre nicht weniger interessant gewesen, wenn sie die Widersprüchlichkeiten und Brüche als die dramatischen Wendepunkte dargestellt hätte, die sie (zumindest für viele Zeitzeugen) waren. Aus der Kontinuitätsthese ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die Interpretation der historischen Gesamtzusammenhänge: Stalins „Revolution von oben“ und den Terrorcharakter seiner Herrschaft als „state-sponsored evolutionism“ zu interpretieren oder über die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts für die sowjetische Nationalitätenpolitik hinwegzugehen, zeugt von starken Nerven.

Anmerkungen:
[1] The Imperial Turn, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 7/4 (2006), S. 705-712.
[2] Diese Entwicklung wird nicht immer ausreichend thematisiert, siehe: Hildermeier, Manfred, Osteuropa als Gegenstand vergleichender Geschichte, in: Budde, Gunilla; Conrad, Sebastian; Janz, Oliver (Hrsg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006, S. 117-136.
[3] Für die Meso-Perspektive der lokalen Eliten vgl. Fedtke, Gero, Wie aus Bucharern Usbeken und Tadschiken wurden. Sowjetische Nationalitätenpolitik im Lichte einer persönlichen Rivalität, in: ZfG 54/3 (2006), S. 214-231.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.08.2007
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag