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Titel
Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze


Autor(en)
Ullrich, Maren
Erschienen
Berlin 2006: Aufbau Verlag
Anzahl Seiten
351 S., 268 Abb.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver von Wrochem, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg

Mit der Aufweichung der starren Fronten des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben sich zahlreiche äußere Grenzen aufgelöst, andernorts neue Grenzen konstituiert. Der Wandel scheinbar fest gefügter Ordnungen lenkt den Blick auf das Phänomen von Grenzen selbst, auf sichtbare und weniger sichtbare bzw. den inneren Zusammenhang zwischen beiden. Das gilt auch für die ehemalige deutsch-deutsche Grenze[1], wie die Dissertation der Kunsthistorikerin Maren Ullrich belegt. Auf einer mehrjährigen Spurensuche hat sie „300 Orte und Phänomene im Gelände“ der Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze gesucht und interpretiert. Diese Spuren deutet Ullrich als Gedenkorte (Aleida Assmann), „in denen sich die territoriale Neuordnung Deutschlands durch die Alliierten, die Frontstellung des Kalten Krieges, die Bemühungen der Entspannungspolitik, das Eintreten für die Menschenrechte, die Grenzöffnung und schließlich die Tendenzen einer gesamtdeutschen Erinnerung widerspiegeln“ (S. 29).

Die Gedenkorte, darunter Findlinge, Kreuze, Kapellen, Lehrpfade, Kunstobjekte, Grenzanlagen und Aussichtstürme, rekurrieren auf die deutsche Teilung und ihre Überwindung. Ullrich erkundet nationale, christlich-religiöse, volkskundliche und regionalgeschichtliche Bezüge der Gedenkorte sowie die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Indienstnahmen durch regionale wie nationale Akteure vor und nach 1989. Ähnliche Ansätze verfolgen Untersuchungen zu Gedenktagen und -orten als Teilen der Erinnerungskultur von Bundesrepublik und DDR – hier hätten sich fruchtbringende Anknüpfungspunkte geboten.[2] Zu Beginn durchleuchtet Ullrich die westdeutschen Deutungsmuster von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren; anschließend werden die ostdeutschen Deutungsmuster vorgestellt. Der Umgang mit den Überresten im Grenzgebiet während des Vereinigungsprozesses 1989/90 und die Deutungsgehalte der materiellen Erinnerungskulturen in der Zeit danach bilden die weiteren Themen.

Besonders zu Beginn der 1950er-Jahre erregte die Existenz eines zweiten deutschen Staates aus westdeutscher Sicht die Gemüter, was sich in Mahnmalen entlang des Grenzabschnitts artikulierte. Der 17. Juni 1953 löste zahlreiche Initiativen aus; häufig wurde dabei die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 eingefordert. In der beherrschenden antikommunistischen Sichtweise konstituierte sich die westdeutsche Gesellschaft auf Grundlage eines christlich unterfütterten Entlastungsnarrativs. Dem positiven Selbstbild stand das Bild eines durchweg unmenschlichen DDR-Systems gegenüber. Dieses Deutungsmuster hielt das Angebot bereit, „in der Abgrenzung zu einem anderen Deutschland die eigene nationalsozialistische Vergangenheit zu exterritorialisieren“ (S. 77). Die Gedenkorte und bildlichen Darstellungen stellten diesen Zusammenhang ikonographisch her: Die DDR-Grenze wurde häufig wie ein Kriegsgefangenenlager in Szene gesetzt und teilweise in die Nähe von Konzentrationslagern gerückt. Die Rede vom „KZ DDR“ war eine verbreitete westdeutsche Praxis (S. 63). Ullrichs Aussage, die Erinnerung nach 1989 habe auf das Bild des Lagers bzw. Stacheldrahts rekurriert „mit dem Ziel, die Opfer des SED-Unrechts mit den KZ-Opfern zu identifizieren“ (S. 66), ist allerdings zu weitreichend.[3] Nichtsdestotrotz beweisen die Tiefenbohrungen in das „Gedächtnis der Dinge“[4] schon im ersten Teil der Arbeit das Potential des Ansatzes für die kulturwissenschaftlich orientierte Forschung.

Im Laufe der Zeit wuchs die Akzeptanz der Grenze in Westdeutschland. Grenzinformationsstellen, Panoramatafeln und Aussichtstürme lenkten im Zonenrandgebiet den touristisch-faszinierten Blick „von der Freiheit in die Unfreiheit, von der Demokratie in die Diktatur“ (S. 78). In der Phase der Entspannungspolitik waren die staatlichen Stellen bemüht, die deutsch-deutsche Grenze als durchlässig zu zeichnen – obwohl die ostdeutschen Befestigungsanlagen inzwischen stark ausgebaut worden waren. Die westdeutschen Grenzinformationsstellen wurden angehalten, ihre Arbeit „an den weltweiten Entspannungsbemühungen zu orientieren“ (S. 106). Nur einige Erinnerungsgemeinschaften im Zonenrandgebiet verlängerten „den Diskurs der Anklage bis weit in die 1970er Jahre hinein“ (S. 117) und opponierten gegen die politische Neuausrichtung. Ullrich kommt bezüglich der 1970er- und 1980er-Jahre zu dem Schluss, mehrere Generationen hätten sich in Ost wie West mit der Zweistaatlichkeit weitgehend arrangiert.

Diese für die Bundesrepublik gut belegte Aussage bleibt hinsichtlich der DDR fragwürdig. Wie die Autorin selbst einräumt, lässt sich der Blick der ostdeutschen Zivilbevölkerung auf die Grenze kaum rekonstruieren (S. 161). Als Kernproblem identifiziert sie zu Recht „die Tatsache, dass die Grenze vom Westen her angeschaut werden konnte, während sie vom Osten her dem öffentlichen Blick weitgehend entzogen war. Daher stand der Masse von Bildern aus dem Westen ein Mangel an Anschauung aus dem Osten gegenüber.“ (S. 30) Mit Stefan Wolle betont sie, die Grenze sei in der Deutung der Ostdeutschen vor 1989 „sinnbildlich für die real erfahrene Abschottung des Einzelnen bzw. des Volkes durch den Staat“ angesehen worden (S. 161). Eine fehlende Betroffenheit der DDR-Bevölkerung ist daher nicht nachvollziehbar, zumal Hunderttausende Sperrgebietsbewohner mit der Grenze unmittelbar konfrontiert blieben. Ebenso wenig überzeugt Ullrichs These, der SED-Staat sei „zumindest in den Anfängen von einer gesellschaftlichen Mehrheit durchaus gewollt gewesen“ (S. 236).

Die offizielle ostdeutsche Deutung der Grenze als Sicherungsmaßnahme zur Verteidigung eines friedlichen und souveränen Landes manifestierte sich in Denkmalsetzungen für die getöteten Grenzsoldaten. Die Grenzer wurden im Osten zu Helden stilisiert, ähnlich wie im Westen die bei den Fluchtversuchen getöteten DDR-Bürger. Die meisten dieser ostdeutschen Gedenkorte sind nach der Vereinigung geschleift worden.

Die nach 1989 entstandenen Gedenkorte für die Zwangsaussiedlungen von 1952 und 1961 spiegeln spezifisch ostdeutsche Erfahrungen der Grenze wider, die bis 1989 tabuisiert waren. Widerständige Interpretationen der Grenze lassen sich auch in regionalen Räumen mit starker Religiosität auffinden. So hat das katholische Eichsfeld vor 1989 ein grenzübergreifendes Erinnern aufrechterhalten und nach 1989 eigenständige Gedenkorte in die Erinnerungslandschaft Grenze eingebracht.

Für die Vereinigungsperiode sticht hervor, dass nur die partiellen Überreste der Grenzbefestigung, nicht aber die Infrastrukturen der Grenzsicherung mit Bedeutung aufgeladen worden sind. Auch gerieten die materiellen Überreste auf westdeutschem Territorium fast durchgängig in Vergessenheit. Verloren ging damit die räumliche Dimension der Grenze. Zudem blieb eine kritische Bestandsaufnahme der westlichen Deutungen vor 1989 aus. In Anknüpfung an die westliche Sicht der 1950er-/1960er-Jahre überwog eine „im Materiellen ablesbare Inszenierung der ehemaligen Grenze, der zufolge die Menschen in der DDR ausschließlich unter der Teilung gelitten haben, während die Menschen in Westdeutschland ausschließlich für die Einheit gekämpft und die Hoffnung auf die deutsche Wiedervereinigung nie aufgegeben hätten“ (S. 162).

Die nach 1989 errichteten Denk- und Mahnmale an Grenzmuseen und Orten der Zwangsaussiedlung sowie naturschutzfachliche („Das grüne Band“), religiöse wie künstlerische Angebote offerieren weiterhin meist christliche und national-konservative Deutungen des geteilten bzw. vereinigten Deutschland. Das enge Bild einer unmenschlichen Grenze steht stellvertretend für Charakter und Herrschaftspraxis des SED-Regimes (S. 100); Hinweise auf die Ursachen der Teilung und den Nationalsozialismus sind dagegen selten (S. 230). Wie die Debatte um den Bericht der Sabrow-Kommission anzeigt[5], erschweren es die Verengung des DDR-Bildes und das Fehlen ostdeutscher Perspektiven in der Erinnerungskultur nach 1989, öffentlich den „DDR-Staat in der Breite seiner Erscheinungsformen zu thematisieren und die Schwierigkeiten der Wiedervereinigung zu reflektieren“ (S. 292). Insofern konsequent, fehlt in der Erinnerungslandschaft Grenze auch ein Hinweis darauf, dass die Vereinigung „einem primär westdeutschen Konzept folgte“ (S. 230).

Der kritische Blick auf die Leerstellen der westdeutschen, seit 1989 nur scheinbar gesamtdeutschen Lesarten ist neben der Erschließung der einzelnen Gedenkorte und ihrer Beschreibung das vielleicht größte Verdienst Maren Ullrichs. Dagegen sind die ostdeutschen Perspektiven auf die Grenze, auch weil sie kaum materielle Spuren hinterlassen haben, in der Arbeit häufig nur angedeutet. Ullrichs Ziel, diese Perspektiven für ein erweitertes deutsch-deutsches Erinnern fruchtbar zu machen, bleibt daher ein Postulat. Doch ist hier ein Raum eröffnet, den künftige Forschungen vielleicht füllen können.

Anmerkungen:
[1] Siehe u.a. Sheffer, Edith, On Edge. Building the Border in East and West Germany, in: Central European History 40 (2007), S. 307-339; Berdahl, Daphne, Where the World Ended. Re-unification and Identity in the German Borderland, Berkeley 1999.
[2] Reichel, Peter, Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945, München 2005; Schmid, Harald; Krzymianowska, Justyna (Hrsg.), Politische Erinnerung. Geschichte und kollektive Identität, Würzburg 2007; Kirsch, Jan-Holger, „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland, Köln 1999.
[3] Vgl. den Hinweis in der Rezension von Eckert, Rainer, Das geteilte Erinnern. Die Grenze zwischen historischer Deutung und künftiger Erinnerungskultur, in: Deutschland Archiv 40 (2007), S. 726.
[4] Hoffmann, Detlef (Hrsg.), Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995, Frankfurt am Main 1998.
[5] Sabrow, Martin u.a. (Hrsg.), Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.01.2008
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