G. Ueberschär: Für ein anderes Deutschland

Cover
Titel
Für ein anderes Deutschland. Der deutsche Widerstand gegen den NS-Staat 1933-1945


Autor(en)
Ueberschär, Gerd R.
Reihe
Fischer Geschichte 13934/Die Zeit des Nationalsozialismus
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: Fischer Taschenbuch Verlag
Anzahl Seiten
400 S.
Preis
12,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Zechner, Berlin

Zum deutschen Widerstand gegen das NS-Regime ist in den letzten Jahren gerade anlässlich der runden Jahrestage des Attentatsversuches vom 20. Juli 1944 eine auch für die Fachhistoriker/innen schier unüberschaubare Fülle von Spezialliteratur erschienen.[1] Daneben widmen sich immer mehr Internetprojekte in unterschiedlicher Herangehensweise einzelnen inhaltlichen oder regionalen Aspekten der Widerstandsthematik.[2] Als Überblicksdarstellung angelegte Werke sind dagegen angesichts der Breite des Themas und der Problematik einer verbindlichen Widerstandsdefinition immer noch große Ausnahmen.[3] Den Versuch einer Synthese der jahrzehntelangen Widerstandsforschungen unternimmt nun der Freiburger Militär- und Widerstandshistoriker Gerd R. Ueberschär in seinem neuesten Werk, dessen Titel auf die postum veröffentlichten Tagebücher des 1944 hingerichteten Diplomaten Ulrich von Hassell verweist.[4]

In einer Mischung aus chronologischer und thematischer Gliederung werden auf knapp 300 Seiten die wichtigsten Gruppen und Personen des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime dargestellt, gefolgt von einer mehr als 1.200 Titel umfassenden Bibliografie, einigen abgedruckten Dokumenten und einem ausführlichen Personenregister. Dabei ist Ueberschärs Ziel eine allgemeinverständliche „Bilanz“ (S. 7) der Widerstandsgeschichtsschreibung, weshalb sich der Band auf zusammenfassende Darstellung statt auf thesengestützte Interpretation konzentriert. Zugrunde gelegt ist ein pluralistisch verstandener „weiter Widerstandsbegriff“ (S. 8) über Aktivitäten mit dem expliziten Ziel des Sturzes der NS-Herrschaft hinaus, um vergangenheitspolitisch motivierte Ausgrenzungen oder Hierarchisierungen von vornherein zu vermeiden. Aufgrund der postulierten „Vielfalt und Heterogenität der Widerstandskreise“ (S. 248) stellt Ueberschär neben dem schon oft beschriebenen aktiven Widerstand beispielsweise des 20. Juli 1944 oder der kommunistischen Arbeiterbewegung ein weites Spektrum anderer widerständiger Handlungsformen dar: „Nonkonformismus und weltanschauliche(r) Dissidenz, Resistenz und Obstruktion im zivilen und militärischen Alltag bis hin zur konsequenten Verweigerung der weiteren Gefolgschaft sowie Ungehorsam, Flucht, Desertion und politisch-publizistische(r) Arbeit gegen Hitlers Diktatur“ (S. 9).

Mit dieser Ausweitung und Differenzierung des Widerstandsbegriffes kommen auch vorher ausgesparte „Grenzbereiche“ (S. 247) in das Blickfeld der Forschung. So versucht Ueberschär – um nur ein Beispiel zu nennen – den in der Forschung lange Zeit vernachlässigten und erst 1998 vom Deutschen Bundestag partiell rehabilitierten Kriegsdienstverweigerern, Deserteuren und befehlsverweigernden Soldaten als Teil des militärischen Widerstandes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen (S. 107-112). Trotz der schwierigen Quellenlage werden die vielschichtigen ethischen und politischen Beweggründe nachvollziehbar, die zu den individuellen Gewissensentscheidungen von Kriegsdienstverweigerung, Desertion, Selbstverstümmelung oder Befehlsverweigerung führten. Die Zivilcourage vor allem einfacher Soldaten und Reserveoffiziere reichte in einzelnen Fällen bis hin zu der Verweigerung völkerrechtswidriger Erschießungsbefehle, der Hilfe für verfolgte Juden oder dem Überlaufen zu Partisanenverbänden bzw. den alliierten Armeen.[5]

Das Buch endet mit einem knappen Epilog zur Streitgeschichte des Widerstandes[6], in welchem Ueberschär die politischen Instrumentalisierungsversuche des Widerstandes und auch der Widerstandsforschung durch beide deutsche Staaten überzeugend in die Systemkonfrontation des Kalten Krieges einordnet (S. 240-249). An den runden Jahrestagen des 20. Juli 1944 entbrennen stets aufs Neue öffentliche Auseinandersetzungen um die Definitionsmacht über den Widerstand, womit immer wieder auch das integrale Widerstandsverständnis der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand (http://www.gdw-berlin.de) in die mehr vergangenheitspolitische als historiografische Kritik gerät. Wohltuend sachlich fällt Ueberschärs Mahnung an die Widerstandsforschung aus, anstelle von vermeintlichen ‚Widerstandshelden’ und pädagogisch nützlichen ‚Lichtgestalten’ widerständige Individuen in ihrer biografischen Ambivalenz und ihren jeweiligen Handlungsspielräumen detailliert zu porträtieren. Dies erlaube auch die differenzierte Darstellung der gerade bei den Mitverschwörern des 20. Juli 1944 oft langen Wege in den Widerstand, ohne anfängliche Sympathie für den Nationalsozialismus oder herrschaftsstabilisierende Funktionen innerhalb des NS-Systems verschweigen oder skandalisieren zu müssen. Zur Wahrung der Relationen weist er abschließend darauf hin, dass den „nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung“ (S. 239) im weit definierten Widerstand gegen das NS-Regime eine ganz überwiegende Mehrheit von Opportunisten, Sympathisanten oder überzeugten Nationalsozialisten gegenübergestellt werden müsse.

Ueberschärs Synthese liefert eine kurzgefasste und präzise, sachlich und ausgewogen geschriebene Einführung in die Geschichte des Widerstandes gegen den NS-Staat. Zudem werden einige über die reine Darstellung hinausgehende neuere Forschungskontroversen erwähnt und mit weiterführenden Literaturangaben versehen, etwa zur Haltung des Widerstandes bezüglich der ‚Judenfrage’ (S. 54f., S. 93-97, S. 247f.), zur eventuellen Beteiligung der Widerständler der Heeresgruppe Mitte an NS-Verbrechen an der Ostfront (S. 71ff.) oder zu den Staatsvorstellungen des 20. Juli 1944 (S. 188-193). Auch gelingt es dem Militärhistoriker Ueberschär immer wieder, den mitunter entscheidenden Einfluss außenpolitischer Entwicklungen und ab 1939 des Kriegs- und Frontverlaufes auf die Konzepte und Aktionen vor allem der bürgerlich-militärischen Widerstandskreise deutlich zu machen.

Einzelne Kritikpunkte fallen demgegenüber kaum ins Gewicht: Die Leser/innen stoßen bisweilen auf Formulierungen, die auch in einem auf Breitenwirkung angelegten Überblick nicht unbedingt angebracht sind – wenn etwa von Hitlers „üblicher Gangstermanier“ die Rede ist (S. 100) oder der Begriff ‚nicht-arisch’ unkommentiert und ohne Anführungszeichen oder Kursivierungen verwendet wird (S. 93, 97). Daneben hätte es sich bei Ueberschärs explizitem Bemühen um eine Ausweitung des Widerstandsbegriffes angeboten, noch zumindest zwei Bereiche der neueren Widerstandsforschung zu thematisieren: zum einen den bis auf einen kurzen Absatz zur Baum-Gruppe (S. 116) ausgeblendeten Widerstand der vom NS-Regime Verfolgten selbst[7], zum anderen die unter ‚Rettungswiderstand’ zu fassende Hilfe couragierter Einzelner für diese Verfolgten.[8]

Nichtsdestotrotz ist der als Zusammenschau angelegte Band gerade wegen seiner übersichtlichen Gliederung, seiner verständlichen Sprache und seines Taschenbuch-Preises ein empfehlenswerter, verlässlicher Überblick für Studierende und historisch Interessierte.

Anmerkungen:
[1] Als Auswahlbibliografie bis 2004 siehe <http://www.zeitgeschichte-online.de/portal/alias__rainbow/lang__de/tabID__40208234/DesktopDefault.aspx.>
[2] Vgl. etwa den Themenschwerpunkt „Der 20. Juli 1944. Beiträge und Materialien zum 60. Jahrestag des Umsturzversuches“ (<http://www.zeitgeschichte-online.de/md=20Juli1944-Inhalt>) sowie die Besprechungen zu den Websites „Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes“ (rezensiert von Anton Legerer: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezwww&id=121=121>), „Politisch Verfolgte in Hamburg 1933–1945“ (rezensiert von Johannes Zechner: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezwww&id=87d=87>), „Gegen Diktatur – Demokratischer Widerstand in Deutschland 1933–1945/1945–1989“ (rezensiert von Jens Hüttmann: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezwww&id=51d=51>) sowie „Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933–1945“ (rezensiert von Cord Arendes: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezwww&id=50d=50>).
[3] Vgl. etwa: Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hgg.), Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945, Berlin 2004 (in der Neuauflage rezensiert von Wolfgang Neugebauer: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-093>); Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hgg.), Lexikon des Widerstandes 1933–1945, München 1994; Benz, Wolfgang; Pehle, Walter H. (Hgg.), Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt am Main 1994, sowie als frühe Monografie van Roon, Gerd, Widerstand im Dritten Reich. Ein Überblick, München 1979.
[4] Vgl. von Hassell, Ulrich, Vom anderen Deutschland. Aus den nachgelassenen Tagebüchern 1938–1944, Zürich 1946.
[5] Vgl. dazu ausführlich: Wette, Wolfram (Hg.), Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS, Frankfurt am Main 2004; ders. (Hg.), Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, Frankfurt am Main 2002. [6] Vgl. dazu ausführlich: Steinbach, Peter, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, Paderborn 1994.
[7] Vgl. zum Widerstand von Juden z.B.: Lustiger, Arnold, Zum Kampf auf Leben und Tod! Das Buch vom Widerstand der Juden 1933–1945, Köln 1994, und Löken, Wilfried; Vathke, Werner (Hgg.), Juden im Widerstand. Drei Gruppen zwischen Überlebenskampf und politischer Aktion. Berlin 1939–1945, Berlin 1993; zum Widerstand von Sinti und Roma König, Ulrich, Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus. Verfolgung und Widerstand, Bochum 1989; sowie zum Widerstand von KZ-Häftlingen: Langbein, Hermann, Nicht wie die Schafe zur Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938–1945, Frankfurt am Main 1980.
[8] Vgl. dazu: Wette, Wolfram (Hg.), Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkrieges, Freiburg 2005; Benz, Wolfgang (Hg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003, sowie die siebenbändige Reihe von Benz, Wolfgang; Wetzel, Juliane (Hgg.), Solidarität und Hilfe. Rettungsversuche für Juden vor der Verfolgung und Vernichtung unter nationalsozialistischer Herrschaft, Berlin 1996–2004.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.09.2006
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