A. Zinn (Hrsg.): Homosexuelle in Deutschland

Cover
Titel
Homosexuelle in Deutschland 1933–1969. Beiträge zu Alltag, Stigmatisierung und Verfolgung


Herausgeber
Zinn, Alexander
Reihe
Berichte und Studien (84)
Erschienen
Göttingen 2020: V&R unipress
Anzahl Seiten
203 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rainer Nicolaysen, Fachbereich Geschichte, Universität Hamburg

Dieser schmale, auf den ersten Blick eher unscheinbare Sammelband hat es in sich. Das liegt nicht allein, aber in erster Linie an den Beiträgen des Herausgebers Alexander Zinn, der in jüngster Zeit für einen Paradigmenwechsel in der schwulen und lesbischen Geschichtsschreibung plädiert und damit den Kreis der zum Teil seit Jahrzehnten zu diesen Themen arbeitenden Forscher:innen gehörig in Bewegung gebracht hat. Sein programmatischer Aufsatz „Abschied von der Opferperspektive“ erschien 2019 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft; [1] im selben Jahr legte er, dort nicht unwidersprochen, im Jahrbuch Invertito unter dem Titel „Wider die ‚Überidentifikation‘ mit den Opfern“ nach.[2] Zinn geht es um die Überwindung eines biografisch-opferzentrierten Ansatzes, der die einschlägige Forschung seit ihren Anfängen im Kontext der neuen Schwulen- und Lesbenbewegungen der 1970er-Jahre geprägt hat und noch immer dominiert. Dass die damals überfällige, von der etablierten Geschichtswissenschaft gemiedene Beschäftigung mit der Homosexuellenverfolgung als Aufarbeitung der „eigenen“ Geschichte verstanden wurde und nicht zuletzt der Konstruktion kollektiver Identität diente, war naheliegend und nachvollziehbar; eine solche Instrumentalisierung von Geschichte läuft nach Zinn aber auch Gefahr, selbst einer neuen Geschichtsverfälschung den Weg zu ebnen.[3]

Zinns Überlegungen gehen zurück auf seine 2018 veröffentlichte Dissertation „‚Aus dem Volkskörper entfernt‘? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus“,[4] in der er am Beispiel des Altenburger Landes in Thüringen die Vielschichtigkeit der Lebenswelten von Homosexuellen im „Dritten Reich“ zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung detailliert dargestellt hat und zum Teil zu signifikant anderen Ergebnissen gekommen ist als die bisherige, eher auf Großstädte wie Berlin, Hamburg und Köln bezogene Forschung. Regionalen Besonderheiten der Verfolgungspolitik und des alltäglichen Lebens von Schwulen und Lesben widmete sich Zinn anschließend auch als Bearbeiter des Projekts „Staatliche Verfolgung Homosexueller in Sachsen 1933–1968“, das von 2018 bis Ende 2020 am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden durchgeführt wurde.[5] Inzwischen forscht Zinn am Fritz Bauer Institut zu den Lebensumständen homosexueller Frauen und Männer sowie trans- und zwischengeschlechtlicher Menschen in Frankfurt am Main zwischen 1933 und 1994.

Als Zwischenetappe des Dresdener Forschungsprojekts präsentiert der Sammelband „Homosexuelle in Deutschland 1933–1969“ das Gros der Beiträge eines im September 2019 veranstalteten Workshops[6]: zehn Aufsätze, die aktuelle Forschungsansätze zur Geschichte von Alltag und Verfolgung Homosexueller mit den Ergebnissen ausgewählter Pionierarbeiten (etwa denen von Burkhard Jellonnek, Rüdiger Lautmann und Stefan Micheler) zusammenführen sollen, wobei die oben angedeuteten Differenzen deutlich zutage treten. Selten hat man im Vorwort eines Herausgebers gelesen, dass dieser den Ansätzen und Schlussfolgerungen einiger Autoren desselben Bandes so offen widerspricht, wie es hier geschieht. Im Grunde stellt Zinn die bisherige Behandlung der Homosexuellengeschichte generell auf den Prüfstand. Zwar weiß er um das bleibende Verdienst besagter Pionierarbeiten, aber er verweist auch hier auf Probleme, die mit dieser Geschichtsschreibung verknüpft sein können: „eine die ‚eigene‘ Geschichte verklärende Wahrnehmung“ und „die Neigung zur Bagatellisierung ‚unerwünschter‘ Aspekte“ (S. 8f.). Was er damit meint, ist neben dem Vorwort zwei Aufsätzen zu entnehmen, die Zinn selbst zu dem Band beigetragen hat: einem Überblick über „Staatliche Homosexuellenverfolgung in Deutschland 1933–1969“ sowie dem Beitrag „Kein Anlass zum Einschreiten gegeben“ über lesbisches Leben im Nationalsozialismus, ein zuletzt besonders kontrovers diskutiertes Thema. Hier seien nur drei Aspekte genannt, die auf eine Veränderung der Forschungsperspektive verweisen.

Erstens: Zinn schildert die verheerenden, systematischen Verfolgungsmaßnahmen gegen Homosexuelle im „Dritten Reich“, er lenkt den Blick aber auch auf die nach seiner Schätzung etwa 90 Prozent der Homosexuellen, die sich diesen Maßnahmen entziehen konnten. Ihr Alltag sei nicht nur von Homophobie und ständiger Angst gekennzeichnet gewesen, daneben habe es durchaus auch schützende Netzwerke und begrenzte Freiräume gegeben. So hätten sich Homosexuelle nicht nur als Opfer wahrgenommen, sondern „auch als mitunter sehr eigenwillige Akteure“ (S. 27). Anders als Burkhard Jellonnek, der in seinem Beitrag über „Nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung in Stadt und Land“ die existenziellen Einschränkungen von Lebensmöglichkeiten aller Homosexuellen hervorhebt und diese grundsätzlich als Opfer charakterisiert, fragt Zinn verstärkt nach Spielräumen homosexuellen Lebens auch in der NS-Zeit.

Zweitens warnt Zinn davor, die Rolle von Denunziationen aus der Bevölkerung zu überschätzen. Anhand seiner Forschungen über Sachsen kommt er zu dem Schluss, dass die Anzeigebereitschaft hier insgesamt eher gering gewesen sei und man diese auch nicht umstandslos auf homophobe Traditionen in der deutschen Gesellschaft zurückführen könne. Die meisten Menschen hätten Homosexuellen eher gleichgültig als feindselig gegenübergestanden. Bei der Mehrzahl der von ihm untersuchten Anzeigen habe es sich nicht um Fälle klassischer Denunziation gehandelt, sondern um solche wegen homosexueller „Jugendverführung“ aus dem Kreis der Betroffenen selbst – zum Teil spielte auch Kindesmissbrauch eine Rolle. Seine Befunde kontrastieren etwa mit den im Band ebenfalls vertretenen Forschungen Stefan Michelers, der für die Homosexuellenverfolgung in Hamburg gerade die Bedeutung von Denunziationen betont und eine grundsätzlich homosexuellenfeindliche Stimmung beschrieben hat.

Drittens konstatiert Zinn im Hinblick auf die Situation lesbischer Frauen im Nationalsozialismus, dass diese von Diskriminierung und Repressionsmaßnahmen, nicht aber wie bei schwulen Männern von strafrechtlicher Verfolgung geprägt gewesen sei. Wenn Polizeibehörden überhaupt Fälle weiblicher Homosexualität untersucht hätten, seien entsprechende Strafverfahren grundsätzlich eingestellt worden. Zinn spricht sich daher gegen eine Ausweitung des Verfolgungsbegriffs aus, wie sie in letzter Zeit diskutiert wurde. In dieselbe Richtung weist Samuel Clowes Huneke, der in seinem Beitrag über „Die Grenzen der Homophobie“ anhand eines Beispiels beschreibt, dass Frauen aufgrund ihres Lesbischseins allenfalls ausnahmsweise in Gefahr geraten konnten: wenn sie nämlich in der Öffentlichkeit so handelten, wie es das Regime schwulen Männern unterstellte.

Die weiteren Aufsätze des Bandes gruppieren sich in unterschiedlicher Weise um die Beiträge des Herausgebers und geben insgesamt einen guten Überblick über aktuelle Forschungsansätze und -kontroversen. Sie berücksichtigen nicht nur die NS-Zeit, sondern auch die noch lückenhafter erforschten zweieinhalb Jahrzehnte nach 1945, in denen die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer in beiden deutschen Staaten anhielt – bekanntlich galt in der Bundesrepublik der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches noch bis 1969 in seiner entgrenzten NS-Fassung von 1935. Genannt sei in diesem Zusammenhang nur der Beitrag von Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle, die an einem anderen regionalgeschichtlichen Forschungsvorhaben, dem seit 2016 an der Universität Stuttgart angesiedelten Projekt „LSBTTIQ in Baden und Württemberg. Lebenswelten, Repression und Verfolgung im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland“, mitarbeiten. In ihrem Beitrag über „Liberalisierungspraktiken im deutschen Südwesten der 1960er-Jahre als Wegbereiter eines Mentalitätswandels in der Bundesrepublik“ räumen die Autor:innen ihrerseits mit einem Mythos auf, wenn sie die entscheidenden Debatten zur „Befreiung der Homosexuellen“ nicht erst in der westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er-Jahre, sondern bereits in der Dekade davor verorten.

Insgesamt bereichert dieser Sammelband schon durch die Erschließung neuer Quellen die Forschungen zu Alltag, Stigmatisierung und Verfolgung von Homosexuellen in Deutschland und trägt hoffentlich dazu bei, dieses Forschungsfeld endlich auch im akademischen Betrieb stärker zu etablieren. Dabei erweist sich der regionalgeschichtliche Zugriff der Beiträge als vielversprechend, auch wenn sich erst noch zeigen muss, inwieweit etwa Befunde aus Thüringen und Sachsen über die jeweils untersuchten Gebiete hinaus als aussagekräftig gelten können. Die Besonderheit des Bandes aber besteht darin, dass sich der von Alexander Zinn angemahnte Paradigmenwechsel in der schwulen und lesbischen Geschichtsschreibung in den Kontroversen innerhalb des Sammelbandes selbst niederschlägt, dass gängige Topoi infrage gestellt, Ambivalenzen homosexuellen Lebens akzentuiert und neue Fragen aufgeworfen werden. So dokumentiert das impulsreiche Buch selbst einen Umschlagpunkt in der Homosexuellengeschichtsschreibung.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Zinns Forschungsansatz relativiert keineswegs das Leid der mehr als 100.000 Männer in Deutschland, die zwischen 1933 und 1969 wegen homosexueller Handlungen zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, und auch nicht derer, die jahrzehntelang mit dem drohenden Szenario juristischer Verfolgung, sozialer Ächtung und materiellen Ruins zu leben hatten. Wohl aber plädiert Zinn ganz zu Recht dafür, die eigene Position des und der Forschenden stärker zu reflektieren und den Blick auf Homosexuellengeschichte über die Opferperspektive hinaus erheblich zu weiten, auch wenn damit bisweilen problematische und heikle Aspekte verbunden sind. Künftige Forschung wird daran nicht mehr vorbeikommen.

Anmerkungen:
[1] Alexander Zinn, Abschied von der Opferperspektive. Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der schwulen und lesbischen Geschichtsschreibung, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 67 (2019), S. 934–955.
[2] Alexander Zinn, Wider die „Überidentifikation“ mit den Opfern. Streitschrift für einen Paradigmenwechsel in der schwulen und lesbischen Geschichtsschreibung, in: Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 21 (2019), S. 124–161.
[3] Vgl. zur anhaltenden Debatte etwa das Streitgespräch zwischen Alexander Zinn und Lutz van Dijk: Zwischen Opfermythos und historischer Präzision. Alexander Zinn warnt vor einer falschen Verklärung in der Erinnerung an zur NS-Zeit verfolgte Homosexuelle. Lutz van Dijk sieht das anders, in: Berliner Zeitung, 7.4.2021, S. 14.
[4] Alexander Zinn, „Aus dem Volkskörper entfernt“? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2018.
[5] Als Ergebnis des Projekts ist das Erscheinen einer Monografie für Ende 2021 angekündigt: Alexander Zinn, Von „Staatsfeinden“ zu „Überbleibseln der kapitalistischen Ordnung“. Homosexuelle in Sachsen 1933–1968, Göttingen 2021.
[6] Vgl. dazu den Tagungsbericht von Christopher Mäbert, Homosexuellenverfolgung im regionalen Vergleich, 06.09.2019 – 07.09.2019 Dresden, in: H-Soz-Kult, 04.10.2019, <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8469> (31.10.2021). Aus ungenannten Gründen finden sich die von Maria Borowski, Benno Gammerl und Andreas Pretzel gehaltenen Vorträge nicht im Tagungsband wieder.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.11.2021
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag