J. Ostrowska u.a. (Hrsg.): Erinnern in Auschwitz

Cover
Titel
Erinnern in Auschwitz. Auch an sexuelle Minderheiten


Herausgeber
Ostrowska, Joanna; Talewicz-Kwiatkowska, Joanna; van Dijk, Lutz
Erschienen
Berlin 2020: Querverlag
Anzahl Seiten
242 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristina Vagt, Studienzentrum, KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Auf dem Cover des Buches tritt der Titel „Erinnern in Auschwitz“ hervor, darunter kleiner gesetzt „auch an sexuelle Minderheiten“. Umrahmt ist der Buchtitel von Stacheldraht, schemenhaft sind Baracken des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zu erkennen. Was zunächst zurückhaltend daherkommt, birgt zahlreiche Perspektiven auf das Thema der sexuellen Minderheiten im Lagerkomplex Auschwitz und darüber hinaus.

Die Herausgeber:innen haben 14 inhaltliche Beiträge, sechs Darstellungen von Einzelschicksalen und eine Übersicht der bisher namentlich bekannten homosexuellen Häftlinge in Auschwitz zusammengestellt. Sie fordern, den nicht-heteronormativen Verfolgten im Staatlichen Museum Auschwitz einen Platz zu geben. Während das Thema der Verfolgung und Haft von Homosexuellen heute in den meisten deutschen KZ-Gedenkstätten vorkommt, besteht hier noch eine Leerstelle, wie der Mitherausgeber des Bandes Lutz van Dijk bei seinem dortigen Besuch 2016 feststellte.[1]

Das Besondere der vorliegenden Publikation ist, dass die Herausgeber:innen Perspektiven aus Polen und Deutschland, aber auch den USA versammeln. Das 2020 auf Deutsch erschienene Buch wurde 2021 auch auf Polnisch im polnischen Verlag Neriton publiziert.

Der transnationale Zugang drückt sich schon in den Geleitworten von zwei Auschwitz-Überlebenden aus, außerdem wird die Forderung der Sichtbarmachung der historischen Verfolgung durch Gegenwartsbezüge untermauert: Die 2021 verstorbene Ehrenpräsidentin des Auschwitz-Komitees der Bundesrepublik Deutschland Esther Bejarano äußert, dass die Verfolgung der Homosexuellen nach 1945 nicht aufhörte, und fordert ein Erinnern an die Homosexuellen am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag[2] und in der Gedenkstätte Auschwitz. Der Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees Marian Turski benennt wesentliche Aspekte des vorliegenden Bandes, wenn er auf die Voreingenommenheit der politischen und jüdischen Häftlinge gegenüber den „asozialen“ und homosexuellen Mitgefangenen hinweist als auch auf den Einfluss der Tatsache, dass Funktionshäftlinge andere Häftlinge zu homosexuellen Diensten zwangen. Turski bedauert das Auslöschen der Erinnerung an die homosexuellen Häftlinge und schlägt einen Bogen zur Gegenwart: Er schäme sich dafür, dass in seinem Land Anti-LGBT-Argumente verwendet würden, um das konservative gesellschaftliche Denken zu erhalten.

Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches steht die Auseinandersetzung mit Männern, die aufgrund des Paragraphen 175 verhaftet wurden. Eingebunden werden aber auch männliche jüdische Häftlinge, die homosexuell waren, sowie die Verfolgung von lesbischen Frauen. Der Lagerkomplex Auschwitz bildet den Fokus, die Situation in anderen Haftanstalten und Konzentrationslagern wird aber ebenfalls herangezogen. Dabei war die Anzahl der homosexuellen Häftlinge in Auschwitz gegenüber anderen Häftlingsgruppen klein. Die meisten der am Ende des Bandes aufgeführten 136 Betroffenen hatten die deutsche Staatsbürgerschaft.

Das Buch ist in fünf inhaltliche Teile untergliedert, die Beiträge sind jedoch nicht immer stringent zugeordnet, was mitunter verwirrend ist. Mehrere Beiträge, die in unterschiedlichen Teilen vorkommen, beschäftigen sich mit der Entwicklung des Forschungsstands sowie mit der Problematik der Opferkonkurrenz bzw. deren Vermeidung und bringen dabei ihre persönlichen Zugänge ein.[3] So berichtet Michael Berenbaum, 1988 bis 1997 am United States Holocaust Memorial Museum (USHMM), über das während der Gründungsphase des Museums dort nicht unumstrittene Konzept des „Mosaiks von Opfern“, das nicht nur die jüdischen Opfer der Shoa, sondern auch andere Opfergruppen umfasste. Auf das damalige Konzept bezieht sich auch der Soziologe Rüdiger Lautmann, der sich ab den 1970er-Jahren zuerst auf die Erforschung der Homosexuellen im Sinne der Stigma-Theorie fokussiert hatte und für den sich 1987 durch eine Einladung ins entstehende USHMM neue Perspektiven eröffneten. Für die Zukunft empfiehlt Lautmann das Konzept der „Ko-Erinnerung“ von Michael Rothberg, bei der die Geschichten der einzelnen Opfergruppen nicht für sich betrachtet, sondern als integrale Bestandteile der NS-Herrschaft verstanden werden sollen.[4]

Der dritte Teil des Bandes gibt anhand von sechs biografischen Beispielen – zwei Frauen und vier Männern, die ins Stammlager Auschwitz oder nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurden – einen Eindruck von den Bedingungen, unter denen gleichgeschlechtlich liebende Menschen lebten, von der Verfolgungspraxis und dem individuellen Umgang damit. Im Hinblick auf die biografischen Porträts wäre eine Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen, die der Soziologe und Historiker Alexander Zinn, der selbst nicht in der Publikation vertreten ist, in den letzten Jahren problematisiert hat, wünschenswert gewesen. Zinn wirft Forschenden der Schwulen- und Lesbenszene die Überidentifikation mit den Opfern vor und hat damit eine Debatte auch mit einem der Herausgeber dieses Bandes, Lutz van Dijk, ausgelöst.[5] Ambivalenzen werden in diesem Band aber an anderer Stelle durchaus dargestellt. So setzen sich Joanna Ostrowska und Lutz van Dijk in ihrem gemeinsamen Beitrag „Pipels und Puppenjungen“ mit der Problematik auseinander, dass deutsche Funktionshäftlinge sich oft polnische Jungen „hielten“, die ihnen auch sexuelle Dienste leisten mussten. In einem eigenen Beitrag beschäftigt sich Ostrowska mit dem Motiv der deutschen lesbischen Funktionshäftlinge, das sie in Häftlingsberichten polnischer weiblicher Überlebender fand. Das Stigma einer „Seuche“ unter den deutschen weiblichen Häftlingen war noch im Polen der Nachkriegszeit verbreitet. Claudia Schoppmann geht in ihrem Beitrag auf weibliche Häftlinge mit dem schwarzen Winkel ein – also Frauen, die in die Häftlingskategorie „asozial“ fielen –, denen in Erinnerungsberichten lesbisches Verhalten zugeschrieben wird.

Neuigkeitswert haben für die deutschen Leser:innen sicherlich die Einblicke in die polnische Forschung wie etwa von Piotr Chruścielski, Mitarbeiter des Museums Stutthoff, der die 2018/19 dort gezeigte Ausstellung „Eine verschwiegene Kategorie“ vorstellt. Im Mittelpunkt standen sieben biografische Beispiele von § 175-Häftlingen, basierend auf umfassenden Archivrecherchen, zusätzlich angereichert durch familiäre Überlieferungen. Die (aus polnischer Sicht) Pionierausstellung erntete teils ablehnende und teils wohlwollende Reaktionen.

Das Buch bietet eine Vielzahl von Zugängen zu Themen der sexuellen Minderheiten und ihrer Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus. Das besondere Verdienst ist dabei, polnische und deutsche Perspektiven zusammenzubringen, um damit einen Dialog zu ermöglichen. Dabei ist die Forderung, Perspektiven auf sexuelle Minderheiten auch im Staatlichen Museum Auschwitz zu verankern, anregend. In der Publikation überrascht, dass die Auseinandersetzung mit dem dortigen Ist-Zustand und ersten Ansätzen nicht schon in der Einführung, sondern etwas versteckt im Beitrag von Lutz van Dijk vorkommt, und das Museum nicht in die Konzeption des Buches eingebunden wurde.

Es ist ein mutiger Schritt, das Buch in der Zeit sogenannter LGBTQI-freier Zonen in Polen herauszubringen. Die Frage, wie ein Erinnern im Staatlichen Museum Auschwitz gestaltet werden könnte, muss noch beantwortet werden.

Anmerkungen:
[1] Lutz van Dijk, Die Häftlinge mit dem Rosa Winkel. Zum aktuellen Forschungsstand in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, in: Gedenkstättenrundbrief 184 (2016), S. 26–33; Ders., Gedenkstätte Auschwitz. Eine Fortbildung zu den Häftlingen mit dem Rosa Winkel, in: Gedenkstättenrundbrief 188 (2017), S. 37–42.
[2] In der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2021 erinnerte der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in seiner Rede aufgrund einer von Lutz van Dijk initiierten Petition auch an das „Leid von Homosexuellen“.
[3] Die Forschung ist in den letzten Jahren vorangeschritten, wie einige Titel beispielhaft zeigen: Burkhard Jellonek / Rüdiger Lautmann (Hrsg.), Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002 (mit Geleitwort von Rita Süssmuth und Beitrag von Wolfgang Benz); Insa Eschebach (Hrsg.), Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus (Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 6), Berlin 2012; Fachverband Homosexualität und Geschichte e.V. (Hrsg.), Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit & Erinnerungskultur, Berlin 2019 (= Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten, Jg. 21).
[4] Michael Rothberg, Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Berlin 2021.
[5] Zinn vertritt die These, viele homosexuelle Inhaftierte seien nicht aufgrund von einvernehmlichen sexuellen Handlungen verhaftet worden, sondern wegen „Jugendverführung“, Prostitution und Kindesmissbrauch. Spielräume von Homosexuellen im Alltag seien größer gewesen als oft angenommen, hingegen die Denunziation aus der Mehrheitsgesellschaft weniger stark als landläufig dargestellt. Vgl. Alexander Zinn, „Aus dem Volkskörper entfernt?“ Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2018. Siehe außerdem die Debatte zwischen Alexander Zinn und Lutz van Dijk: Alexander Zinn, Schwule Helden und lesbische Märtyrerinnen? Die Aufarbeitung der Homosexuellenverfolgung im Nationalsozialismus ist für die queere Community identitätsbildend – teilweise auch gegen die Faktenlage, in: Berliner Zeitung, 27.01.2021; Lutz van Dijk, Fehlendes Gedenken an queere NS-Opfer. Es ist an der Zeit, historische Forschung zu demaskieren, in: Der Tagesspiegel, 04.02.2021; Alexander Zinn, Zwischen Opfermythos und historischer Präzision, in: Berliner Zeitung, 07.04.2021.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.03.2022
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