M. Atkins u.a. (Hrsg.): Poverty in the Roman world

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Titel
Poverty in the Roman world.


Herausgeber
Atkins, Margaret; Osborne, Robin
Erschienen
Cambridge u.a. 2006: Cambridge University Press
Anzahl Seiten
XIII, 226 S.
Preis
£ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Hartmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt- Universität Berlin

Im Unterschied zu anderen Epochen ist das Phänomen der Armut in der Antike ein bislang wenig systematisch erforschtes Thema. Die Gründe dafür sind schwer auszumachen: Vermutlich liegt es vor allem daran, dass authentische Zeugnisse von Menschen fehlen, die tatsächlich selbst unter akuter Armut litten. Gleichwohl hat die griechische und lateinische Literatur der Antike Armutsphänomene in verschiedenen Gattungen thematisiert und in einer äußerst differenzierten Terminologie erfasst. Oft finden sich im antiken Schrifttum polarisierende Aussagen, die ein Schwarz-Weiß-Schema aufweisen, wenn sie von den Armen hier und den Reichen dort sprechen. Dass diese Darstellung einer bestimmten Perspektive entspricht, nämlich der der „Reichen“, ist zwar längst erkannt; auch wurden verschiedentlich Ansätze unternommen, die Lebensbedingungen der „Armen“ genauer in den Blick zu nehmen; doch Studien, die die Quellen gerade in ihrer Perspektivität analysieren, ohne die historischen Lebensbedingungen außer Acht zu lassen, liegen bislang kaum vor.

Der vorliegende Sammelband beabsichtigt genau diese Lücke zu schließen. Er präsentiert die Ergebnisse einer im Jahr 2003 in Cambridge zu Ehren Peter Garnseys von seinen Schülerinnen und Schülern (im weitesten Sinne) veranstalteten Konferenz. Die Teilnehmer wollten ergründen, was Armut in Rom bedeutete und inwiefern Arme und Armut für die römische Gesellschaft einerseits und für die antiken Autoren andererseits von Belang waren. Im Zentrum des Sammelbandes steht das Anliegen, Studien zur Realität und Repräsentation von Armut über einen längeren Zeitraum zu verbinden und somit einem Forschungsdesiderat nachzukommen, das Robin Osborne einleitend umreißt: Bisherige Studien hätten sich oft entweder der Beschreibung oder Rekonstruktion realer Armut gewidmet, ohne die Ideen über die Armen zu berücksichtigen (Prell und Patlagean), oder aber Haltungen gegenüber den Armen beschrieben, ohne zu fragen, was es tatsächlich bedeutete, arm zu sein (Bolkestein, Hands und Brown).[1] Zudem sei durch die Beschränkung des zeitlichen Rahmens einzelner Untersuchungen selten eine epochenübergreifende Perspektive verfolgt worden, die zur Erklärung des gesellschaftlichen und mentalen Wandels jedoch unabdingbar sei. Robin Osbornes Einleitung führt souverän in die Thematik ein und stellt pointiert die im Buch untersuchten Probleme vor. Hervorzuheben ist die These, dass es in Rom nicht nötig war, die Gruppe der „Armen“ eindeutig abzugrenzen, solange dem politischen und rechtlichen Status des Einzelnen eine größere Bedeutung beigemessen wurde als den Abstufungen von Reichtum, Besitz von Bürgerrecht und Freiheit ideologisch also bedeutender war als Reichtum. Doch verlor dieses Bürger-Ideal zunehmend an Bedeutung für den Einzelnen, hingegen bekamen Unterscheidungen des ökonomischen Status größeres Gewicht: Der Tod des Stadtstaates habe auf der Ebene der sozialen Distinktion die Geburt der Armut mit sich gebracht (S. 10). Als entscheidende Bedingungen für diesen Prozess werden die eigentümlichen Lebensbedingungen in der Großstadt Rom, die Größe und Kohärenz des Imperiums sowie die Ausweitung des Christentums angeführt, deren Auswirkungen auf die Armen jeweils in einzelnen Beiträgen genauer untersucht werden.

Der Einleitung folgen zehn Beiträge, die sich teils der heidnischen, teils der christlichen Antike des 1. bis 5. Jahrhunderts n.Chr. widmen. Die Abschnitte zur Armut in der heidnischen Antike stützen sich auf die Auswertung Zeugnisse unterschiedlicher Provenienz und verfolgen einen umfassenderen Erklärungsanspruch, während in den Arbeiten, die sich dem christlichen Kontext widmen, eher einzelne Autoren im Rahmen diskursanalytischer Fallstudien in den Vordergrund gestellt werden. Alle Beiträge zeugen von hohem Reflexionsniveau, insbesondere bezüglich der Aussagekraft der Quellen.

Neville Morleys Beitrag „The poor in the city of Rome“ nähert sich der Frage, inwiefern „die Armen“ eine signifikante Gruppe innerhalb der römischen Gesellschaft ausmachten, über einen rezeptionsgeschichtlichen Umweg: Er stellt zunächst einige Stimmen aus Armutsdebatten Großbritanniens des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts vor, die sich in ihren Betrachtungen auf Rom in der Antike beziehen, indem sie ihre politischen Argumente im Rückgriff auf das historische Material zu untermauern suchen, dabei aber übersehen, dass die antiken Quellen, ihrerseits Teil einer zeitspezifischen politischen Debatte waren, deren Kontext zu berücksichtigen ist. Morley stellt ‚Armut‘ als einen zu jeder Zeit politisch aufgeladenen Begriff vor und macht auf diese Weise sowohl auf die Problematik der Perspektivität der Quellen als auch die Relativität von Armut aufmerksam. Im Folgenden diskutiert er ein Set von Kriterien, das zur Bestimmung der Armen als einer sozialen Gruppe angelegt werden könne. Gerade in Rom sei Armut nicht allein durch materielle Entbehrung geprägt, sondern vor allem Folge spezifischer ökonomischer, sozialer und psychologischer Faktoren gewesen. Als solche benennt er konkret die für die vorindustrielle Ökonomie typische Schadenanfälligkeit (vulnerability) der Subsistenz, die Risiken der Exklusion aus sozialen Gefügen und das psychologische Moment der Scham gegenüber jenen Menschen, die als reicher und überlegen angesehen wurden.

Walter Scheidel richtet sein Interesse in „Stratification, deprivation and quality of life“ auf die Verteilung materieller Ressourcen in der Gesellschaft insgesamt, die in den herkömmlichen Stratifikationsmodellen, die für die römische Gesellschaft entworfen wurden, eine untergeordnete Rolle spiele. Indem er sich auf archäologische Studien zur Landwirtschaft und Häuserarchitektur stützt und die unterschiedlichen Zensusklassen der Republik zu quantifizieren versucht, kommt er zu dem Ergebnis, dass es in der römischen Gesellschaft nicht nur Reiche und Arme gab, sondern etwa 1/5 der Bürgerbevölkerung zu den „mittleren“ Schichten (middling property-owners) zu zählen sei (S. 51). Der Abschnitt über die Lebensqualität stellt heraus, dass es weder sinnvoll noch möglich sei, heute anwendbare Indizes zur Bemessung von Lebensstandards auf die römische Antike zu übertragen. Anneliese Parkins richtet ihr Augenmerk auf das pagane Almosengeben und betont, dass trotz der wichtigen Erkenntnis Paul Veynes, die Wohltäter der heidnischen Antike hätten sich nicht dezidiert an die Notleidenden gerichtet, diese keineswegs ignoriert worden sind, bevor sich die christliche Nächstenliebe ihrer in besonderer Weise annahm. Um dies zu untermauern, entfernt sie sich vom Diskurs über euergesia oder beneficentia und wendet sich der Thematisierung privater Almosen gegenüber Bettlern im antiken Schrifttum zu. Da elitäre Texte dazu neigten, Bettler nur am Rande zu erwähnen, liest Parkins ‚zwischen den Zeilen‘ und bemüht komparistische Ansätze: So kommt sie zu dem Ergebnis, dass Almosen den Bedürftigen gerade nicht von der Elite gegeben wurden, sondern von denen, denen es eben gerade etwas besser ging. Dabei arbeitet sie verschiedene Motive heraus, welche die Geber veranlassten, Almosen zu geben: Neben Mitleid können auch Ekel gegenüber oder sogar Furcht vor den Bettlern eine Rolle gespielt haben.

Greg Woolfs Beitrag „Writing Poverty in Rome“ stellt die Frage nach der literarischen Gestaltung von Armen und Armut in Rom bei Autoren der frühen Kaiserzeit ins Zentrum. Er hebt zunächst auf die reale Distanz der Wohlhabenden von den Armen ab, die selbst beim ‚Bad in der Menge‘ stets von den Notleidenden abgeschirmt gewesen seien. Er vertritt die These, dass es in dieser Zeit keinen einheitlichen Armutsdiskurs gegeben habe (S. 86), sondern Armut ein Gegenstand gewesen sei, der stets im Zusammenhang mit Reflexionen über Reichtum und Luxus gestanden habe. Woolf erläutert beispielsweise, auf welche Weise Armut als „Nicht-Reichtum“ in der Dichtung Martials behandelt wird, und stellt heraus, dass die Selbststilisierung zum armen Poeten Martial die Gelegenheit bot, sich aus einer Außenseiterperspektive kritisch mit den Risiken des Reichtums in moralischer Hinsicht auseinanderzusetzen; die poetische Armut verweise gleichzeitig auf die vorherrschende Haltung, dass materieller Wohlstand notwendige Bedingung eines zivilisierten Lebens sei. Die literarischen Armutsdiskurse waren zwar für ein elitäres Publikum bestimmt, hatten aber auch Auswirkungen auf die Notleidenden, die in den Texten als entmenschlicht und ignorierbar behandelt werden. Dominic Rathbone wirft in seinem Referat „Poverty and population in Roman Egypt“ am Beispiel der Behandlung von Witwen einen Blick auf Ägypten in der frühen Kaiserzeit und in der Spätantike und geht der Frage nach, inwieweit die christlichen Quellen eine veränderte soziale Situation oder eine gewandelte Perspektive auf eine weitgehend unveränderte Situation spiegeln und plädiert für letzteres.

Die Beiträge, die sich dezidiert der christlichen Antike widmen, stellen – wie bereits bemerkt – stärker jeweils einzelne Autoren und Werke in das Zentrum ihrer Betrachtung: So beschäftigt sich der Beitrag von Sophie Lunn-Rockliffe mit Almosen in Ambrosiasters Kommentar zu den Paulusbriefen und arbeitet eine ambivalente Haltung gegenüber den Armen heraus, die aufgrund ihrer materiellen Bedingungen verachtet, aufgrund ihres spirituellen Reichtums jedoch bewundert werden konnten. In einer Untersuchung von Augustinus’ Enarrationes in Psalmos analysiert Richard Finn auf welche Weise Augustinus die materiell Armen in Verbindung bringt mit den spirituellen Bedürfnissen aller Menschen und so die Distanz zwischen Arm und Reich überwindet. Lucy Grig widmet sich dem innerkirchlichen Diskurs über das Verhältnis zu kirchlicher Prachtentfaltung gerade im Hinblick auf Kirchenausstattung und Armenfürsorge vor allem anhand einer Analyse des 13. Briefs des Paulinus von Nola. Cam Grey analysiert die plastischen Bilder von den Nöten des Lebens der bäuerlichen Bevölkerung im Gallien des 5. Jahrhunderts, welche Salvian in De Gubernatione Dei entwirft und kontrastiert diese mit der vom Autor idealisierten Christengemeinschaft.

Caroline Humfress widmet sich im letzten Beitrag den Armen im späten römischen Recht und betont, dass es zu keiner Zeit im römischen Recht eine klare Vorstellung von den Armen als sozialer Gruppe gegeben habe; auch sei nicht davon auszugehen, dass sich die christliche Wende im Umgang mit Armut unmittelbar im Recht widerspiegele; dies belegt sie anhand einer ausführlichen Beschäftigung mit Marcians vierter Novelle. Ihre abschließende Bemerkung, dass jede Erwähnung von Armut und Armen im römischen Recht im jeweiligen, fallspezifischen Kontext gelesen werden müsse, bringt das methodische Desiderat der Kontextualisierung, das sich durch den gesamten Band zieht, erneut auf den Punkt. Wenn Osborne am Schluss seiner Einleitung formuliert, dass alle im Buch aufgestellten Thesen „open to revision“ seien (S. 20), so ist dies mehr als bescheiden: Der Band liefert neben vielen überzeugenden Ergebnissen nicht nur zahlreiche Anregungen, er setzt auch Maßstäbe, gerade bezüglich der gelungenen Verbindung der Rekonstruktion antiker Mentalitäten und sozialer Realitäten.

Anmerkung:
[1] Bolkestein, Hendrik, Wohltätigkeit und Armenpflege im vorchristlichen Altertum. Ein Beitrag zum Problem „Moral und Gesellschaft“, Utrecht 1939 (ND Groningen 1967); Brown, Peter, Poverty and Leadership in the Later Roman Empire, London 2002; Hands, Arthur R., Charities and Social Aid in Greece and Rome, London 1968; Patlagean, Évelyne, Pauvreté économique et pauvreté sociale à Byzance, Paris 1977; Prell, Marcus, Sozialökonomische Untersuchungen zur Armut im antiken Rom. Von den Gracchen bis Kaiser Diokletian, Stuttgart 1997.

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Veröffentlicht am
24.09.2007
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