W. Schwentker (Hrsg.): Megastädte im 20. Jahrhundert

Cover
Titel
Megastädte im 20. Jahrhundert.


Herausgeber
Schwentker, Wolfgang
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
308 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anne Huffschmid, Berlin

Es kursieren Begriffe, die keine Neugierde mehr aufrufen, sondern eher eine gewisse Müdigkeit. „Globalisierung“ ist so einer, oder „Neoliberalismus“ – und auch die „Megacity“ wäre womöglich bald eine Kandidatin. Es ist das Klischee der Monsterstadt, an dem immer wieder der Zerfall des Zivilisatorischen vorgeführt wird: Müll und Chaos, Gewaltexzesse und Menschenmassen, die sich durch urbanen Wildwuchs wälzen, bar jeder Planung und Kontrolle – das Gegenbild zur verheißungsvollen, glitzernden „Metropole“. Die rasant wachsenden Riesenstädte werden dabei oft als Ungetüme beschworen, die Krebsgeschwüren gleich an den Rändern unseres – zumeist eurozentristischen – Blickfeldes wuchern. Gerade in dieser organischen Metapher des Wucherns aber liegt der fundamentale Trugschluss: Denn „Stadt“ ist eben kein Naturereignis, sondern ein von Menschen produzierter sozialer Raum, eine Schnittstelle konkurrierender Akteure, Funktionen und Interessen, an der sich Macht- und Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen artikulieren. Zugleich ist die Stadt in ihrer Mega-Variante heute Überlebensraum marginalisierter Gruppen: Erstmals leben mehr Menschen in städtischen als in ländlichen Regionen, und nie zuvor hat ein Großteil von ihnen dort so elend gelebt.[1]

Von dem oftmals schrillen Sound des Megacity-Diskurses hebt sich der von Wolfgang Schwentker herausgegebene Band „Megastädte im 20. Jahrhunderts“ durch angenehme Nüchternheit ab. Es geht hier nicht um die Aneinanderreihung urbaner Superlative, sondern darum, wie diese Riesenstädte wurden, was sie heute sind, also um die historische Genese der Mega-Urbanisierung. Dabei wird der Begriff zunächst einfach als quantitative Kategorie eingeführt: Während die Schwelle zur „Metropole“ häufig bei einer Million Bewohner/innen angesetzt wird, werden Zusammenballungen von mehr als fünf Millionen Menschen „Megastädte“ genannt.[2] Die Aufsätze des Bandes zeichnen die Entwicklung von elf solcher Städte für jeweils spezifische Zeitabschnitte des vergangenen Jahrhunderts nach. Gern hätte man diesen in Zeit und Raum weit gespannten Bogen graphisch veranschaulicht gesehen – etwa in Karten, auf die der Herausgeber und die Autoren leider fast vollständig verzichtet haben. Die Fallstudien umfassen aus Amerika Chicago, Los Angeles, Mexiko-Stadt und São Paulo; aus Afrika Lagos; aus dem asiatischen Raum Shanghai, Tokyo, Delhi und Seoul sowie aus Osteuropa Moskau. Als einzige mitteleuropäische Stadt ist London vertreten, wo schon 1911 sieben Millionen Menschen lebten. Hatten 1940 weltweit gerade fünf Städte die Fünf-Millionen-Marke überschritten, die zudem alle in hochindustrialisierten Weltregionen lagen, so waren es um die Jahrtausendwende bereits 45 Megastädte – zwei Drittel davon in der südlichen Hemisphäre.

Doch ein schlichter Dualismus von Nord und Süd verbietet sich schon deshalb, weil jede Megastadt stets beides in sich trägt: den Anspruch, eine boomende Metropole zu repräsentieren, und den mehr oder weniger erfolgreich verdrängten eigenen „Süden“, also die vom Boom Aus- und Abgekoppelten. Entsprechend zieht sich der Versuch der Unsichtbarmachung von Armut wie ein Leitmotiv durch die hier versammelten Stadtporträts. Besonders deutlich wird dies in São Paulo, wie Matthias Harbeck und Jochen Meissner in ihrem prägnanten Beitrag zeigen: Die sozialräumliche Spaltung verläuft dort längst nicht mehr zwischen Land und Stadt, auch nicht mehr zwischen armer Peripherie und prosperierendem Stadtzentrum, sondern durch das Innerste des urbanen Raums, wo gegensätzliche soziale Schichten und kulturelle Milieus in enger räumlicher Nähe koexistieren – und gerade nicht verschmelzen.

Dass die Megastadt auch in ethnischer Hinsicht nicht automatisch zum Schmelztiegel wird, zeigt das Beispiel Los Angeles. Zwar verzeichnet die Stadt mit rund 60 Prozent heute den größten nicht-angelsächsischen Bevölkerungsanteil in den USA, wie Edward W. Soja und Allen J. Scott feststellen. Zugleich aber sei Los Angeles nach Chicago die Stadt mit der „ausgeprägtesten Rassentrennung“ (S. 293). Rassismen schlummern unter der multikulturellen Oberfläche, Verteilungskämpfe um Wohnen und Arbeiten werden zunehmend ethnisiert – zunächst vor allem zwischen weißen und schwarzen Unter- und Mittelschichten, in den 1990er-Jahren dann auch durch „Re-Latinisierung“ der Stadt (S. 298).

Klar wird bei den hier versammelten Fallbeispielen: Mega-Urbanisierung war niemals ein allmählicher oder gar linearer Prozess, Effekt einer unaufhaltsamen, primär von ökonomischen Kalkülen bestimmten Modernisierung. Vielmehr waren es vor allem politische Brüche, die grundlegende Parameter verschoben und Städten immer neue Gesichter verliehen: so zum Beispiel die Abschaffung der Sklaverei für São Paulo und Lagos, die Revolution für die mexikanische Hauptstadt, die indische Unabhängigkeit für Delhi oder soziale Revolten wie in Los Angeles 1992. Geradezu schwindelerregend ist der politische Paradigmenwechsel, den Erich Pilz für Shanghai nachzeichnet – von einer radikalen Freihandelspolitik über sozialistische „De-Metropolisierung“ und Abschottung hin zur erneuten Wiederbelebung unter dem Vorzeichen einer sozialistischen Marktwirtschaft.

Auch wenn sich der Herausgeber einer resümierenden Verklammerung der Einzelskizzen enthält, so kristallisieren sich bei der Lektüre doch eine Reihe weiterer übergreifender Leitmotive heraus, die als Forschungsfelder und -fragen auch in die Gegenwart fortzuschreiben wären. Neben der schon erwähnten sozialen und ethnischen Fragmentierung zählt dazu die Frage der Planbarkeit, als Einhegung privater Interessen und Gestaltung der sozialen Stadtgeographie. Extremes Beispiel für eine – zumindest bis 1940 – nur durch Marktkalküle „gesteuerte“ Stadt ist die Industriemetropole Chicago, deren gewaltförmiges Wachstum durch eine Tradition des „Privatism“ (S. 39) geprägt ist und wo alle Sozialpolitik sich folgerichtig auf private Charity-Iniativen beschränkt. Marcus Gräser skizziert Chicago als Ikone einer rohen, rein am Markt orientierten Moderne. Aktive Stadtpolitik wurde interessanterweise erst „in den Versuchen der Krisenbewältigung“ seit der Weltwirtschaftskrise begonnen (S. 45).

Das Gegenstück dazu wäre der realsozialistische Planungsfetischismus, den Dietmar Neutatz in seinem Beitrag über Moskau als „Megastadt des Sozialismus“ darlegt und der allerhand monströse Effekte zeitigte. Rekurrierte die postrevolutionäre Stadtplanung zunächst auf die bürgerliche urbane Infrastruktur, so wurden die Städte schon kurz darauf durch die Kollektivierung der Landwirtschaft und die forcierte Industrialisierung zum Überlaufen gebracht. Die Folgen waren die berüchtigten Zwangswohngemeinschaften und eine Baracken-Wohnkultur, später dann futuristische Experimente und der Versuch, die Landflucht über so genannte Inlandspässe zu begrenzen, also die Bewegungsfreiheit drastisch zu beschneiden.

Fast überall sind Megastädte paradoxe Gebilde: stark und schwach, mächtig und abhängig zugleich. Zwar ist in ihnen eine geballte Wirtschafts- und Finanzmacht des Landes versammelt, doch ist das Städtische oftmals vom Nationalen überlagert. Wo die Megastadt gleichzeitig Hauptstadt ist, hat sie nicht selten den Aufstieg einer Nation zu verkörpern, wie etwa im Beitrag von Lee Eun-Jeung über die „Seoul-Republik“ als Inbegriff des koreanischen Wirtschaftswunders deutlich wird. Zugleich sind es Städte mit „einem Loch in der Mitte“, wie Rainer Liedtke in seinem Beitrag über London schreibt (S. 82): Die Innenstadt ist zumeist Hoheitsgebiet der Bundesregierung, oft ohne Budgethoheit und deshalb mit wenig Spielräumen für metropolitane Selbstverwaltung.

Eine interessante Erkenntnis der übergreifenden Lektüre ist es schließlich, dass Informalisierung nicht als Deformation, sondern als Stukturprinzip des Urbanen zu verstehen ist. Dies arbeitet Andreas Eckert explizit am Beispiel der nigerianischen Megastadt Lagos heraus; es gilt im Grunde aber für alle anderen Megastädte. Informalität ist Voraussetzung und Bestandteil der urbanen Ökonomien, da der formal kontrollierte Sektor die Nachfrage nach städtischem Land, nach Wohnfläche und Arbeit ohnehin nie befriedigen kann und die informellen Strukturen komplementär dazu gewachsen sind. Dies bedeutet nicht automatisch Chaos, sondern ist für die städtischen Ökonomien durchaus funktional: Wie Michael Mann am Beispiel Delhis zeigt, waren dort in den 1990er-Jahren immerhin 63 Prozent aller Arbeitenden im informellen Sektor tätig (S. 190). Dies wiederum hat vor allem mit denen zu tun, die neu in die Stadt kommen. Wie sie dies tun, wo sie sich niederlassen und wen sie womöglich verdrängen, hängt davon ab, ob sie Kriegs-, Religions- oder Wirtschaftsflüchtlinge sind, angeworbene oder illegale Zuwanderer aus dem In- oder Ausland. Fast immer aber führen die Migrationsströme, ohne die keine Megastadt heute vorstellbar wäre, zu einer Ethnisierung der öffentlichen Räume.

Der Fokus der überaus faktenreichen und gewinnbringenden Aufsatzsammlung liegt auf der urbanen Hardware, also auf der räumlichen, baulichen und territorialen Entwicklung der Megastädte. Nur gestreift werden jene Sphären, in denen sich Grenzen verflüssigen und neue öffentliche Räume entstehen, in denen um Stadtgestaltung, Bürgerrechte und Souveränität gerungen wird. Eine Annäherung an diese Fragen führt zu den politischen und kulturellen Imaginarios, wie die lateinamerikanische Stadtforschung kollektive Bilder und Vorstellungswelten nennt – etwa die Wahrnehmung der Metropole als Moloch oder Möglichkeitsraum, das Feld der Erinnerungskulturen oder auch die Veränderung ganzer Stadtimages. So konstatiert Schwentker für das Tokyo-Image, dass es sich von einer „Stadt des Wassers“ zu einer „Stadt des Landes“ verschoben habe (S. 142); Harbeck und Meissner beobachten für São Paulo einen Paradigmenwechsel vom „Schutz vor Krankheit“ zum „Schutz vor Kriminalität“ (S. 272). Für die stärkere Berücksichtigung dieser diskursiven Software bieten sich kulturwissenschaftliche Zugänge an, die städtische Texte und Texturen im Hinblick auf ihre sprachliche, bildliche und räumliche Konfiguration untersuchen. Dabei würde nicht zuletzt der Eigensinn der Megastädte stärker zum Vorschein kommen: Denn diese sind zwar keine lebenden Wesen, wie die mediale Mythen- und Klischeemaschine uns glauben machen will, aber eben doch von lebendigen Menschen bewohnt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa: Davis, Mike, Planet der Slums, Berlin 2007.
[2] Andere Institutionen operieren mit Schwellengrößen von 8 oder 10 Millionen Einwohnern.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.03.2007
Redaktionell betreut durch