M. Allemeyer: "Kein Land ohne Deich...!"

Titel
"Kein Land ohne Deich...!". Lebenswelten einer Küstengesellschaft in der Frühen Neuzeit


Autor(en)
Allemeyer, Marie L.
Reihe
Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 222
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 59,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dominik Huenniger, Graduiertenkolleg "Interdisziplinäre Umweltgeschichte", Universität Göttingen

In ihrer Kieler Dissertation beschäftigt sich Marie Luisa Allemeyer mit der nordfriesischen Küste – insbesondere Eiderstedt – und ihren Bewohnern im 17. und 18. Jahrhundert. Im Fokus der Betrachtung stehen zahlreiche Konflikte um den Deich, dem zentralen Gegenstand der Natur-Mensch-Beziehung einer Küstengesellschaft. Anhand der Auseinandersetzungen um Deichbau und Deicherhaltung versucht Allemeyer den Mentalitäten der frühneuzeitlichen Bevölkerung und dem Verhältnis von Mensch und Meer auf die Spur zu kommen. Dabei setzt Allemeyer voraus, die untersuchten Konfliktfälle würden „über den unmittelbaren Streitanlass hinaus auf unterschiedliche Standpunkte, Sichtweisen, Interessen und Erfahrungen der Beteiligten“ (S. 12) verweisen.

Allemeyer geht zusätzlich davon aus, dass die Deiche eines der zentralsten Strukturelemente der Küstengesellschaft darstell(t)en. Deiche bieten nicht nur offenkundig die basale Voraussetzung einer dauerhaften Besiedlung von Marschenregionen. Die Errichtung und Erhaltung von Deichen erforderte auch eine besondere soziale Organisation und gemeinschaftliche Zusammenschlüsse, die das politische und soziale Leben der Küstenbewohner auf spezifische Weise prägten. Positiv hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass Allemeyer zwar die in der (älteren) Umweltgeschichte mit unschöner Regelmäßigkeit immer wieder bemühten Thesen Wittfogels über „hydraulische Gesellschaften und orientalische Despotie“ zur Kenntnis genommen hat. Allerdings verweist Allemeyer zur Recht darauf, wie problematisch eine solche verkürzende Generalthese für die Untersuchung einer spezifischen Region ist.

Gegliedert ist Allemeyers Arbeit in zwei Teile. Im ersten werden die naturräumlichen, politischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten der Untersuchungsregion anhand einer umfangreichen regional- und heimatgeschichtlichen Spezialliteratur ausführlich geschildert. Bezogen werden diese Hintergründe immer auf den Deich und seine Rolle in eben jener Umwelt und Gesellschaft. Die etwa 100 Seiten des ersten Teiles bieten die Voraussetzung für das Verständnis der in den untersuchten Quellen aufgefundenen Konflikte. Diesen widmet sich Allemeyer schließlich im zweiten Teil unter drei größeren Fragekomplexen. Erstens geht es um den Deich als „Austragungsort für Konflikte um Fragen der Inklusion und Exklusion in der Marschengesellschaft“. Zweitens werden „Konflikte um Besitz, Autonomie und Herrschaft“ verhandelt. Drittens untersucht die Autorin „Konflikte um das Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Natur“. In allen drei Kapiteln stehen exemplarische Streitfälle im Fokus der Untersuchung, welche zu den im ersten Teil geschilderten Rahmenbedingungen in Bezug gesetzt werden. Im ersten Abschnitt schildert Allemeyer Konflikte, die daraus entstanden, dass die Zugehörigkeit zur Deichgemeinschaft umstritten war. Allemeyer fragt nach den Aus- und Eingrenzungen der Deichsolidarität und danach, wie das genossenschaftlich organisierte Deichwesen Streitfälle über genau diese Gemeinschaft produzierte. Sie analysiert gut nachvollziehbar, wie die Deichsolidarität als Prinzip zwar grundsätzlich anerkannt war, ihre Umsetzung allerdings intensiv ausgehandelt werden musste und „das Ergebnis komplizierter Verständigungsprozesse“ (S. 385) gewesen sei. Besonders im 17. Jahrhundert kam es häufig zu Konflikten aufgrund der Vergrößerung der Solidargemeinschaften, die zu dieser Zeit über die direkte Umgebung ihrer Mitglieder hinaus erweitert worden. Dieser Prozess der Vergrößerung von gewohnten Raumbezügen, war entsprechend nicht ohne Verwerfungen vollziehbar. Ähnlich gelagert waren die Auseinandersetzungen zwischen lokaler Bevölkerung und überregionaler Herrschaft, auf die Allemeyer im zweiten Abschnitt eingeht. Hier wird deutlich, wie die Territorialisierungsbestrebungen der Landesherren von der lokalen Bevölkerung wahrgenommen wurden und Auseinandersetzungen hervorriefen. Wenn z.B. durch neue Eindeichungsprojekte die merkantilen Interessen der Herrschaft auf die kommunalen Autonomiebereiche und Nutzungsrechte trafen, konnten sich die lokalen Kräfte meist nicht durchsetzen. Allerdings betont Allemeyer berechtigterweise, dass es verfehlt wäre, einen eindeutigen Interessengegensatz zwischen Landesherrn, neuen Investoren und alteingesessenen Marschbauern zu postulieren. Vielmehr gelang es den Küstenbewohnern auf der einen Seite gewisse Autonomiebereiche zu sichern. Auf der anderen Seite konnte es durchaus auch zu einer positiven Einschätzung der landesherrlichen Maßnahmen kommen. Gerade in Zeiten von Sturmfluten wurde gerne auf landesherrliche Hilfe zurückgegriffen und diese wurde gewährleistet, weil auch die Landesadministration – vor allem aus fiskalischen Erwägungen – an einer schnellen Wiederherstellung der ökonomischen Lage interessiert war. Schließlich stellte auch die Anrufung des Landesherren bei lokalen Konflikten eine Strategie dar, vermeintlich starre Allianzen aufzulösen. Diese Erkenntnisse decken sich gut mit neueren Forschungen zur „konsensgestützten Herrschaft“ als einem kommunikativen Prozess und zur Implementation von Normen in der Frühen Neuzeit.[1] Allemeyers Arbeit hätte allerdings an Argumentationskraft gewonnen, wenn sie diese Forschungen stärker in ihre Interpretation der Konflikte einbezogen hätte. Trotzdem lassen sich in Allermeyers Dissertation vielfältige Anknüpfungspunkte zu Fragen nach dem Zusammenwirken von Norm und Praxis sowie der Wirkungsweise von Herrschaftsverhältnissen in der Frühen Neuzeit finden.

Im dritten Abschnitt des zweiten Teils werden schließlich die Auswirkungen des Deichwesens auf Mentalität und Religiosität der Küstenbewohner untersucht. Allemeyer gelingt es, ältere Vorstellungen vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt, der sich gegen vermeintlich traditionsverhaftete Bauern durchgesetzt habe, zu relativieren. Genauso dekonstruiert sie die schon fast mythische angebliche „Streitsucht“ unter den Marschenbewohnern. Allemeyer nimmt die Perspektive der Bauern ernst und hinterfragt die Positionen der aufgeklärten Kritiker. Allerdings geschieht das nicht immer konsequent und mitunter hätte das problematische Verhältnis der agrar-ökonomischen Aufklärung zum ländlichen Raum und seiner Bevölkerung deutlicher herausgearbeitet werden können.

Ihre empirischen Befunde über die kollektiv organisierte Deichunterhaltung werfen auch ein kritisches Licht auf ältere, vor allem volkswirtschaftliche Vorstellungen von der „tragedy of the commons“ (Hardin). Diese vorurteilsbelasteten Thesen von einem angeblichen unmaßvollen und unregulierten Umgang mit Kollektivgütern in der Vergangenheit kann Allemeyer anhand ihres Materials widerlegen. Das wird vor allem im zweiten Teil von „Kein Land ohne Deich...!“ sichtbar. Allerdings hätte Allemeyer auch schon im ersten Teil ihrer Arbeit bei der Darstellung dieser Literatur deutlicher Position beziehen und diese Thesen kritischer bewerten können.

Insgesamt aber ist die Arbeit gut nachvollziehbar aufgebaut und besonders im zweiten Teil auch flüssig lesbar. Besonders ist auch Allemeyers differenzierter Umgang mit den Quellen hervorzuheben. Der Autorin gelingt es, die Konflikte sehr plastisch zu schildern und durch vielfältige Verweise auf allgemeine Strukturen zu kontextualisieren. Eine konzise Zusammenfassung (S. 385-389), ein hilfreiches Glossar sowie Personen- und Ortsregister runden die auch ansprechend bebilderte Monographie ab. Anhand einer fundierten Regionalstudie werden so Erkenntnisse gewonnen, welche sich vielfach an gerade in der Frühneuzeitforschung diskutierte Phänomene rückbinden lassen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt u. a.. Asch, Ronald G.; Freist, Dagmar (Hrsg.), Staatsbildung als kultureller Prozess. Strukturwandel und Legitimation von Herrschaft in der Frühen Neuzeit, Köln u.a. 2005; Meumann, Markus; Pröve, Ralf (Hrsg.), Herrschaft in der Frühen Neuzeit. Umrisse eines dynamisch-kommunikativen Prozesses, Münster 2005 und Härter, Karl (Hrsg.), Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.07.2007
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