D. Benkert: Ökonomien botanischen Wissens

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Titel
Ökonomien botanischen Wissens. Praktiken der Gelehrsamkeit in Basel um 1600


Autor(en)
Benkert, Davina
Reihe
Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 188
Erschienen
Basel 2020: Schwabe Verlag
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Winnerling, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Davina Benkert widmet sich in ihrer 2017 an der Universität Basel als Dissertation eingereichten Arbeit einem Phänomen, das in der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit bislang noch nicht häufig untersucht wurde: der instrumentellen Dimension der Wissensbestände und -objekte als Kapitalien im weitesten Sinn und der Ökonomien, in denen sie eine Rolle spielten. Als Beispiel dient die Baseler Botanik im 16. und 17. Jahrhundert, die unter verschiedenen Facetten beleuchtet wird. Die Stadt Basel liefert als europaweit verflochtenes Zentrum der Botanik und angesehene Universitäts- und wichtige Handelsstadt, als „World City“ um 1600 (S. 11), einen guten Ausgangspunkt für eine solche Studie.

Während die gedruckten Kräuterbücher von der älteren Buchgeschichte bereits hin und wieder als marktförmige Güter behandelt wurden, geschah das immer mit einem speziellen Fokus auf die beteiligten Verlage und Druckereien sowie die Illustrator/innen. Die Wissenschaftsgeschichte der Botanik hingegen hob immer auf wenige Gelehrte ab, für Basel auf Felix Platter (1534–1614), Theodor I. Zwinger (1533–1588) und Caspar Bauhin (1560–1624), die als geniale Individuen porträtiert wurden. Demgegenüber geht es der Verfasserin darum, botanisches und pharmakologisches Wissen in seiner ökonomischen Funktion zu zeigen.

In der Einleitung stellt Benkert klar, dass sie diese Muster durch eine Fokussierung auf die praxeologischen Dimensionen des Umgangs mit Wissen und eine Erweiterung des Spektrums der betrachteten Personen aufbrechen will. Sie definiert ihren Ansatz daher ausdrücklich als inklusiv und offen für verschiedene Formen von Wissensökonomien, in denen nicht nur materielles, sondern auch soziales und kulturelles Kapital zirkulierten. Platter und Bauhin spielen zwar eine gewichtige Rolle, werden jedoch in ihren Verflechtungen mit anderen Akteuren betrachtet.

In ihrem zweiten Kapitel umreißt die Verfasserin den historischen Kontext von Stadt und Universität Basel und bettet die zwei zentral positionierten Figuren Felix Platters und Caspar Bauhins darin ein. Hier wird noch einmal deutlich, dass nicht nur Universität und Stadt eng miteinander verflochten waren, sondern Basel de facto von den Großkaufleuten des Patriziats regiert wurde, also für eine Studie zu Wissensökonomien viele Ansätze bietet.

Im Zentrum des dritten Kapitels stehen die Herbarien Platters und Bauhins, also ihre Sammlungen getrockneter Pflanzenpräparate. Hier zeigt Benkert auf, dass die Unterschiede der beiden Herbarien vor allem auf den an sie geknüpften Repräsentations- und Schreibpraktiken beruhten. Platter klebte seine Spezimen fest ein und arrangierte sie sorgfältig, während Bauhin sie lose beilegte. Bauhins Herbarium war wissenschaftliches Forschungsinstrument, ein botanischer Zettelkasten, während Platters vor allem didaktische und kommunikative Funktionen erfüllte.

Im zweiten und dritten Kapitel begegnen einige Wiederholungen, vor allem aus der Einleitung, die wohl einem nicht allzu gründlichen Lektorat anzulasten sind.

Das vierte und fünfte Kapitel zeigen anhand der überlieferten Briefe Caspar Bauhins, wie dieser sich die Materialien für seine Forschungsarbeiten innerhalb der gelehrten Welt beschaffte. Wie in den Forschungen zur Gelehrtenrepublik bereits lange bekannt, waren auch diese Austauschpraktiken von starken hierarchischen Unterschieden gekennzeichnet und die Intensität der zu leistenden Beziehungsarbeit sehr verschieden. Bauhin, der als bekannter Professor in den meisten Fällen der ranghöhere Partner war, profitierte davon durch botanische Spezimen und Literatur. In der Kommunikationsökonomie des Wissens war Sozialprestige, waren Kontaktmöglichkeiten eben auch ein (immaterielles) Austauschgut, was sich gut an den Versuchen Bauhins und seines Korrespondenzpartners Giovanni Pona ablesen lässt, durch den jeweils Anderen Kontakt zu Dritten aufzunehmen.

Die Quellenarbeit fällt in diesem Teil sehr detailliert aus. Die Verfasserin arbeitet sehr gewinnbringend mit den „postalischen Flächen“ der Briefe (S. 141), also Adress-, Laufs- und Portovermerken, die, wenn sie erhalten sind, viel zu oft gegenüber dem Brieftext vernachlässigt werden. So gelingt es ihr, ausgewählte Teile der Bauhinschen Korrespondenz in plastischer Weise als Beziehungsarbeit zu analysieren. Die Schlussfolgerungen sind zwar nur aus einem kleinen Korpus abgeleitet, dürften aber Impulse für zukünftige Forschungen bieten: Etwa beobachtet Benkert, dass der Versand größerer Pakete, den Kaufleute üblicherweise als Zusatzfracht anhängig an Warenlieferungen erledigten, von Gelehrten vor allem über die Nutzung privater Netzwerke durch Zufallsboten getätigt wurde; diese Pakete wurden also von zufällig in die gewünschte Richtung reisenden persönlichen Bekannten mitgenommen und reisten somit über eine ganz andere Infrastruktur.

Die folgenden beiden Kapitel fallen gegenüber den bislang verhandelten Themen etwas aus dem Rahmen: Das sechste behandelt Caspar Bauhins Strategien bei der Akquise der Materialien für sein Buch über die Bezoarsteine (harte Sedimentierungen von Nahrungsresten im Magen von Ziegen und anderen Tieren) und die textuellen und paratextuellen Strategien, mit denen Bauhin die Informationen ordnete und die Zusammenstellung rahmte. Es wird zwar an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass Satz und Druck zeitgenössisch auf dem neuesten Stand der Technik waren. Dafür erfährt man aber leider nur wenig über die Beiträge von Druckern und Verlegern zum Werk. Bauhin fügt sich mit dem Buch in die pharmakologischen Trends des späten 16. Jahrhunderts ein, die mit einem stärkeren Fokus auf lokale Flora und Fauna als Grundstofflieferanten einhergehen.

Im siebten Kapitel treten eine andere Personengruppe, die Baseler Apotheker, und andere Quellengattungen, Stadtratsprotokolle und Stammbücher, in den Fokus: Während die Protokolle für die öffentliche Dimension in den Blick genommen werden, werden die Alben zweier angehender Apotheker im Hinblick auf privatere Kommunikation untersucht. Die Stammbücher umfassen in beiden Fällen die Gesellenreisen und geben Aufschluss darüber, welche Zwecke außer der fachlichen Ausbildung mit der Verwendung noch verbunden waren. Wenig überraschend nutzten die beiden Gesellen ihre Stammbücher zur Netzwerkbildung und -pflege, zur sozialen Distinktion und zum Statuserwerb. Die zeitgenössisch ungelöste Diskussion über den Status des Apothekerberufs – handelte es sich um eine Kunst oder ein Gewerk? – wird von der Autorin gut reflektiert. Die gelehrte Dimension der Pharmazie bleibt jedoch ausgeklammert. Das ist schade, drängt sich doch anhand der herausgearbeiteten Netzwerk- und Selbstdarstellungspraktiken der beiden Gesellen der Eindruck auf, dass hier eine bewusste Übernahme eines gelehrten Habitus durch die Apotheker erfolgte.

Das sehr kurze Fazit bindet diese verschiedenen Stränge der Arbeit nur recht kursorisch zusammen. Es macht aber den Mehrwert deutlich, der in einer Verschränkung verschiedener epistemologischer und ökonomischer Systeme der Wissensnutzung für eine Kulturgeschichte der Naturwissenschaften liegt.

Bemerkt werden muss, dass sich die Arbeit stellenweise nicht ganz auf der Höhe des Forschungsstands bewegt. Auch die ältere Forschung zu den Kräuterbüchern findet kaum Eingang in die Arbeit. Die Abgrenzung des botanischen Wissens von anderen, verwandten Wissensformen bleibt damit in der Arbeit insgesamt unscharf, so dass die herauspräparierten Praktiken des Umgangs mit Wissen zwar anschaulich gezeigt werden, aber nicht deutlich wird, worin die Besonderheit der dadurch konstituierten Ökonomien botanischen Wissens gegenüber anderen besteht. Besonders hinsichtlich des sechsten und siebten Kapitels der Arbeit, die sich auch mit Phänomenen befassen, die für die Zeitgenossen nicht eindeutig dem Pflanzenreich zuzuordnen waren und auch von der Autorin nicht analytisch als solche bestimmt werden, bleibt die Frage, ob hier nicht generell Ökonomien der Materia Medica beschrieben werden.

Insgesamt liegt hier aber eine gut zu lesende Studie mit einem kreativen Zugriff und innovativen methodischen Ansätzen vor, die zeigt, welche Potentiale ein kulturgeschichtlicher Zugang zu naturwissenschaftlichen Phänomenen birgt.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.04.2021
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