Amerikanisierung in Deutschland und Europa

Stephan, Alexander; Vogt, Jochen (Hrsg.): America on my mind. Zur Amerikanisierung der deutschen Kultur seit 1945. Paderborn  2006. ISBN 3-7705-4329-7

Linke, Angelika; Tanner, Jakob (Hrsg.): Attraktion und Abwehr. Die Amerikanisierung der Alltagskultur in Europa. Köln  2006. ISBN 3-412-34405-2

Kelleter, Frank; Knöbl, Wolfgang (Hrsg.): Amerika und Deutschland. Ambivalente Begegnungen. Göttingen  2006. ISBN 3-89244-959-7

Koch, Lars (Hrsg.): Modernisierung als Amerikanisierung?. Entwicklungslinien der westdeutschen Kultur 1945-1960. Bielefeld  2007. ISBN 978-3-89942-615-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus M. Payk, Universität Stuttgart

Seit den späten 1980er-Jahren hat sich die Geschichtswissenschaft, und hier insbesondere die Zeitgeschichte, zunehmend für die vielfältigen Beziehungen zwischen Europa und Amerika interessiert.[1] Das feingliedrige System der transatlantischen Rück- und Wechselwirkungen, wie es sich im 20. Jahrhundert merklich vertieft und verdichtet hatte, sollte aus historischer Perspektive erkundet werden, was durch das Ende des Kalten Krieges dann einen nachhaltigen Schub erhielt. Rasch rückten zudem solche Themen und Betrachtungsweisen in den Mittelpunkt, die jenseits der Hochebene einer hergebrachten Diplomatiegeschichte mit ihren sicherheitspolitischen und militärstrategischen Erwägungen angesiedelt waren und vor allem kulturhistorisch inspirierte Blicke auf die viel behauptete, aber bis dahin selten erforschte „Amerikanisierung“ Deutschlands und Europas warfen.

Bereits zum Ende der 1990er-Jahre war der Ertrag dieser Sondierungen beachtlich. Hier sei lediglich auf die konzeptionellen Vorstöße von Volker R. Berghahn, Anselm Doering-Manteuffel, Kaspar Maase, Philipp Gassert und Axel Schildt hingewiesen oder auch auf die wichtigen empirischen Studien von Uta G. Poiger und Jessica C.E. Gienow-Hecht.[2] Auch das voluminöse zweibändige Handbuch von Detlef Junker muss an dieser Stelle genannt werden, kommt ihm doch für die Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen der Nachkriegszeit eine herausragende, geradezu enzyklopädische Orientierungsfunktion zu.[3]

Auf diesem Forschungsfeld ist in jüngster Zeit eine beachtliche Zahl weiterer Publikationen hinzugekommen, was zwar ein fortdauerndes Interesse an den transatlantischen Beziehungen dokumentiert, zugleich aber nicht ohne Probleme ist. Denn die weit überwiegende Mehrzahl dieser neuen Forschungsbeiträge findet ihren Niederschlag in Sammelwerken, von denen sich allein für die Jahre 2006–2008 nicht weniger als ein Dutzend benennen ließe.[4] Angesichts der Tatsache, dass dieser Vielzahl von Aufsätzen nur wenige ausführlichere Monographien, zumal in Gestalt von Qualifikationsschriften, gegenüberstehen, scheint dieser Themenbereich eine besondere Affinität zur Form der kurzen, empirisch eng umgrenzten oder essayistischen Abhandlung zu besitzen.

Aus dem Spektrum jüngerer Publikationen seien hier vier Sammelbände unterschiedlichen Zuschnitts herausgegriffen, die einen exemplarischen Rundblick über die neueren Entwicklungen auf dem Forschungsgebiet der deutsch-amerikanischen Wechselverhältnisse versprechen. Angesichts von immerhin 54 Aufsätzen[5] soll nicht versucht werden, die Kernaussagen sämtlicher Beiträge in komprimierter Form hintereinander zu reihen, sondern es kann an dieser Stelle allenfalls um eine Reihe von Impressionen und übergreifenden Deutungen gehen. Auch wird von einer Kritik an der mangelnden Stringenz der einzelnen Bände abgesehen; dies ist ein hinreichend bekanntes Problem dieses Publikationstyps.

Zu den Veröffentlichungen im Einzelnen: Der Band „Amerika und Deutschland. Ambivalente Begegnungen“, herausgegeben vom Amerikanisten Frank Kelleter und dem Soziologen Wolfgang Knöbl, ist aus einer Göttinger Ringvorlesung erwachsen, und so erstaunt es zunächst nicht, dass dieses Werk die größte innere Spannbreite der besprochenen Bücher aufweist. Dafür stößt der Leser auf ein Panorama von instruktiven Beiträgen unterschiedlichster fachwissenschaftlicher Provenienz, die trefflich belegen, wie anschaulich und überzeugend vermeintliche Spezialforschungen präsentiert werden können. Dazu gehört eine Untersuchung von Kelleter über die unterschiedliche kulturelle Bedeutung des Geldes in Deutschland und den USA oder auch der Beitrag von Wolfgang Thöner über die amerikanischen (Re-)Importe des Bauhauses. Naheliegender Weise stellen zahlreiche Beiträge einen Bezug zu Göttingen und zur dortigen Universität her, wobei die dichte Lokalstudie von Reimer Eck über die amerikanische Kolonie in der Stadt positiv herausragt. Angesichts des Entstehungskontextes ist zudem nachvollziehbar, dass einige Aufsätze außerhalb der wissenschaftsinternen Debattenkreise angesiedelt sind, seien es nun politisch-deklamatorische Einlassungen zum Stand der transatlantischen Beziehungen (so bei Karsten D. Voigt) oder Selbstvergewisserungen zum Einfluss Amerikas auf die eigene Biographie (so bei Winfried Fluck oder Konrad Heidkamp).

Demgegenüber fasst der von Lars Koch herausgegebene Band „Modernisierung als Amerikanisierung?“ die Ergebnisse einer deutsch-niederländischen Fachtagung zur westdeutschen Kulturgeschichte zwischen 1945 und 1960 zusammen. Allerdings werden die beiden titelgebenden Leitbegriffe mit ihren weitreichenden methodischen Implikationen bereits in der Einleitung relativiert und zugunsten einer postmodern eingefärbten „Sensibilität für gegenläufige Bewegungen und historische Ungleichzeitigkeiten“ aufgegeben (S. 13). Eine Antwort auf die titelgebende Frage, ob und inwieweit Amerikanisierung denn nun einen Modus von Modernisierung darstellt, ob es sich um eine Parallelbewegung handelt oder man von inkommensurablen Kategorien ausgehen sollte, bleibt der Herausgeber in seinem einleitenden Beitrag damit jedoch schuldig. Solider ist der sich anschließende Überblick von Axel Schildt, der nicht nur mit sicherer Hand den Forschungsstand zum amerikanischen Einfluss auf die frühe Bundesrepublik Deutschland skizziert, sondern auch deutliche Skepsis gegenüber den analytischen Potenzialen des Begriffs „Amerikanisierung“ artikuliert (S. 25-28).

Bei den weiteren Aufsätzen dieses Sammelbands fällt zunächst der erfreuliche Umstand auf, dass eine vergleichsweise ausgewogene und vollständige Behandlung der unterschiedlichen „Kulturfelder“ unternommen wurde: Literatur und Publizistik, Film und Fernsehen finden ebenso Berücksichtigung wie Musik, Malerei oder Design. Nicht immer ist die Verknüpfung zum Rahmenthema jedoch sonderlich ausgeprägt. Der an sich sehr instruktive Beitrag von Andreas Käuser über die intellektuelle Medienkritik von Adorno, Gehlen und Plessner kommt beispielsweise nahezu ohne Bezug zum Problem einer Amerikanisierung aus, ähnlich auch der Artikel von Erika Fischer-Lichte zum Nachkriegstheater.

Abgeschlossen wird der Band durch einen umfangreichen Aufsatz von Kaspar Maase, der die intellektuellen Debatten über „Massenkultur“ und Demokratie in den USA und der Bundesrepublik in vergleichender Perspektive erörtert. Dabei weist der Autor unter anderem darauf hin, dass eine schematische Gegenüberstellung der beiden nationalen Diskurse zu kurz greift. So war beispielsweise die Abwehr massen- und populärkultureller Unterhaltungsformen keineswegs nur unter deutschen, sondern auch unter amerikanischen Intellektuellen weit verbreitet, wo sie in „Reichweite und Resonanz die deutschen Gegenstücke deutlich in den Schatten“ stellte (S. 307). Zugleich unterstreicht Maase nachdrücklich die unterschiedlichen demokratischen „Rahmungen“ dieser elitären Distanzierung von der Masse, die in beiden Ländern eine je andere Funktion besaß, sich aber auch als veränderlich erwies. In der jungen Bundesrepublik wurde, anders als in der Weimarer Republik, das Phänomen einer „Vermassung“ nur noch von einer Minderheit als Symptom demokratischer Degeneration beklagt, sehr viel häufiger aber in konstruktiver Weise als Herausforderung für die Stabilität und Integrität der Demokratie begriffen.

Etwas abseits dieser auf die bundesrepublikanische Nachkriegskultur konzentrierten Forschungen steht der Sammelband von Angelika Linke und Jakob Tanner. Während die Zürcher Herkunft des Bandes zu einer starken Berücksichtigung der Schweizer Geschichte führt, schlägt sich die doppeldisziplinäre Herangehensweise des Herausgebergespanns in einer fruchtbaren Kombination von sprach- und geschichtswissenschaftlichen Beiträgen nieder. Bereits die Einleitung lässt eine intensive methodische Reflexion erkennen. Um dem diagnostizierten Theoriedefizit der bisherigen Erforschung europäisch-amerikanischer Wechselverhältnisse entgegenzutreten, werden vor allem historisch-semantische Überlegungen, aber auch ethnologisch-alltagskulturelle Ansätze integriert. Das dabei entworfene Hauptargument, welches in den nachfolgenden Beiträgen jedoch nur partiell fortgeführt und verifiziert wird, zielt auf die Annahme einer europäischen Selbstbeschreibung im Reden über Amerika. Dies bedeutet vor allem eine Absage an Vorstellungen einer einseitigen und einlinigen Vereinnahmung Europas von Seiten der USA. Stattdessen wird hier von vielgestaltigen Transkulturations- und Aneignungsprozessen ausgegangen, die je nach sozialen, kulturellen und sprachlichen Konstellationen zu differenzieren sind.

Eine besondere Bedeutung in diesen Adaptions- und Übersetzungsvorgängen kommt den Herausgebern zufolge der Populärkultur zu, welche nicht als Gegensatz zu einer wie auch immer definierten Hochkultur begriffen wird, sondern als originäres Produkt europäischer Wahrnehmungen und Verhandlungen amerikanischer Kultur. Entsprechend nimmt die Mehrzahl der Aufsätze die diskursive, gedankliche und semantische Präsenz der USA in Europa in den Blick, wobei einmal mehr die reservierte bis aggressiv-ablehnende Haltung der mitteleuropäischen Eliten hervortritt. Die Artikel von Theo Mäusli über das Schweizer Radio, von Albrecht Riethmüller über den deutschen Musikfilm „Heimat“ (1938) oder von Michael H. Kater über die Hamburger Swing-Jugend im „Dritten Reich“ zählen unter anderem dazu. Besonders erwähnenswert ist daneben der Beitrag von Regula Bochsler, die anhand verschiedener alltagskultureller Konflikte (um Kaugummi, Drinks oder Swing) die Aushandlungsprozesse der Schweizer Gesellschaft zu „Amerika“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht.

Bei dem vierten zu besprechenden Sammelband, herausgegeben von Alexander Stephan und Jochen Vogt, handelt es sich um einen Zwilling zu dem ebenfalls 2006 unter gleicher Herausgeberschaft erschienenen Buch „Das Amerika der Autoren“. Werden dort vor allem literarische und publizistische Auseinandersetzungen mit den USA thematisiert, so untersucht der vorliegende Band vor allem Amerikadeutungen aus dem Bereich der nichtschriftlichen Kulturproduktion (Radio, Film, bildende Künste/Design etc.), obwohl sich die Grenzen nicht immer eindeutig ziehen lassen – der Beitrag von Anne-Marie Corbin über Friedrich Torberg und seine Zeitschrift „Forum“ zeigt es an. Dem pragmatischen Gestus dieser Aufteilung entspricht, dass die knappe Einleitung das Forschungsfeld und seine Kontroversen, aber auch den weiteren Entstehungskontext des Bandes nur mit einigen lapidaren Sätzen streift.[6]

Die vertiefte Einführung in die „Amerikanisierung der deutschen Kultur seit 1945“, wie immerhin der Untertitel des Bandes lautet, wird daher erst in Form von zwei Überblicksaufsätzen geboten, die sich in ihren Grundthesen wohltuend deutlich voneinander abheben, in der Abfolge aus unerfindlichen Gründen aber hinter dem etwas freischwebenden Beitrag von Gret Haller platziert worden sind. Mitherausgeber Stephan vertritt in seinem Artikel die fast schon klassisch zu nennende Position, dass die amerikanische Besatzungszeit als entscheidende Prägephase für das westdeutsche Amerikabild zu gelten habe und alle späteren Einflüsse der USA auf die Bundesrepublik vor diesem Hintergrund gesehen werden müssten, so dass sich von einem „Sonderfall der Amerikanisierung“ sprechen lasse (S. 29). Der damit einhergehende Export von amerikanischen Kulturformen und Kulturpraktiken wird als zwar wechselvoller, mit mancherlei Konflikten und unbeabsichtigten Konsequenzen behafteter Vorgang beschrieben, der für die Bundesrepublik letztlich aber derart positiv ausgeschlagen sei, dass die „seit 1945 in der Alten Welt praktizierte Symbiose von europäischer und amerikanischer Kultur“ (S. 50) der übrigen Welt zum Vorbild gereichen könne, insbesondere auch den USA selbst. Demgegenüber zeigt sich Frank Becker im zweiten Überblicksbeitrag deutlich skeptischer. So verweist er darauf, dass „Amerika“ bereits im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im NS-Staat eine ebenso dominante wie vielseitige Chiffre der politisch-kulturellen Kommunikation gewesen sei, weshalb auch der Amerikadiskurs der Nachkriegszeit eher von Kontinuitätslinien strukturiert gewesen sei und kaum einen voraussetzungslosen Neuanfang anzeigen würde. Daneben dränge sich angesichts der semantischen Offenheit und inhaltlichen Vagheit der amerikabezogenen Referenzen und Projektionen ohnehin die Frage auf, inwieweit bestimmte Entwicklungen der (west)deutschen Gesellschaft überhaupt sinnvoll mit den USA in Verbindung gebracht werden könnten: „Die Zuordnungen scheinen fast beliebig zu sein.“ (S. 72)

Zu den weiteren interessanten Aufsätzen dieses Bandes gehören Steven P. Remys Beitrag über den Zusammenhang zwischen ungenügender Entnazifizierung und „gescheiterter ‚Amerikanisierung’“ der Universität Heidelberg sowie ein Text von Jessica Gienow-Hecht, der die „verhinderte ‚Amerikanisierung’ des Musikkritikers Hans Heinz Stuckenschmidt“ behandelt. In beiden Fällen werden die begrifflichen Untiefen und vielschichtigen Probleme der deutsch-amerikanischen Übertragungen und Gegenübertragungen eingeräumt, ungeachtet dessen aber empirisch dichte und instruktive Einzelstudien vorgelegt; es ist vielleicht kein Zufall, dass sich hinter diesen zwei Beiträgen jeweils umfangreichere monographische Untersuchungen verbergen.[7]

Lassen sich aus dieser Gesamtschau nun Schlussfolgerungen ziehen für die weitere Diskussion der amerikanischen Präsenz in der deutschen und europäischen Zeitgeschichte? Zunächst fällt die bereits in der Vergangenheit[8] beobachtbare Skepsis der meisten Autoren gegenüber dem Begriff der „Amerikanisierung“ auf, was freilich nichts daran ändert, dass auf dieses Fahnenwort stets wieder Bezug genommen wird und es prominent in drei der vier Buchtitel auftaucht. Allerdings lässt sich dahinter kaum ein elaboriertes, über ältere Ansätze hinausgehendes Konzept erkennen – allenfalls Linke/Tanner bemühen sich hier um theoretische Innovationen –, und entsprechend werden in keinem der Bände die Autoren auf einen einheitlichen Zugriff verpflichtet, was angesichts der methodischen und inhaltlichen Disparitäten wie der notwendigen Kürze der einzelnen Beiträge auch schwierig wäre. Insofern dürfte der schon Mitte der 1990er-Jahre von Michael Ermath geäußerte Befund unverändert zutreffen, dass der Begriff der Amerikanisierung „als Forschungskategorie bei kürzeren und populären Darstellungen hervortritt, während er bei gründlicheren Studien problematisiert oder präziser bestimmt wird“.[9]

Damit steht einmal mehr die Frage im Raum, ob es nicht an der Zeit wäre, den Begriff aus der Liste der analytischen Werkzeuge zu streichen und ihn allenfalls zu einem Gegenstand begriffs-, semantik- und diskurshistorischer Untersuchungen zu machen (so, neben anderen, auch Becker in Stephan/Vogt, S. 72f.). Anhand der hier vorgestellten Sammelbände ist ein echter Vorteil dieses Begriffs zumindest nicht erkennbar, zumal die Mehrzahl der Beiträge anderen, intellektuell präziser geführten Zugriffen folgt. Zwei wesentliche Forschungslinien lassen sich dabei idealtypisch unterscheiden, auch wenn sie in der Praxis nicht selten ineinander übergehen: So wird einerseits die Auffassung vertreten, dass „Amerika“ vorwiegend als Chiffre für die Zukunftsvision einer beängstigenden oder auch befreienden Moderne verstanden werden müsse. Aus dieser Perspektive werden vor allem die amerikabezogenen Diskurse, Bildwelten oder Deutungsmuster innerhalb einer Gesellschaft in den Vordergrund gestellt, welche durch reale Kontakte mit den USA vielleicht stimuliert und variiert, in ihrem Gehalt aber allenfalls graduell und langfristig verändert wurden. Die Erforschung dieser Amerikabilder als Zugang zur Selbstbeschreibung von Gesellschaften hat sich inzwischen im Grundsatz etabliert, auch wenn die politische, ökonomische und militärische Machtasymmetrie zu den Vereinigten Staaten dabei zuweilen aus dem Blick gerät.[10]

Auf der anderen Seite wird ein Schwerpunkt auf die Interaktionsverhältnisse gelegt, was weniger auf ein imaginiertes Amerika als auf tatsächliche Begegnungen mit Repräsentanten, Praktiken und Produkten aus den Vereinigten Staaten zielt. Anknüpfend an die jüngere Transferforschung werden damit sowohl die Autonomie der Rezipientenseite wie die Eigenlogik der jeweiligen Auswahl-, Adaptions- und Aneignungsprozesse betont. Der große Vorteil dieser Ansätze ist es, die nationalen (wie lokalen und regionalen) Voraussetzungen für amerikanische Einflüsse herauszustellen, die so an die „lebensweltliche Bedarfslage“[11] in den Empfängergesellschaften angebunden werden können. Gegenüber älteren Vorstellungen einer kulturimperialistischen Manipulation, Bevormundung und Übermächtigung lässt sich auf diese Weise sowohl der Siegeszug amerikanischer Zeichen, Symbole und Produkte besser erklären wie auch die Entstehung von national uneindeutigen, hybriden Strukturen aufzeigen. In die letztere Kategorie gehört auch der atlantische Zirkulärtransfer, wie er unter dem Oberbegriff „Westernisierung“ gefasst wird und der vor allem von einem langfristigen und stabilen Austauschverhältnis zwischen beiden Seiten des Atlantiks ausgeht.[12] Und schließlich wird man abzuwarten haben, ob und inwieweit sich der in jüngerer Zeit unter dem Oberbegriff „Atlantic History“ firmierende Ansatz einer Geschichte der atlantischen Welt für das beschriebene zeithistorische Forschungsfeld als anschlussfähig und weiterführend erweisen kann.[13]

Auch wenn die meisten Beiträge den umstrittenen Begriff „Amerikanisierung“ vermeiden, so entkommen sie nur in Ausnahmefällen dem Dilemma, bestimmte Eigenschaften, Ideen, Güter, Verhaltensweisen eo ipso als „amerikanisch“ behaupten zu müssen. Doch bereits die Frage, was „Amerika“ sei und sein solle, musste in den Vereinigten Staaten mit jeder Welle der Immigration neuerlich verhandelt und gefestigt werden. Die „Erfindung Amerikas“ war daher nicht (nur) eine einseitige Obsession europäischer Zeitdiagnostiker[14], sondern zugleich und zuerst ein Modus der gedanklichen und sprachlichen Selbstverfertigung einer sich nahezu vollständig aus Einwanderern zusammensetzenden Gesellschaft. Und dieser inneramerikanische Integrationsmechanismus ist bekanntlich der Ursprung aller Reden von „Amerikanisierung“, lange bevor unter diesem Begriff – in einer Art Rückübertragung – in Europa und anderswo eine Bedrohung der jeweiligen nationalen und kulturellen Eigenart verstanden wurde. Anstatt die USA also am fiktiven Maßstab einer stabilen nationalen Identität zu messen, sollten in Zukunft die kommunikativen und symbolischen Konstruktionsprozesse „des Amerikanischen“ deutlicher herausgestellt werden, und zwar sowohl innerhalb wie außerhalb der Vereinigten Staaten. Die globale amerikanische Präsenz kann nicht ohne die Präsenz anderer Weltteile innerhalb der USA gedacht werden, und es spricht vieles dafür, dass sich die besondere Faszinationskraft der Vereinigten Staaten für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt erst aus dieser Überblendung von inneren und äußeren Projektionen zusammensetzt.[15]

Für derartige, hier nur anzureißende Erwägungen finden sich in den vorgestellten Sammelbänden reiche Belege und Materialien. Wenn die Bilanz trotzdem gemischt ausfällt, so liegt das weniger an den Einzelaufsätzen, die abwechslungsreiche Einsichten in das deutsch-amerikanische Beziehungsgeflecht präsentieren, sondern daran, dass nur wenige oder sehr spezielle konzeptionelle Anstrengungen unternommen werden. Bei aller Detailgenauigkeit der Darstellung handelt es sich oft um partikulare, gelegentlich nahezu freischwebende Betrachtungen, die sowohl die globalen Anziehungs- und Faszinationskräfte der Vereinigten Staaten stillschweigend voraussetzen wie auch die innere Vielfältigkeit, Wandlungsfähigkeit und Unabgeschlossenheit des Phänomens „Amerika“ unterschätzen.

Anmerkungen:
[1] Unter „Amerika“ werden hier in einem politischen Sinne vor allem die USA gefasst.
[2] Vgl. beispielhaft und nur bezogen auf den westdeutschen Kontext etwa Volker R. Berghahn, The Americanisation of West German Industry 1945–1973, New York 1986; Kaspar Maase, Bravo Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992; ders., Amerikanisierung von unten. Demonstrative Vulgarität und kulturelle Hegemonie in der Bundesrepublik der 50er Jahre, in: Alf Lüdtke / Inge Marßolek / Adelheid von Saldern (Hrsg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 291-313; Anselm Doering-Manteuffel, Dimensionen von Amerikanisierung in der deutschen Gesellschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte 35 (1995), S. 1-34; Philipp Gassert, Amerikanismus, Antiamerikanismus, Amerikanisierung. Neue Literatur zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des amerikanischen Einflusses in Deutschland und Europa, in: Archiv für Sozialgeschichte 39 (1999), S. 531-561; Jessica C.E. Gienow-Hecht, Transmission Impossible. American Journalism as Cultural Diplomacy in Postwar Germany 1945–1955, Baton Rouge 1999; Axel Schildt, Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden? Zur zeitgeschichtlichen Erforschung kulturellen Transfers und seiner gesellschaftlichen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 50 (2000) H. 50, S. 3-10; Uta G. Poiger, Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany, Berkeley 2000.
[3] Detlef Junker (Hrsg.), Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges, 1945–1990. Ein Handbuch, 2 Bde., Stuttgart 2001.
[4] Neben den hier besprochenen Bänden wäre, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, noch hinzuweisen auf Uta A. Balbier / Christiane Rösch (Hrsg.), Umworbener Klassenfeind. Das Verhältnis der DDR zu den USA, Berlin 2006; Ute Bechdolf / Reinhard Johler / Horst Tonn (Hrsg.), Amerikanisierung – Globalisierung. Transnationale Prozesse im europäischen Alltag, Trier 2007; Frank Becker / Elke Reinhardt-Becker (Hrsg.), Mythos USA. „Amerikanisierung“ in Deutschland seit 1900, Frankfurt am Main 2006; Jessica C.E. Gienow-Hecht (Hrsg.), Decentering America. New Perspectives in Culture and International History, Oxford 2007; Sebastian M. Herrmann (Hrsg.), Ambivalent Americanizations. Popular and Consumer Culture in Central and Eastern Europe, Heidelberg 2008; Georg Kreis (Hrsg.), Antiamerikanismus. Zum europäisch-amerikanischen Verhältnis zwischen Ablehnung und Faszination, Basel 2007; Reiner Marcowitz (Hrsg.), Nationale Identität und transnationale Einflüsse: Amerikanisierung, Europäisierung und Globalisierung in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2007; Chantal Metzger / Hartmut Kaelble / Helke Rausch (Hrsg.), Transatlantischer Kulturtransfer im „Kalten Krieg“. Perspektiven für eine historisch vergleichende Transferforschung, Leipzig 2006; Christof Mauch / Kiran Klaus Patel (Hrsg.), Wettlauf um die Moderne. Die USA und Deutschland 1890 bis heute, München 2008. Siehe daneben auch das Themenheft von European Review of History/Revue Européenne d’Histoire 15 (2008) H. 4 über „Americanization in Europe in the Twentieth Century“.
[5] Zu den Einzelbeiträgen der besprochenen Sammelbände siehe die folgenden Inhaltsverzeichnisse: <http://www.gbv.de/dms/goettingen/505237016.pdf> (Kelleter/Knöbl); <http://www.gbv.de/dms/hebis-darmstadt/toc/189045264.pdf> (Koch); <http://www.gbv.de/dms/goettingen/507546865.pdf> (Linke/Tanner); <http://www.gbv.de/dms/goettingen/511986297.pdf> (Stephan/Vogt).
[6] Dieses Umfeld wird vor allem markiert durch Alexander Stephan / Therese Hörnigk (Hrsg.), Jeans, Rock und Vietnam. Amerikanische Kultur in der DDR, Berlin 2002; ders. (Hrsg.), Americanization and Anti-Americanism. The German Encounter with American Culture After 1945, New York 2005; ders. (Hrsg.), The Americanization of Europe. Culture, Diplomacy, and Anti-Americanism after 1945, New York 2006.
[7] Vgl. Steven P. Remy, The Heidelberg Myth. The Nazification and Denazification of a German University, Cambridge 2002; Jessica C.E. Gienow-Hecht, Sound Diplomacy. Music and Emotions in German-American Relations 1850–1920 (soll im Mai 2009 erscheinen).
[8] Vgl. meine Rezension zu Alexander Stephan (Hrsg.), Americanization and Anti-Americanism. The German Encounter With American Culture After 1945. Oxford 2004. In: H-Soz-u-Kult, 29.08.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-121>.
[9] Michael Ermath, „Amerikanisierung“ und deutsche Kulturkritik 1945–1965. Metastasen der Moderne und hermeneutische Hybris, in: Konrad H. Jarausch / Hannes Siegrist (Hrsg.), Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945–1970, Frankfurt am Main 1997, S. 315-334, hier S. 316. Als Beispiel aus der jüngeren, eher populär gehaltenen Überblicksliteratur vgl. Harm G. Schröter, Winners and Losers: Eine kurze Geschichte der Amerikanisierung, München 2008.
[10] Vgl. hier nur Viktor Otto, Deutsche Amerika-Bilder. Zu den Intellektuellen-Diskursen um die Moderne 1900–1950, München 2006; Sandra Klee-Patsavas, Im Reich des Disney-Dollar. Inszenierungen Amerikas im Spiegel deutscher Fernsehreportagen zwischen 1980 und 2000, Trier 2007; Thomas W. Kniesche, Projektionen von Amerika. Die USA in der deutsch-jüdischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2008.
[11] So Helke Rausch, Wie europäisch ist die kulturelle Amerikanisierung?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 58 (2008) H. 5-6, S. 27-32, hier S. 32.
[12] Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.
[13] Siehe etwa William O’Reilly, Genealogies of Atlantic History, in: Atlantic Studies 1 (2004), S. 66-84; Alison Games, Atlantic History. Definitions, Challenges, and Opportunities, in: American Historical Review 111 (2006), S. 741-757.
[14] Vgl. neben Viktor Otto, Deutsche Amerika-Bilder, etwa Georg Kamphausen, Die Erfindung Amerikas in der Kulturkritik der Generation von 1890, Weilerswist 2002.
[15] So auch das bereits ältere Plädoyer von Philipp Gassert, Amerikanismus, S. 534f. Beispielhaft vgl. Michael Ermath, Hyphenation and Hyper-Americanization. Germans of the Wilhelmine Reich View German-Americans 1890–1914, in: Journal of American Ethnic History 21 (2002), S. 33-58.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.01.2009
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Publikation
Sprache Publikation
Sprache Publikation
Sprache Beitrag